Donnerstag, 22. November 2012

Wie finde ich einen ungnädigen Lektor?


Ob eine Autorität, konvex zum ungnädigen Lektor, einige Etagen höher gefunden wird und ob ein Studium nebst Dissertation im Fach Theologie dazugehört, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das Buch enthält einige kluge Gedanken, wenngleich es sich mir nicht immer erschließt, warum zu einem guten Leben auch noch christliche Theologie gehört, um gute Lebenspraxis zu rechtfertigen. Dass ich z. B. gut und lange warten kann, an Haltestellen oder in Ärztezimmern, ohne ungeduldig zu werden, hat herzlich wenig mit meiner Haltung zur Theodizee zu tun. Wahrscheinlich wird man mit einer solchen Haltung von Martin Spaeth unter die rechtschaffenen Heiden gezählt. Die Stoiker werden ja nicht erst seit gestern sogar von Katholiken nach  mormonischer Rezeptur gewässert und einverleibt.

Aber, was soll's: Dass keine evangelische Priesterin zum Bäcker geht, ohne aus den Brötchen noch eine fromme Weisheit für die nächste Radio-Morgenandacht zu saugen, ist ja wahrlich eine bekannte Tatsache. Schlichtheiten theologisch überfrachtet zu finden, verwundert mich daher nicht. Wunderlich finde ich aber, solche Sätze in einer von verschiedenen Stellen geförderten Dissertation zu finden:

„Time is money.“ - Der berühmte Satz des seinerzeitigen amerikanischen Präsidenten Benjamin Franklin, ausgesprochen im Jahr 1748, formuliert als erstes den Anspruch der Ökonomie, alle menschlichen Lebensbereiche zu durchdringen. Insofern Geld ein Wertaufbewahrungsmittel ist, dient es zur ,Speicherung' von in der Vergangenheit unter Zeiteinsatz hergestellter Werte, speichert also gleichsam Zeit. (S. 283, Hervorhebung a.a.O.)
Als Benjamin Franklin im wahrhaft gesegneten Alter von 84 Jahren starb, war George Washington im 15. Monat Präsident der US of A. 1748 waren die Herren Rebellen noch treue Untertanen seiner Majestät Georg II. Zwischen den allerchristlichsten ersten Betriebswirtschaftslehrern in Gestalt von norditalienischen Beichtvätern über zwinglianische Pfeffersäcke wäre vermutlich auch eine Periode von rund 300 Jahren darauf zu prüfen gewesen, ob Franklin tatsächlich die Priorität des berühmten Satzes zusteht. Ich zweifle da etwas.

Von solchen Petitessen abgesehen ist das insgesamt wohl ein ganz nettes Buch, in das Pastorinnen aller Himmels- und Höllenrichtungen gerne herzhaft beißen dürfen:


Martin Spaeth 
Gewonnene Zeit - verlorenes Heil?
Zum christlich verantworteten Umgang mit der Zeit im Zeitalter der Beschleunigung 
Reihe: Studien zur Traditionstheorie / Studies in tradition theory


Jedenfalls hätte ihm da und dort ein ungnädiger Lektor nicht geschadet, wie zu beweisen war.

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