Donnerstag, 29. November 2012

Mauerschützennachwachsparteinachwuchs

Demokratie ist, wenn alle mitmachen dürfen und sich alle Mitmacher gegenseitig attestieren dumm zu sein.

Ins Piratenkontor hineinblinzeln heißt wohl, die repräsentative Demokratie lieben zu lernen.
Dass die Herrschaften sich nicht über die Unterschiede zwischen Mauerschützennachwachsparteinachwuchs und Mauerschützenparteinachwuchs streiten, ist eigentlich noch alles.




Donnerstag, 22. November 2012

Wie finde ich einen ungnädigen Lektor?


Ob eine Autorität, konvex zum ungnädigen Lektor, einige Etagen höher gefunden wird und ob ein Studium nebst Dissertation im Fach Theologie dazugehört, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das Buch enthält einige kluge Gedanken, wenngleich es sich mir nicht immer erschließt, warum zu einem guten Leben auch noch christliche Theologie gehört, um gute Lebenspraxis zu rechtfertigen. Dass ich z. B. gut und lange warten kann, an Haltestellen oder in Ärztezimmern, ohne ungeduldig zu werden, hat herzlich wenig mit meiner Haltung zur Theodizee zu tun. Wahrscheinlich wird man mit einer solchen Haltung von Martin Spaeth unter die rechtschaffenen Heiden gezählt. Die Stoiker werden ja nicht erst seit gestern sogar von Katholiken nach  mormonischer Rezeptur gewässert und einverleibt.

Aber, was soll's: Dass keine evangelische Priesterin zum Bäcker geht, ohne aus den Brötchen noch eine fromme Weisheit für die nächste Radio-Morgenandacht zu saugen, ist ja wahrlich eine bekannte Tatsache. Schlichtheiten theologisch überfrachtet zu finden, verwundert mich daher nicht. Wunderlich finde ich aber, solche Sätze in einer von verschiedenen Stellen geförderten Dissertation zu finden:

„Time is money.“ - Der berühmte Satz des seinerzeitigen amerikanischen Präsidenten Benjamin Franklin, ausgesprochen im Jahr 1748, formuliert als erstes den Anspruch der Ökonomie, alle menschlichen Lebensbereiche zu durchdringen. Insofern Geld ein Wertaufbewahrungsmittel ist, dient es zur ,Speicherung' von in der Vergangenheit unter Zeiteinsatz hergestellter Werte, speichert also gleichsam Zeit. (S. 283, Hervorhebung a.a.O.)
Als Benjamin Franklin im wahrhaft gesegneten Alter von 84 Jahren starb, war George Washington im 15. Monat Präsident der US of A. 1748 waren die Herren Rebellen noch treue Untertanen seiner Majestät Georg II. Zwischen den allerchristlichsten ersten Betriebswirtschaftslehrern in Gestalt von norditalienischen Beichtvätern über zwinglianische Pfeffersäcke wäre vermutlich auch eine Periode von rund 300 Jahren darauf zu prüfen gewesen, ob Franklin tatsächlich die Priorität des berühmten Satzes zusteht. Ich zweifle da etwas.

Von solchen Petitessen abgesehen ist das insgesamt wohl ein ganz nettes Buch, in das Pastorinnen aller Himmels- und Höllenrichtungen gerne herzhaft beißen dürfen:


Martin Spaeth 
Gewonnene Zeit - verlorenes Heil?
Zum christlich verantworteten Umgang mit der Zeit im Zeitalter der Beschleunigung 
Reihe: Studien zur Traditionstheorie / Studies in tradition theory


Jedenfalls hätte ihm da und dort ein ungnädiger Lektor nicht geschadet, wie zu beweisen war.

Dienstag, 20. November 2012

Kluge Köpfe II

Lieber koelnrio,

wenn Sie auf SPON kommentieren
Ich fände es gut, wenn Redakteure und Journalisten auf die Kommentare eingingen, die zu den Artikeln geschrieben werden. Darin sind oft Anmerkungen und Fragen. Leider passiert damit wenig bis gar nichts. Jedenfalls nichts, was ich mitbekäme. Eine Artikelerweiterung könnte z. B. diese Fragen und Anmerkungen mit aufnehmen.
fragen Sie sich doch bitte erstmal selbst, wie das in der Schnittmenge von Aufmerksamkeits- und schlichter Geldökonomie funktionieren soll. Ein Journalist schreibt zu einem aufmerksamkeitsheischenden Thema, hat daher aber in den nächsten Tagen ausschließlich mit Leserkommentaren zu kämpfen. Seine Text/Entgelt-Ratio sinkt auf den Betrag eines Käseblättchenschreibers.

Das läuft nicht. Ich für mein Teil antworte auf E-Mails oder gelegentliche Schneckenpost gerne. Aber eine Kommentarspaltenbetreuung kann kaum ein Leitmedienautor leisten, selbst wenn es mal nur ein kleines und nicht ganz so furchtbar leitendes ist.

Es ist schlicht ein Irrtum der demokratisch-unprofessionellen Onlineschreiber zu glauben, nur weil in Querschnitt der mehr oder weniger professionellen Medien halbwegs sinnvolle Texte zustande kommen, die Urheber in Glück, Glanz, Reichtum und unendlicher Zeit schwelgten.

P.S.: Und weil ich das ja mit Kluge Köpfe II überschrieb, muss ich noch loswerden, dass es mich nicht stören würde, käme Sascha Lobo vor lauter Kommentarbetüddelung nicht mehr zum Artikelschreiben, denn Konstrukte wie dieses sind ja einfach nur grausam und furchtbar - und hätte Bastian Sick wahre Lektorenehre, schössen Lobo und Sick im frühen Morgentau auf einer dunklen Wiese mit Duellpistolen aufeinander:
die berichtende Darstellung von Ereignissen, Nachrichten werden als Strom inszeniert, die klassische Artikelform wird an dieser Stelle durch ihre eingebaute Momentaufnahmigkeit hinfällig.
„Momentaufnahmigkeit“. Zum Speien.

Kluge Köpfe

Und die Juden wurden nicht aus Hass umgebracht, sondern weil das real existierende deutsche Recht so war.
Leser Fritz T. in den Kommentaren zum Artikel „Bund der Vertriebenen - Viele Funktionäre früher als Nazis aktiv“, der nicht wirkliche Überraschungen hervorgebracht hat.

Scheint so, als ob der Reklameslogan der FAZ, dass hinter ihr stets ein kluger Kopf stecke, modifiziert oder abgemahnt gehört. In der Summe hinterlassen die Leserkommentare nicht nur den Eindruck, dass die FAZ-Kundschaft mitunter Spitzenunfug im Kopf hat, vorliegend überrascht das apologetische Geschwätz, das daherkommt, als würden heutzutage böse Staatsanwälte die Seniorenheime durchstreifen, um morbibunde Insassen ins Zuchthaus zu bringen.

Man wird wohl noch ein paar Jahre warten müssen, bis auch die Anti-Antifaschisten bemerken, dass der Zug abgefahren ist und die Gegenstände ihrer apologetischen Empörungen historische Studien (mit noch nicht einmal mehr geschichtspolitischer Bedeutung) sind.



Sonntag, 18. November 2012

Wer einmal in der Schlange stand

Wen einmal ein ungünstiges Schicksal dazu verdammt hat, in der Schlange zu stehen, die sich im zentralen Postamt zu Köln-Mülheim stets dann bildet, wenn man soeben dazu verflucht wurde, dem Zusteller nicht treppwärts auflauernd begegnet, um ihn beim Einwurf einer Benachrichtigungskarte hinderlich zu sein, kann ermessen, welch geschäftsschädigenden Un- und Dummfug sich der große Allzweckbauchladen mit dem eigenwilligen Versand von nicht „FSK-geprüften“ Medien leistet.

Klar, dass die wohl niemals als deutsche Edition auf den Markt gebrachte Verfilmung der „Wonnen der Aspidistra“ nicht FSK-geprüft ist, handelt es sich doch um eine für den britischen Markt für Menschen ab 12 Jahren zugelassene Fassung.


Wir haben in Europa doch ein mitunter sogar hübsch-irrsinniges Regime der Rechtsvereinheitlichung, doch wenn ein US-Unternehmen die Angehörigen eines europäischen Landes vor den möglicherweise fehlerhaften sexualkundlichen Erkenntnissen der Behörden eines anderen europäischen Landes schützen kann - ja, dann tut es das auch.

Wer den Roman kennt, weiß, dass George Orwell ein ganz erlesener Spießer war. Er musste mit seinen Büchern schließlich etwas Geld verdienen, bis er der Welt einen husten konnte.

Dienstag, 13. November 2012

Gequält lächelnde Völkerrechtler

Die letzten Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs werden geschlagen, aber Lincoln und die Nordstaaten haben schon gewonnen, die Kapitulation der Südstaaten steht unmittelbar bevor.
schreibt Tobias Kniebe in der Süddeutschen Zeitung. Sorry, aber Staaten kapitulieren nicht.

Manchmal bin ich ja ganz froh, dass ich vergleichsweise selten juristische Texte zur Korrektur auf den Tisch bekomme, denn bei akademischen Abschlussarbeiten bewegt man sich beim Wegbeißen von derlei Wurstigkeiten schon in einer Grauzone.


Rinks & Lechts:

Martin Rath





Montag, 5. November 2012

Alo, also Aloys Masloh

Möglicherweise zuletzt ausgeliehen bis zum 3. Juli 1953: Alo/Aloys Masloh, „Die Rechtsnatur der Gründergesellschaft einer Aktiengesellschaft aus dem Gesamtgründungshergang entwickelt“ - ob Herr oder Frau Brommerkamp Bibliotheksmitarbeiter/in oder Studentin/Student war, weiß man beim Blick auf den Fristzettel nicht („Referent: Prof. Dr. Planitz, Korreferent: Prof. Dr. Lehmann, Tag der mündlichen Prüfung: 28. IV. 39.“.

Aloys Masloh, der sich in NS-Zeiten lieber un-katholisch Alo nannte, spielte eine merkwürdige Rolle in der deutsch-französischen Auseinandersetzung um den Status des Saargebiets nach 1945. Zu seiner Arbeit für französische Geheimdienste kamen Kontakte in den Osten. Als Geschäftsführer der Verbraucherzentrale des Saarlands hatte er einen (bis heute wohl nicht ganz untypischen) halb politischen Posten. Er starb am 23. Januar 1998 (Herbert Elzer: „Die Schmeisser-Affäre“).



Hier der Lebenslauf aus der Dissertation:
Lebenslauf:
Ich bin im Jahre 1912 geboren. Vier Jahre Volksschule und neun Jahre humanistisches Gymnasium machten meine Vorbildung aus, als ich mich im Jahre 1933 an der Universität München einschreiben ließ. Ich studierte Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft — aber nicht ohne den anderen Fakultäten die gebührenden Besuche gemacht zu haben.
Anfang des Jahres 1938 legte ich an dem OLG Köln das 1. Staatsexamen mit dem Prädikate „gut" ab. Bereits seit längerer Zeit beschäftigten mich die Probleme der vorliegenden Dissertation, so daß diese Arbeit gleichsam das Produkt der wissenschaftlichen Arbeit meiner Studienzeit ist. Die Promotion schloß mit dem Gesamtprädikat „lobenswert“ ab.
Zu meiner wissenschaftlichen und beruflichen Ausbildung kam die politische Tätigkeit, die ich geradezu als das Kernstück, als die Antriebskraft zu der ersteren Betätigung ansprechen möchte. Schon als jungen Gymnasiasten hatten mich die Probleme der Zeit zu packen begonnen, die für mich als Saarländer notwendig unter den beiden Aspekten des heimatlichen saardeutschen Grenzkampfes und des Ringens des aufsteigenden Nationalsozialismus um die deutsche Seele stehen mußten. Es war somit durchaus folgerichtig, wenn diese Probleme, allmählich zu Aufgaben geworden, den Studenten der Rechte gänzlich auszufüllen begannen. Das trifft insbesondere zu für diejenigen Erscheinungen, die unmittelbar oder mittelbar das wissenschaftliche Leben an Deutschlands hohen Schulen berührten. Da indes alle Probleme des deutschen Lebens grundsätzlich ihre geistige Lösung an dieser Stätte suchen mußten und auch suchen, hatte ich das Glück inmitten des geistigen Geschehens der Zeit zu stehen.
Als Fachschaftsleiter; als Fachgruppenleiter; als Hauptamtsleiter f. Wissenschaft an der U. Köln; als Verbindungsreferent der Außenstelle West der Reichsjugendführung zur. Studentenschaft; als Stellv. Hauptamtsleiter f. Wissenschaft in der Reichsführung der d. Studentenschaft; als Verbindungsleiter zwischen der Reichsführung der Studentenschaft u. der Reichsarbeitsgemeinschaft f. Raumforschung; als Reichsspartenleiter im Reichsleistungskampf u. a. m. habe ich in dieser Zeit meine Pflicht gegenüber meinem Volke und mir selbst getan.
Ich habe auf mittlere Sicht keine Zeit, z.B. einen Wikipedia-Eintrag zu besorgen (von den scheußlichen Umgangsformen bei dieser Veranstaltung ganz zu schweigen). Möglicherweise wäre es von Interesse, auch das lokale Wirken dieses ausgeprägten Windhunds an der Universität zu Köln zu recherchieren. Vielleicht findet sich über diesen Blogeintrag ein Interessent.

Lechts und rinks:

Martin Rath