Donnerstag, 18. Oktober 2012

Zeitfenster, dumme Metapher oder Metapher für Dumme?

Sprachkritik kann so dumm sein.

Hier wird nicht darüber spekuliert oder dazu recherchiert, woher das Zeitfenster kommt, das sich in den vergangenen Jahren immer wieder auftut, jedoch meist, wenn nicht immer schließt.

Als ich von ihm vorhin einmal mehr im Radio hörte, frage ich mich nur kurz: Warum ist es eigentlich keine Türe? Das führte zu dem Gedanken, dass - wenn man nicht ohnehin zum Naserümpfen neigt - das Wort weniger eine dumme Metapher als eine Metapher für Dumme ist.

Zur Frage, warum Zeitbedrängnis immer wieder durchs Fenster kommen muss, statt durch die Türe. Hier mag der Gedanke leicht durch Etymologie falsifiziert werden (die Falsifikation aber wieder von der Etymologiekenntnis der Sprecher): Viel lebensnäher wäre es, müsste ein Entscheider, der wohl definitionsgemäß Zeitbedrängnis erfährt, durch eine Türe treten würde. Das kann, sofern er nicht in der gehobenen Gehaltsklasse eines größeren börsennotierten Unternehmens unterwegs ist, sogar noch der Manager im öffentlichen Nah- und Fernverkehr erleben: Plane gut, also passend, sonst stehst du vor geschlossenen Türen oder schlimmer noch: Du versuchst verzweifelt, dich durch schließende Türen zu drängen. Dann kommt zum verpassten kairos der Entscheidung noch die Peinlichkeit des Auftritts (oder in der politischen Komödie: der Zerfall der Resultate).

Natürlich hakt die einfache Wortkomposition aus Zeit und Tür ein wenig, wer wollte schon dem Kompositium guten Klang zusprechen im Satz: „Wir stehen vor einer schließenden Zeittür.“? Gleichwohl, zur Weihnachtszeit gibt es Kalendertürchen, sogar die körperliche Erfahrung liegt nah und seit dem Prager Fenstersturz oder der Flucht Henris IV. durchs Senliser Fenster ging meines Wissens nach wenig Wichtiges durch jenes Loch im Haus, das in unseren Breiten eigentlich nicht zum wilden Ortswechsel des Menschen gedacht ist.

Türe wäre also besser.

Warum ist das alternativ genutzte Zeitfenster etwas für Dumme? Weil sie außerhalb jedes räumlichen, körperlichen oder sozialen Bezugs- und Erklärungssystems funktioniert. Man muss sich dabei nichts denken. Die Faulheit scheint mir dumm. Denn sogar noch der Zustand des Fensters wird wohl ausschließlich als schließend behandelt. Zumindest würde ich das im Deutschen als zutreffende Beobachtung behaupten. Das ist dann doppelt faul: Die Metapher lädt nicht zum Spielen ein.

Für sich genommen ist das Wort aber nicht dumm. Es leistet, was es tut, aber keinen Lufthauch mehr.

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