Montag, 22. Oktober 2012

Füllsel

Professionelle Schreiber zieren ihre journalistischen Texte gerne mit einem Schluss, der von der Redaktion schadlos weggekürzt werden kann. Text, der für eine Mengenvorgabe nötig ist, nicht wirklich wichtige Informationen enthält, aber nicht zu sehr als überflüssig ins Auge springen sollte.

Solches „Füllsel“ am Schluss eines Textes zu platzieren, ist eine große Kunst. Ich beherrsche sie schon nicht in weniger exponierten Teilen eines Artikels. Aus meiner eigenen Inkompetenz schließe ich regelmäßig auf die Gottebenbildlichkeit anderer Schreiber, namentlich der von Gottbegnadeten produzierten Tageszeitung aus Frankfurt, wie man heute gerne hinzufügt: am Main.

Aber man wird auch angenehm widerlegt in der eigenen Salatschneckenrückgratmeditation, ich zitiere:
„Er kocht dann für Familie und Freunde eine hervorragende Pasta mit Zitronensugo.“
Was für ein Schluss.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Zeitfenster, dumme Metapher oder Metapher für Dumme?

Sprachkritik kann so dumm sein.

Hier wird nicht darüber spekuliert oder dazu recherchiert, woher das Zeitfenster kommt, das sich in den vergangenen Jahren immer wieder auftut, jedoch meist, wenn nicht immer schließt.

Als ich von ihm vorhin einmal mehr im Radio hörte, frage ich mich nur kurz: Warum ist es eigentlich keine Türe? Das führte zu dem Gedanken, dass - wenn man nicht ohnehin zum Naserümpfen neigt - das Wort weniger eine dumme Metapher als eine Metapher für Dumme ist.

Zur Frage, warum Zeitbedrängnis immer wieder durchs Fenster kommen muss, statt durch die Türe. Hier mag der Gedanke leicht durch Etymologie falsifiziert werden (die Falsifikation aber wieder von der Etymologiekenntnis der Sprecher): Viel lebensnäher wäre es, müsste ein Entscheider, der wohl definitionsgemäß Zeitbedrängnis erfährt, durch eine Türe treten würde. Das kann, sofern er nicht in der gehobenen Gehaltsklasse eines größeren börsennotierten Unternehmens unterwegs ist, sogar noch der Manager im öffentlichen Nah- und Fernverkehr erleben: Plane gut, also passend, sonst stehst du vor geschlossenen Türen oder schlimmer noch: Du versuchst verzweifelt, dich durch schließende Türen zu drängen. Dann kommt zum verpassten kairos der Entscheidung noch die Peinlichkeit des Auftritts (oder in der politischen Komödie: der Zerfall der Resultate).

Natürlich hakt die einfache Wortkomposition aus Zeit und Tür ein wenig, wer wollte schon dem Kompositium guten Klang zusprechen im Satz: „Wir stehen vor einer schließenden Zeittür.“? Gleichwohl, zur Weihnachtszeit gibt es Kalendertürchen, sogar die körperliche Erfahrung liegt nah und seit dem Prager Fenstersturz oder der Flucht Henris IV. durchs Senliser Fenster ging meines Wissens nach wenig Wichtiges durch jenes Loch im Haus, das in unseren Breiten eigentlich nicht zum wilden Ortswechsel des Menschen gedacht ist.

Türe wäre also besser.

Warum ist das alternativ genutzte Zeitfenster etwas für Dumme? Weil sie außerhalb jedes räumlichen, körperlichen oder sozialen Bezugs- und Erklärungssystems funktioniert. Man muss sich dabei nichts denken. Die Faulheit scheint mir dumm. Denn sogar noch der Zustand des Fensters wird wohl ausschließlich als schließend behandelt. Zumindest würde ich das im Deutschen als zutreffende Beobachtung behaupten. Das ist dann doppelt faul: Die Metapher lädt nicht zum Spielen ein.

Für sich genommen ist das Wort aber nicht dumm. Es leistet, was es tut, aber keinen Lufthauch mehr.

Montag, 15. Oktober 2012

Mußtopf

Den „Mußtopf“, damals noch in alter Orthographie, habe ich doch irgendwann verlassen müssen - oder dürfen.
Als Tippfehler wiederauferstanden im Interview mit Denis Scheck (abgerufen heute gegen 10.00 Uhr).
Deswegen sind Übersetzer für mich auch die heimlichen Helden, die unbesungenen Heroen der Literatur. Ohne sie säßen wir im Mußtopf unserer Nationalliteratur.

Samstag, 6. Oktober 2012

Ob ich US-Ureinwohnerrechte einklagen kann?

Nach einer frei von Eric Hobsbawm entlehnten Methode, der einer Traditionsinnovation, behaupte ich, dass mir in Form eines herbeigeflogenen Nudelsoßenflecks offenbart wurde, einem verschollenen Stamm von Kaschuben anzugehören, die als Kombüsenkartoffelschäler erst von den Wikingern ins Baltikum verschleppt wurden, mehrheitlich aber stets als eingeborene Gruppe in Amerika verblieben.

Durch ein Lawblog kam ich auf dieses Urteil, ohne das mir wohl entgangen wäre, dass auch die Mauren zu den eingeborenen Gruppen der USA zählen. Die deutsche Wikipedia kennt sie noch nicht.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Schlamaseltov

Wenn ein Fonds namens Maseltov beim Praktiker-Baumarkt investiert, trifft er auf Schlamasel. Wirklich praktisch, diese Etymologie.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Offensichtlicher Deppen-Test?

Silvana Koch Mehrin hat (ganz bestimmt zuerst) gesagt: „Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur wach.“

Weil ich es ohne Beleg, wer es ausgesprochen hat, über dem Blog „...Kaffee bei mir?“ lese, schaue ich einmal in der großen weiten Suchmaschine, von wem es stammt, das Zitat:
„Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur wach.“
Die Netzgemeinde schreibt es entweder einem Emanuel Kant zu, der bekanntlich der kleine Bruder von Manuela Kant aus Königsberg war, die ihn als Klassensprecherin der 2c an der dortigen Klippschule zum großen Demokratietheoretiker ausbildete.

Oder aber der Nummer 1 der Zitatschreibungen: Johann Wolfgang von Goethe, dem sein Fürst damals das Adelsprädiakt „von“ für seine Verdienste um die republikanische Staatsordnung in Weimar verliehen hat.

Ich habe mich, von einigen autodidaktischen Ausflügen ins Werk, nie annähernd so intensiv mit Goethen befasst wie frühere Zeiten es wohl von mir verlangt hätten. Weniger schwülstig formuliert: Ich weiß nicht, ob die Goethe-Zuschreibung zutrifft.

Wenn, dann würde er sie aber in einem ganz anderen Sinn verwendet haben, als die noch nicht einmal halbgebildeten Zitatwüstlinge heute:

Kinders, Papa Goethe, der Fürstenfreund, hält nix von Demokratie. Bleibt mal schön bei der ständischen Ordnung nebst geistiger Aristokratie, an der das Bildungsbürgertum, aber bitte nur bei der Hausmusik und im Theater, teilnehmen darf. Wenn fern, im welschen Land, die blutige Kasperei der politischen Demokratie beginnt, endet sie im diktatorischen Blutbad.

Einen soliden Zitatnachweis (diese Sache aus einem Buch mit Autor, Titel, Ort, Jahr und Seite) nehme ich dankend entgegen. Für einen Deppentest eignet sich das Zitat unterdessen aber prächtig.

Bis zum sicheren Beweis des Gegenteils behaupte ich: Die erste Person, die das große Wort gebraucht hat, war Frau Koch-Mehrin. Weil sie ist ja eine freie Demokratin und kommt aus Köln und kennt sich mit Zitaten aus.