Dienstag, 4. September 2012

Auszumerzen: „Begrifflichkeiten“?

Dass das Wort Auszumerzen kein schönes ist, darüber besteht Einigkeit unter allen Schafen. Nach der Korrektur einer ungezählten Menge an betriebswirtschaftlichen, aber auch anderen akademischen Arbeiten, in denen die „Begrifflichkeiten“ endemisch sind, möchte ich gleichwohl dafür plädieren, sie auszumerzen.

Mir leuchtet beispielsweise zwanglos der Unterschied zwischen „Begehren“ und „Begehrlichkeiten“ ein. Wer ein Begehren hat, pflegt ein Interesse an einer öffentlichen Angelegenheit oder eine Lust auf ein mehr oder weniger privates Objekt seiner Begierde.
Wer Begehrlichkeiten zeigt, offenbart ein prima facie unberechtigtes Anliegen, ein Habenwollen, das nicht in gutem Ansehen von dritter Seite, jedenfalls der des Wortverwenders, steht.

Wenn ich das analog anwende, mein spontanes (nur bis zur Höhe dieses Blogeintrags reflektiertes) Sprachgefühl tut dies, auf „Begriffe“ und „Begrifflichkeiten“, komme ich zu einem wenig schönen Ergebnis für die Freunde der „Begrifflichkeiten“.

Ein Begriff, das ist eine Definition, ein abgewogenes, abgegrenztes (ein bisschen tautologisch, wie Klaus Stern derlei nannte), ein klares und im (akademischen) Text sinnvoll gesetztes Wort (das gerne auch aus mehreren Wörtern bestehen kann).

Eine „Begrifflichkeit“ wäre folglich, analog zur „Begehrlichkeit,“ ein Begriff minderer Güte, etwas unklar abgegrenztes, ein heilloses Irgendwie? Dann dürfte man sich in einem seriösen Text der „Begrifflichkeit“ nur bedienen, um z.B. das Wortgeklingel irgendeines postmodernen oder psychoanalytischen Texts abzukanzeln, fremdes Wortberausche und Bildungshubertum ohne clarité.

Mir begegnen sie leider viel zu oft anders, die „Begrifflichkeiten“. Da ist der Autor stolz wie Oskar, dass er jetzt die „Begrifflichkeiten“ seines weiteren Diskurses geklärt habe. Nicht etwa Begriffe, mit denen man etwas anzufangen weiß. Meist, bedauerlicherweise nicht immer, eine falsa demonstratio.

Wenn mir so etwas vor Augen kommt, merze ich aus. Ob mich das sympathisch macht, weiß ich nicht. Aber dafür kommt man ja auch nicht unbedingt auf die Welt.


Rinks & lechts:


Martin Rath





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