Dienstag, 18. September 2012

Zu löschen: „Realitäten“?


In den Kommentaren zu dem ganz herzigen Interview mit der Piraten-Politikerin Marina Weisband lese ich, sie solle die Finger von der Politik lassen, dort herrschten ganz andere „Realitäten“.

Nach der Lektüre vom Schreibtisch aufstehen, ein Buch heraussuchen, das für einen Essay benötigt wird. Wegen eines Fortbildungstermins Gedanken machen, wie lange der Kaffee für seinen Weg durch den Körper braucht, um keine abscheulichen Aborte in öffentlicher Trägerschaft suchen zu müssen.

Vor der Lektüre, die vom Schreibtisch fortbewegt, war da eine Realität. Hinterher war da immer noch eine Realität. Alle Dinge sind dort, wo sie sein sollen oder man sie suchen muss.

Wo leben eigentlich Leute, die in „Realitäten“ zuhause sind?

Weil ich mir das doch sehr anstregend vorstelle, im Plural zu hausen, fände ich es doch recht klug, die „Realitäten“ außerhalb philosophischer Diskurse und theatralischer Praktiken sein zu lassen.

In der Realität, die ich kenne, möchte man nicht der Mann am rechten Rand sein, zumindest nicht so, wie abgebildet.

Samstag, 8. September 2012

Peinlich: Barbra

Was Frau Wulff in ihrem sogenannten Vorleben getrieben hat, ob ihre aktuellen Prozesse der Vermarktung ihres Buches dienen oder mit schwindendem Rechtsschutzbedürfnis zu tun haben, oder - was auch immer.
Es ist mir von Herzen gleichgültig.

Peinlich ist mir allerdings, dass ich - solange ich zurückdenken kann - in den Vornamen der Streisand stets ein zusätzliches „a“ hineingedacht/-gelesen habe: „*Barbara“. Erst als ich jetzt bei Niggemeier las, dass sie sich so schreibt wie sich sich schreibt, fiel es mir auf.

So verschuf der - im Übrigen der bewährten Ignoranz anheimfallende - Artikel zu Barbra Wulff wenigstens einen Erkenntnisgewinn.


Bei Korrekturdienstleistungen prüfe ich Eigennamen übrigens schon aus Prinzip, zumindest stichprobenartig. Frau Streisand war mir bislang aber noch nicht untergekommen, das hält den Schmerz vor der eigenen Partialblindheit noch in Grenzen.

Lechts und rinks:


Martin Rath







Dienstag, 4. September 2012

Auszumerzen: „Begrifflichkeiten“?

Dass das Wort Auszumerzen kein schönes ist, darüber besteht Einigkeit unter allen Schafen. Nach der Korrektur einer ungezählten Menge an betriebswirtschaftlichen, aber auch anderen akademischen Arbeiten, in denen die „Begrifflichkeiten“ endemisch sind, möchte ich gleichwohl dafür plädieren, sie auszumerzen.

Mir leuchtet beispielsweise zwanglos der Unterschied zwischen „Begehren“ und „Begehrlichkeiten“ ein. Wer ein Begehren hat, pflegt ein Interesse an einer öffentlichen Angelegenheit oder eine Lust auf ein mehr oder weniger privates Objekt seiner Begierde.
Wer Begehrlichkeiten zeigt, offenbart ein prima facie unberechtigtes Anliegen, ein Habenwollen, das nicht in gutem Ansehen von dritter Seite, jedenfalls der des Wortverwenders, steht.

Wenn ich das analog anwende, mein spontanes (nur bis zur Höhe dieses Blogeintrags reflektiertes) Sprachgefühl tut dies, auf „Begriffe“ und „Begrifflichkeiten“, komme ich zu einem wenig schönen Ergebnis für die Freunde der „Begrifflichkeiten“.

Ein Begriff, das ist eine Definition, ein abgewogenes, abgegrenztes (ein bisschen tautologisch, wie Klaus Stern derlei nannte), ein klares und im (akademischen) Text sinnvoll gesetztes Wort (das gerne auch aus mehreren Wörtern bestehen kann).

Eine „Begrifflichkeit“ wäre folglich, analog zur „Begehrlichkeit,“ ein Begriff minderer Güte, etwas unklar abgegrenztes, ein heilloses Irgendwie? Dann dürfte man sich in einem seriösen Text der „Begrifflichkeit“ nur bedienen, um z.B. das Wortgeklingel irgendeines postmodernen oder psychoanalytischen Texts abzukanzeln, fremdes Wortberausche und Bildungshubertum ohne clarité.

Mir begegnen sie leider viel zu oft anders, die „Begrifflichkeiten“. Da ist der Autor stolz wie Oskar, dass er jetzt die „Begrifflichkeiten“ seines weiteren Diskurses geklärt habe. Nicht etwa Begriffe, mit denen man etwas anzufangen weiß. Meist, bedauerlicherweise nicht immer, eine falsa demonstratio.

Wenn mir so etwas vor Augen kommt, merze ich aus. Ob mich das sympathisch macht, weiß ich nicht. Aber dafür kommt man ja auch nicht unbedingt auf die Welt.


Rinks & lechts:


Martin Rath