Montag, 28. Mai 2012

Norbert Burger, viel betrauert


Glaubt man einer Notiz von Pascal Beucker und Frank Überall, war Norbert Burger, der jüngst verstorbene Ex-Oberbürgermeister von Köln, (Ehren-) Mitglied von über 100 Vereinen. Anlässlich seines 70. Geburtstags zeichneten sie ein freundliches Bild der höchst verstrickten SPD-Persönlichkeit.

Ich habe mir aus Anlass des Todesfalls und der öffentlichen Trauer noch einmal über drei Aspekte, die mir zu diesem großen Verstorbenen in den Sinn kamen, Gedanken gemacht.
Erstens, diese Sache in meiner Nachbarschaft: An der Keupstraße steht ein Haus des Arbeiter-Samariter-Bundes, eines Pflege-, Rettungsdienst- etc.-Dienstleisters, der mit der SPD verbandelt ist. Es war schon vor dem Tod Burgers nach ihm benannt. Bis es mir zum ersten Mal ins Auge stach, dachte ich doch, es sei eine in Deutschland seit 1945 gepflegte Tradition, keine Straßen oder Gebäude nach lebenden Politikern zu benennen (und auch sonst Zurückhaltung zu pflegen, Astrid-Lindgren- und Peter-Ustinov-Schulen wurden als Ausnahmen von einer Regel dargestellt).

Zweitens, die Zeitschrift „Kommune“ stellte in den 1990er-Jahren einmal detailliert die Einkommensverhältnisse des ehrenamtlichen Oberbürgermeisters Burger dar. Wenn ich mich recht erinnere, zahlte die Stadt Köln, ungeachtet des Ehrenamtes, ein Salär in Höhe einer MdB-Diät, daneben - so die Erinnerung - flössen die MdL-Diät nebst pauschaler Mitarbeiterentschädigung, Aufsichtsratsmandats- und Ratsmitgliedsentschädigungen etc. etc. In der Summe, auch dank der günstigen Lage, dass etwa das OB-Salär als eine Art Ehrensold ausgestaltet (und damit wohl von beamten-/abgeordentenrechtlichen Anrechnungen ausgeschlossen) war, soll sich das auf einige 10.000 Mark monatlich belaufen haben.

Drittens, was diesen Eintrag unter „gelesen & ungelesen“ rechtfertigt: In ihrer byzantinischen Quantität schlagen die Todes- und Traueranzeigen, nur zwei tragen einen persönlichen Charakter (1 und 27), in eine ganz eigene Qualität um.

Um sie zu zitieren:
Kölner Stadt-Anzeiger 22. Mai, Seite 20
1) Anzeige der Familie
2) Die Stadt Köln trauert mit großer Anteilnahme um ihren Ehrenbürger und Oberbürgermeister a.D., gezeichnet von Jürgen Roters, Oberbürgermeister.
3) Um „unser Ehrenmitglied und Senator Dr. Norbert Burger ‚Rhingroller‘“ trauert der Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V., gezeichnet von Heinz-Günther Hunold, Präsident und Kommandant, nebst dem Verein der Freunde und Förderer der Ühlepooz Fritz Everhan-Stiftung e.V., gezeichnet von Dr. h.c. Fritz Schramma, Vorsitzender.
4) Das Festkomitee des Kölner Karnevals von 1823 e.V. trauert um sein Ehrenmitglied und den Ehrenbürger der Stadt Köln, gezeichnet von Christoph Kuckelkorn, Vizepräsident (und Bestatter, vgl. 1), Markus Ritterbach, Präsident, Dr. Joachim Wüst, Vizepräsident.
a.a.O., Seite 21
5) In großer Trauer nehmen Aufsichtsrat, Geschäftsführung, Betriebsrat, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Koelnmesse Gruppe Abschied vom Verstorbenen, folgende Funktionen sind angegeben: „Vorsitzender des Aufsichtsrats und des Wirtschaftsbeirats von 1980 bis 1999, Ständiger Gast des Aufsichtsrates von 1999 bis 2008“ [sic, sic!!].
6) Die Flughafen Köln/Bonn GmbH trauert um ihren Aufsichtsratsvorsitzenden der Jahre 1984 bis 1994, gezeichnet von Aufsichtsrat, Geschäftsführung, Betriebsrat, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
7) Die Kölner SPD trauert um den „herausragenden Bürger“, Ratsherrn, Sozialdezernenten, langjährigen Oberbürgermeister sowie Landtagsabgeordneten. Unterzeichnet von Jochen Ott, Vorsitzender der KölnSPD, und Martin Börschel, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Köln.
8) Vom ehemaligen Mitglied im Verwaltungsrat der früheren Stadtsparkasse Köln verabschieden sich für die Sparkasse KölnBonn Martin Börschel, Vorsitzender des Verwaltungsrates sowie Artur Grzesiek, Vorsitzender des Vorstandes.
9) Die Fachhochschule Köln trauert um ihren Ehrensenator, den Mitbegründer, Vorsitzenden und Ehrenvorsitzenden ihres Kuratoriums, unterzeichnet von Professor Dr. Dr. h.c. Joachim Metzner, Präsident der Fachhochschule Köln.
10) Die Kölnische Karnevals-Gesellschaft 1945 e.V. trauert um ihren Ehren-Senator, gezeichnet von Dr. Johannes Kaußen, Präsident, und Claus Frohn, Senatspräsident.
a.a.O. Seite 22
11) Die Grosse von 1823 Karnevalsgesellschaft e.V., Köln, hat ihren Ehrensenator verloren, gezeichnet von Professor Dr. Dr. Joachim Zöller, Vorsitzender, Mario Anastasi, Senatspräsident, Hartmut Jarofke, Baas des Großen Rates.
12) Der Deutsche Städtetag erinnert an sein Präsidiumsmitglied und Präsidenten, gezeichnet Christian Ude, Präsident und Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, Dr. Stephan Articus, Geschäftsführendes Präsidialmitglied.
13) Der ASB Köln trauert um seinen Ehrenvorsitzenden, gezeichnet Horst Gausmann, Erster Vorsitzender, Peter Stegmaier, Geschäftsführer (dass der Kölner Arbeiter-Samariter-Bund schon zu Lebzeiten Burgers eine Einrichtung nach ihm benannt hat, wird [schamhaft?] vernebelt).
14) Der Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. trauert um sein Bundesvorstands- und Präsidiumsmitglied, gezeichnet von Knut Fleckenstein, Bundesvorsitzender, Christian Reuter, Bundesgeschäftsführer.
15) Der Kölner Männer-Gesang-Verein gegr. 1842 verlor sein Ehrenmitglied, gezeichnet Gerd-Kurt Schwieren, Präsident, Meinolf Rickert, Vizepräsident.
16) Ehrenratsherr und vom Verein mit einer „Goldenen Mütze ausgezeichnet“: Karnevalsgesellschaft Alt-Köllen vun 1883 e.V., Michael Hohmann, 1. Vorsitzender, Hans Brocker, Präsident, Professor Dr. Rainer Riedel, Senatspräsident.
17) Die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hat ihr Vorstandsmitglied verloren, gezeichnet von Professor Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender, Miguel Freund und Renate Canisius, stellvertrende Vorsitzende.
a.a.O., Seite 23
18) Vorstand und Mitarbeiter des Quäker Nachbarschaftsheim e.V., Norbert-Burger-Bürgerzentrums, trauern um ihr Vorstandsmitglied, gezeichnet von Vorstand und Mitarbeitern
19) Ehrenbannerhär der Kölner Narren-Zunft von 1880 e.V., Thomas Brauckmann, Bannerhär (Präsident), Ernst-Georg Kliem, Senatspräsident, Dr. Ulrich Müller-Lung, Chef des Großen Rates.
20) Der Lions Club Köln – Claudia Ara trauert um sein Mitglied, gezeichnet von Franz-Josef Schäfer, Präsident.
21) Die Kölner Klutengarde von 1908 e.V. trauert um ihren Ehrenklut und Freund.
22) Von ihrem ehemaligen Beiratsmitglied verabschieden sich Professor Hans-Georg Bögner für die Akademie för uns kölsche Sproch/SK Stiftung Kultur nebst Heinz Peter Holländer, Fründe vun der Akademie för uns kölsche Sproch e.V.
23) Die AWO Rheinland Stiftung verabschiedet sich von ihrem Stiftungsratsvorsitzenden, Stiftungsrat und Stiftungsvorstand zeichnen anonym.
Kölner Stadt-Anzeiger 23. Mai, Seite 17
24) Um ihren Mitbürger, der mit Leib und Seele Kölner war sowie ein Verfechter des Gedankens einer ganzheitlichen Daseinsvorsorge trauert die Stadtwerke Köln GmbH (ohne Funktionsangaben), gezeichnet von Dr. Dieter Steinkamp, Sprecher der Geschäftsführung, und Martin Börschel, Vorsitzender des Aufsichtsrates.
25) Das Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung Köln gedenkt ihres Vorstands- und Kuratoriumsmitglieds.
Kölner Stadt-Anzeiger 24. Mai, Seite 22
25) Der Landschaftsverband Rheinland gedenkt seines Ehrenringträgers, Professor Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Landschaftsversammlung Rheinland, Ulrike Lubek, Direktorin des Landschaftsverbandes Rheinland, zeichnen.
Kölner Stadt-Anzeiger 25. Mai, Seite 12
26) Die Prinzen-Garde Köln 1906 e.V. trauert um ihren Ehrenkommandanten, gezeichnet von Kurt Stumpf, Präsident.
27) Rainer Brenner, Uwe Brüggemann, Kurt Froitzheim, Manfred Funken, Rudi Greven, Helmut Meindorf, Helmut Schmidt, Rolf Stellwag trauern um einen Freund.
28) Ohne Nennung von Funktionen trauern Aufsichtsrat, Geschäftsführung, Betriebsrat, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kliniken der Stadt Köln gGmbH.
Kölner Stadt-Anzeiger 26. und 27. Mai, Seite 17
29) Die Vereine zur Förderung der Städtepartnerschaft Köln-Barcelona, Köln-Bethlehem, Köln-Corinto-El Realejo, Köln-Cork, Köln-Indianapolis, Köln-Istanbul, Köln-Kattowitz, Köln-Klausenburg, Köln-Liverpool, Köln-Rio de Janeiro sowie Rio de Janeiro-Köln, Köln-Tel Aviv-Yafo, Köln-Tunis, Köln-Turin, Köln-Wolgograd, Deutsch-Finnische Gesellschaft (Köln-Turku), Deutsch-Französische Gesellschaft Köln (Köln-Esch-sur-Alzette; Köln-Lille), Deutsch-Französisch-Belgische Gesellschaft Köln (Köln-Lüttich; Köln-Lille), Deutsch-Japanische Gesellschaft (Köln-Kyoto), Deutsch-Niederländische Gesellschaft (Köln-Rotterdam), Freundeskreis Fregatte Köln [sic!], Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft (Köln-Peking), Kaiserin Theophanu Gesellschaft (Köln-Thessaloniki), Ökumenischer Partnerausschuss Köln-Liverpool, Partnerschaftsverein e.V. Köln-Porz, Partnerschaftskomitee Rodenkirchen-Wattignies, Städte-Partnerschafts-Club Köln e.V. sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Büros für Internationale Angelegenheiten im Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Köln  trauern um den in ihren Angelegenheiten zuständigen Ex-Oberbürgermeister.
30) Namenlos trauern Kuratorium und Vorstand der Kölner Kulturstiftung der Kreissparkasse Köln um ihren Gründungsvorsitzenden (Jürgen Roters hätte das auch zeichnen können).

Nachträge:
31) Übersehen habe ich die allein stehende Anzeige des Vereins für die Freundschaft zwischen Köln und Betlehem, die mir erst beim Wegsortieren der Zeitungsausrisse in den Archivaktenordner auffiel.
Kölner Stadt-Anzeiger 30. Mai, Seite 23
32) Das Rektorat der Universität zu Köln erinnert daran, dass sich Burger „immer wieder mit großem Engagement für die Belange der Universität eingesetzt“ habe. Ein Satz, den man in seinem Arbeitszeugnis nicht lesen möchte. Die Anzeige, dem Andenken an den Universitätsmedaillenträger des Jahres 1988 gewidmet, unterzeichnet von Universitätsprofessor Dr. Axel Freimuth, Rektor.













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