Samstag, 12. Mai 2012

Klaus Goehrkes Fesseln des Biografen

Man hat gegenüber Joachim C. Fest gelegentlich den Verdacht geäußert, er habe sich von Albert Speer sen. den einen oder anderen Bären aufbinden lassen. Dass Speer, der angesichts seiner Rolle in der NS-Sklavenwirtschaft und der Maßstäbe des Nürnberger Gerichtshofs sein Leben durchaus an einem Stück Hanfseil in Landsberg hätte beenden können, nach seiner Haftentlassung Verteidigungslegenden nicht in historische Wahrheit wandeln würde, ist klar.

Gleichwohl käme nur ein extrem naiver Autor heute noch auf die Idee, seine Darstellung vom Leben einer in der Spitze des NS-Staats tätigen Person auf deren Memoiren zu stützen, ohne Versuch, die bei eingeschränkter Quellenlage (die hier gar nicht einmal gegeben sein dürfte) kaum zu vermeidende Affirmation so weit zu reflektieren, dass sie dem Leser nicht mit Schwung ins Gesicht schlägt.

Um den Tonfall, in dem dieses kleine Büchlein über den Finanzminister Hitlers einmal wiederzugeben, pars pro toto, genügt vielleicht ein Satz:
„Gewiß war der Minister 1933 nicht die einzige achtbare Persönlichkeit, die sich im völkischen Rausch verlor.“
Es folgt ein Vergleich mit Gottfried Benns bekannter Verworrenheit, um auf die Familie es Ministers mit der schon in Textbezug und Begriffswahl reichlich merkwürdigen Aussage zu verweisen:
„Schwerin-Krosigk stand mit dieser Ansicht [Gottfried Benns?, MaR] in seiner Sippe keineswegs allein, wie ein Blick nach Kamen-Heeren zeigt.“
(Seite 33, Unterstreichungen von mir)

Hier wird kein Bär aufgebunden, es wird gleich auf Bärenpergament geschrieben. Und damit weniger verärgert als erstaunt vom Schreibtisch geräumt:

Klaus Goehrke: „In den Fesseln der Pflicht“ Der Weg des Reichsfinanzministers Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Köln (Verlag Wissenschaft und Politik Claus von Nottbeck) 1995, 112 Seiten, Universitäts- und Stadtbibliothek Köln Sig. 20A4938



Rinks und lechts:
Martin Rath






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