Dienstag, 17. April 2012

Wirrköpfe ziehen sich an

Seit rund 30 Jahren steht Ulrich Linses „Barfüßige Propheten“ in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Die wirrköpfigen Sektengründer, Lebensreformer und anderen Zausel der Zeit zwischen 1890 und 1930 sind durch Christian Krachts Roman über einen Kokosnuss-Prediger in den vergangenen Wochen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Ich bin auf diese soziale Szene zuletzt durch Lektüren zum NS-Justizapparatschik Wilhelm Crohne gestoßen, der in den Zeugen Jehovas (sie firmierten damals als Ernste Bibelforscher) eine kommunistische Bewegung entdecken wollte und damit im rechtswissenschaftlichen Schrifttum die KZ-Haft der religiösen Spinner begründete. Bei Jost Hermand (einem Aachener Mitbewerber von Schneider-Schwerte, interessant) fand sich vor Jahren auch schon einiges zu jenem Teil esoterischer Geistesbarfüßigkeit, der in den 1970er-Jahren wieder populär-exoterisch wurde, ohne seine Wurzeln zu kennen.

Nun schlage ich also eine der mutmaßlichen Quellen Christian Krachts auf. Ulrich Linse hat sich unter den deutschen Historikern wohl als einer der ersten die Mühe gemacht, sich mit der zauseligen Alternativkultur zu befassen. Sie hat es ihm in rund dreißig Jahren Ausleihpraxis übel gedankt:

Ein derartig vollgekrakeltes Buch habe ich schon lange nicht mehr in Händen gehalten. Dass Asozialität und intellektuelle Dummheit, auch unter Studenten (die man hier als Urheber vermuten darf), gern gemeinsam auftreten, erkennt man an der Art der Anstreichungen: wirklich distinktive Qualität haben sie nicht.

Ich weiß, wenn ich so etwas sehe, gar nicht, was mich mehr ärgert: Die Asozialität (Sachbeschädigung) oder die Dummheit (was nützt eine Unterstreichung, die alles querbeet hervorhebt). Das Nichtwissen darüber, was mich ärgern soll, zieht vielleicht noch mehr als der Ärger selbst eine Konsequenz nach sich:

Für mich ist solch ein Buch unbrauchbar geworden.




Apropos „Kracht“: Wie genial ist denn dieses Feuilleton von Marcuccio?



Rinks und lechts:


Martin Rath





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