Mittwoch, 25. April 2012

90 108 Elemente perfekter Teeküchenvulgärbuschido-BWL-Trivialweisheitslehre


Mit welchen intellektuellen Wassern Herman Kahn, der Coverboy der rühmenswerten und doch nur zufällig ins Bild geratenen „Zeitschrift für Ideengeschichte“, gewaschen war, mag hier dahingestellt sein. Harte Münze ist uns aber immer lieber als heiße Luft, unabhängig von der Währung.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse in betriebswirtschaftliche Weisheiten umzuwursten, ist ein Vorgang, der generell und wohl zu Recht unter Verdacht steht, nicht immer ganz seriös zu sein. Angesichts der augenscheinlichen Nachfrage von Menschen jedoch, die sich unter betriebswirtschaftlich organisierten Verhältnissen bewegen müssen, kann ich verstehen, dass Journalisten beispielsweise sozialpsychologische Untersuchungen der empirischen Art für den täglichen Partisanenkampf ihrer Leser – zwischen Teeküche und Meeting, Telefonkonferenz und Kaltakquistion –  verwerten. Schließlich stehen auch die Kollegen unter einem betriebswirtschaftlichen Zwang, der bei aller aufklärerischen Tradition der schreibenden Zunft nicht zu kurz kommen darf: Sie wollen Geld verdienen.

Teeküchenpsychologie kann ich nur ironisch vertragen

Vor sieben Jahren, als es darum ging, die ersten Hefte eines Halbjahressupplements der „Süddeutschen Zeitung“ zu füllen, das insbesondere an „Young Professionals“ adressiert, also auf genau die oben beschriebene Gruppe der in Teeküchen und Meetings umherwesenden Arbeitnehmer hinzuwursten war, da fand ich einen für mich tragbaren Umgang: Ich habe die naturwissenschaftliche Erkenntnis leicht ironisiert dargeboten.
Und weil ich noch dazu einen der Miterfinder des „postheroischen Managements“ zitieren konnte, brauchte ich mich nicht blauäugig auf die Relativierung der Willensfreiheit durch das berühmte Schnipps-Experiment von Benjamin Libet (pdf, Seite 38 f.) berufen, sondern konnte den guten alten Stoizismus als notwendige Management-„Denke“ verkaufen. Die Fallstricke, in die man bei weiterem Nachdenken zum Beispiel über Libet gerät, verbieten nämlich meines Erachtens jede affirmative Herangehensweise beim Übertragen von Empirie in die Teeküchenweisheit.

Unleidlichkeit eines Teeküchengroßmeisters

Als mir vor einigen Wochen einer dieser ganz großen journalistischen Teeküchenpsychologie-Verwurster in einem sozialen Netzwerk über den Weg lief, fragte ich ihn einmal unter uns Kaffeschwestern nach der Übertragbarkeit einer von ihm soeben mit Feuereifer verkündeten Studie aus den USA. Gern werden dort ja einige Dutzend Studenten in psychologischen Studien zusammengebracht, um eine interessante Hypothese zu stützen. Soweit ist das auch oft recht erhellend. Ob aber, darum ging es unter uns, beispielsweise Erkenntnisse zur Wertschätzung eines bestimmten Sozialverhaltens in den USA mal so einfach auf europäische Verhältnisse übertragen werden dürfen, hätte meines Erachtens eine freundlichere Antwort verdient, als die, es sei schon eine Zumutung, den Großmeister der Teeküchenpsychologie danach überhaupt nur zu befragen.

Ob heiße Luft oder doch eher Wurst diesen Körper formte?

Zum Nutzwert dieses Postings

Aufklärung, sollte das neben dem Geldverdienen eine Aufgabe von Journalisten sein, heißt nach dem Motto eines bekannten Königsberger Kloppses, sich seiner eigenen Hirnwindungen zu bedienen. Im hier vorliegenden Posting habe ich einmal eine Sammlung jener Lebensweisheiten untereinandergeschrieben, aus denen heutige Managementratgeberliteratur – soweit sich das ermitteln lässt  –  ihre Verwurstungen saugt.

Die meisten der folgenden Einträge sind mit deutsch- oder englischsprachigen Wikipedia-Einträgen verlinkt, in Einzelfällen habe ich direkt auf Quellen zurückgegriffen, die näher an der Originalerkenntnis zu liegen schienen. Erfreulicherweise bietet die Wikipedia ja den Weg, sich ganze Bücher selbst zusammenzustellen. Mögen Sie ihn jetzt finden.

Ich hoffe, diese Linkliste enthält für Sie nützliche Inhalte. Sollte dem nicht so sein, dürfen Sie (auch weiterhin) einen Bogen um allzu populäre Managementliteratur machen.

90 Elemente für den perfekten Teeküchenvulgär-BWLpsycho-Trivialbushidomeister (m/w/neutr.)


  1. 10.000-Stunden-Regel
  2. Abileme-Problem
  3. Aha-Erlebnis
  4. Anker-Effekte
  5. Argan-Effekt (Catch 22)
  6. Barnum-Effekt
  7. Benjamin-Franklin-Effekt
  8. Blue-Seven-Problem
  9. Broken-Windows-Theorie
  10. Chamäleoneffekt
  11. Cocktailparty-Effekt
  12. Confirmation Bias
  13. Coolidge-Effekt
  14. CSI-Effekt
  15. Dalai-Lama-Effekt
  16. Dammbrucheffekt
  17. Decoy-Effekt
  18. Diderot-Effekt
  19. Dunning-Kruger-Effekt
  20. Endowment-Effekt
  21. Ferien-Effekt
  22. Fernbeziehungsproblem
  23. Fischteicheffekt
  24. Flynn-Effekt
  25. Framing-Effekt
  26. Gähn-Effekt
  27. Gore-Effekt
  28. Halo-Effekt
  29. Hawthorne-Effekt
  30. Hedwig-von-Restorff-Effekt
  31. Helfersyndrom
  32. Hindsight-Effekt, Rückschaufehler
  33. Hostile-Media-Effekt
  34. Impostor-Syndrom
  35. Jo-Jo-Effekt
  36. Kleine-Welt-Phänomen
  37. Kleingeld-schlägt-Papiergeld-Effekt
  38. Kobra-Effekt (Staatsversagen)
  39. Kuleschow-Effekt
  40. Luzifer-Effekt
  41. Macbeth-Effekt
  42. Makoto-Natsume-Depressionsauslöser
  43. Marshmallow-Effekt
  44. Mathilda-Effekt
  45. Max-Scheler-Effekt
  46. Mere-Exporure-Effekt
  47. Millersche Kompetenzgrenze
  48. Mitläufereffekt
  49. Monty-Hall-Problem
  50. Mozarteffekt-Hypothese
  51. Murphys Gesetz
  52. Name-letter-Effekt
  53. Nun ja-Clooney-Effekte
  54. Overconfidence-Effekt
  55. Parkinsonsche Gesetze
  56. Peltzman-Effekt
  57. Placebo
  58. Pratfall-Effekt
  59. Prokrastinationseffekte
  60. Propinquity-Effekt
  61. Proteus-Effekt
  62. Raikov-Effekt
  63. Reaktanz-Effekt
  64. Rezenzeffekt
  65. Reziprozitätseffekt
  66. Ringelmann-Effekt
  67. Romeo-und-Julia-Effekt
  68. Roseto-Effekt
  69. Semmelweis-Reflex
  70. Sleeper-Effekt
  71. Soziales Faullenzen
  72. Spotlight-Effekt
  73. Streisand-Effekt
  74. Stroboskopeffekt
  75. Stroop-Effekt
  76. Superstar-Effekt
  77. Texas-Scharfschützen-Effekt oder dass.
  78. TINA-Prinzip
  79. Valins-Effekt
  80. Veblen-Effekt, Geltungskonsum
  81. Verzerrungseffekte
  82. Vorführeffekt
  83. Wahrer Watercoller-Effekt
  84. Walkman-Effekt
  85. Warncocks Dilemma
  86. Werther-Effekt
  87. Westermarck-Effekt
  88. Zeigarnik-Effekt
  89. Zero-Price-Effekt
  90. Zuschauer-Effekt (Bystander-Effekt)
Nachtrag 26.04.2012

Noch ein hübsches „Gesetz“ gefunden:

91.
Poes Gesetz
(Problem mit Extremismusparodien)
und 27.04.2012

92. 
(Durch analytisches Denken wird der Glaube religiöser Menschen gehemmt.)

und 28.04.2012
93.
Rasendes-Huhn-Verteidigung
(Ähnlichkeit als Verteidigungsstrategie. Die Sache mit dem Huhn ist nicht von mir.)

und 30.04.2012
94.
Polizeiwannen-Trick
(Polizei-Anwalt-Mustererkennungsproblem)
und 01.05.2012
95.
Publikationsbias und Publikationsbiasbias
und 02.05.2012
96.
Frauen-und-Kinder-zuerst-Anomie (Titanic-Kontroverse)
(Skepsis an allen Teeküchenweisheiten anmelden: Frey versus Diekmann)

und 05.05.2012
97.
Eigenlogik
(Erklärt fast alles, wenn wir sie besitzen.)
Esoterikteeküchenkocher müssten sie natürlich „Eigenlogik nach Röhl“ nennen, um sie mit dem fremden Renommee zu versüßen.

06.05.2012 (dank FAS)
98.
Burns-Caruso-Bartels-Bewertungsbruch (Predincting Premediation)
(Handlungsmotivation wird vor und nach Ereignis anders gewichtet)
Hinweis beim überaus fleißigen Jürgen Kaube

99.
Abneigung aus Stechfliegen Kurzsichtigkeit (Myopic Loss Aversion)
(nach Benartzi & Thaler in der FAS-Denkfehlerreihe)


07.05.2012
100.
Rache-mag-süß-sein-Problem
(Rache löst gute Gefühle aus, wenn auch vielleicht nicht so starke wie Schokolade.)
Möglicherweise die Wurzel für die einzige nicht-metaphysische Begründung von staatlichem Strafrecht, wenn man mal ganz dick auftragen will.
(nach Spitzers Manfred, natürlich)

09.05.2012
101.
(Die Persönlichkeit macht oij oij oij, verweile doch du Augenblick, schon war sie neu.)


14.05.2012
104.

15.05.2012
105.
Fühlen Sie sich bewegt?
(Effekt großer Buchstaben.)

106.
Härte hilft meistens.

16.05.2012
107.
Erregungsfreie Fleischbeschau
(Aufgebrezelte Reklameschönheiten werden als Objekt, nicht als Mensch wahrgenommen.)

09.10.2012
108.
Frau-Seligman-kann-nicht-französisch-kochen-Effekt (Sauce-Béarnaise-Syndrom)
(Übelkeit entsteht nicht notwendigerweise von dem Nahrungsmittel, das den Brechreiz auslöst.)





Lechts und rinks:

Martin Rath




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