Montag, 23. April 2012

Keine Vorsicht, wenn Leute mit Spinnennetz-Tätowierungen auftauchen?



Über das Bildblog wird heute ein Artikel im Online-Magazin „Novo“ verbreitet, der sich über eine Focus-Geschichte echauffiert, in der das Risikoverhalten Tätowierter im Zusammenhang mit Sexualität, Kriminalität und Drogenaffinität thematisiert wurde.

(Für das Wort „Drogenaffinität“ musste ich etwas grübeln, wollte aber gerne ein tät~tät~tät. Schon weil das so gut zum Focus passt. Im Rheinland ist dies das Schallsignal, nach dem gelacht werden muss, auch wenn es nicht komisch war.)

Über Focus-Empirie würde ich mich ja allein schon deshalb nie aufregen, weil mich das am Ignorieren hindern müsste.

Ein wenig Missmut hinterlässt es aber, wenn Tobias Prüwer die Focus-Autoren aus Verdroschenheitsgründen in eine Kasperlpuppe mit Adolf Loos oder Cesare Lobroso steckt, die zu ihrer Zeit mit einer wohl nur in Künstlerkreisen kurz vor der Psychiatrisierung und unter Zuchthausinsassen verbreiteten Körperkunst konfrontiert waren und darum eine entsprechend abfällige Meinung vom Tätowieren hatten. Adolf Loos wird etwa mit dem schönen Satz zitiert:
„Wer sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder degenerierter Adliger.“
Dass die Popularisierung des Tätowierens und der anderen Formen von Körperverletzung zu Schmuckzwecken seit den 1990er-Jahren das soziale Setting deutlich verändert hat, bleibt in der Auseinandersetzung mit der Focus-Dramatisierung leider unberücksichtigt.

Zudem findet sich eine Anzahl Spekulationen, z.B. zur künstlerischen Körperverletzung de lege artis, die den Focus-Hype vielleicht unterminieren, es aber nicht müssen.

Ich für mein Teil gehe Menschen mit Spinnennetztätowierung lieber aus dem Weg. Oder Leuten, die sich allerlei Scheußlichkeiten auf den Handrücken haben gravieren lassen. Für den Rest, also die Leute, die aussehen, als seien sie gerade einem Fotoshooting der NEON-Redaktion entlaufen, kann man das Loos-Zitat ja einfach ein bisschen modifizieren:
Wer sich tätowiert, ist (schon angesichts geringerer Häftlingszahlen als unter Kaiser Wilhelm oder Franz Joseph), in den seltensten Fällen ein Verbrecher, mitunter aber ein degenerierter NEON-Leser oder eine von ihrer Peer Group hirngesteuerte Person aus dem unteren Einkommensviertel.


Ich bin übrigens völlig dagegen und verstehe auch sonst keinen Spaß beim Zufügen von Schmerz, der keinen therapeutischen Zwecken dient.



Rinks und lechts:


Martin Rath









Keine Kommentare: