Mittwoch, 25. April 2012

Inszenierung als Beruf. Der Fall Guttenberg

Oliver Lepsius & Reinhart Meyer-Kalkus (Hg.): Inszenierung als Beruf. Der Fall Guttenberg, Berlin (Suhrkamp) 2011, 216 S., 10 €

„Ohne die Wahnvorstellungen, die durch die psychisch schwer zu kompensierende Kollision der drei deutschen Heiligtümer Dissertation, Bayreuth und Karl-Theodor zu Guttenberg ausgelöst wurden, wäre die Sache schnell zu beenden gewesen.“ (a.a.O., S. 112)
Nils Minkmar, der im Sammelband mit einem FAZ-Artikel aus der heißen Phase der Affaire vertreten ist, diagnostiziert weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit  eine „bouffée délirante aiguë“, also „eine zeitlich begrenzte Episode klinischen Wahnsinns, die diskret in idyllisch gelegenen Spezialkliniken auskuriert wird“ - jedenfalls soweit sie Vertreter des französischen Bürgertums befällt.

Nicht nur wegen solcher hübschen Spitzen lohnt sich der Griff zum Buch, ein Jahr nach der Kur ohne Kür. Zu guten Teilen handelt es sich um Originalbeiträge. Es findet sich beispielsweise eine Satz-für-Satz-Analyse der Rücktrittsrede des „Helden“, in der die ganze rhetorische Unredlichkeit seiner Einlassungen konzentriert ans Licht gefördert wird (Sebastian Diziol).

Für meinen Geschmack ein wenig zu nah an der Grenze zur Ferndiagnose (Minkmar diagnostiziert nicht fern, sondern feuilletonistisch) bewegt sich ein Beitrag von Tilman Allert, der neben Simmel und Weber auch Freud zu Rate zieht, um einen soziologisch-psychoanalytischen Befund des „Helden“ zu erstellen. Erträglich ist derlei eigentlich nur durch die gründliche Einhüllung in soziologischen Jargon.

Ein Paar leuchtender Augen hinterließ bei mir der abschließende Essay von Luca Giuliani, „Herr zu Guttenberg im Spiegel des römischen Heerwesens“: Als senatorischer Befehlshaber über eine Horde Legionäre hätte sich unser „Held“ vielleicht wesentlich besser geschlagen. Aber das Jahr 476, als solche Jobs vergeben wurden, liegt leider ein bisschen lange zurück. Ich mag solche historisierenden-anachronisierenden Sockenpuppenspielereien und übe mich ja durchaus selbst gelegentlich darin.

Eine insgesamt sehr gelungene Mischung aus Analyse und gebotener Boshaftigkeit gegenüber einem, der auszog, sie auf sich zu ziehen.


Rinks und lechts:


Martin Rath













.










Keine Kommentare: