Montag, 23. April 2012

Hans Bernd Gisevius: Wo ist Nebe? (Etwas ins Unreine geschrieben.)

Hans Bernd Gisevius: Wo ist Nebe? Erinnerungen an Hitlers Reichskriminaldirektor. Zürich (Droemer) 1966, 320 Seiten, bezogen aus der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Sg.: 1 E 2828

Bei ein paar Probebohrungen zur Geschichte der Polizei zwischen 1900 und 1945 stieß ich auf Hans Bernd Gisevius' Darstellung des führenden Kriminalpolizisten, NS-Verbrechers und im militärischen Widerstand des 20. Juli mitverschworenen Arthur Nebe.

Das ist ein ganz merkwürdiges Buch, 1966 in der Schweiz erschienen. (Der Scan oben war der Versuch mit heutigen „kriminalistischen“ Mitteln ausradierte Handschrift auf dem Vorsatzblatt sichtbar zu machen - in natura ist das Buch von gewöhnlicher Papierabnutzung und -farbe.)

Gisevius erzählt, dies bildet einen Rahmen, der das Buch zusammenhält, die Flucht Nebes nach dem Attentatsversuch im Juli 1944 als eine Art Roadmovie - er war (soweit man das glauben darf) sein Begleiter beim Versuch, den Ermittlungsbehörden einen Suizid vorzutäuschen.

Zwischen den Stationen on the road finden sich Erzählungen zur preußischen Polizei, apologetische Notizen zu Nebe und jenem Segment der Gesellschaft (rechts der SPD), das 1933 vom NS-Staat verführt worden sei (der Verführungstopos stammt nicht von mir!), Republikkritisches und bizarres Exkulpierungsgerümpel (Einsatzgruppenleiter Nebe lässt schlimmsten Henker geografisch möglichst weit vom eigenen Standort entfernt morden) etc. Vom Typ her darf man das Buch wohl zu den erzählenden Sachbüchern ohne wissenschaftlichen Anspruch zählen. Oder sollen das wirklich „Erinnerungen“ sein? Mir scheint: Eher der Anlass, an den sogenannten Zeitzeugen zu zweifeln. Mehr Zweifel, das hätte vielleicht auch Joachim C. Fest damals gut getan.

Der Inhalt lässt sich nicht im Detail wiedergeben und das soll auch nicht versucht werden, die Roadmovie-Technik (heute fühlt man sich dabei an Robert Harris' „Vaterland“ erinnert) war denn doch zu grotesk, als dass ich das Buch mehr als quergelesen hätte.

Um Nebes Begeisterung für die „nationale Revolution“ zu rechtfertigen, stellt Gisevius die Polizei der späten Weimarer Republik, namentlich in Berlin wie folgt dar:

Und wie dringend gerade diese der Erneuerung bedurfte, das wußte jeder kleine Kriminalsekretär am Polizeipräsidium, der in gewissen Bezirken des Berliner Nachtlebens Streifendienst tat oder sich bei Razzien in den einschlägigen Nachtklubs und Kellerlokalen mit dem höhnischen Hallo der routinierten Gesetzesbrecher begrüßen lassen mußte.

Die kannten die Tricks genau, wie man übereifrigen >>Bullen<< ein Dienststrafverfahren anhängen konnte! Wahrhaftig, es war eine reichlich problematische >>demokratische<< Freiheit, in der solche Zuhälter- und Ringvereine wie >>lmmertreu<< ihre Star-Anwälte mit Jahres-Stargagen engagierten und im >>Rheingold<< ihre rauschenden Feste feierten. Oder in der ein Vizepolizeipräsident der Reichshauptstadt an allen Spieltischen zu Hause war, die eine fragwürdige oberste Gesellschaftsschicht frequentierte, um sagenhafte Einsätze umzusetzen, während ringsherum die Arbeitslosenheere von Woche zu Woche wuchsen. Der hemmungslose Goebbels kalkulierte wieder einmal richtig, wenn er ausgerechnet diesen >>Vi-PoPrä<< als >>lsidor<< zur Zielscheibe seiner antisemitischen Hetze wählte. Wohl gab es eindringliche Warnungen seitens der alteingesessenen jüdischen Familien, die ein unveräußerlicher Teil aus Berlins kulturell glanzvollsten Zeiten waren. Doch sie verhallten ungehört im Rausch dieses typisch vorrevolutionären Tanzes auf dem Vulkan.

Inmitten einer bislang unvorstellbaren wirtschaftlichen Depression bot die Reichshauptstadt alles andere, nur nicht den Eindruck eines Kraftquells politischer Einsicht und moralischer Erneuerung. Hinzu kamen die nicht abreißenden Korruptionsskandale, die sich bis in die Kriminalpolizei hineinfraßen.
(a.a.O. S. 119)

Angespielt wird hier auf die Kampagnen des örtlichen NS-Chefs Joseph Goebbels gegen Bernhard Weiß, Vizepolizeipräsident von Berlin, die in jüngerer Vergangenheit unter dem Aspekt der Denunziation mit „jüdischen Namen“ ein vielzitiertes historisches Interesse gefunden haben. Berhard Weiß taucht im Personenverzeichnis des Buchs nicht auf, bemerkenswert (er war 1966 schon lange verstorben und wohl auch vergessen).

Auf den Topos des rechtskundigen „routinierten Gesetzesbrecher(s)“, gegen den nur den nur das ganz große Aufräumen durch einen autoritären Staat hülfe - ich fürchte, das ist noch nicht ausgestorben.







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