Dienstag, 10. April 2012

Den Grass, den kann ich nicht leiden


Am ehemals SPD-, dann NSDAP-eigenen Gebäude in Köln-Deutz sieht man bei ausreichender Nässe noch die Symbole. Günter Grass bräuchte wohl nur ein wenig kaschubische Aalsuppe dagegenzuspeien. Mit Rotz kennt sich der Mann ja aus.

Den Grass, den mag ich nicht leiden. Das liegt zunächst wohl in der Familie.

Mein Vater kommt ja auch aus Danzig. Mythenumrankt scheinen in Grass‘ Autohagiografie kaschubische Vorfahren auf. Mein Vater erinnert sich daran, dass seine Mutter wegen ihrer Kontakte zu slawischen Verwandten und Bekannten regelmäßig bei der Gestapo antreten musste. Mein Urgroßvater Franz war Kaschube. Da ist wenig Platz für Mythographien – in dieser Gegend war man „durchrasst und durchmischt“ (Edmund Stoiber). In den Kindheitserinnerungen meines Vaters kommt zudem diese eine Szene vor, die mir kalt an die Knochen ging, als er sie mit über 70 Jahren zum ersten Mal erzählte:

Eine alte Frau blickt hungrig auf ein Butterbrot, das sein kleiner Bruder – im Schlitten sitzend, vom großen Bruder gezogen – vor sich hinmümmelte. Onkel Norbert wird vier Jahre alt gewesen sein, man schrieb also das Jahr 1943. Der Kleine hat womöglich etwas unwillig gemümmelt, denn bis zum Zusammenbruch 1944/45 mästete das NS-Regime ja seine Leute mit ordentlichen Kalorienzahlen (vgl. Götz Aly). Verängstigt vom gierigen Blick der alten Frau suchten die Brüder das Weite.

Die gierige, die hungrige alte Frau trug den gelben Stern.

Das hat sich zugetan zu der Zeit als der später sehr moralstarke Herr Grass zum Angehörigen der Waffen-SS wurde und an der Doppelrune am Kragenspiegel nichts Anrüchiges fand. Als 15-Jähriger hatte sich der junge Herr Grass zu Luftwaffenhelferdiensten gemeldet. Interessant, dass ihn sein Geschick später, 17-jährig, verließ – andere haben sich durch freiwillige Meldung zu gewöhnlichen Wehrmachtsteilen vor der Einberufung in die noch etwas mörderischere Truppe zu schützen gewusst. Aber der junge Herr Grass fand, nach eigenen Worten, ja nichts Anrüchiges an der Runenuniform.

Was im regional zuständigen Konzentrationslager Stutthof geschah, darüber wusste man in Danzig mit einem erstaunlichen Grad an Details bescheid. (So viel forensische Psychologie, wie ich bislang gelesen habe, kann ich mit dem Zeitzeugnis meines Vaters recht kritisch umgehen: Man wusste offenbar schon einiges.)

Grass‘ barockisierende Gedichte aus den 1960er-Jahren finde ich sehr anziehend. Das liegt offenbar an meinem Barock-Fimmel in Musik und Lyrik, nicht am Grass. Über sein Romanwerk kann ich nicht urteilen. Zu seinem Israel-Iran-„Gedicht“ ging mir jetzt folgende nicht ganz so weit zurückliegende Begebenheit durch den Kopf:

Das Maulheldentum des „man muss doch aussprechen (dürfen)“ habe ich vor etwas mehr als 20 Jahren schon einmal erlebt. Nach einem Leserbrief zur Causa Schönhuber schrieben mir alte Waffen-SS-Kameraden böse Briefe, weil meine jugendliche Provokationslust sie zur Braunglut gebracht hatte. Unter den Entlastungsstrategien des braunen Packs damals: Israel gefährdet den Weltfrieden, wir haben nur unsere Pflicht getan.

Nicht, dass ich dem von Grass als Gedicht verbreiteten Untereinandergeschreibsel besondere lyrische Qualität beimessen würde. Ich mache mir deshalb gar keine ausführlichen Gedanken darüber, wie perfide sein Text wohl zu lesen wäre, wenn man ihn ungeachtet seiner poetischen Qualität unter dem sprachpragmatischen Aspekt der uneigentlichen Rede näher betrachten wollte. (Welche Vernichtungsphantasie wird hier „eigentlich“ evoziert? Wer sich an Gedichtanalyse-Methodik aus dem Schulunterricht erinnert, mag sich selbst daran versuchen.)

Mir reicht völlig, dass ich die Altnazi-Post von 1989 nur untereinanderschreiben bräuchte:
Fertig wäre das Grass-Gedicht.