Sonntag, 29. April 2012

Volker Weidermann, sehr standhaft

Das war in der allerersten Ausgabe dieser Zeitung, im September 2011, die Türme in New York waren gerade eingestürzt, Krachts Roman „1979“ über die islamische Revolution im in Iran sollte kurz darauf erscheinen.
Zitat aus Volker Weidermanns „Notizen zu Kracht“ FAS vom 29.04.2012, S. 26. Fallende Türme, zehn Jahre lang, zehn Jahre FAS im Zeitloch.

Mittwoch, 25. April 2012

90 108 Elemente perfekter Teeküchenvulgärbuschido-BWL-Trivialweisheitslehre


Mit welchen intellektuellen Wassern Herman Kahn, der Coverboy der rühmenswerten und doch nur zufällig ins Bild geratenen „Zeitschrift für Ideengeschichte“, gewaschen war, mag hier dahingestellt sein. Harte Münze ist uns aber immer lieber als heiße Luft, unabhängig von der Währung.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse in betriebswirtschaftliche Weisheiten umzuwursten, ist ein Vorgang, der generell und wohl zu Recht unter Verdacht steht, nicht immer ganz seriös zu sein. Angesichts der augenscheinlichen Nachfrage von Menschen jedoch, die sich unter betriebswirtschaftlich organisierten Verhältnissen bewegen müssen, kann ich verstehen, dass Journalisten beispielsweise sozialpsychologische Untersuchungen der empirischen Art für den täglichen Partisanenkampf ihrer Leser – zwischen Teeküche und Meeting, Telefonkonferenz und Kaltakquistion –  verwerten. Schließlich stehen auch die Kollegen unter einem betriebswirtschaftlichen Zwang, der bei aller aufklärerischen Tradition der schreibenden Zunft nicht zu kurz kommen darf: Sie wollen Geld verdienen.

Teeküchenpsychologie kann ich nur ironisch vertragen

Vor sieben Jahren, als es darum ging, die ersten Hefte eines Halbjahressupplements der „Süddeutschen Zeitung“ zu füllen, das insbesondere an „Young Professionals“ adressiert, also auf genau die oben beschriebene Gruppe der in Teeküchen und Meetings umherwesenden Arbeitnehmer hinzuwursten war, da fand ich einen für mich tragbaren Umgang: Ich habe die naturwissenschaftliche Erkenntnis leicht ironisiert dargeboten.
Und weil ich noch dazu einen der Miterfinder des „postheroischen Managements“ zitieren konnte, brauchte ich mich nicht blauäugig auf die Relativierung der Willensfreiheit durch das berühmte Schnipps-Experiment von Benjamin Libet (pdf, Seite 38 f.) berufen, sondern konnte den guten alten Stoizismus als notwendige Management-„Denke“ verkaufen. Die Fallstricke, in die man bei weiterem Nachdenken zum Beispiel über Libet gerät, verbieten nämlich meines Erachtens jede affirmative Herangehensweise beim Übertragen von Empirie in die Teeküchenweisheit.

Unleidlichkeit eines Teeküchengroßmeisters

Als mir vor einigen Wochen einer dieser ganz großen journalistischen Teeküchenpsychologie-Verwurster in einem sozialen Netzwerk über den Weg lief, fragte ich ihn einmal unter uns Kaffeschwestern nach der Übertragbarkeit einer von ihm soeben mit Feuereifer verkündeten Studie aus den USA. Gern werden dort ja einige Dutzend Studenten in psychologischen Studien zusammengebracht, um eine interessante Hypothese zu stützen. Soweit ist das auch oft recht erhellend. Ob aber, darum ging es unter uns, beispielsweise Erkenntnisse zur Wertschätzung eines bestimmten Sozialverhaltens in den USA mal so einfach auf europäische Verhältnisse übertragen werden dürfen, hätte meines Erachtens eine freundlichere Antwort verdient, als die, es sei schon eine Zumutung, den Großmeister der Teeküchenpsychologie danach überhaupt nur zu befragen.

Ob heiße Luft oder doch eher Wurst diesen Körper formte?

Zum Nutzwert dieses Postings

Aufklärung, sollte das neben dem Geldverdienen eine Aufgabe von Journalisten sein, heißt nach dem Motto eines bekannten Königsberger Kloppses, sich seiner eigenen Hirnwindungen zu bedienen. Im hier vorliegenden Posting habe ich einmal eine Sammlung jener Lebensweisheiten untereinandergeschrieben, aus denen heutige Managementratgeberliteratur – soweit sich das ermitteln lässt  –  ihre Verwurstungen saugt.

Die meisten der folgenden Einträge sind mit deutsch- oder englischsprachigen Wikipedia-Einträgen verlinkt, in Einzelfällen habe ich direkt auf Quellen zurückgegriffen, die näher an der Originalerkenntnis zu liegen schienen. Erfreulicherweise bietet die Wikipedia ja den Weg, sich ganze Bücher selbst zusammenzustellen. Mögen Sie ihn jetzt finden.

Ich hoffe, diese Linkliste enthält für Sie nützliche Inhalte. Sollte dem nicht so sein, dürfen Sie (auch weiterhin) einen Bogen um allzu populäre Managementliteratur machen.

90 Elemente für den perfekten Teeküchenvulgär-BWLpsycho-Trivialbushidomeister (m/w/neutr.)


  1. 10.000-Stunden-Regel
  2. Abileme-Problem
  3. Aha-Erlebnis
  4. Anker-Effekte
  5. Argan-Effekt (Catch 22)
  6. Barnum-Effekt
  7. Benjamin-Franklin-Effekt
  8. Blue-Seven-Problem
  9. Broken-Windows-Theorie
  10. Chamäleoneffekt
  11. Cocktailparty-Effekt
  12. Confirmation Bias
  13. Coolidge-Effekt
  14. CSI-Effekt
  15. Dalai-Lama-Effekt
  16. Dammbrucheffekt
  17. Decoy-Effekt
  18. Diderot-Effekt
  19. Dunning-Kruger-Effekt
  20. Endowment-Effekt
  21. Ferien-Effekt
  22. Fernbeziehungsproblem
  23. Fischteicheffekt
  24. Flynn-Effekt
  25. Framing-Effekt
  26. Gähn-Effekt
  27. Gore-Effekt
  28. Halo-Effekt
  29. Hawthorne-Effekt
  30. Hedwig-von-Restorff-Effekt
  31. Helfersyndrom
  32. Hindsight-Effekt, Rückschaufehler
  33. Hostile-Media-Effekt
  34. Impostor-Syndrom
  35. Jo-Jo-Effekt
  36. Kleine-Welt-Phänomen
  37. Kleingeld-schlägt-Papiergeld-Effekt
  38. Kobra-Effekt (Staatsversagen)
  39. Kuleschow-Effekt
  40. Luzifer-Effekt
  41. Macbeth-Effekt
  42. Makoto-Natsume-Depressionsauslöser
  43. Marshmallow-Effekt
  44. Mathilda-Effekt
  45. Max-Scheler-Effekt
  46. Mere-Exporure-Effekt
  47. Millersche Kompetenzgrenze
  48. Mitläufereffekt
  49. Monty-Hall-Problem
  50. Mozarteffekt-Hypothese
  51. Murphys Gesetz
  52. Name-letter-Effekt
  53. Nun ja-Clooney-Effekte
  54. Overconfidence-Effekt
  55. Parkinsonsche Gesetze
  56. Peltzman-Effekt
  57. Placebo
  58. Pratfall-Effekt
  59. Prokrastinationseffekte
  60. Propinquity-Effekt
  61. Proteus-Effekt
  62. Raikov-Effekt
  63. Reaktanz-Effekt
  64. Rezenzeffekt
  65. Reziprozitätseffekt
  66. Ringelmann-Effekt
  67. Romeo-und-Julia-Effekt
  68. Roseto-Effekt
  69. Semmelweis-Reflex
  70. Sleeper-Effekt
  71. Soziales Faullenzen
  72. Spotlight-Effekt
  73. Streisand-Effekt
  74. Stroboskopeffekt
  75. Stroop-Effekt
  76. Superstar-Effekt
  77. Texas-Scharfschützen-Effekt oder dass.
  78. TINA-Prinzip
  79. Valins-Effekt
  80. Veblen-Effekt, Geltungskonsum
  81. Verzerrungseffekte
  82. Vorführeffekt
  83. Wahrer Watercoller-Effekt
  84. Walkman-Effekt
  85. Warncocks Dilemma
  86. Werther-Effekt
  87. Westermarck-Effekt
  88. Zeigarnik-Effekt
  89. Zero-Price-Effekt
  90. Zuschauer-Effekt (Bystander-Effekt)
Nachtrag 26.04.2012

Noch ein hübsches „Gesetz“ gefunden:

91.
Poes Gesetz
(Problem mit Extremismusparodien)
und 27.04.2012

92. 
(Durch analytisches Denken wird der Glaube religiöser Menschen gehemmt.)

und 28.04.2012
93.
Rasendes-Huhn-Verteidigung
(Ähnlichkeit als Verteidigungsstrategie. Die Sache mit dem Huhn ist nicht von mir.)

und 30.04.2012
94.
Polizeiwannen-Trick
(Polizei-Anwalt-Mustererkennungsproblem)
und 01.05.2012
95.
Publikationsbias und Publikationsbiasbias
und 02.05.2012
96.
Frauen-und-Kinder-zuerst-Anomie (Titanic-Kontroverse)
(Skepsis an allen Teeküchenweisheiten anmelden: Frey versus Diekmann)

und 05.05.2012
97.
Eigenlogik
(Erklärt fast alles, wenn wir sie besitzen.)
Esoterikteeküchenkocher müssten sie natürlich „Eigenlogik nach Röhl“ nennen, um sie mit dem fremden Renommee zu versüßen.

06.05.2012 (dank FAS)
98.
Burns-Caruso-Bartels-Bewertungsbruch (Predincting Premediation)
(Handlungsmotivation wird vor und nach Ereignis anders gewichtet)
Hinweis beim überaus fleißigen Jürgen Kaube

99.
Abneigung aus Stechfliegen Kurzsichtigkeit (Myopic Loss Aversion)
(nach Benartzi & Thaler in der FAS-Denkfehlerreihe)


07.05.2012
100.
Rache-mag-süß-sein-Problem
(Rache löst gute Gefühle aus, wenn auch vielleicht nicht so starke wie Schokolade.)
Möglicherweise die Wurzel für die einzige nicht-metaphysische Begründung von staatlichem Strafrecht, wenn man mal ganz dick auftragen will.
(nach Spitzers Manfred, natürlich)

09.05.2012
101.
(Die Persönlichkeit macht oij oij oij, verweile doch du Augenblick, schon war sie neu.)


14.05.2012
104.

15.05.2012
105.
Fühlen Sie sich bewegt?
(Effekt großer Buchstaben.)

106.
Härte hilft meistens.

16.05.2012
107.
Erregungsfreie Fleischbeschau
(Aufgebrezelte Reklameschönheiten werden als Objekt, nicht als Mensch wahrgenommen.)

09.10.2012
108.
Frau-Seligman-kann-nicht-französisch-kochen-Effekt (Sauce-Béarnaise-Syndrom)
(Übelkeit entsteht nicht notwendigerweise von dem Nahrungsmittel, das den Brechreiz auslöst.)





Lechts und rinks:

Martin Rath




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Inszenierung als Beruf. Der Fall Guttenberg

Oliver Lepsius & Reinhart Meyer-Kalkus (Hg.): Inszenierung als Beruf. Der Fall Guttenberg, Berlin (Suhrkamp) 2011, 216 S., 10 €

„Ohne die Wahnvorstellungen, die durch die psychisch schwer zu kompensierende Kollision der drei deutschen Heiligtümer Dissertation, Bayreuth und Karl-Theodor zu Guttenberg ausgelöst wurden, wäre die Sache schnell zu beenden gewesen.“ (a.a.O., S. 112)
Nils Minkmar, der im Sammelband mit einem FAZ-Artikel aus der heißen Phase der Affaire vertreten ist, diagnostiziert weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit  eine „bouffée délirante aiguë“, also „eine zeitlich begrenzte Episode klinischen Wahnsinns, die diskret in idyllisch gelegenen Spezialkliniken auskuriert wird“ - jedenfalls soweit sie Vertreter des französischen Bürgertums befällt.

Nicht nur wegen solcher hübschen Spitzen lohnt sich der Griff zum Buch, ein Jahr nach der Kur ohne Kür. Zu guten Teilen handelt es sich um Originalbeiträge. Es findet sich beispielsweise eine Satz-für-Satz-Analyse der Rücktrittsrede des „Helden“, in der die ganze rhetorische Unredlichkeit seiner Einlassungen konzentriert ans Licht gefördert wird (Sebastian Diziol).

Für meinen Geschmack ein wenig zu nah an der Grenze zur Ferndiagnose (Minkmar diagnostiziert nicht fern, sondern feuilletonistisch) bewegt sich ein Beitrag von Tilman Allert, der neben Simmel und Weber auch Freud zu Rate zieht, um einen soziologisch-psychoanalytischen Befund des „Helden“ zu erstellen. Erträglich ist derlei eigentlich nur durch die gründliche Einhüllung in soziologischen Jargon.

Ein Paar leuchtender Augen hinterließ bei mir der abschließende Essay von Luca Giuliani, „Herr zu Guttenberg im Spiegel des römischen Heerwesens“: Als senatorischer Befehlshaber über eine Horde Legionäre hätte sich unser „Held“ vielleicht wesentlich besser geschlagen. Aber das Jahr 476, als solche Jobs vergeben wurden, liegt leider ein bisschen lange zurück. Ich mag solche historisierenden-anachronisierenden Sockenpuppenspielereien und übe mich ja durchaus selbst gelegentlich darin.

Eine insgesamt sehr gelungene Mischung aus Analyse und gebotener Boshaftigkeit gegenüber einem, der auszog, sie auf sich zu ziehen.


Rinks und lechts:


Martin Rath













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Montag, 23. April 2012

Hans Bernd Gisevius: Wo ist Nebe? (Etwas ins Unreine geschrieben.)

Hans Bernd Gisevius: Wo ist Nebe? Erinnerungen an Hitlers Reichskriminaldirektor. Zürich (Droemer) 1966, 320 Seiten, bezogen aus der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Sg.: 1 E 2828

Bei ein paar Probebohrungen zur Geschichte der Polizei zwischen 1900 und 1945 stieß ich auf Hans Bernd Gisevius' Darstellung des führenden Kriminalpolizisten, NS-Verbrechers und im militärischen Widerstand des 20. Juli mitverschworenen Arthur Nebe.

Das ist ein ganz merkwürdiges Buch, 1966 in der Schweiz erschienen. (Der Scan oben war der Versuch mit heutigen „kriminalistischen“ Mitteln ausradierte Handschrift auf dem Vorsatzblatt sichtbar zu machen - in natura ist das Buch von gewöhnlicher Papierabnutzung und -farbe.)

Gisevius erzählt, dies bildet einen Rahmen, der das Buch zusammenhält, die Flucht Nebes nach dem Attentatsversuch im Juli 1944 als eine Art Roadmovie - er war (soweit man das glauben darf) sein Begleiter beim Versuch, den Ermittlungsbehörden einen Suizid vorzutäuschen.

Zwischen den Stationen on the road finden sich Erzählungen zur preußischen Polizei, apologetische Notizen zu Nebe und jenem Segment der Gesellschaft (rechts der SPD), das 1933 vom NS-Staat verführt worden sei (der Verführungstopos stammt nicht von mir!), Republikkritisches und bizarres Exkulpierungsgerümpel (Einsatzgruppenleiter Nebe lässt schlimmsten Henker geografisch möglichst weit vom eigenen Standort entfernt morden) etc. Vom Typ her darf man das Buch wohl zu den erzählenden Sachbüchern ohne wissenschaftlichen Anspruch zählen. Oder sollen das wirklich „Erinnerungen“ sein? Mir scheint: Eher der Anlass, an den sogenannten Zeitzeugen zu zweifeln. Mehr Zweifel, das hätte vielleicht auch Joachim C. Fest damals gut getan.

Der Inhalt lässt sich nicht im Detail wiedergeben und das soll auch nicht versucht werden, die Roadmovie-Technik (heute fühlt man sich dabei an Robert Harris' „Vaterland“ erinnert) war denn doch zu grotesk, als dass ich das Buch mehr als quergelesen hätte.

Um Nebes Begeisterung für die „nationale Revolution“ zu rechtfertigen, stellt Gisevius die Polizei der späten Weimarer Republik, namentlich in Berlin wie folgt dar:

Und wie dringend gerade diese der Erneuerung bedurfte, das wußte jeder kleine Kriminalsekretär am Polizeipräsidium, der in gewissen Bezirken des Berliner Nachtlebens Streifendienst tat oder sich bei Razzien in den einschlägigen Nachtklubs und Kellerlokalen mit dem höhnischen Hallo der routinierten Gesetzesbrecher begrüßen lassen mußte.

Die kannten die Tricks genau, wie man übereifrigen >>Bullen<< ein Dienststrafverfahren anhängen konnte! Wahrhaftig, es war eine reichlich problematische >>demokratische<< Freiheit, in der solche Zuhälter- und Ringvereine wie >>lmmertreu<< ihre Star-Anwälte mit Jahres-Stargagen engagierten und im >>Rheingold<< ihre rauschenden Feste feierten. Oder in der ein Vizepolizeipräsident der Reichshauptstadt an allen Spieltischen zu Hause war, die eine fragwürdige oberste Gesellschaftsschicht frequentierte, um sagenhafte Einsätze umzusetzen, während ringsherum die Arbeitslosenheere von Woche zu Woche wuchsen. Der hemmungslose Goebbels kalkulierte wieder einmal richtig, wenn er ausgerechnet diesen >>Vi-PoPrä<< als >>lsidor<< zur Zielscheibe seiner antisemitischen Hetze wählte. Wohl gab es eindringliche Warnungen seitens der alteingesessenen jüdischen Familien, die ein unveräußerlicher Teil aus Berlins kulturell glanzvollsten Zeiten waren. Doch sie verhallten ungehört im Rausch dieses typisch vorrevolutionären Tanzes auf dem Vulkan.

Inmitten einer bislang unvorstellbaren wirtschaftlichen Depression bot die Reichshauptstadt alles andere, nur nicht den Eindruck eines Kraftquells politischer Einsicht und moralischer Erneuerung. Hinzu kamen die nicht abreißenden Korruptionsskandale, die sich bis in die Kriminalpolizei hineinfraßen.
(a.a.O. S. 119)

Angespielt wird hier auf die Kampagnen des örtlichen NS-Chefs Joseph Goebbels gegen Bernhard Weiß, Vizepolizeipräsident von Berlin, die in jüngerer Vergangenheit unter dem Aspekt der Denunziation mit „jüdischen Namen“ ein vielzitiertes historisches Interesse gefunden haben. Berhard Weiß taucht im Personenverzeichnis des Buchs nicht auf, bemerkenswert (er war 1966 schon lange verstorben und wohl auch vergessen).

Auf den Topos des rechtskundigen „routinierten Gesetzesbrecher(s)“, gegen den nur den nur das ganz große Aufräumen durch einen autoritären Staat hülfe - ich fürchte, das ist noch nicht ausgestorben.







Keine Vorsicht, wenn Leute mit Spinnennetz-Tätowierungen auftauchen?



Über das Bildblog wird heute ein Artikel im Online-Magazin „Novo“ verbreitet, der sich über eine Focus-Geschichte echauffiert, in der das Risikoverhalten Tätowierter im Zusammenhang mit Sexualität, Kriminalität und Drogenaffinität thematisiert wurde.

(Für das Wort „Drogenaffinität“ musste ich etwas grübeln, wollte aber gerne ein tät~tät~tät. Schon weil das so gut zum Focus passt. Im Rheinland ist dies das Schallsignal, nach dem gelacht werden muss, auch wenn es nicht komisch war.)

Über Focus-Empirie würde ich mich ja allein schon deshalb nie aufregen, weil mich das am Ignorieren hindern müsste.

Ein wenig Missmut hinterlässt es aber, wenn Tobias Prüwer die Focus-Autoren aus Verdroschenheitsgründen in eine Kasperlpuppe mit Adolf Loos oder Cesare Lobroso steckt, die zu ihrer Zeit mit einer wohl nur in Künstlerkreisen kurz vor der Psychiatrisierung und unter Zuchthausinsassen verbreiteten Körperkunst konfrontiert waren und darum eine entsprechend abfällige Meinung vom Tätowieren hatten. Adolf Loos wird etwa mit dem schönen Satz zitiert:
„Wer sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder degenerierter Adliger.“
Dass die Popularisierung des Tätowierens und der anderen Formen von Körperverletzung zu Schmuckzwecken seit den 1990er-Jahren das soziale Setting deutlich verändert hat, bleibt in der Auseinandersetzung mit der Focus-Dramatisierung leider unberücksichtigt.

Zudem findet sich eine Anzahl Spekulationen, z.B. zur künstlerischen Körperverletzung de lege artis, die den Focus-Hype vielleicht unterminieren, es aber nicht müssen.

Ich für mein Teil gehe Menschen mit Spinnennetztätowierung lieber aus dem Weg. Oder Leuten, die sich allerlei Scheußlichkeiten auf den Handrücken haben gravieren lassen. Für den Rest, also die Leute, die aussehen, als seien sie gerade einem Fotoshooting der NEON-Redaktion entlaufen, kann man das Loos-Zitat ja einfach ein bisschen modifizieren:
Wer sich tätowiert, ist (schon angesichts geringerer Häftlingszahlen als unter Kaiser Wilhelm oder Franz Joseph), in den seltensten Fällen ein Verbrecher, mitunter aber ein degenerierter NEON-Leser oder eine von ihrer Peer Group hirngesteuerte Person aus dem unteren Einkommensviertel.


Ich bin übrigens völlig dagegen und verstehe auch sonst keinen Spaß beim Zufügen von Schmerz, der keinen therapeutischen Zwecken dient.



Rinks und lechts:


Martin Rath









Freitag, 20. April 2012

Gowins' Laws (Kann das Kalauern nicht lassen)

Guckte ich nicht ab und zu in das Blog eines Menschen mit polnischer Rechtsgescheidnis, ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, dass es neben dem berühmten „Godwin's Law“  wohl eine ganz erstaunliche Menge von „Gowin's Laws“ geben muss.

Immerhin ist der Mann Justizminister.

Donnerstag, 19. April 2012

Ess Pee Dee

(Quelle für Bildausriss: SPIEGEL Nr. 9 vom 26.02.1990)

Es möchte ja niemand behaupten, dass die SPD seit den Zeiten von Friedhelm Farthmann nicht weitergekommen sei.

Vielleicht nicht im wahren Leben (da zanken sich die Buben um den nächsten Kanzleramtsanlauf und Frau Kraft war zum Jagen zu tragen, was einem Friedhelm Farthmann nie passiert wäre), aber doch in der Programmatik hat sich sicher einiges getan, in den vergangenen 22 Jahren.

Etwas billig finde ich das hier schon:
Hier diskutiert die SPD ihren Finger im Auge der Anderen.

Blondinenwahlkampf jetzt auch vor meiner Tür

„Bezahlbare Energie statt teure Ideologie. Sonst findet Wirtschaft woanders statt.“

Mit diesen Worten hängt der neueste Blondinenwahlkampf der F.D.P. jetzt auch vor meinem Fenster. Im Hintergrund sieht man auch vorbeirauschen, was die sogenannten Liberalen wohl unter sinnvoller Energienutzung verstehen: schätzungsweise die Hälfte der Menschen, die an diesem Plakat vorberauschen, fährt ein überdimensioniertes Kfz, das mit einer Person besetzt ist.

Über die Frage, ob höhere Energiekosten nicht zu Wirtschaftswachstum und Beschäftigungseffekten führen, möchte ich gar nicht richten. Was mich aber anficht, sind die Vokabeln der Bezahlbarkeit und der Wirtschaft.

Dass in jeder menschlichen Gesellschaft jenseits der Kleinkinderkrippe und diesseits der Schwerdementenverwahrung so etwas wie „Wirtschaft“ stattfindet, es von den beiden genannten, etwas apokalyptischen Orten abgesehen, nirgendwo auf diesem Planeten einen Ort gibt, an dem zwischen Menschen keine Wirtschaft abläuft, dieser Umstand macht das „woanders“ unsinnig - es sei denn man übersetzt es  mit dem Gedanken: Für die F.D.P. ist der Benzinpreis (nebst anderen Energiepreisen) das, was für die Sowjetkommunisten der Brotpreis war - ein Gut, dessen Preis niedrig zu halten ist, ungeachtet der damit verbundenen Konsequenzen.

Wer von Bezahlbarkeit spricht, der weckt Sozialneid. Egal um welches Gut es geht. Das sollen sich die sogenannten Liberalen einmal hinter den Tankdeckel schreiben, für den Fall, dass sie später noch einmal Gelegenheit bekommen sollten, sich über die Neidkampagnen der Anderen zu beschweren.

Mittwoch, 18. April 2012

Tokio will Senkaku-Inseln kaufen - Kant kein positives Recht geworden?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 91 vom 18.04.2012

In der FAZ berichtet Carsten Germis heute über Pläne japanischer Politiker, einige umstrittene Inselchen vor der chinesischen Küste zu kaufen.

Was so harmlos als skurrile Meldung aus dem unbekannten Reich ostasiatischer Nationalismen daherkommt, stürzt mich - offen gestanden - in eine Bildungslücke. In einem satirischen, aber gleichwohl durchgängig mit hohem Ernst zitierten Text von Immanuel Kant (jedenfalls kategorisierte ihn nach meiner Erinnerung ein sowjetischer Autor in den 1980er-Jahren als satirisch) findet sich die Forderung:
„Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem anderen Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.“
Es hatte sich wohl in meinem Hinterkopf festgesetzt, dass dieser zweite Präliminarartikel zu Immanuel Kants „Zum ewigen Frieden“ im Lauf der vergangenen 200 Jahre - genauer seit Gründung der Vereinten Nationen - in positives Völkerrecht übergegangen sei.

Dass der Tausch nicht verboten ist, hätte ich wohl nicht annehmen wollen, aber Erbung, Kauf und Schenkung scheinen mir durchaus verbotsfähig, denn anders als beim Tausch scheint mir die „Preisfindung“ angreifbar. Zwar sind die Inseln nicht bewohnt und bilden keinen „für sich bestehende(n) Staat“, - sind aber diese Faktoren die ausschlaggebenden dafür, dass darüber nachgedacht werden kann, sie zu kaufen?

Vollgestopft mit überflüssigem Wissen in nämlichem eine Lücke zu entdecken, finde ich eigentlich nicht besonders schlimm.


Lechts und rinks:


Martin Rath










Dienstag, 17. April 2012

Wirrköpfe ziehen sich an

Seit rund 30 Jahren steht Ulrich Linses „Barfüßige Propheten“ in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Die wirrköpfigen Sektengründer, Lebensreformer und anderen Zausel der Zeit zwischen 1890 und 1930 sind durch Christian Krachts Roman über einen Kokosnuss-Prediger in den vergangenen Wochen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Ich bin auf diese soziale Szene zuletzt durch Lektüren zum NS-Justizapparatschik Wilhelm Crohne gestoßen, der in den Zeugen Jehovas (sie firmierten damals als Ernste Bibelforscher) eine kommunistische Bewegung entdecken wollte und damit im rechtswissenschaftlichen Schrifttum die KZ-Haft der religiösen Spinner begründete. Bei Jost Hermand (einem Aachener Mitbewerber von Schneider-Schwerte, interessant) fand sich vor Jahren auch schon einiges zu jenem Teil esoterischer Geistesbarfüßigkeit, der in den 1970er-Jahren wieder populär-exoterisch wurde, ohne seine Wurzeln zu kennen.

Nun schlage ich also eine der mutmaßlichen Quellen Christian Krachts auf. Ulrich Linse hat sich unter den deutschen Historikern wohl als einer der ersten die Mühe gemacht, sich mit der zauseligen Alternativkultur zu befassen. Sie hat es ihm in rund dreißig Jahren Ausleihpraxis übel gedankt:

Ein derartig vollgekrakeltes Buch habe ich schon lange nicht mehr in Händen gehalten. Dass Asozialität und intellektuelle Dummheit, auch unter Studenten (die man hier als Urheber vermuten darf), gern gemeinsam auftreten, erkennt man an der Art der Anstreichungen: wirklich distinktive Qualität haben sie nicht.

Ich weiß, wenn ich so etwas sehe, gar nicht, was mich mehr ärgert: Die Asozialität (Sachbeschädigung) oder die Dummheit (was nützt eine Unterstreichung, die alles querbeet hervorhebt). Das Nichtwissen darüber, was mich ärgern soll, zieht vielleicht noch mehr als der Ärger selbst eine Konsequenz nach sich:

Für mich ist solch ein Buch unbrauchbar geworden.




Apropos „Kracht“: Wie genial ist denn dieses Feuilleton von Marcuccio?



Rinks und lechts:


Martin Rath





Donnerstag, 12. April 2012

Von tiefsitzenden Traumatas - *Asterix hilf!

So, so.


Tiefsitzende „Traumatas“. Dafür wird in der FAZ-Leserbriefredaktion hoffentlich niemand tiefer gesetzt - im Angestelltentarif. Kann nicht jeder gleich in den *Lexikas nachschlagen. Und bei den grässlichen Leserbriefen zu Herrn Pimpf Eitel aus Danzig kann man ja auch schon mal den Überblick verlieren.

Der Asterisk ist bei den Philologen geklaut.

Bildquelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 86 vom 12. April 2012, Seite 32.

Hübscher Austriazismus

Das wäre eine wirklich schöne Bezeichnung für philosophische Lebensberatungspraxen, Detektivbüros für akademische Kundschaft, für Wissenschaftslektorate oder Recherchedienstleister:
Evidenzbüro
Diesen Austriazismus entdeckte ich zufällig in der Wikipedia, er bezeichnete den Geheimdienst im  k.u.k. Militär. Außerdem gibt es offenbar bis heute Evidenzbüros im Bereich der Gerichtsbarkeit.


Rinks und lechts:


Martin Rath






Dienstag, 10. April 2012

Den Grass, den kann ich nicht leiden


Am ehemals SPD-, dann NSDAP-eigenen Gebäude in Köln-Deutz sieht man bei ausreichender Nässe noch die Symbole. Günter Grass bräuchte wohl nur ein wenig kaschubische Aalsuppe dagegenzuspeien. Mit Rotz kennt sich der Mann ja aus.

Den Grass, den mag ich nicht leiden. Das liegt zunächst wohl in der Familie.

Mein Vater kommt ja auch aus Danzig. Mythenumrankt scheinen in Grass‘ Autohagiografie kaschubische Vorfahren auf. Mein Vater erinnert sich daran, dass seine Mutter wegen ihrer Kontakte zu slawischen Verwandten und Bekannten regelmäßig bei der Gestapo antreten musste. Mein Urgroßvater Franz war Kaschube. Da ist wenig Platz für Mythographien – in dieser Gegend war man „durchrasst und durchmischt“ (Edmund Stoiber). In den Kindheitserinnerungen meines Vaters kommt zudem diese eine Szene vor, die mir kalt an die Knochen ging, als er sie mit über 70 Jahren zum ersten Mal erzählte:

Eine alte Frau blickt hungrig auf ein Butterbrot, das sein kleiner Bruder – im Schlitten sitzend, vom großen Bruder gezogen – vor sich hinmümmelte. Onkel Norbert wird vier Jahre alt gewesen sein, man schrieb also das Jahr 1943. Der Kleine hat womöglich etwas unwillig gemümmelt, denn bis zum Zusammenbruch 1944/45 mästete das NS-Regime ja seine Leute mit ordentlichen Kalorienzahlen (vgl. Götz Aly). Verängstigt vom gierigen Blick der alten Frau suchten die Brüder das Weite.

Die gierige, die hungrige alte Frau trug den gelben Stern.

Das hat sich zugetan zu der Zeit als der später sehr moralstarke Herr Grass zum Angehörigen der Waffen-SS wurde und an der Doppelrune am Kragenspiegel nichts Anrüchiges fand. Als 15-Jähriger hatte sich der junge Herr Grass zu Luftwaffenhelferdiensten gemeldet. Interessant, dass ihn sein Geschick später, 17-jährig, verließ – andere haben sich durch freiwillige Meldung zu gewöhnlichen Wehrmachtsteilen vor der Einberufung in die noch etwas mörderischere Truppe zu schützen gewusst. Aber der junge Herr Grass fand, nach eigenen Worten, ja nichts Anrüchiges an der Runenuniform.

Was im regional zuständigen Konzentrationslager Stutthof geschah, darüber wusste man in Danzig mit einem erstaunlichen Grad an Details bescheid. (So viel forensische Psychologie, wie ich bislang gelesen habe, kann ich mit dem Zeitzeugnis meines Vaters recht kritisch umgehen: Man wusste offenbar schon einiges.)

Grass‘ barockisierende Gedichte aus den 1960er-Jahren finde ich sehr anziehend. Das liegt offenbar an meinem Barock-Fimmel in Musik und Lyrik, nicht am Grass. Über sein Romanwerk kann ich nicht urteilen. Zu seinem Israel-Iran-„Gedicht“ ging mir jetzt folgende nicht ganz so weit zurückliegende Begebenheit durch den Kopf:

Das Maulheldentum des „man muss doch aussprechen (dürfen)“ habe ich vor etwas mehr als 20 Jahren schon einmal erlebt. Nach einem Leserbrief zur Causa Schönhuber schrieben mir alte Waffen-SS-Kameraden böse Briefe, weil meine jugendliche Provokationslust sie zur Braunglut gebracht hatte. Unter den Entlastungsstrategien des braunen Packs damals: Israel gefährdet den Weltfrieden, wir haben nur unsere Pflicht getan.

Nicht, dass ich dem von Grass als Gedicht verbreiteten Untereinandergeschreibsel besondere lyrische Qualität beimessen würde. Ich mache mir deshalb gar keine ausführlichen Gedanken darüber, wie perfide sein Text wohl zu lesen wäre, wenn man ihn ungeachtet seiner poetischen Qualität unter dem sprachpragmatischen Aspekt der uneigentlichen Rede näher betrachten wollte. (Welche Vernichtungsphantasie wird hier „eigentlich“ evoziert? Wer sich an Gedichtanalyse-Methodik aus dem Schulunterricht erinnert, mag sich selbst daran versuchen.)

Mir reicht völlig, dass ich die Altnazi-Post von 1989 nur untereinanderschreiben bräuchte:
Fertig wäre das Grass-Gedicht.

Montag, 2. April 2012

Metaphernpeinlichkeit

x forderte y auf, sich schützend vor z zu stellen.
Diesen Satz hört man aktuell in den Nachrichten. Ob sich auch die Kollegen vom Printbereich diese Peinlichkeit leisten, wenn
z für die von der Schweiz zur Haft befohlenen deutschen Steuerfahnder steht,
x für einen SPD-Politiker, dessen Name mir vor lauter Metaphernverwegenheit gleich wieder entfallen ist und
y für den „Richelieu im Rollstuhl“, Bundesfinanzminister Schäuble, steht, der sich leibhaftig jedenfalls vor niemanden mehr stellen wird?
Oder ob man beim Schreiben vorsichtiger ist?
Unsinn und unglückliche Metaphern lassen sich leichter senden als schreiben.

Erfrischende Polemik am Morgen

Vor dem Badengehen: Normbedenken.

Dieter Simon, der scharfzüngige Rechtshistoriker (gut, dass Duellpistolen aus der Mode gekommen sind, er lebte sonst gefährlich in der ja nur oberflächlich formwahrend höflichen Zunft), hat eine Vortragsveranstaltung besucht.

Sein Sonntagsnachmittagsmissvergnügen dokumentiert er mit erfrischenden Kommentaren:
„Es werden zu wenige Gottesdienste im Radio angehört. Andernfalls könnte man sich nicht über die bodenlose Dummheit der NS-Menschen ereifern, an solche Märchen wie die 'Rassentheorie' geglaubt zu haben.“
„Wer der sprachanalytischen Philosophie anhängt, liest nicht Heidegger. Ein Christ greift schließlich nicht zum Koran.“
Für weitere garstige Befunde schlage man im Mops-Blog nach.