Mittwoch, 7. März 2012

Schaukastenlektüre


Ein Aushang wie dieser sagt mehr als 1.000 Worte, fotografiert habe ich ihn gestern an der Friedenskirche in Köln-Mülheim.

Laut statistischem Material der Stadt Köln gehörten der „kirchlichen Gemeinschaft“ (Joseph Ratzinger), also der Evangelischen Kirche im Rheinland zuzüglich hier vermutlich irrelevanter lutherischer und evangelisch-reformierter Gruppen *) im Jahr 2009 auf dem Stadtgebiet 172.833 Einwohnerinnen und -wohner an [Quelle PDF Seite 21/246].

An der Wahl des Presbyteriums nahmen 193 Menschen teil, mit Wahleinladungen - genauso wie bei Wahlen zu staatlichen Volksvertretungen - waren nach meiner Kenntnis alle Kirchenangehörigen benachrichtigt worden. (Zumindest warf einer meiner Nachbarn seine Karte gleich ins Werbepostaltpapier, das sah nach dem staatlichen Benachrichtigungsmodus aus).

Soweit sich mir der Aushang erschließt, stimmte man über eine Einheitsliste ab. Die Kandidaten wurden zwar online vorgestellt [hier am 07.03.2012 noch zu finden], ich habe sie aber dennoch oben anonymisiert.

Das Presbyterium ist ein demokratisches Gremium mit erheblichen Mitspracherechten.

Im Online-Auftritt der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Mülheim finde ich keine statistischen Angaben zur Zahl der Gemeindemitglieder, es überwiegt - aus nachvollziehbarem, historischem Stolz - die Vergangenheit. Zahlen sind ja mehr gegenwartsbezogen.

Darum mache ich einmal eine Milchmädchen-(m/w)-Rechnung auf: Angenommen, der Mülheimer Gemeinde würden nur fünf Prozent aller Kölner Protestantinnen und -tanten angehören, eine vermutlich grob untertriebene Zahl. Das wären folglich, nach Zahlen von 2009, 8.641 Personen. Gehen wir von 75 Prozent Wahlberechtigten aus, blieben 6.480.

193 von 6.480, das ergäbe in einer hübschen Prozentzahl eine Wahlbeteiligung von:  2,978395061728395

Hannes Stein, von Haus aus jüdischer Herkunft, hat einmal Papst Johannes Paul II. für dessen Kennerschaft in Sachen Sexualität gelobt - ungefähr in dieser Art: Der Mann habe etwas gegen Kondome, der Mann verstehe etwas von Sinnesfreude.

Dem möchte ich mich zwar aus epidemiologischen Gründen nicht anschließen, aber man könnte angesichts der Schaukastenzahlen zur Demokratie in der evangelischen Kirchengemeinschaft milde spotten: Von Demokratie scheinen die Papisten auch fast mehr zu verstehen als die konfessionellen Konkurrenzveranstalter.

In dogmatischen Dingen ist Demokratie ja ohnehin eine schwierige Sache. Da macht so ein römischer Wahlmonarch vielleicht mehr her als 2,978395061728395 Prozent.




*) Die Statistik der Stadt Köln verbucht vermutlich alle einer Körperschaft des öffentlichen Rechts angehörenden Protestantinnen und -tanten sowie anderen Evangelischen in dieser Zahl, unabhängig davon, die Landeskirche dürfte aber von erdrückender Größe sein.



Lechts und rinks:

Martin Rath





+ + + Nachtrag 31. Mai 2012 + + +
Von einem der gewählten Presbyter hörte ich, dass die Wahlbeteiligung bei 15 Prozent gelegen habe, was die begrenzte Reichweite meiner Milchmännchenrechnung belegt. Meine Fehleinschätzung kann verschiedene Gründe haben: Die Zahl der Wahlberechtigten müsste deutlich niedriger liegen als von mir grob aus der Statistik der Stadt Köln gesaugt. In Betracht kommen: Geografische Verteilung der Protestantinnen und -tanten im Stadtgebiet, höherer Kinderanteil (nun gut, vermutlich nicht), vielleicht auch eine deutlich größere Zahl freikirchlicher Protestantinnen und -tanten, die städtischerseits ja mitgezählt werden, soweit sie einer anderen Körperschaft des öffentlichen Rechts angehören als der Evangelischen Kirche im Rheinland.


15 Prozent sind natürlich immer noch nicht toll. Und um Beweise für die Überlegenheit des Katholizismus bin ich ja auch sonst nie verlegen.






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