Freitag, 16. März 2012

Einer der dunkelsten Tage Momente Belgiens

Vorhin hörte ich im Radio, dass ein belgischer Politiker davon sprach, der Unfall in der Schweiz, bei dem dieser Tage eine Gruppe belgischer Schüler starb oder schwer verletzt wurde, markiere einen der „dunkelsten Tage Momente Belgiens“.

Ob es von Politikern angemessen ist, sich in das private Leid und die Trauer von Bürgern einzuschalten, darüber kann man sicherlich streiten. Selbst wenn ich einem Politiker kein demoskopisches Kalkül, sondern persönliche Anteilnahme zuschreiben sollte - und ich weiß nicht, ob ich das will -, wäre immer noch zu fragen, ob den Hinterbliebenen nicht eine Form kollektiven Mitgefühls aufgezwungen wird, das sich jedenfalls unproportional zum persönlichen Drama verhält: Jetzt mag eine Welle Empathie herbeiwogen (heute hörte ich eine etwas törichte alte Dame vom Kerzenanzünden reden, obwohl sie keinerlei Verbindung zu den trauernden Menschen hat), aber umso schneller ist das Mitgefühl vielleicht auch wieder verflacht.

Aber das ist gar nicht der Anlass, hier etwas Kritisches zu notieren. Oben im Bild sieht man eine Doppelseite aus Adam Hochschildts Buch „Schatten über dem Kongo“, in dem der US-amerikanische Journalistikprofessor an den Massenmord belgischer - nennen wir sie neumodisch - „Sicherheitskräfte“ auf dem Gebiet des sogenannten Kongo-Freistaats, der Privatkolonie des Königs der Belgier, Leopold II., erinnert.

Beim Griff ins Regal fällt mir eine Todesanzeige aus dem Jahr 2009 entgegen. Verstorben war, dem Namen nach, ein flämischsprachiger Belgier, Träger eines nach Leopold II. benannten Ordens: „Ridder in de Orde van Leopold II.“.

Vielleicht wird damit schon klar, warum mir die Phrase vom „dunkelsten Tag Moment“ missfällt. Belgien hat sich dem kolonialen Massenmord, der nach der Übernahme der Privatkolonie durch den belgischen Staat zwar langsam abflaute, aber nicht gesühnt wurde, in einer Veranstaltung, die man hierzulande „kollektives Gedächtnis“ nennt, nicht gestellt.

Zehn-, hunderttausende mit der Nilpferdpeitsche zu Tode geprügelte Menschen, wegen unzureichender Zwangsarbeit mit abgehackten Händen gerade am Leben Gelassene, ein - jedenfalls angesichts seines dieser Tage vom Internationalen Strafgerichtshof abgeurteilten Ex-Schülers - von der katholischen Kirche hinterlassenes Bildungssystem der übleren Sorte, die Ermordung von Politikern der jungen unabhängigen Republik Kongo - es gibt eine lange Liste von Sachverhalten, für die sich das „kollektive Gedächtnis“ Belgiens sehr lange Trauerminuten gönnen könnte, in denen das öffentliche Schweigen laut wird.

Der Massenmord im Auftrag und zur Bereicherung des Königs der Belgier kostete, gezählt hat es niemand, womöglich zehn Millionen Menschen das Leben.

Nein, trauernde Eltern und Geschwister haben alles Recht der Welt, öffentlich oder privat mit zerissenem Herzen aufzutreten. Belgische Memorialpolitik aber bleibt solange verderbt und widerwärtig wie belgische Straßen unbedarft nach Menschheitsverbrechern benannt sind und sich belgische Ehrenmänner mit Ordenstiteln schmücken, die nach einer der blutrünstigsten Kreaturen des europäischen sogenannten Adels benannt sind.





Erratum/Korrektur
Der Auszug aus der Trauerrede des belgischen Ministerpräsidenten war irgendwann in der Nacht noch einmal zu hören. Ich korrigiere darum vom „Tag“ zum „Moment“. 17.03.12



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