Freitag, 30. März 2012

Vaterfreude

Mit ungläubigen Augen lese ich in der FAZ von heute (Seite 29) über einen Vorgang aus der Wunderwelt der Biologie, der mir bislang entgangen war und mangels Interesse wohl auch geblieben wäre, läse man von ihm nicht im Frankfurter Haupt- und Staatsaktionsblatt. Zu lesen war dort:
„Jetzt, da Sigmar Gabriel bald Vater wird, dachten sich ein paar Frauen, es sei höchste Zeit, dem SPD-Mann einige Fragen bezüglich seines Verständnisses der Papa-Rolle zu stellen, denn schließlich wird dem Kind der Bundestagswahlkampf folgen, und so ein Bundestagswahlkampf ist eine anstrengende Sache, die man nicht unterschätzen sollte.“ (Fettung von mir)
Ich muss gestehen, dass mir der alte Herrenwitz über Queen Victoria und Prinz Albert als erstes durch den Kopf ging, ihn werde ich hier aber nicht wiederholen, auch wenn er im Falle Gabriels mit umgekehrtem Geschlechtervorzeichen funktioniert.
Zitieren möchte ich nur den von Matthias Beltz stammenden Satz über Rudolf Scharpings ebenso spätes wie öffentlich in Szene gesetztes Liebesglück: „Frauen gibt es.“

Mittwoch, 28. März 2012

Ross Thomas: Der Yellow-Dog-Kontrakt


Ross Thomas: „Der Yellow-Dog-Kontrakt“, Alexander Verlag Berlin, 1. Auflage 2010. Für 14,90 Euro hier erworben.

Gar so häufig lese ich Thriller ja nicht, aber Ross Thomas hat es mir wirklich angetan. Kritiken aus der Perspektiven etwas robusterer Leser finden Sie hier und dort.

(Zum Yellow-dog contract die freundliche, also englischsprachige Wikipedia.)

Den oben verlinkten Kritiken will ich, wiederum, nicht allzu viel hinzufügen. Man kann es mit der Datenflut in diesem Internetdings ja auch übertreiben. Interessant fand ich an der Verschwörungskonstellation dieses Romans (um solche geht es ja in - soweit ich das bisher überblicke - allen Thomas-Thrillern), den folgenden Aspekt:

Damit verrät man, glaube ich nicht zu viel: Eine im Dunklen bleibende Gruppe betreibt einen Streik des öffentlichen Dienstes in den zwölf größten Städten der USA. Obwohl dies auf dem Schachbrett des Präsidentschaftswahlkampfes (angesiedelt in der Zeit nach der Watergate-Affäre) eine Verschwörung von dramatischen Auswirkungen sein könnte, bleibt der Informationsfluss zum Strategen (von Thomas beschrieben: der benachteiligte Präsidentschaftsbewerber) zunächst stark gehemmt. Das klandestine Treiben in den Gewerkschaftsorganisationen (die in den USA von jeher eher die Anmutung von Mafia, Geheimdienstverstrickung etc. hatten, die deutschen Genossen marschieren da vergleichsweise wie das preußische Militär) bleibt in einer Sphäre des für die Öffentlichkeit Zugänglichen, von den Vertretern der Öffentlichkeitsproduktion aber ignorierten.

In einer hübschen Szene wird die Dummheit der Journalisten vorgeführt, die sich in Washington mit Hofberichterstattung beschäftigen, statt schlicht ein paar Gespräche in der Provinz zu führen.

Liebhaber des US-amerikanischen Realismus, nennen wir so unterschiedliche Namen wie Ross Thomas, Ambrose Bierce, Barbara Ehrenreich, kommen auf ihre Kosten.


Nebenbemerkung: Vorgestern hörte ich zwei „Grünen“-Bundestagsabgeordnete, die traditionell eher dem linken Flügel zugeordnet werden, von einer „Wertebasis“ sprechen, mit deren Hilfe etwa der demoskopisch messbaren Piraterie beigekommen werden solle.
Mir half Ross Thomas beim Dekontaminieren: Ich finde solche Herz-Jesu-Rhetorik im politischen Raum ganz grässlich. Wenn ich Frömmelei hören will, kann ich ja auch in dunklen Stunden Selbstgespräche führen.

Nebenbemerkung II: Die Übersetzungsgeschichte der Ross-Thomas-Bücher ist ja ein Elend für sich. Der Alexander-Verlag bringt glücklicherweise neu bearbeitete Fassungen heraus, was, nebenbei, auch die Amazon-Gebrauchtbuch-Suche ad absurdum führt. An zwei, drei Stellen blieb mir freilich, ohne Kenntnis des Originals, die Übersetzung etwas fremd. So fand sich (S. 104) ein Hinweis auf die Neuzählung der Stimmen bei einer Senatorenwahl, die „bundesweit“ erfolgt sein soll. Das ist vermutlich falsch. Das Wahlrecht für Kongresswahlen ist viel weitgehender Staatensache als etwa das Bundestagswahlrecht von den deutschen Bundesländern beeinflusst würde. Nachgezählt wurde hier wahrscheinlich „staatsweit“. Etwas relikthaft wirken auch die öfter genannten „Stadtdirektoren“. Als Chefbeamte deutscher Stadtverwaltungen waren sie hierzulande geläufig, bis die deutschen Gesetzgeber das 1945 importierte britische Kommunalverwaltungsrecht wieder zu beseitigen begannen. Stadtdirektoren kennt man hierzulande heute kaum noch. Ob das in den USA jemals anders war?
Der „internationale Verband“, hinter dem ein Einflusszirkel der CIA auf die internationale Gewerkschaftsbewegung stand (dieser tote schwedische Ministerpräsident lässt freundlich vom studentischen Pendant grüßen), wird relativ schlecht im Roman präsent gehalten - man muss schon einigermaßen aufpassen, um seine Erwähnung als Signal für ein „ab hier mischte die CIA mit“ im Kopf zu behalten.




Lechts und Rinks:



Martin Rath









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Montag, 26. März 2012

Bundeslandwirtschaftsministerin subventioniert FAZ

Nichts dagegen, dass vom Bundeslandwirtschaftsministerium in der FAZ großformatige Anzeigen geschaltet werden. Dort wird man sich den Schneid schon nicht abkaufen lassen. (In der Mittelklassepresse mag das anders aussehen.)

Als ich jetzt in der FAZ von heute diese hübsche ganzseitige Anzeige sah, viel Weißraum und ein riesiger Apfelquerschnitt (ein nicht ganz perfektes Stück, an dessen Verzehrqualität ich aber nicht den Anflug eines Zweifels vermittelt bekomme), stellen sich drei kleine Fragen:

  1. Warum müssen die - hoffentlich bürgerlichen, vermutlich im Durchschnitt etwas älteren - Leser dieser Zeitung mit dem „Bild“-Zeitungs-Vertrottelungs- und Vereinnahmungs-„wir“ angesprochen werden? Nur weil „wir [...] Papst [sind]“, brauchen  „wir“ uns noch längst nicht so dumm anmachen zu lassen.
  2. Seit wann ist der Durchschnittsbürger mit den Reklamebeauftragten des Ministeriums per „Du“?
  3. Ist es nicht so, das ein Großteil der Lebensmittel von Produzenten und Händlern vernichtet wird, so dass ein individuelles Änderungsbedürfnis den hier angesprochenen Verbraucher zum Ährenlesen auf den Acker oder zur Abfallrettung in die nächste Supermarkt-Mülltonne treiben müsste?
Mir fallen drei Antworten ein:
  1. Ich nicht. Kann ich nicht beweisen, aber ich habe auch schon drastisch abgelaufene Buttermilch mit Obst püriert oder kräftig angedunkelte Butter zum Waffelnbacken benutzt (nicht für Gäste, aber auch ich habe mir den Magen dabei nicht verdorben).
  2. Erwachsenen darf man höflich begegnen, sogar wenn sie niedlicher aussehen, als der mutmaßliche FAZ-Leser. Unlängst habe ich mich in der Universitätsbibliothek dabei ertappt, mir das Nacheilen hinter einer Studentin, die ihren leeren Bücherbeutel fallen gelassen hatte, per „Sie“ beendet zu haben.
  3. Könnte also schlicht am Hauptproblem vernichteter Lebensmittel vorbeigeschrieben sein, sofern nicht die Aigner dem Bauern die Verbraucher auf den Acker holen will oder dem Supermarkt den Kunden in den Müllcontainer.

Wahrhaftig, das ist ja mal wieder gute Regierungswerbung.


Rinks und lechts:

Martin Rath





Mittwoch, 21. März 2012

Kalauer zum Speichelprobewesen

Polizeieinsatz an einem größeren Gewässer

In den Lawblogs setzt sich die unendliche Geschichte des polizeilichen Speichelprobewesens und seiner juristischen Würdigung fort wie die Spur eines verschnupften Tollwutkranken in einem feuchten Winter.

Mir ging dazu gerade ein Kalauer durch den Kopf, ob ich für ihn Priorität anmelden kann, sei dahingestellt.

Polizist: Wir erwarten von Ihnen, dass Sie eine Speichelprobe abgeben.
Verwaltungsuntertan: Tut mir leid, ich bin selbst ein armer Schlucker.



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Dienstag, 20. März 2012

Nutschenraum

Was, du liebes bisschen, ist ein
Nutschenraum,
Mal schauen, wohin dieses Posting führt.



Links nicht rechts:

Martin Rath








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Michael Salewski „kürzlich verstorben“


Oben im Bild: Die Ausbildung des bekannten „Bürgers in Uniform“ avant la lettre durch den auch später damit betrauten Bildungsbeauftragten. Man muss nicht seekrank werden, um eine gewisse Grundübelkeit zu empfinden.

In einer im Übrigen hörenswerten Sendung auf Deutschlandradio Kultur zur Inbetriebnahme des ersten neu gebauten U-Boots der deutschen Kriegsmarine nach dem letzten größeren Krieg stellte der doch recht medienbekannte Historiker Bernd Ulrich den weitaus weniger bekannten Kollegen Michael Salewski als „kürzlich verstorben“ vor.

Im vergangenen Jahr habe ich für einen Freund noch antiquarisch ein Exemplar von Salewskis „Zeitgeist und Zeitmaschine“ beschafft, ein Buch, das ich seit 1986 besitze und bestimmt zwei Mal mit Erkenntnisgewinn gelesen habe.

Der erste Schreck des heutigen Morgens, dass ich in den vergangenen Wochen einen - jedenfalls für mich - prominenten Todesfall nicht „mitbekommen“ haben könnte, legte sich bei einem Blick in die Wikipedia.

Als Todestag von Michael Salewski ist der 4. Mai 2010 verzeichnet, was hoffentlich auch für einen Historiker kein „kürzliches“ Ereignis ist. Denn, würde das berufliche Zeitempfinden derart aufs lebensweltliche abfärben, müsse sich ja ein Astrophysiker wie eine Noch-nicht-einmal-Eintagsfliege im Universum fühlen.


Das war nun der zweite Fall, in dem ich mich nach dem „Qualitätsmanagement“ der Sendung „Kalenderblatt“ frage, zu deutsch: nach der redaktionellen Kompetenz. Vor Wochen wurde, ich glaube zum Jahrestag der Erstproduktion einer Chemikalie in den Labors der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin, damals zu Kaisers Zeiten, von einem Chemiker, der die Umbenennung dieser Einrichtung vielleicht gar nicht mehr miterlebt hat, der Ort seiner Erkenntnis als Humboldt-Universität vorgestellt. Das hatte etwas von einer Sendung über die Kochkurse der Gattin des Armin Cherusk an der Volkshochschule von Bielefeld, kurz bevor die italienischen Truppen einmarschierten, den Nordrhein-Westfälinen und -falen die Pizza aufzuzwingen.



Nachtrag: Ein Kollege weist via Google plus (Neugierige bitte dorthin wechseln) auf das Stehsatz-Problem hin. Die Sendung könnte schon einige Zeit auf ihre Ausstrahlung gewartet haben. Als Online-Schreiber mit kurzen Wartefristen war mir dieser Aspekt zugegebenermaßen nicht besonders präsent. Die Aussage oben werde ich aber nicht überarbeiten. Auch kräftiges Dahergeschimpfe über mögliche Irrtümer soll schließlich öffentlich bleiben - fällt es eben auf mich zurück.




Rinks und lechts:


Martin Rath








Montag, 19. März 2012

SPIEGEL-Korrektorat


30 Jahre nach dem Falkland-Krieg fordert Argentinien die Rückgabe der Schaf- und Pinguin-Eilande von Großbritannien; seit fast 200 Jahren streiten sich die beiden Staaten um die Inselgruppe.
cf. DER SPIEGEL Nr. 12/2012 vom 19.03.2012, Seite 152.

Der Satz steht zwar nur in einer „Personalie“ über den angenehm depressiv singenden, aber etwas manisch politisierenden Morrissey - und die „Personalien“ sind für das Nachrichtenmagazin ja im Allgemeinen auch nur der Ort ein Stück halbnackter Frau zu präsentieren (wenn das nicht schon vorher ins Blatt passte) und sonst ein wenig Tratsch über die sogenannte Prominenz zu drucken.

Daher will man es mit der Genauigkeit hier vielleicht nicht zu eng sehen.

Wie man aber eine komplexe völkerrechtliche und historische Frage in einen derart verwirrenden Aussagesatz hineinpressen kann, wird wohl dem „Spiegel“-Korrektorat (aka Schlussredaktion aka Dokumentation) hoffentlich ein Rätsel sein.

Denn, durchwinken darf man das keinesfalls.



Rinks und Lechts:

 Martin Rath












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Kiesows gar anschlussfähige Jagd?


Rainer Maria Kiesow, Verfasser der wohl ungewöhnlichsten Habilitationsschrift juristischer Konfession, notierte gestern im Mops-Blog, dass ein französischer Autor die Eigenschaften eines guten Juristen mit jenen eines guten Jägers analogisiert bzw. metaphorisiert habe.

Kiesows Posting ist nicht lang, nicht unhöflich, einfach nur zu verweisen. Für den, der von dort hierher zurückkehrt:

Fraglich ist, wie anschlussfähig der Topos ist. Frankreich hat die Jagd in den Jahren 1789 ff. demokratisiert, jedenfalls schießt der gemeine Bauer gar fleißig auf die bewegliche Natur. Die französische Justiz wirkt, von außen betrachtet jedenfalls, allerdings wie eine feudale Einrichtung.

In Großbritannien scheint die Jagd (ich kenne mich mit dem Töten von Tieren unter freiem Himmel nicht so aus) ein recht aristokratisches Vergnügen geblieben zu sein. Mit der Justiz assoziiert man vielleicht auch Perücken, Plüsch und Lawlord-Titel, das erste populäre Sachbuch für den rechthaberischen Bürger wie Du und Ich schrieb dort aber Richter Blackstone schon zur Zeit der nicht zuletzt jagdaristokratiefeindlichen Franzosentumulte (die einen starken Bauernstand hervorbrachten, mit dem das Land heute noch ökonomisch hinterherhinkt).

Und welche Metapher sich aus dem deutschen Jagdwesen saugen ließe, ist mir ein Rätsel. Komisch ist immerhin die juristische Seite.

Möglich, dass über die individualpsychologische Sicht hinaus, die Kiesow'sche Jäger-Juristen-Analogie nicht trägt. In stiller Ehrfurcht vor der polemischen Leidenschaft der Neuesten Frankfurter Schule der Juristerei neige ich dazu, mich glücklich zu schätzen, den Inhabern des rechtshistorischen Jagdpachtbezirks bisher selbst noch nicht vor die Flinte gekommen zu sein.


Lechts und rinks:



Martin Rath








Samstag, 17. März 2012

Lieblingssatz für heute

Probleme sind ein nachwachsender Rohstoff.
Der Satz findet sich in Wolf Lotters Titelthemen-Essay der aktuellen „Brandeins“-Ausgabe, der etwas - man darf unterstellen, absichtsvoll - „man-haft“ beginnt (so „man-haft“, dass man bei einem anderen Autor vermutlich schon über die üble Heideggerei schimpfen würde), gewinnt dann aber noch an Stärke.

Den Rest des Tages dürfte Korrekturlesen einnehmen. Die Ironie des Lieblingssatzes für heute fällt mir erst beim Schreiben dieses Postings auf.


Rinks & lechts:


Martin Rath













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Freitag, 16. März 2012

Einer der dunkelsten Tage Momente Belgiens

Vorhin hörte ich im Radio, dass ein belgischer Politiker davon sprach, der Unfall in der Schweiz, bei dem dieser Tage eine Gruppe belgischer Schüler starb oder schwer verletzt wurde, markiere einen der „dunkelsten Tage Momente Belgiens“.

Ob es von Politikern angemessen ist, sich in das private Leid und die Trauer von Bürgern einzuschalten, darüber kann man sicherlich streiten. Selbst wenn ich einem Politiker kein demoskopisches Kalkül, sondern persönliche Anteilnahme zuschreiben sollte - und ich weiß nicht, ob ich das will -, wäre immer noch zu fragen, ob den Hinterbliebenen nicht eine Form kollektiven Mitgefühls aufgezwungen wird, das sich jedenfalls unproportional zum persönlichen Drama verhält: Jetzt mag eine Welle Empathie herbeiwogen (heute hörte ich eine etwas törichte alte Dame vom Kerzenanzünden reden, obwohl sie keinerlei Verbindung zu den trauernden Menschen hat), aber umso schneller ist das Mitgefühl vielleicht auch wieder verflacht.

Aber das ist gar nicht der Anlass, hier etwas Kritisches zu notieren. Oben im Bild sieht man eine Doppelseite aus Adam Hochschildts Buch „Schatten über dem Kongo“, in dem der US-amerikanische Journalistikprofessor an den Massenmord belgischer - nennen wir sie neumodisch - „Sicherheitskräfte“ auf dem Gebiet des sogenannten Kongo-Freistaats, der Privatkolonie des Königs der Belgier, Leopold II., erinnert.

Beim Griff ins Regal fällt mir eine Todesanzeige aus dem Jahr 2009 entgegen. Verstorben war, dem Namen nach, ein flämischsprachiger Belgier, Träger eines nach Leopold II. benannten Ordens: „Ridder in de Orde van Leopold II.“.

Vielleicht wird damit schon klar, warum mir die Phrase vom „dunkelsten Tag Moment“ missfällt. Belgien hat sich dem kolonialen Massenmord, der nach der Übernahme der Privatkolonie durch den belgischen Staat zwar langsam abflaute, aber nicht gesühnt wurde, in einer Veranstaltung, die man hierzulande „kollektives Gedächtnis“ nennt, nicht gestellt.

Zehn-, hunderttausende mit der Nilpferdpeitsche zu Tode geprügelte Menschen, wegen unzureichender Zwangsarbeit mit abgehackten Händen gerade am Leben Gelassene, ein - jedenfalls angesichts seines dieser Tage vom Internationalen Strafgerichtshof abgeurteilten Ex-Schülers - von der katholischen Kirche hinterlassenes Bildungssystem der übleren Sorte, die Ermordung von Politikern der jungen unabhängigen Republik Kongo - es gibt eine lange Liste von Sachverhalten, für die sich das „kollektive Gedächtnis“ Belgiens sehr lange Trauerminuten gönnen könnte, in denen das öffentliche Schweigen laut wird.

Der Massenmord im Auftrag und zur Bereicherung des Königs der Belgier kostete, gezählt hat es niemand, womöglich zehn Millionen Menschen das Leben.

Nein, trauernde Eltern und Geschwister haben alles Recht der Welt, öffentlich oder privat mit zerissenem Herzen aufzutreten. Belgische Memorialpolitik aber bleibt solange verderbt und widerwärtig wie belgische Straßen unbedarft nach Menschheitsverbrechern benannt sind und sich belgische Ehrenmänner mit Ordenstiteln schmücken, die nach einer der blutrünstigsten Kreaturen des europäischen sogenannten Adels benannt sind.





Erratum/Korrektur
Der Auszug aus der Trauerrede des belgischen Ministerpräsidenten war irgendwann in der Nacht noch einmal zu hören. Ich korrigiere darum vom „Tag“ zum „Moment“. 17.03.12



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Sonntag, 11. März 2012

Lahusen, ulkige Bezüge

Dass die Aufnahme eines Buches von Benjamin Lahusen, der im Nebenberuf deutsche Plagiatsmärkte umpflügte, in eine Amazon-Wunschliste zu einem ulkigen Anschaffungsvorschlag führte, der Überlegungen zur Fruchtbarkeit deutscher Jungakademiker provozierte, habe ich in einem anderen Posting schon vermerkt.

Gestern begegnete mir in Ross Thomas' „Am Rand der Welt“ ein ziemlich windiger „Graf Lahusen“, der auf den Philippinen der Marcos- und Kurz-nach-Marcos-Ära raffinierte Geschäfte macht.

Hauptsache, es ist kein fränkischer Freiherr. Ross Thomas, der länger in Deutschland arbeitete, wusste offenbar, was er vom deutschen Adel halten soll.

+++ Nachtrag 16.03.2012 +++

Als Nebenfigur taucht Graf Lahusen auch in Ross Thomas „Voodoo, Ltd.“ auf. Er hat sich vergeblich um seine Güter im vormaligen Mitteldeutschland bemüht, wo ihm die Ureinwohner einen Buckel zum Rutschen wiesen. Weil ich bei Thomas bisher noch keine Crossover-Besetzungen entdeckt habe, wird es damit wohl auch mit dem Grafen sein Bewenden haben.



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Freitag, 9. März 2012

Vom Schreibtisch geräumt: Kemal Bozay


In meinen schwachen Stunden, wenn mich der zarte Selbstzweifel übermannt, dass meiner politischen Gesinnung (eine Art anarchokapitalistisches Gutmenschentum mit fetter, schwarz-grüner Patina) ein leicht irrationaler Dachschaden abzulesen Zug anhaften könnte, wenn mich die  Erotik einer Mischung aus Preußentum, Positivismus und Sozialismus anficht und mich nur noch der grausam-enterotisierende Gedanke an die Kölner Sozialdemokratie, namentlich der Bembelsozialisten in meinem Stadtteil, von weiterer Gesinnungslosigkeit abhält - da fallen mir, ausgerechnet, Bücher wie dieses in die Hand.

Man kann sich darüber streiten, ob unser amtierender Bundesinnenminister ein besonders schlauer Kopf ist. Nicht zweifeln braucht man jedenfalls daran, dass Hans-Peter Friedrich die oben abgebildete Stelle nicht handschriftlich markiert hat. (Ich war es auch nicht. Erstens mache ich so etwas nicht. Zweitens: So feminin sieht meine Handschrift nicht aus.)

Lange Vorrede kurzer Sinn:
Kemal Bozay hat 2005 eine Dissertationsschrift drucken lassen, seine Untersuchung „... ich bin stolz, Türke zu sein!“ Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung, betreut u.a. vom umtriebigen Professor Butterwegge, bietet einen zweifellos besseren intellektuellen Aufriss aktueller Probleme als, sagen wir, die Augsburger Dissertation „Die Testamentsvollstreckung an Kommanditanteilen.“. (Überhaupt, bayerische Dissertationen! Löckt dort eigentlich stets die österreichische Promotionskonkurrenz?)

Kemal Bozay ist für die Linkspartei in die Bezirksvertretung Köln-Mülheim gewählt worden. Sonst hätte ich dort oben nicht hineingeschaut.

Und Seite 117 hätte der gute Dr. Friedrich lieber einmal beherzigt, bevor er mit seiner jüngsten Auftragsstudie bei der BamS Stimmung machen ging.






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Donnerstag, 8. März 2012

Bleibt leider ungelesen: Axel E. Freiers Multi-Kondratieff-Zyklen


Seit Otto Michael Blume, Geschichtspädagoge zu Düsseldorf, gegen Ende seines zweijährigen Unterrichts einmal Kondratieff-Zyklen auf die Tafel zeichnete (Kreide auf Plastik, gibt es das eigentlich noch?) und sich mir diese Lektion das als bemerkenswert esoterischer Ausrutscher ins Gedächtnis haftete (ob zu Recht, muss dahingestellt bleiben), wollte ich mich der Sache einmal annehmen.

Von Evolution und Autopoiesis habe ich ja inzwischen, die Anekdote spielte 1995, einen vagen Begriff, „Emergenz“ kam als zu knackende Modevokabel hinzu. China, seit 1985 ein mindestens beiläufig gepflegtes Thema, reizte bei äußerem Augenschein, dieses Buch eines inneren zu würdigen.

Leider ist es in meiner aktuellen Leseökonomie nicht zu stemmen. Um in den Regalen einer Universitäts- und Stadbibliothek zu versauern (tun das Bücher eigentlich noch?), scheint es mir aber doch zu schade. Bleibt mir, sein Fortkommen aus den Regalmetern ein wenig zu befördern, indem ich einige Zitate online stelle - aus dem Vorwort - und es dann mit Bedauern über die kurze Lebensfrist zurückzutragen.

Bibliografie: 
Freier, Axel E. „Multi-Kondratieff-Zyklen in der chinesischen Wirtschaftsgeschichte. Eine holistische Theorie über die innovatorisch-iterative Evolution, die Entwicklungsfähigkeit und die Autopoiese volkswirtschaftlicher Systeme“ Marburg 2007 (Amazon-Link)

Zitate:
„Es herrscht ein durchaus ambivalentes Verhältnis: einer China-Euphorie und den damit verbundenen Investitionsvorhaben steht eine Outsourcing-Welle in der deutschen Wirtschaft gegenüber, die Arbeitsplätze kostet.“
„(W)irtschaftstheoretisch bedeutet dies den Einstieg in Basisinnovationen und ihre konsequente Förderung. Basisinnovationen erzeugen so viele Koppelungswirkungen, daß für alle beteiligten Standorte mehr als die Brotkrumen eines globalisierten Wettbewerbs übrig bleiben. Das ‚wie‘ führt zurück zur Frage daoistischer Aktionsparameter.“
„Alle diese angesprochenen Prozesse bewirken, daß mittlerweile nicht nur geringer qualifizierte Arbeitnehmer um ihre Positionen fürchten müssen, sondern auch höchstqualifizierte Akademiker vom Outsourcingprozeß erfaßt werden und ihre Jobs an Kollegen in Indien oder China abtreten müssen. Einbußen und Stagnation der Realeinkommen – seit über einem Jahrzehnt in Deutschland die Normalität – sind die Folge. Auch eine Superqualifikation der Arbeitskräfte bietet keinen Ausweg aus einer innovationsschwachen Wirtschaft. “  (a.a.O. Seite IV; Hervorhebungen i.O.)

Mittwoch, 7. März 2012

Noske-Law featuring Godwin's law

Gustav Noske ist nicht beliebt.

Der sozialdemokratische Politiker zählte schon in der SPD-Reichstagsfraktion im Kaiserreich zum rechten Flügel der roten Strolche des parlamentarischen Flügels der ArbeiterInnenbewegung. Indem er gegen die radikale Linke der deutschen Revolution von 1918/19 ausgerechnet mit jenen Teilen des Militärs paktierte, die sich nicht nur durch Antibolschewismus, sondern auch durch ausgesuchte, ja ausgesucht blutrünstige Verfassungsfeindlichkeit „auszeichneten“ hat Gustav Noske seinen Ruf wohl endgültig ruiniert.

Nach der großen Enzyklopädie zusammengstrickter Erkenntnis kam Noske, von der SPD auf den Posten eines preußischen Super-Regierungspräsidenten abgeschoben, 1933 in den Genuss, sein Ausscheiden aus dem Amt mit Hermann Göring persönlich verhandeln zu dürfen.

Außerdem finden sich Anhaltspunkte für antisemitische Gesinnung.

Nein, Gustav Noske ist nicht beliebt. Und er wird es mit Sicherheit außerhalb rechtsradikaler Kreise auch nicht mehr werden. Mich interessiert allerdings ein relativ unverfängliches Detail von Noskes Biografie: Der Mann ist jetzt bald mal gute 66 Jahre tot.

Unlängst wurde über den Gastauftritt des Star-Sozialdemokraten Helmut Schmidt bei seiner Partei beim SPD-Bundesparteitag 2011 gespottet, die Rede des 1918 Geborenen entspräche einem Auftritt des 1818 geborenen Karl Marx bei einem SPD-Reichsparteitag von 1911.

Selbst wenn man allerdings eine gewisse Wertschätzung der Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten, Seifenkisten für ihre lieben Untoten annehmen darf - und neben der Wertschätzung selbstredend auch für deren Gegenteil -, Gustav Noske ist bald 66 Jahre tot. Darauf reite ich gerne herum, denn nach einem bekannten Schlager aus Österreich fängt das Leben zwar mit 66 Jahren an, aber der Tod hört nach 66 Jahren - soweit ich gehört habe - noch lange nicht auf.

Gleichwohl wird Noske sogar noch in einem Kommentar als Negativbeispiel schlimmer Realpolitik von links angeführt, der sich der angeblich unzureichenden Strafverfolgungsmaßnahmen gegen überlebende NS-Täter in Baden-Württemberg annimmt. Ein Kommentar aus dem Jahr 2011, wohlgemerkt. Gekommen bin ich auf den Kommentar über eine Auseinandersetzung, ob das linke Lager den lieben Winfried Kretschmann nicht allzu sehr zausele.

Das ist mir, ganz gleich, was ich von Herrn Kretschmann oder Herrn Noske halte, einfach nur zu dumm. Und ich bemerke, dass ich schon seit längerem allergisch reagiere, wenn linke Leute mit 1918/19 oder dem ollen Noske kommen. Hier in Köln-Mülheim gibt es einige Herrschaften, die das auch immer wieder gerne tun. Da heißt es dann, Barbara Moritz, die GRÜNEN-Fraktionsvorsitzende, mache den Noske.

Grauenhaft.

Mir scheint, die linken Herzinnen und Herzen sollten sich den Gefallen tun, und beim Stichwort „Noske“ analog zu „Godwin's Law“ reagieren, das ja neben der deskriptiven Seite auch eine normative hat: Schreibt jemand in einem Onlinediskussionsstrang „Hitler“ führt das ja meist dazu, den Sinn weiterer Diskussion mit dem Stichwortwerfer zu bezweifeln und gegebenenfalls mit aktiver Troll-Bekämpfung zu beginnen.

Aber was rede ich: „gegebenenfalls mit aktiver Troll-Bekämpfung beginnen“?

Ich klinge ja schon, als wollte ich den Noske machen.




Wilhelm Grobben

Oben im Bild sehen Sie eine Doppelseite aus Wilhelm Grobbens Mundartdichtungsbüchlein „En Stöckske Hert“, das 1940 im „ Völkischer Verlag G.m.b.H. Düsseldorf“ erschien.

Warum ich mir das in den Bibliothekskorb der Universitäts- und Stadtbibliothek gelegt hatte, weiß ich nicht mehr. Das Gedicht über das „Soldatejrav“ scheint mir noch am ehesten in jene Zeit passend zu sein. Richtig durchgequält durch die - in diesem Fall für meinen Geschmack leseunfreundliche - Frakturschrift, die durch die anti-intuitive Verwendung in der Transkription des Niederrheinischen zusätzlich hinderlich wirkt, richtig durchgequält habe ich mich nicht, aber der erste Eindruck ist: Größtenteils ist das harmlos, bieder und auch mit geringem Anspruch nichts dabei, was auch nur minimal anrühren könnte.

Das geflügelte Wort vom Gedichteschreiben oder Baumbesprechen, das in verbrecherischen Zeiten zum Verbrechen werde, man kann es darauf anwenden oder es ein Bewenden haben lassen.


Lechts und Rinks:


Martin Rath









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Schaukastenlektüre


Ein Aushang wie dieser sagt mehr als 1.000 Worte, fotografiert habe ich ihn gestern an der Friedenskirche in Köln-Mülheim.

Laut statistischem Material der Stadt Köln gehörten der „kirchlichen Gemeinschaft“ (Joseph Ratzinger), also der Evangelischen Kirche im Rheinland zuzüglich hier vermutlich irrelevanter lutherischer und evangelisch-reformierter Gruppen *) im Jahr 2009 auf dem Stadtgebiet 172.833 Einwohnerinnen und -wohner an [Quelle PDF Seite 21/246].

An der Wahl des Presbyteriums nahmen 193 Menschen teil, mit Wahleinladungen - genauso wie bei Wahlen zu staatlichen Volksvertretungen - waren nach meiner Kenntnis alle Kirchenangehörigen benachrichtigt worden. (Zumindest warf einer meiner Nachbarn seine Karte gleich ins Werbepostaltpapier, das sah nach dem staatlichen Benachrichtigungsmodus aus).

Soweit sich mir der Aushang erschließt, stimmte man über eine Einheitsliste ab. Die Kandidaten wurden zwar online vorgestellt [hier am 07.03.2012 noch zu finden], ich habe sie aber dennoch oben anonymisiert.

Das Presbyterium ist ein demokratisches Gremium mit erheblichen Mitspracherechten.

Im Online-Auftritt der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Mülheim finde ich keine statistischen Angaben zur Zahl der Gemeindemitglieder, es überwiegt - aus nachvollziehbarem, historischem Stolz - die Vergangenheit. Zahlen sind ja mehr gegenwartsbezogen.

Darum mache ich einmal eine Milchmädchen-(m/w)-Rechnung auf: Angenommen, der Mülheimer Gemeinde würden nur fünf Prozent aller Kölner Protestantinnen und -tanten angehören, eine vermutlich grob untertriebene Zahl. Das wären folglich, nach Zahlen von 2009, 8.641 Personen. Gehen wir von 75 Prozent Wahlberechtigten aus, blieben 6.480.

193 von 6.480, das ergäbe in einer hübschen Prozentzahl eine Wahlbeteiligung von:  2,978395061728395

Hannes Stein, von Haus aus jüdischer Herkunft, hat einmal Papst Johannes Paul II. für dessen Kennerschaft in Sachen Sexualität gelobt - ungefähr in dieser Art: Der Mann habe etwas gegen Kondome, der Mann verstehe etwas von Sinnesfreude.

Dem möchte ich mich zwar aus epidemiologischen Gründen nicht anschließen, aber man könnte angesichts der Schaukastenzahlen zur Demokratie in der evangelischen Kirchengemeinschaft milde spotten: Von Demokratie scheinen die Papisten auch fast mehr zu verstehen als die konfessionellen Konkurrenzveranstalter.

In dogmatischen Dingen ist Demokratie ja ohnehin eine schwierige Sache. Da macht so ein römischer Wahlmonarch vielleicht mehr her als 2,978395061728395 Prozent.




*) Die Statistik der Stadt Köln verbucht vermutlich alle einer Körperschaft des öffentlichen Rechts angehörenden Protestantinnen und -tanten sowie anderen Evangelischen in dieser Zahl, unabhängig davon, die Landeskirche dürfte aber von erdrückender Größe sein.



Lechts und rinks:

Martin Rath





+ + + Nachtrag 31. Mai 2012 + + +
Von einem der gewählten Presbyter hörte ich, dass die Wahlbeteiligung bei 15 Prozent gelegen habe, was die begrenzte Reichweite meiner Milchmännchenrechnung belegt. Meine Fehleinschätzung kann verschiedene Gründe haben: Die Zahl der Wahlberechtigten müsste deutlich niedriger liegen als von mir grob aus der Statistik der Stadt Köln gesaugt. In Betracht kommen: Geografische Verteilung der Protestantinnen und -tanten im Stadtgebiet, höherer Kinderanteil (nun gut, vermutlich nicht), vielleicht auch eine deutlich größere Zahl freikirchlicher Protestantinnen und -tanten, die städtischerseits ja mitgezählt werden, soweit sie einer anderen Körperschaft des öffentlichen Rechts angehören als der Evangelischen Kirche im Rheinland.


15 Prozent sind natürlich immer noch nicht toll. Und um Beweise für die Überlegenheit des Katholizismus bin ich ja auch sonst nie verlegen.






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Dienstag, 6. März 2012

Ross Thomas - Umweg zur Hölle

Die Ross-Thomas-Geschichten haben einen gewissen Suchtfaktor, da wird sich der Buchhandel noch sehr an mir freuen können (Link: direkt ab Herstelller).

Mit dem „Umweg zur Hölle“ wird ein Plot um die Säuberung eines Geheimdienstproblems gestrickt, das eine wirkungsmächtige Paranoia entstand, die auf einer womöglich irrigen Vermutung zum Kennedy-I.-Mord beruhte. Getragen wird das von Beziehungsgeflechten unter den handelnden Personen, die spätestens bei reiflicher Überlegung nicht unplausibel erscheinen. Die losen Fäden fallen geschickt (es ist die Paranoia eines Geheimdienstes, die eine Handlungskette auslöst, hier wird keine „Lösung“ für den Dallas-Fall angeboten), das Personal wirkt sympathisch bzw. passend ausstaffiert.

Auch das Nachwort von Jörg Fauser taugt etwas (von einem - in meiner Lesereihenfolge - vorgängigen Gisbert Haefs' war ich ja nicht so angetan).

Menschen, die mit der Szenerie der späten 1970er-Jahre nicht viel anfangen können, werden womöglich nicht den ganzen Genuss aus diesem Buch ziehen. Wer damit gar nicht zurecht kommt, kann sich an ja die braven Moralparabeln z.B. nach Art des etwas einfältigen „Todesspiels“ von Heinrich Breloer halten, Thomas ist - glaube ich - für Spießerthrillersuchende eher ungeeignet.

Ausführlich besprechen möchte ich den Roman hier gar nicht. Da findet man anderenorts schon Treffendes.



Lektoratsdinge nebenbei: Auf Seite 59 wird für Pu Yi, den letzten Kaiser von China, ein falsches Alter konstruiert. Was 40 Fuß große Grundstücke, Seite 195, sein sollen, erschließt sich auch nicht. Für's durchgängige Einsprengseln eines „Yeah“ in den Dialogen hätte sich vielleicht eine stilistisch elegantere Lösung finden lassen. Dass jemand, der in den USA Probleme mit einer Grand Jury bekommt, in einer Art bizarrem Anklageverfahren steckt, hat sich inzwischen dank Criminal Intent & Co. wohl herumgesprochen, so dass die Übersetzung mit „Großem Geschworenengericht“ (Stelle nicht notiert) etwas antiquiert wirkt.
Insgesamt gibt es aber an der Übersetzung vermutlich nicht viel zu beklagen. Beurteilen kann ich das aber erst später, vielleicht ab 2013. Jetzt sauge ich erstmal die Sychro-Fassungen auf.




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Montag, 5. März 2012

Schwangerschaftsabbrüche - mich hat die Zahl verblüfft



Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland (soweit statistisch erfasst) lag laut Frankfurter Allgemeine im vergangenen Jahr bei 108.900 Fällen. Hätte mir irgendein Radio-/TV-Mensch in der Fußgängerzone das Mikro unter die Nase gehalten und nach einer geschätzten Zahl verlangt, hätte ich vermutlich auf eine Zahl zwischen 10.000 und 30.000 getippt.


Ich bin über diese Zahl erstaunt, zumal der Anteil der minderjährigen und der über 40-jährigen Frauen bei rund vier bzw. rund acht Prozent gelegen haben soll. Das wären rund 13.000 Fälle.


Auch bei strikt säkularer Betrachtungsweise, etwa der von Norbert Hoerster dargestellten individual-utilitaristischen Ethik des Schwangerschaftsabbruchs, könnte die Zahl von 95.000 Schwangerschaften, die von Frauen im geschäfts- und einsichtsfähigen Alter (und einige Zeit vor dem Klimakterium) abgebrochen wurden - sagen wir: den Anfangsverdacht auslösen, dass hier etwas nicht richtig läuft. Oder grundsätzlich verkehrt.


Denn die Opportunitätskosten von Alternativen zu einem Schwangerschaftsabbruch sollten jedenfalls für diese Altersgruppe deutlich niedriger liegen.
Dass Vertreter einer deontologischen Ethik, je nach Setzung oder metaphysischer Satzung, angesichts der Zahl ohnehin Zeter und Mordio schreien, ist eine andere Sache, der Gehör zu schenken vermutlich am allerwenigsten bringt. (Völlig fremd ist mir die Perspektive insofern nicht, als mein UBW [sollte ich eines haben] die Zahl von 10.000 bis 30.000 vermutlich aus der Statistik der Tötungsdelikte zusammengegoren hat.)


Über die Zahl jedenfalls der 95.000 könnten sich aber Utilitaristen/Säkularisten und Deontiker vielleicht ausnahmsweise nach Jahrzehnten Fundametalgeschrei gemeinsam Gedanken machen. Hierzulande sollte das möglich sein (um von den ehemals britischen Strafkolonien abzusehen).
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Sonntag, 4. März 2012

Und dann geht die Welt unter

Es gibt ja diese großen Wenn-dann-Weltuntergangsmythen.
Der bekannteste lautet: An dem Tag, an dem sich alle Juden an die Gebote halten, geht die Welt unter.

Diese Überschrift in einer regionalen Boulevardzeitung gehört ganz eindeutig in die gleiche Schublade gelegt. Denn es dürfte klar sein: Der Tag an dem irgendjemand wüsste, „was Frauen wirklich wollen“, auch dieser Tag findet allenfalls im utopischen Traumland statt. - Denn im Zweifel ist es ja doch gerade wieder einmal etwas anderes.

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(Mir fällt gerade ein, dass man über die Beispiele für Verständnislosigkeiten in Wittgensteins Tractatus nachdenken könnte, drunter tut man's ja nicht, aber das würde die kleine Boshaftigkeit wieder mit Bildungshuberei erschlagen.)
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Freitag, 2. März 2012

Oliver Tolmein las Apothekenbetriebsordnung

Zugegeben, ich habe Vorbehalte gegen Oliver Tolmein, die ich gar nicht auf Anhieb geklärt bekomme. Sie haben jedenfalls nicht damit zu tun, dass mir Menschen verdächtig wären, die in der Jugend für die linksradikale konkret arbeiteten und im gereiften Alter für die FAZ schreiben. Vermutlich kaspert sich im Hinterkopf irgendein Vorurteil aus unverdauter Lebenschutzdiskussion und einer blassen Erinnerung an den Nipperdey-Clan zusammen.

Aber der Vorurteile wegen soll das Posting nicht verfasst werden. Doktor Tolmein hat sich die Apothekenbetriebsordnung angeschaut und festgestellt, dass Palliativmedizin immer noch von den Bedürfnissen eines nicht hinreichend gealterten Parlaments von schlechter Pragmatik gekennzeichnet ist.

Ich kann mich an einen Menschen erinnern, der in den 1990er-Jahren zwischen Opiatverordnung (ordentlich) und THC-Vergabe (knauserig bis zum Verbrechen) am Ende seines Lebens mehr oder weniger verhungert ist.

Mir ist das widerwärtig, was unsere Feudalversammlung Volksvertretung hier beschließt. Und ich halte mich einmal mit Gedankenspielen zurück, wie viel das mit der Dammbruchrhetorik zu tun hat, die wir wem (mit) zu verdanken haben?

Donnerstag, 1. März 2012

Was ist ein Bürgergrundstück?

In einer Reichsgerichtsentscheidung aus dem Jahr 1912 stieß ich auf den Begriff des „Bürgergrundstücks“. Zurzeit möchte ich nur vermuten, dass es sich schlicht um Grundstücke im Besitz von Bürgern handelt - im Gegensatz zu städtischen oder (landes-) herrschaftlichen Flächen.
Verbreitet scheint die Bezeichnung vor allem in Gebieten des älteren (Westpreußen) und allerältesten Preußen (Provinz Brandenburg) gewesen zu sein.

Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen und füge sie ggf. in dieses Posting ein oder definiere das Wort sonst einmal eindeutig, wenn ich sinnvolles Material finden sollte. Die allwissende Suchmaschine stolpert sich nämlich durch die zufälligen Wortnachbarschaften von „Bürger“ und „Grundstück“ in diversen kommunalen Onlineauftritten.
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