Mittwoch, 29. Februar 2012

Ross Thomas - Teufels Küche


Der schwermütige, aber liebesfähige Journalist Morgan Citron (keine abfällige Beschreibung, wem würde nicht auf den Magen schlagen, von einem afrikanischen Potentaten zum Kannibalen gemacht worden zu sein) unterhält sich mit Draper Haere, einem Spendenbeschaffer und Strippenzieher zweiten Ranges der US-Demokraten über seinen Einfluss auf die Politikerauswahl. Citron recherchiert im Auftrag von Haere an einer üblen Geheimdienstschurkerei in Mittelamerika:
„Angenommen, ich finde etwas wirklich Schlimmes heraus – einen politischen Skandal erster Ordnung – was würden Sie damit anfangen?“
„Versuchen, daß jemand zum Präsidenten gewählt wird, jemand Gescheites, wie Veatch.“
„Keinen, der brillant ist?“
Haere schüttelte den Kopf. „Früher habe ich einmal geglaubt, wir bräuchten einen brillanten Präsidenten, doch dann begriff ich, wenn jemand, der brillant ist, trotzdem Präsident werden will, dann müßten bei ihm wahrscheinlich ein paar Schrauben locker sein.“
Den Dialog findet man auf Seite 204 im Geheimdienst-/Politikthriller „Teufels Küche“ des brillanten Ross Thomas, in der überarbeiteten Übersetzung des Romans, die 2008 im Alexander Verlag Berlin erschien. Ausführlicheres zum Inhalt finden Sie hier.

Sarkastische Würdigungen von Politik, von ihrer klandestinen Seite her erzählt, hat Ross Thomas stets zur Hand. Man kann an einer solchen Stelle fragen, warum Barack Obama im Amt ist oder zu welcher Sorte Politiker man ihn zählen möchte.
Man kann sich natürlich auch über die Qualitäten, sagen wir, des Oberortsvorstehers der kreisfreien Stadt Köln Gedanken machen.

Dass die zutiefst bösartige, aber äußerst realistisch wirkende Beschreibung des politischen Intimzirkus übrigens zu Politikverdrossenheit führen muss, halte ich für einen zweifelhaften Schluss. Denn man könnte ja beispielsweise von einer Angela Merkel sagen, dass sie zwar nicht brillant, sondern allenfalls gescheit ist, dafür aber zumindest nicht „ein paar Schrauben locker“ hat. Gegen einen Brillanzdarsteller wie den nebelumhüllten Altbundeskanzler Schmidt würde ich sie jedenfalls schon aus eben dieser Vermutung heraus verteidigen.

Richtig guter Stoff, mir fällt - als noch bösere Beschreibung von Politik in Unterhaltungsliteratur - allenfalls noch Michael Dobbs' House of Cards-Trilogie ein.
Mir ist es ja ganz sympathisch, diese angeblich aus der Mode kommenden Gegenstände aus Papier an Orten wie diesem zu erwerben (ich verlinke das einmal ohne Eigennutz oder Hintergedanken).

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