Sonntag, 19. Februar 2012

Opiumkonferenz, opiumessende Moorbewohner

Die Reaktion auf den Opiumkonsum in den Fens, deren Bevölkerung offenbar in der Lage war, ihren Konsum zu kontrollieren und zu begrenzen, war deutlich anders gelagert als das Besorgnis um das städtische Problem. Der 'stimulierende' Gebrauch von Drogen durch die städtische Arbeiterklasse wurde als Bedrohung der öffentlichen Ordnung von einem Ausmaß angesehen, das mit der Lage in den Fens kaum zu tun hatte. (op. cit., meine hölzerne Übersetzung bitte ich zu entschuldigen)
Zur Karnevalszeit konnte ich ja nicht widerstehen, ein paar Texte rund ums Thema Drogen und Alkohol zu produzieren. Anlässlich des 100. Jahrestages der Opiumkonferenz im Januar lief bereits ein Beitrag zu den Anfängen des internationalen Kontrollregimes über späterhin illegale psychotrope Substanzen.

Den Verdacht, die Karnevalskonjunktur zu reiten, muss man beim britischen Historiker Richard Brown nicht haben, der hier unter anderem auf eine Fallstudie zum Opiumkonsum im englischen Moorland der Fens hinweist.

Brown belegt einmal mehr, dass Gesellschaften in der Lage sind, den Konsum von Drogen zu steuern. Ob die englischen Moorlandschaften als eine Wiege der technischen Hochleistungsökonomie hätten in Betracht kommen können, umwabert von Nebel in seiner meteorologischen und seiner psychotropen Form, sei einmal dahingestellt. „Steuerung“ will ja nicht besagen, dass Gesellschaft nicht anders, weniger komfortabel aussehen könnte, wenn der staatliche Kontrollapparat nicht entstanden wäre.
Immerhin zeigt das Beispiel, dass zumindest nicht jede gesellschaftliche Nische zu dämonisieren ist. In diesem Sinn möchte ich auch mein Gedankenspiel, dass Gesellschaft Drogen über die eine oder andere Alterskohorte hinweg „verdaut“, verstanden wissen.

Damit sie das kann und damit sich die negativen Auswirkungen in Grenzen halten, braucht es aber meiner Überzeugung nach effektiver Kontrollroutinen, bei denen der Staat aber vielleicht nicht der Illusion anheim gegeben werden sollte, mehr zu bieten als ein Kontrollsurrogat. Surrogat wofür?
In den englischen Mooren genügte wohl die Nachbarschaft, die Notwendigkeit am lokalen Gütermarkt zu bestehen und sonntags beim Gottesdienst nicht übel aufzufallen.

Hierzulande und in der Gegenwart? Die Fens des 19. Jahrhunderts lassen sich natürlich nicht mit einer hochintegrierten Geldwirtschaft, mit anonymen Großstadtgesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts gleichsetzen. Wo die Kontrollsurrogate zu entwickeln sind, bei den illegalen oder den legalen Drogen, wäre aber zu diskutieren.
Wenn ich mir nur den Zustand meiner Mitfahrenden in der Straßenbahn vor Augen führe, heute in der Früh sah der teils recht übel aus, stelle ich mir beispielsweise vor, dass Alkoholica bis „5 Prozent“ nach skandinavischem Modell in restriktive Vertriebsschienen gehören, spätestens mit „30 Prozent“ die Apothekenpflichtigkeit beginnen sollte.

So sehr, wie unsere politischen Repräsentanten Sumpflandwesen sind, mache ich mir da aber keine Hoffnungen.


(Ceterum censeo: Eine Gesellschaft, die Alkoholkontrollen im Straßenverkehr durchführen lässt, sollte auch Menschen wie diese hier vor gesellschaftlich relevanten Handlungen ins Röhrchen pusten lassen - anders lässt sich das politische Desaster ja kaum mehr erklären.)






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