Montag, 27. Februar 2012

Nein, das finde ich irgendwie nicht gut



Tagsüber hilft die philosophische Abgeklärtheit beim Thema, auch die notwendige Illusion von Freiheit in diesem Gehäuse der Hörigkeit namens „Welt“.

Der Krach, den in der vergangenen Nacht zwei Polizisten beim Knacken eines Autos vor der Haustür machten, löste aber eine böse Halbschlafphase aus. Keine unmotivierte: Gestern hörte ich, dass Peter, ein zwar nicht naher, aber doch auch nicht flüchtiger Bekannter, unlängst seinem Leben ein Ende gemacht hat. Er war ein eher stiller Kopf, mit seiner dicken Brille erinnerte er an die Herren, die bis in die 1970er-Jahre im Fernsehen zu sehen waren (heute sind sie ja vielfach auch nur noch hübsch dumm). Im vergangenen Jahr haben wir uns vielleicht zwei, drei Mal gesehen.

In den vergangenen Jahren starben Manfred und Rainer von eigener Hand, auch sie zwar keine nahen, aber doch auch keine flüchtigen Bekannten. Professor Joachim B., den viele Studenten meines Jahrgangs kannten, war noch weit weg, als die Nachricht von seinem Tod 1999 durch die Reihen lief. Merkwürdig gehetzt, wie B. war, mit seiner Dose „Red Bull“ vor dem Publikum des Massenhörsaals, löste sein Fall bei mir nur Trauer über die Beziehungslosigkeit dieses Ortes aus, an dem persönliche Kontakte unter Leuten, denen sie womöglich ohnehin schon schwer fallen – Intellektuelle unter Abiturienten eben – schon lange nicht mehr erleichtert werden.

Professor Herbert F., der blinde Kirchenexperte, starb am ersten Todestag seiner Frau. Man wusste nicht, was man davon halten wollte.

Jochen Herdieckerhoff, der sich 2006 „umgebracht“ hat (so nannte das Harry Rowohlt und ohne seine Notiz in der „Zeit“ würde ich nicht den vollen Namen nennen), soll noch aus seinem Tod einen bösen Spaß gemacht haben. Es hieß, man habe ihn vor der letzten Wiener Adresse von Sigmund Freud gefunden. Jochens aggressiven Witz habe ich in Langenfelder Zeiten still bewundert, mehr als ein, zwei Mal unterhalten haben wir uns nicht – sieben Jahre Altersunterschied wirken da stärker als die Herkunft aus dem gleichen Dorf.

Bei allem Spott, den ich für die berühmte „Mephisto“-Entscheidung übrig habe, in der dem bloßen Erinnerungsabbild von Gustaf Gründgens (den Faust-Film sah ich, nebenbei in Jochens Kino, ich habe mir mein bisschen Bildung ja meist autodidaktisch anschaffen müssen) der Status einer rechtlich geschützen „Person“ zugebilligt wurde, es beunruhigt doch sehr, wenn die Gesichter im Traum zu Besuch kommen.

Als ob das Elend des Tages nicht ausreichen würde. „Nein, das finde, ich, um es mit Robert Gernhardt zu sagen, ‚irgendwie nicht gut.‘“
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