Mittwoch, 29. Februar 2012

Ross Thomas - Teufels Küche


Der schwermütige, aber liebesfähige Journalist Morgan Citron (keine abfällige Beschreibung, wem würde nicht auf den Magen schlagen, von einem afrikanischen Potentaten zum Kannibalen gemacht worden zu sein) unterhält sich mit Draper Haere, einem Spendenbeschaffer und Strippenzieher zweiten Ranges der US-Demokraten über seinen Einfluss auf die Politikerauswahl. Citron recherchiert im Auftrag von Haere an einer üblen Geheimdienstschurkerei in Mittelamerika:
„Angenommen, ich finde etwas wirklich Schlimmes heraus – einen politischen Skandal erster Ordnung – was würden Sie damit anfangen?“
„Versuchen, daß jemand zum Präsidenten gewählt wird, jemand Gescheites, wie Veatch.“
„Keinen, der brillant ist?“
Haere schüttelte den Kopf. „Früher habe ich einmal geglaubt, wir bräuchten einen brillanten Präsidenten, doch dann begriff ich, wenn jemand, der brillant ist, trotzdem Präsident werden will, dann müßten bei ihm wahrscheinlich ein paar Schrauben locker sein.“
Den Dialog findet man auf Seite 204 im Geheimdienst-/Politikthriller „Teufels Küche“ des brillanten Ross Thomas, in der überarbeiteten Übersetzung des Romans, die 2008 im Alexander Verlag Berlin erschien. Ausführlicheres zum Inhalt finden Sie hier.

Sarkastische Würdigungen von Politik, von ihrer klandestinen Seite her erzählt, hat Ross Thomas stets zur Hand. Man kann an einer solchen Stelle fragen, warum Barack Obama im Amt ist oder zu welcher Sorte Politiker man ihn zählen möchte.
Man kann sich natürlich auch über die Qualitäten, sagen wir, des Oberortsvorstehers der kreisfreien Stadt Köln Gedanken machen.

Dass die zutiefst bösartige, aber äußerst realistisch wirkende Beschreibung des politischen Intimzirkus übrigens zu Politikverdrossenheit führen muss, halte ich für einen zweifelhaften Schluss. Denn man könnte ja beispielsweise von einer Angela Merkel sagen, dass sie zwar nicht brillant, sondern allenfalls gescheit ist, dafür aber zumindest nicht „ein paar Schrauben locker“ hat. Gegen einen Brillanzdarsteller wie den nebelumhüllten Altbundeskanzler Schmidt würde ich sie jedenfalls schon aus eben dieser Vermutung heraus verteidigen.

Richtig guter Stoff, mir fällt - als noch bösere Beschreibung von Politik in Unterhaltungsliteratur - allenfalls noch Michael Dobbs' House of Cards-Trilogie ein.
Mir ist es ja ganz sympathisch, diese angeblich aus der Mode kommenden Gegenstände aus Papier an Orten wie diesem zu erwerben (ich verlinke das einmal ohne Eigennutz oder Hintergedanken).

Wiki-Kritik

Diesen Artikel von Timothy Messer-Kruse über Zustände, ja Zustände, sage ich Ihnen, bei den Wikipedasten unterm Sofa darf man wohlgetrost neben den entsprechenden Anmerkungen von Markus Kompa abheften.

Ohne ein Mindestmaß an Quellenkritik und anderem philologischen Gedöns kommt man meines Erachtens nicht mehr weiter.
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Nachtrag: Den Satz über die preußischen Beamten nehme ich „Aggregat7“ aber schon übel und werde dabei natürlich nachtragend.

Dienstag, 28. Februar 2012

AUS TEILEN

Wegen des frischen Elends nahm ich die „Broschüre“ zum Festspiel AUS TEILEN der Kulturfabrik Langenfeld aus dem Jahr 1992 noch einmal zur Hand. Ich fühle mich wohler, wenn mir meine Idiosynkrasien nicht dunkel bleiben.

johe“ zitierte mit der „steindummen Böllektüre“ den guten Eckhard Henscheid. Das wusste ich damals nicht. Ohne Heinscheid besonders zu mögen, kann ich mich bei Böll schon anschließen. Vielleicht etwas freundlicher. Die Bildungsfrotzelei kam vor 20 Jahren auch sehr gut an, denn bis zum Abitur waren es noch drei Jahre auf dem zweiten Bildungsweg, glücklicherweise mit einigen robusten Klassikern (und ohne Goethe, den ich - von einigen Gedichten und wenigen Dramen/Prosastücken abgesehen - auch nicht allzu sehr mag).
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Montag, 27. Februar 2012

Ross Thomas - Gottes vergessene Stadt

Wie schreibt man etwas über einen Krimi oder Thriller, ohne zu viel zu verraten? Man lässt es bleiben und verweist einmal mehr auf die vorzügliche Krimi-Couch.

Die Verschwörungen aus dem US-amerikanischen Geheimdienst-, Politik- und Wirtschaftsleben, die Ross Thomas entwickelt, mögen vielleicht dem paranoiden Weltbild entsprechen, das auch manch Leserbrief-Irrer auf den Kommentarseiten - sagen wir: des Kölner Stadt-Anzeiger oder der Welt - zusammenschnurrt, was ihre Raffinesse und Ästhetik betrifft, sind sie aber natürlich wesentlich elaborierter. Das verhält sich ungefähr wie die Katzenberger zur Bergman.
Und das lässt mich schwer anhänglich werden (nicht was die Bergmanoiden betrifft, sondern die Ross-Thomas-Romane).

Mir fällt, inzwischen beim dritten Thomas angelangt, auf, dass die handelnden Personen durch Beziehungen miteinander verstrickt sind, die zunächst ein bisschen unplausibel erscheinen. Ich fürchte, das wirkt mitunter etwas herbeikonstruiert.
Darüber habe ich ein bisschen nachgedacht. Erstens: Ganz so groß, wird die aktive politische Klasse auch der USA nicht sein. In Deutschland stößt man ja auch schon einmal auf dynastische Bande, von denen man nie gehört hatte - zumindest in Vordigitalzeiten. Ob die schmutzigen Zehntausend der USA, unter denen Thomas seine Geschichten spielen lässt, zahlenstärker sind als - sagen wir - die Bevölkerung Islands, die sich ja bekanntlich auch durch die Bank beim Vornamen ruft? Zweitens: Ich habe einmal einem persönlichen Freund Angela Merkels die Hand geschüttelt. Würde man das häufiger tun, hätte man schon Chancen, zum Personal eines Ross-Thomas-Settings zu werden. Womit ich nur sagen will: In bestimmten Kreisen wird man wohl keine vier oder fünf, sondern bestenfalls ein oder zwei Mittelsmänner (m/w, bei Thomas häufig w) brauchen, um eine gefährliche Beziehung zwischen zwei Akteuren herzustellen.

Vor einem vorschnellen: „Das ist ja konstruiert!“ würde ich Ross Thomas nach dem bisher Gelesenen jedenfalls gerne in Schutz nehmen.

Mehr ist an dieser Stelle nicht zu sagen. Wer es nicht selbst lesen möchte, kann sich ja auf die - oben verlinkte - Krimicouch lümmeln.
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Nein, das finde ich irgendwie nicht gut



Tagsüber hilft die philosophische Abgeklärtheit beim Thema, auch die notwendige Illusion von Freiheit in diesem Gehäuse der Hörigkeit namens „Welt“.

Der Krach, den in der vergangenen Nacht zwei Polizisten beim Knacken eines Autos vor der Haustür machten, löste aber eine böse Halbschlafphase aus. Keine unmotivierte: Gestern hörte ich, dass Peter, ein zwar nicht naher, aber doch auch nicht flüchtiger Bekannter, unlängst seinem Leben ein Ende gemacht hat. Er war ein eher stiller Kopf, mit seiner dicken Brille erinnerte er an die Herren, die bis in die 1970er-Jahre im Fernsehen zu sehen waren (heute sind sie ja vielfach auch nur noch hübsch dumm). Im vergangenen Jahr haben wir uns vielleicht zwei, drei Mal gesehen.

In den vergangenen Jahren starben Manfred und Rainer von eigener Hand, auch sie zwar keine nahen, aber doch auch keine flüchtigen Bekannten. Professor Joachim B., den viele Studenten meines Jahrgangs kannten, war noch weit weg, als die Nachricht von seinem Tod 1999 durch die Reihen lief. Merkwürdig gehetzt, wie B. war, mit seiner Dose „Red Bull“ vor dem Publikum des Massenhörsaals, löste sein Fall bei mir nur Trauer über die Beziehungslosigkeit dieses Ortes aus, an dem persönliche Kontakte unter Leuten, denen sie womöglich ohnehin schon schwer fallen – Intellektuelle unter Abiturienten eben – schon lange nicht mehr erleichtert werden.

Professor Herbert F., der blinde Kirchenexperte, starb am ersten Todestag seiner Frau. Man wusste nicht, was man davon halten wollte.

Jochen Herdieckerhoff, der sich 2006 „umgebracht“ hat (so nannte das Harry Rowohlt und ohne seine Notiz in der „Zeit“ würde ich nicht den vollen Namen nennen), soll noch aus seinem Tod einen bösen Spaß gemacht haben. Es hieß, man habe ihn vor der letzten Wiener Adresse von Sigmund Freud gefunden. Jochens aggressiven Witz habe ich in Langenfelder Zeiten still bewundert, mehr als ein, zwei Mal unterhalten haben wir uns nicht – sieben Jahre Altersunterschied wirken da stärker als die Herkunft aus dem gleichen Dorf.

Bei allem Spott, den ich für die berühmte „Mephisto“-Entscheidung übrig habe, in der dem bloßen Erinnerungsabbild von Gustaf Gründgens (den Faust-Film sah ich, nebenbei in Jochens Kino, ich habe mir mein bisschen Bildung ja meist autodidaktisch anschaffen müssen) der Status einer rechtlich geschützen „Person“ zugebilligt wurde, es beunruhigt doch sehr, wenn die Gesichter im Traum zu Besuch kommen.

Als ob das Elend des Tages nicht ausreichen würde. „Nein, das finde, ich, um es mit Robert Gernhardt zu sagen, ‚irgendwie nicht gut.‘“
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Mittwoch, 22. Februar 2012

Eitelkeit fördert das Ansehen (Westdeutsche Zeitung)

Aus der alten Heimat lasse ich mich durch Feeds der Lokalpresse aus dem Kreis Mettmann unterrichten. Die Stadt Hilden, einst fürs Durchradeln nach Düsseldorf oder den anspruchsvollen Einkauf unvermeidbar, ist durch die Struktur der Nachrichtenströme auch immer dabei.

Stets von Neuem erschreckt mich bei der Durchsicht der Meldungen aus der Westdeutschen Zeitung das Bild des Kollegen, das infolge miserabler Auflösung aussieht, als habe man einem Konsumenten psychodelischer Substanzen einen ordentlichen Schreck bereitet. Ich verlinke das hiermit.

Seine Kollegin aus Langenfeld zeigt, dass es auch gut und schön geht, das verlinke ich ebenfalls hiermit.

Aus den üblichen urheberrechtlichen Kalamitäten binde ich die Bilder von Ines Arnold und Michael Kremer in dieses Posting nicht direkt ein.

Hielte ich Lokalpatriotismus nicht für eine Abart des Feschismus (ganz gleich, ob in Kärnten oder im Kölner Viertel gepflegt), würde ich sagen: Langenfeld schlägt Hilden, einmal mehr.
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Montag, 20. Februar 2012

Ansel Adams

Eine Google-Bildersuche nach Ansel Adams brachte, soweit ich mich zurückerinnern kann, das beeindruckendste Resultat dieses Dienstes.

Heute vor 110 Jahren wurde der US-amerikanische Fotograf geboren.
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Sonntag, 19. Februar 2012

Humanismus

Zum höheren Ruhm der Suchmaschine. Ich verlinke einmal rinks- und einmal lechtsherum. Es ist beileibe nicht so, dass die Posthumanisten spontan besondere Sympathie bei mir wecken. An den Humanisten hat man aber auch seine Zweifel.


Opiumkonferenz, opiumessende Moorbewohner

Die Reaktion auf den Opiumkonsum in den Fens, deren Bevölkerung offenbar in der Lage war, ihren Konsum zu kontrollieren und zu begrenzen, war deutlich anders gelagert als das Besorgnis um das städtische Problem. Der 'stimulierende' Gebrauch von Drogen durch die städtische Arbeiterklasse wurde als Bedrohung der öffentlichen Ordnung von einem Ausmaß angesehen, das mit der Lage in den Fens kaum zu tun hatte. (op. cit., meine hölzerne Übersetzung bitte ich zu entschuldigen)
Zur Karnevalszeit konnte ich ja nicht widerstehen, ein paar Texte rund ums Thema Drogen und Alkohol zu produzieren. Anlässlich des 100. Jahrestages der Opiumkonferenz im Januar lief bereits ein Beitrag zu den Anfängen des internationalen Kontrollregimes über späterhin illegale psychotrope Substanzen.

Den Verdacht, die Karnevalskonjunktur zu reiten, muss man beim britischen Historiker Richard Brown nicht haben, der hier unter anderem auf eine Fallstudie zum Opiumkonsum im englischen Moorland der Fens hinweist.

Brown belegt einmal mehr, dass Gesellschaften in der Lage sind, den Konsum von Drogen zu steuern. Ob die englischen Moorlandschaften als eine Wiege der technischen Hochleistungsökonomie hätten in Betracht kommen können, umwabert von Nebel in seiner meteorologischen und seiner psychotropen Form, sei einmal dahingestellt. „Steuerung“ will ja nicht besagen, dass Gesellschaft nicht anders, weniger komfortabel aussehen könnte, wenn der staatliche Kontrollapparat nicht entstanden wäre.
Immerhin zeigt das Beispiel, dass zumindest nicht jede gesellschaftliche Nische zu dämonisieren ist. In diesem Sinn möchte ich auch mein Gedankenspiel, dass Gesellschaft Drogen über die eine oder andere Alterskohorte hinweg „verdaut“, verstanden wissen.

Damit sie das kann und damit sich die negativen Auswirkungen in Grenzen halten, braucht es aber meiner Überzeugung nach effektiver Kontrollroutinen, bei denen der Staat aber vielleicht nicht der Illusion anheim gegeben werden sollte, mehr zu bieten als ein Kontrollsurrogat. Surrogat wofür?
In den englischen Mooren genügte wohl die Nachbarschaft, die Notwendigkeit am lokalen Gütermarkt zu bestehen und sonntags beim Gottesdienst nicht übel aufzufallen.

Hierzulande und in der Gegenwart? Die Fens des 19. Jahrhunderts lassen sich natürlich nicht mit einer hochintegrierten Geldwirtschaft, mit anonymen Großstadtgesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts gleichsetzen. Wo die Kontrollsurrogate zu entwickeln sind, bei den illegalen oder den legalen Drogen, wäre aber zu diskutieren.
Wenn ich mir nur den Zustand meiner Mitfahrenden in der Straßenbahn vor Augen führe, heute in der Früh sah der teils recht übel aus, stelle ich mir beispielsweise vor, dass Alkoholica bis „5 Prozent“ nach skandinavischem Modell in restriktive Vertriebsschienen gehören, spätestens mit „30 Prozent“ die Apothekenpflichtigkeit beginnen sollte.

So sehr, wie unsere politischen Repräsentanten Sumpflandwesen sind, mache ich mir da aber keine Hoffnungen.


(Ceterum censeo: Eine Gesellschaft, die Alkoholkontrollen im Straßenverkehr durchführen lässt, sollte auch Menschen wie diese hier vor gesellschaftlich relevanten Handlungen ins Röhrchen pusten lassen - anders lässt sich das politische Desaster ja kaum mehr erklären.)






Freitag, 17. Februar 2012

Ross Thomas - Die im Dunklen

Sein letzter Roman war der erste, der seinen Weg in mein Regal schafft und es wird nicht der letzte sein: „Die im Dunkeln“ ist eine spannende Geschichte im Feld US-amerikanischer Geheimdienste, der Parteienfinanzierung und des klandestinen Politikmanagements. Ross Thomas hatte dazu eigene Erfahrungen, die Story wirkt glaubwürdig, der Plot ist von mittlerer Komplexität, gerade so wie ich es mag.

Zu Inhalt und Bewertung möchte ich beinahe vollumfänglich auf die Krimi-Couch verweisen.

Wegen der - dem Vernehmen nach - verstümmelnten Ausgaben früherer Übersetzungen ist wohl Wert auf die Reihe im Berliner Alexander-Verlag zu legen. Ich hatte hier auf ein Antiquariatsexemplar aus dem abgewickelten Haffmans-Verlag zurückgegriffen, da mir der Übersetzername, Gisbert Haefs, für hinreichende Qualität bürgte. (Allein die etwas antiquierten Hiebe in Haefs' Nachwort auf die Popularliteraturresistenz von FAZ und Co. machten die Ausgabe etwas alt.)

Erworben via „Buch rettet leben“, was sich auch nachzuschlagen lohnt.
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Donnerstag, 16. Februar 2012

Nachbarschaftsinfo


Mein Blog „inside cologne“ habe ich nach knapp vier Jahren und rund 15.000 Besuchen gelöscht. Nach einer Anzahl von Einträgen zum Geschehen in Köln-Mülheim kam es zu vandalistischen Angriffen, die mich befürchten ließen, sie könnten auf andere Bereiche meines öffentlichen Lebens übergreifen. Latenter Vernichtungswille, das erkannte man auf Anhieb.

Ich habe, was den Angreifer betrifft, eine klare Vermutung.

Die aggressive Vermengung von schwachen und starken Seiten meines öffentlichen Auftritts sowie von erkennbar experimentellem Schreiben einerseits und professionellem andererseits, das geflissentliche Übersehen selbstkritischer Zwischentöne in meinen experimentellen Postings, schließlich die peinlichen Andeutungen eines „Ich habe Macht, du nicht...“ deuteten darauf hin, dass ich eine Person des öffentlichen Lebens in einem Narzissmus gestört habe, den man besser auf dem Weg zum Ehrengrab frei von kritischen „Anfeindungen“ weiterwurschteln lässt. Viel Schaden lässt sich ja in dieser Stadt ohnehin nicht mehr anrichten.

Für mein Blog „gelesen & ungelesen“ habe ich nun die eingeschränkte Kommentarfunktion eingerichtet. Anonyme Angriffe sollten damit etwas erschwert sein.

Um die investierte Zeit ist es natürlich ein wenig schade. Wenn ich aber aus meinem Fenster sehe, wo Bedienstete der Stadt Köln binnen ein, zwei Tagen rund 20 Bäume vernichtet haben, wird mir deutlich, dass Begegnungen mit den Kreaturen Mordors weit weniger glücklich ausgehen können als mit einem übervorsichtigen Rückzug aus einer Teilöffentlichkeit.

Montag, 13. Februar 2012

Ehmke versus Vogel

Vogel: Herr Ehmke, das „totgeborene Kind“ verzeihe ich Ihnen, weil ich von Ihnen höre, daß Sie Danziger sind und weil ich - aus gewisser Kenntnis der neueren Literatur - weiß, daß man in Danzig offenbar gelegentlich recht gern etwas drastischer formuliert. Zu Ihrer Forderung nach einer Verfassungstheorie scheint mir offen zu bleiben, auf welcher Grundlage Sie eine solche materielle Verfassungstheorie aufbauen wollen, wenn Sie nicht zunächst einmal von dem ausgehen, was uns an positivrechtlichen Regelungen an die Hand gegeben ist.

Horst Ehmke, Krimi-Autor, vormals SPD-Minister und Staatsrechtler, hatte Klaus Vogel, den das Lexikon digitalen Unwissens als Steuerrechtler verzeichnet, vorgehalten, dass Artikel 3 Grundgesetz „aus der Regelungsbefugnis eine Rechtssetzungsbefugnis“ mache, was das Gegenteil der Vogel'schen Intention bedeute.

Zum Zeitpunkt dieser zart-esoterischen Auseinandersetzung war Ehmke 38, Vogel 34 Jahre alt. Man traf sich bei einer Veranstaltung namens „Tagung der Deutschen Staatsrechtslehrer“ in Würzburg. Das war im Herbst 1965. Ehmke hatte sich zuvor als gebürtiger Danziger geoutet, Vogel war ein gebürtiger Hamburger.

Günter Grass war also den jungspundigen Staatsrechtsesoterikern immerhin einen Seitenhieb wert. (Klaus Kinski kam ja aus Zopot, worauf hinzuweisen man in meiner Familie immer Wert legte, und damals nur durch Filme bekannt.)

Mein Vater wuchs, wenn ich der Familienlegende trauen darf, im Hinterhaus der Familie Ehmke in der Brotbänkengasse (heute: ul. Chlebnicka)  auf, man begegnete sich wohl in den 1980er-Jahren einmal auf einem russischen Flugplatz und ging nicht erfreut von einander.

Ironiebegabt sind Hamburger mehr als man ihnen gemeinhin zutraut. Dass Danziger und ihre Brut eine Bande barsch formulierender Drastiker sind, dazu braucht es keines Blickes in die:

VVDStL Heft 24, S. 232



Nachtrag 06.04.2012: Und der Danziger Schnauz macht weiter.






Print schlägt Funk

Hoffentlich werde ich heute nicht zu lesen bekommen, was gestern mehr als einmal im Rundfunk zu hören war:
„ ... die Todesursache ist ungeklärt ... Ihr tragischer Tod.“
Erstens ist es ja ohnehin schon verabscheuungswürdig, dass jeder Todesfall, der nicht die Omma des Rundfunkjournalisten betrifft, „tragisch“ ist, weil das Sterben im öffentlichen Interesse ja nicht mehr ohne dramatische Steigerung zu haben ist. Ob das dahingeschiedene Personal im konkreten Fall die gehörige Fallhöhe überhaupt mitbrachte, das ist den Berichtsverfassern des gesprochenen Worts meist völlig wurst.

Zweitens: Bei ungeklärter Todesursache muss „dramatisch“ als Umstandssteigerungsvokabel bereits mit einer Frequenz in den Mund genommen werden, mit der ein Durchschnittsgymnasiast in der Straßenbahn „scheiße ~ ~ ~“ als Steigerungslaut verwendet.

Mir war Whitney Houston schon immer zum Ohrenauswaschen. Ihr Gesang war fürs Kirchenliedgut schon zu dick aufgetragen, von ätzenden Profanschmachtliedchen ganz abgesehen. Insofern treffen die allzu dramatisch berichtenden Kollegen ja unbeabsichtigt die rechte Tonlage.

Schlimm, für Menschen, die den Ultraschmacht zu Heiratszwecken einsetzten. Indes, auch die Scheidunglage passt wiederum.


+ + + Immer schön entspannt in Familie und Freundeskreis, warum nicht in der Musikszene? Jedenfalls ein hübscher Umgang mit der Tragik des Lebens. + + +

Samstag, 11. Februar 2012

Nein, keine Vereinssatzung eines Selbstmörderclubs

Sie [die kritischen Gedanken, MaR] sind ein Einspruch gegen das uns auferlegte Leben, das wir zu führen gezwungen sind. Wir hatten nicht zu entscheiden, ob wir es führen wollen, aber wir haben zu entscheiden, ob wir es weiter zu führen bereit sind.
liest man in den Anfangsgründen einer Verstrickung, die sich bei der Suche nach der Vokabel polemos findet. Und ich habe immer geglaubt, man würde heutzutage einen derart hohen Ton von Adornitischer Manier nur zu parodistischen Zwecken wählen.

Sollte indes hinter einer Bureau-Türe mit der Aufschrift „AG Kritische Theorie“ länger nichts zu hören sein, wäre es aber sicher nett, wenn ein freundlicher Nachbar mal vorbeischaut. Einsame Menschen gelegentlich zu Kaffee und Kuchen einladen und ihnen in einem Gespräch zumindest das Gefühl zu geben, dass sie verstanden werden oder dass ihnen jemand zuhört, ja, das sollte man sich vielleicht auch an den philosophischen Fakultäten zu Herzen nehmen.

Ja, es gibt Menschen, die so denken und schreiben, wie dieser freundliche Herr spricht:




Geständnis ACTA-Ignoranz und eine rechtshermeneutische Vermutung

Hiermit gestehe ich, dass die Aufregung um ACTA bisher weitgehend an mir vorbeigegangen ist. Das liegt vermutlich nicht zuletzt daran, dass die Urheberrechts-Lawblogs vom Feed-Reader in einen Ordner sortiert werden, in dem nachrangige Juristerei landet. Eine aktive Suche führt mich, vielleicht weil heute demonstriert wird, auch nur auf einen Tummelplatz teils stark emotionalisierter, texttypisch bruchstückhafter Postings.

Ach, bin ich eben ein wenig ignorant.

Irgendwann in der Früh, zwischen Halbschlaf und diesem halbwachen Zustand, in dem ich meine Tage friste, hörte ich auf Deutschlandradio Kultur aber einen Bericht, in dem aus ACTA zitiert wurde. Das Zitat, es handelte von der „Förderung von Vereinigungen, deren Zweck die Förderung des Urheberrechtsschutzes“, klang in meinen verschlafenen Ohren nach einer schlicht-harmlosen Anerkennung der „Gema“ unter den Hohen Vertragschließenden Parteien (so sie sich noch durchringen, zu ACTA zu kommen).

Ärgernis des Youtubenutzers, überwiegend harmlos im Übrigen?

Dann könnte der Protest im Wesentlichen auf Empörung beruhen, die auf Nichtkenntnis des positiven Rechts (lege lata) beruht und einem ersten Blick juristisch Unbefleckter in Rechtssetzungsmaterialien (lege ferenda). Jedenfalls empörte sich im DeRadioK-Bericht ein Unbedarfter über die zitierte Stelle, als gäbe sie eine Ermächtigungsgrundlage (was das wohl sein mag) für neue Endnutzerkrakenumarmungsagenturen.

Meine, hier per bombastischer Überschrift ins Onlinegetüm gehievte Vermutung:

Die europäischen Rechtssetzungsakteure werden eine Entwicklung nachvollziehen, die von den Gesetzgebungsorganen im Mittleren Westen der USA im 19. Jahrhundert ausging: das Material wird so allgemeinverständlich formuliert werden, dass es auch dem mitteldummen Onlinetropf intellektuelle zugänglich ist.

Von berüchtigten „Adressatenproblem“ der juristischen Theorie bleibt dann vielleicht nicht mehr als die Beschwer fachlich hoch kompetenter Anwälte und Richter, dass die Gesetze in einer einfältigen, topologischen, von Abstraktionen bereinigten Sprache ins elektrifizierte Verkündigungsorgan geraten.

Onlinetröpfe, nicht Juristen „facit legem“.
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P.S.: Schaut hier der nette Neologismusverewiger vorbei, der mich schon als „Bleiwüstling“ dokumentarisch erfasst hat? Den grässlichen Germanoagglutinismus einer „Endnutzerkrakenumarmungsagentur“, das meint eine Einrichtung zur Gebührenpflichtigmachung von sonst transaktionskostenarm zu beziehenden Medieninhalten (sog. Content), aus deren portemonnaiegreifenden Armen der Endnutzer gerne herauszuglitschen unternimmt, findet man vermutlich bisher so auch noch nicht.






Mittwoch, 8. Februar 2012

Verhältnis Lobby ./. Wulff (und Hörnchen)


Mir scheint kaum etwas das Verhältnis von Lobbyisten und Politikern wie Christian Wulff, Cem Özdemir, Rudolf Scharping et tutti quanti besser zu beschreiben, als dieses putzige Hobby unserer tapferen überseeischen Freunde.

Jetzt wird es Zeit, dass hier in meinem Blog ein NEON-Redakteur vorbeischaut und herausfindet, dass es längst in irgendeinem Berliner Kurzbartträgerquartier angekommen ist.




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Dienstag, 7. Februar 2012

Dr. iur. Gerhard Klopfer


Bis hierhin mag man noch Anstoß daran nehmen, dass das Arbeitsrecht aus der zivilrechtlichen Form herausgepresst wurde, doch ist die weitere Karriere des Dr. Gerhard Klopfer aus ganz anderen als akademischen Gründen -....... -. Was? Uns fehlen die passenden Worte.

Am 18. Februar 1905 wurde ich als Sohn des Landwirtes Otto Klopfer und seiner Ehefrau Jutta geb. Fuhrmann in Schreibersdorf bei Lauban in Schlesien geboren. Von meinem 6. bis 9. Lebensjahre besuchte ich die Dorfschule in Wittel-Schreibersdorf. Ostern 1914 trat ich in die Sexta des humanistischen Gymnasiums in Lauban ein, Ostern 1923 bestand ich daselbst die Reifeprüfung.
Im Sommer-Semester 1923 bezog ich die Universität in Jena und wurde daselbst als Studierender der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät immatrikuliert. Nach vier in Jena verbrachten Studien-Semestern ging ich Ostern 1925 für zwei Semester an die Universität in Breslau. Ostern 1926 kehrte ich für ein weiteres Studiensemester an die Universität in Jena zurück. Nach Ende des Sommer-Semesters 1928 meldete ich mich hier zur ersten  juristischen Staatsprüfung, die ich am 22. und 24. Januar 1926 vor der Prüfungskommission des gemeinschaftlichen Thüringischen Oberiandesgerichtes in Jena bestand.
Gibt es eigentlich eine zeitgeschichtliche Untersuchung zur Arbeit der Staatsanwaltschaft Ulm in den 1950er- bis 1970er-Jahren?


+ + + Nachtrag 20.55 Uhr + + +
Ein späterer Teilnehmer der Wannsee-Konferenz verwendet für sich das Wort „Studierender“. Das herzige Faktum fällt mir jetzt erst auf.

Montag, 6. Februar 2012

Hilde Benjamin ist beim WDR „Hilde“

Ich kann es ja nicht ausstehen, wenn in biografischen Essays das Objekt der Neugierde beim Vornamen benannt wird, hier „Hilde“. Für meinen Geschmack auch noch einmal deutlich zu freundlich geht Heide Schwochow mit Hilde Benjamin zu Gericht, in ihrem Zeitzeichen zum 110. Geburtstag der SED-Juristin. Aber das empathische Herangeschleime an den biografischen Gegenstand ist ja leider in der feministisch eingefärbten Geschichtsdarstellung sehr gebräuchlich. Beschweren wir uns also nicht über den Stil.

Bemerkenswert finde ich unterdessen die Aussage, dass ein Justizminister namens Roland Freisler Hilde Benamin Berufsverbot erteilt haben soll. Der keifende Henker war ja bekanntlich Minister, damals. Bei Schnitzern dieser Qualität werde ich leicht gehässig: Vermutlich war Freisler in dem Maß Justizminister, in dem Ronald Feisel Intendantin des WDR ist.

Ich stelle mir gerade vor, ein Zeitzeichen würde aus Freislers Jugendjahren erzählen, beginnend mit einem herzigen „Als junger Mann war Roland ein begeisterter Bolschewik...“ und dann 15 Minuten heranschleimendes Einfühlvermögen des Sprechers oder der Sprecherin. Mir wird kalt, aber nicht wegen des Wetters.

Qualitätsrundfunk. Redaktionell weniger solide als die Wikipedia, und das will schon etwas heißen.

Sonntag, 5. Februar 2012

Seepferdchen

Fast schade, dass das „Seepferdchen“ nicht aufgrund solcher Leistungen erworben wird:
Im November 1918 ereignete sich die Novemberrevolution und auch der Bahrenfelder Betrieb wurde von berittenen Matrosen stillgelegt.
Das Zitat stammt dem heute via Wikipedia-Startseite hervorgekehrten Artikel über Paul Nevermann (Hervorhebung oben von mir), dem einmal mehr ein erstaunliches - in diesem Fall dynastisches - Datum der deutschen Parteiengeschichte zu entnehmen ist.

Aber im Ernst: So wenig sympathisch es auf den ersten Blick ist, wenn nach den alten Professoren-, (Henkers- und) Apotheker-, Ärzte- und Juristendynastien nun auch generationenlange Familienbande der politischen Repräsentanten sichtbar werden, weil es als Indiz für den weniger bevorzugten Zugang weniger genetisch vernetzter Menschen spricht, so ist es zugleich ein Zeichen für eine inzwischen doch alte Demokratie.

Die Austreibung der 1848er und die Hinrichtung der 1944er haben vermutlich dazu geführt, dass die Sozialdemokratie die deutlichsten und am längsten währenden Verstrickungen aufweist.

Wäre dem anders, würden wir heute vielleicht intensiver über eine Parteienstaatslehre nachdenken, die unser politisches System durch eine mehr feudale Brille betrachtet. Man müsste dazu die Aufsätze von Gerhard Leibholz aus den 1950er- und 1960er-Jahren noch einmal lesen. Wenn ich mich richtig erinnere, kam da manches an eine Souveränitätszuschreibung schon recht nah heran.

Soziologisch unterfüttern ließe sich das dann auch noch.