Donnerstag, 26. Januar 2012

Im Kopf von Siggi Pop: VWL schlägt Staatswissenschaft

 Nicht so schlimm: „Domstadt“ - aber nicht eben geschmackssicher.
„Man kann eine der größten Volkswirtschaften der Welt nicht mit einem Partner regieren, der wenig berechenbar ist.“
Der SPD-Bundesvorsitzende wurde gestern auf Seite 1 der Süddeutschen mit diesem Satz zitiert, der die Linkspartei betrifft und die Koalitionsspekulation auf Bundesebene (die FAZ hat ihr PDF heute noch nicht geliefert, sonst läse ich nicht die SZ von gestern).

Als altes Schwarz-Grün-Groupie (habe 1994 schon einmal an der richtigen Stelle die Hand gehoben) sind mir die strategischen (gestrichen, wir wollen den Mann ja nicht überschätzen) taktischen Überlegungen von Sigmar Gabriel zwar tendenziell gleichgültig, ich kann diese Auffassung aber nachvollziehen, weil es mit Sicherheit kein Vergnügen ist, mit dieser LINKEN-Mischung aus alten Diktaturkadern und Sektenüberrestlern parlamentarische Politik zu spielen.

Ob ein Käfig voller Narren wirklich „wenig berechenbar“ ist, darüber möchte ich nicht richten. Da wird Sigmar Gabriel im Zweifel seinen Medienberater befragen, was seine Partei an Koalitionsfummeleien öffentlich vorführen darf, ohne dass BILD, BamS und Glotze in moralische Entrüstung verfallen.

Reichlich verkehrt wirkt auf mich aber das rhetorische Repertoire. Seit wann wird denn eine Volkswirtschaft „regiert“?

Ich würde darauf nicht zwingend kleinlich reagieren. Metaphernelend findet man ja überall, man kann dem Wort des Vorsitzenden Gabriel die Qualität zubilligen, die Köln wegen der nicht besonders schönen Kirche zur notorischen „Domstadt“ macht. Gabriel zuzuschreiben, er wollte dirigistisch in die Welt der Unternehmen eingreifen (also das, was mit einer anderen Elendsmetapher als „die Wirtschaft“ bezeichnet wird), wäre sicherlich töricht.

Bedenklich ist es aber, dass - obwohl doch gerade die Sozialdemokratie derzeit posaunt, dass endlich der Staat als Ordnungsmacht den Markt geschlagen habe - dem Vorsitzenden Gabriel als Metapher für das Land, das er mit seinen roten Teufeln übernehmen will, die der „Volkswirtschaft“ in den Sinn kommt.

Warum sprach der Mann nicht vom „Staat“ oder, was mir ja noch um Grade sympathischer wäre, von der Republik - mit all den Anmutungen, die eine Rede von der res publica in Zeiten eines vollständigen Umbruchs in der Mediennutzung hätte?

Siggi Pop macht auf VWL. Ein wenig Policeywissenschaft wäre wohl zu viel verlangt gewesen. Er hätte gewarnt sein können: Hat nicht Heinz Rudolf Kunze einst gedichtet, in erotischen Übungen keine „Beziehungen“ zu wünschen, weil sich sonst Menschen „für Staaten“ hielten. Den Gedanken hätte der vormalige Popkulturbeauftragte der SPD doch noch ihm Ohr haben können.

Aber ich werde langsam unleidlich. Besser, ich schreibe etwas für den Markt als mich von Sigmar Gabriels Rhetorik durch den Tag steuern zu lassen.



Martin Rath






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