Montag, 9. Januar 2012

Schulanekdote in „Vorerst gescheitert“ glaubwürdig?

Coverbild: Herder-Verlag


In Form eines E-Books aus der Stadtbibliothek kam mir das Werk aus dem Hause Guttenberg/di Lorenzo auf den Tisch (respektive Bildschirm). Zufällig erwischte ich beim ersten Durchblättern eine Stelle, die auch SPIEGEL ONLINE in den Blick genommen hatte - offenbar ohne sie weiter zu prüfen.


Auf Befragen von Giovanni di Lorenzo äußert sich Guttenberg in „Vorerst gescheitert“ zu den sozialen Folgen, die von der Familie des jungen Politikers im Zusammenhang mit seiner Plagiatsaffäre zu erdulden waren, mit folgender erschreckender Einlassung - erschreckend, wenn sie wahr ist:
„An ihrer Schule in Berlin wurden sie [die Töchter Guttenbergs, MAR] großartig geschützt, aber natürlich nicht vor den Äußerungen anderer Kinder. Und immer dann, wenn sie die Schule verließen, wurden sie mit der Sache konfrontiert. Der Gipfel war aber eine andere Geschichte: Als meine ältere Tochter für das kommende Jahr auf eine andere Schule wechseln wollte *), bekamen wir einen Brief von der Vorsitzenden eines Elterngremiums, in dem stand, dass das Kind auf der Schule nicht erwünscht sei.“
Auf eine Nachfrage di Lorenzos, ob Guttenberg damit den Tatbestand der „Sippenhaft“ erfüllt sehe, bejaht der Ex-Minister (der diese Nazi-Assoziation im Kopf des Fragenstellers zuvor angeregt hatte). **)


Es dürfte zwar keine ganz einfache Recherche sein, weil sich hier - im Fall, dieser Brief wurde wirklich so geschrieben - die mutmaßliche Sippenhaftverstalterin des Berliner Elternrats in einer höchst verwerflichen Lage befand und noch befindet, aber es fragt sich doch, ob ein Journalist in Berlin die Story geprüft hat.


Ich hätte da zwei Anhaltspunkte, die mich stutzen lassen. Ein erstes Stirnrunzeln löst der Kontext im Buch aus (und ich meine nicht die Geschmacklosigkeit der assoziierten „Sippenhaft“ - Guttenberg sollte da, aus familiärer Erfahrung eigentlich klarer sehen können): Eingehende Post beleidigenden oder mordlüsternen Inhalts sei, so äußert sich Guttenberg unmittelbar nach der hässlichen Schulgeschichte, gelegentlich von Frau Stephanie geöffnet worden. Das stelle ich mir sehr absurd vor - die Gattin des Ministers mit dem Ressort der wohl höchsten Sicherheitsstufe öffnet E-Mails oder Briefpost übelsten Inhalts - persönlich? Wenn das Horst Herold läse, es brächte ihn wohl ins Grab.


Das erste Stirnrunzeln also: die oben zitierte Äußerung, die Guttenberg-Kinder seien von der ortsansässigen Elternschaft in Verschiß genommen worden, bewegt sich unmittelbar vor einer (weiteren) Selbstdramatisierung, die man sich in der Realität eines abgeschirmten Minister(haushalt)s schwer vorstellen mag.


Der zweite Zweifel: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kinder eines fränkischen Multimillionärs (-Erben in spe), eines Bundesministers der Verteidigung und mit (das müsste wohl von der Mutter kommen:) „adelig“-gehobenen Bildungsmaßstäben angängig waren, irgendeine eine linksökoalternativ-faschistoide Berliner Erziehungs-Klitsche Schule zu besuchen. Dort würde ich ein solches Maß geistig-moralischer Verworfenheit, wie sie aus dem Brief der besorgten Mutter gesprochen haben soll, durchaus vermuten. Wenn ich mir aber eine Schule vorstelle, auf die - sagen wir - eine Klientel extrem gut verdienender Manager-, Diplomaten- und Altes-Geld-Inhaber-Eltern ihre Kinder schickt, würde ich doch eher Gruppensolidarität für den öffentlich angegriffenen Ministervater und seinen Nachwuchs vermuten - statt voreiliger Ausschlussbemühungen.


*) Die Aussagequalität dieses „wollte“ finde ich interessant: Steigert die Verworfenheit der Schulfaschistenmutter weiter, dass sie nicht den Wunsch der Eltern abwürgt [bzw. abzuwürgen versucht], sondern den des seinerzeit zehnjährigen Kindes.


**) Ein weniger freundlicher Journalist als Giovanni di Lorenzo hätte vielleicht gefragt, ob Guttenberg diese Folgen seines Handelns nicht hätte bedenken sollen, bevor er sich und seine Universität zum Gespött der Öffentlichkeit machte.




++++ 18.01.2012 +++
Nachtrag, weil hier ja doch mehr Leute vorbeischauen: Schauen Sie sich doch auch einen wirklich gelehrten Blog an. Sogar mit Möpsen.





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