Dienstag, 31. Januar 2012

Bausteine für Herzileidgesellschaftsanalytikerinnen

Insgeheim wünschen Frauen sich echte Typen mit Haaren auf der Brust / auf den Zähnen / in Nase und Ohren.
Für die angeknackste Psyche jener lieben Kolleginnen, die aus der Not ihres Partnersuchverhaltens einen gesellschaftstypo- oder gleich anthropo- oder jedenfalls andrologischen Schmarren kreieren, liefert ein hübscher FAZ-Artikel von Jörg Thomann alle notwendigen Bausteine. Allerdings führt er just  in jene Verwirrung, in die wir alle Doublebinderinnen, die mit elenden Projektionen hantieren, von Herzen wünschen.

Über die neueren Versuche, aus Herzileid Gesellschaftsanalyse zu stricken, habe ich mich auch schon ein bisschen ereifert.


Montag, 30. Januar 2012

Hirndoping

Trotz anderslautender Nachrichten, etwa aus dem halbwegs renommierten Zweig der SPRINGER-Presse, ist es mit der Hirndoperei offensichtlich nicht weit her.

Sehr viel förderlicher scheint das ganz herkömmliche Aufmerksamkeitstraining zu sein.

Donnerstag, 26. Januar 2012

Als dem Jagdmeister nicht der Jägermeister, sondern die Opiate mundeten



„Die Reichsregierung hat das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird:
Die Liebe zur Natur und ihren Geschöpfen und die Freude an der Pürsch in Wald und Feld wurzelt tief im deutschen Volk. Aufgebaut auf uralter germanischer Überlieferung , hat sich so im Laufe der Jahrhunderte die edle Kunst des deutschen Waidwerks entwickelt. Für alle Zukunft sollen Wild und Jagd als wertvolle deutsche Volksgüter dem deutschen Volk erhalten bleiben, die Liebe des Deutschen zur heimatlichen Scholle vertiefen, seine Lebenskraft stärken und ihm Erholung bringen von der Arbeit des Tages.
Die Pflicht eines rechten Jägers ist es, das Wild nicht nur zu jagen, sondern auch zu hegen und zu pflegen, damit ein artenreicher, kräftiger und gesunder Wildstand entstehe und erhalten bleibe. Die Grenze der Hege muß freilich sein die Rücksicht auf die Bedürfnisse der Landeskultur, vor allem der Landwirtschaft und Forstwirtschaft.“
Und so weiter. Als das Bundesverfassungsgericht, ich glaube erstmals in seinem Urteil zum Grundlagenvertrag auf die Bedeutung von Präambeln für die Auslegung normativer Texte zu sprechen kam, dürfte unter den Richtern kein Humorist (jedenfalls kein Humorist erster Ordnung) gewesen sein. Denn es ist ja doch zu reizend, was sich deutsche Normgeber schon zurechtgeschwurbelt haben.

Aber darauf komme ich lieber einmal bei anderer Gelegenheit (die Geschichte mit den Opiaten vielleicht auch später, immerhin spielten sie in den Nürnberger Prozessen ja noch eine Rolle).

Mein Ausgangspunkt war der folgende: In seinem schwergewichtigen Buch „Der Traum von der Wildnis“ macht Simon Schama diese hübsche Bemerkung:
„Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn war es Görings Lieblingsbeschäftigung, Gegner, Rivalen und Hirsche mit großen Geweihen zu jagen, wobei der Unterschied darin bestand, daß er vor den Vierbeinern gehörigen Respekt hatte. [...] Das Gesetz machte Göring selbst zum ersten Reichsjägermeister (das legitimierte ihn, sich wie ein Statist aus dem Freischütz zu kostümieren) und sah die Todesstrafe für jeden vor, der es wagte, einen Adler zu töten.“
Die Aussage am Schluss von Schamas Zitat löste eine Suche nach dem Reichsjagdgesetz aus, fündig wurde ich in der Österreichischen Nationalbibliothek, die das Reichsgesetzblatt dankenswerter Weise zu größeren Teilen als Digitalressource vorrätig hält.

Das Wort zum Adler ist auf dieser Grundlage Unfug, allerdings dürfte es im Maßnahmestaat nicht sonderlich auf die gedruckte Norm angekommen sein.










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Im Kopf von Siggi Pop: VWL schlägt Staatswissenschaft

 Nicht so schlimm: „Domstadt“ - aber nicht eben geschmackssicher.
„Man kann eine der größten Volkswirtschaften der Welt nicht mit einem Partner regieren, der wenig berechenbar ist.“
Der SPD-Bundesvorsitzende wurde gestern auf Seite 1 der Süddeutschen mit diesem Satz zitiert, der die Linkspartei betrifft und die Koalitionsspekulation auf Bundesebene (die FAZ hat ihr PDF heute noch nicht geliefert, sonst läse ich nicht die SZ von gestern).

Als altes Schwarz-Grün-Groupie (habe 1994 schon einmal an der richtigen Stelle die Hand gehoben) sind mir die strategischen (gestrichen, wir wollen den Mann ja nicht überschätzen) taktischen Überlegungen von Sigmar Gabriel zwar tendenziell gleichgültig, ich kann diese Auffassung aber nachvollziehen, weil es mit Sicherheit kein Vergnügen ist, mit dieser LINKEN-Mischung aus alten Diktaturkadern und Sektenüberrestlern parlamentarische Politik zu spielen.

Ob ein Käfig voller Narren wirklich „wenig berechenbar“ ist, darüber möchte ich nicht richten. Da wird Sigmar Gabriel im Zweifel seinen Medienberater befragen, was seine Partei an Koalitionsfummeleien öffentlich vorführen darf, ohne dass BILD, BamS und Glotze in moralische Entrüstung verfallen.

Reichlich verkehrt wirkt auf mich aber das rhetorische Repertoire. Seit wann wird denn eine Volkswirtschaft „regiert“?

Ich würde darauf nicht zwingend kleinlich reagieren. Metaphernelend findet man ja überall, man kann dem Wort des Vorsitzenden Gabriel die Qualität zubilligen, die Köln wegen der nicht besonders schönen Kirche zur notorischen „Domstadt“ macht. Gabriel zuzuschreiben, er wollte dirigistisch in die Welt der Unternehmen eingreifen (also das, was mit einer anderen Elendsmetapher als „die Wirtschaft“ bezeichnet wird), wäre sicherlich töricht.

Bedenklich ist es aber, dass - obwohl doch gerade die Sozialdemokratie derzeit posaunt, dass endlich der Staat als Ordnungsmacht den Markt geschlagen habe - dem Vorsitzenden Gabriel als Metapher für das Land, das er mit seinen roten Teufeln übernehmen will, die der „Volkswirtschaft“ in den Sinn kommt.

Warum sprach der Mann nicht vom „Staat“ oder, was mir ja noch um Grade sympathischer wäre, von der Republik - mit all den Anmutungen, die eine Rede von der res publica in Zeiten eines vollständigen Umbruchs in der Mediennutzung hätte?

Siggi Pop macht auf VWL. Ein wenig Policeywissenschaft wäre wohl zu viel verlangt gewesen. Er hätte gewarnt sein können: Hat nicht Heinz Rudolf Kunze einst gedichtet, in erotischen Übungen keine „Beziehungen“ zu wünschen, weil sich sonst Menschen „für Staaten“ hielten. Den Gedanken hätte der vormalige Popkulturbeauftragte der SPD doch noch ihm Ohr haben können.

Aber ich werde langsam unleidlich. Besser, ich schreibe etwas für den Markt als mich von Sigmar Gabriels Rhetorik durch den Tag steuern zu lassen.



Martin Rath






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Mittwoch, 25. Januar 2012

Aufschlussreich

Im Wikipedia-Artikel über Holger Börner fand ich eine hübsche Auskunft. Von diesem Umstand wusste ich nichts:
„Er war Mitglied der Freimaurerloge Durch Licht zum Frieden in Kassel.“
Doch passt es nicht hübsch zu diesem wohlbekannten und wohl bekannten Zitat?
Ich bedauere, daß es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins auf die Fresse zu hauen. Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit der Dachlatte erledigt. (über militante Demonstranten gegen die Startbahn 18 West)“

Montag, 23. Januar 2012

Marktwirtschaftsfans kopieren Pharmazeuten?


Heute findet sich in der Frankfurter Allgemeinen (Seite 3, unten) eine Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die ein lächelndes Kind mit merkwürdiger Brille und Knopf im Ohr zeigt. Die Legende erklärt, womöglich der Junge („jemand“ - muss also nicht das abgelichtete Kind sein) habe dank technischen Geräts einen „Teil seines Augenlichts“ zurückgewonnen.

Der weitere Text verknüpft dieses medizinische „Wunder“ mit dem Wirtschaftswachstum, das es uns beschert hat. Keine Einwände soweit, ein bisschen kurzschlüssig, aber was will man von Leuten erwarten, die tag ein, tag aus mit nichts anderem als neoklassischer Wirtschaftstheorie hausieren gehen.

Bemerkenswert finde ich, dass die INSM das Bild vom lächelnden Kind von einer - wenn mich meine klassische Sehhilfe (thailändisches Produkt einer hongkonger Firma mit deutscher Bodenstation) nicht täuscht -  kalifornischen Firma ausborgen muss, die hinter den Second Sight Medical Products steht. Ob man so die deutschen Ganzheitlichkeits-, Wachstumskritik- und Bauchgefühlszausel, denen ein Stück klassischer Wirtschaftstheorie unterzujubeln ja noch ein Werk des Heiligen Geistes wäre, mit der überseeischen Erfolgsgeschichte auf den Weg der Erkenntnis führen wird? Gibt es solche Geschichten nicht auch aus heimischem Anbau?

Im Übrigen: Waren solche Bild-/Legendengeschichten nicht unlängst Gegenstand von Kampagnen des Verbands forschender Pharmaunternehmen? Ein derart evidentes Übernehmen von Motiven und Tendenzen, auf mich wirkt das etwas billig.


Donnerstag, 19. Januar 2012

Struggle for wife? - Journalistinnen schreiben Geschlechterverhältnisfeuilletons, mal wieder


Obwohl ich ein paar tausend Zeitungsartikel als Ausschnitte in meinem Archiv habe und auch eine bizarre Menge als Dateien auf der Festplatte, eingescannt oder anderweitig digital gesichert, eine Textsorte findet sich noch nicht einmal als Fragment im Promillebereich: Feuilletons von Frauen über Männer und deren angeblich zeittypisch-neuartig krisenhaftes Auftreten im struggle for wife. Was nichts daran ändert, dass dieses vermeintliche Thema doch gefühlt alle fünf bis zehn Jahre frisch von Journalistinnen entdeckt wird. (Über das Wort „ent-decken“ würde ich ja gerne ein bisschen heideggern, aber lassen wir das lieber.)

Darum bin ich auf meine Erinnerung angewiesen: Haben nicht Journalistinnen, die betagt zu nennen die Höflichkeit, aber nicht der Realitätssinn verböte, Damen wie Barbara Sichtermann oder Cora Stephan schon vor 20 oder 30 Jahren dieses schmarrenhafte Zeug geschrieben, wie Männer zu sein hätten oder schlimmer noch: Wie die XY-Chromosomträger neben ihrer Biologie noch an modisch-politischen Neo-Geschlechtsklischees litten, wie sie sie zu erfüllen hofften und ausgerechnet und auch wieder damit den XX-Chromosomalistinnen ins Triebleben pfuschten? Macker hin, Softie her: Wie überträgt man das doch eher frauentypische Double-binding in eine geschlechtersoziologische Projektionsphantasie?

Ich bilde mir ein, die ersten Texte dieser Art um das Jahr 1987 herum schon bescheuert gefunden zu haben. Aber für eine archivalisch belegte Genealogie des Unfugs fehlt mir, wie gesagt, der Stoff. (Vielleicht findet ja mal eine angehende Germanistin einen Typen, der ihr die Magisterarbeit darüber schreibt - um die alte Harry-Rowohlt-Definition des Begriffs „Studentin“ zu variieren.)

Wenn Männer mit dem Unterleib recherchieren, wird daraus irgendein Playboy- oder Playboy-Derivat-Schmierartikel. Glücklicherweise lässt man Männern in seriösen Medien derlei eher nicht durchgehen: Welcher Mann würde heute Artikel über das Scheitern von realen Frauen an journalistisch herbeiphantasierten Frauenbildern verfassen dürfen, wer würde sie publizieren?

Männer haben journalistisch besseres zu tun, hoffentlich. Frauen leider nicht immer. Mir fiel im SPIEGEL vom Montag der erste frische Mist dieser genderanalytischen Phantastik auf (schon im Altpapier), Jenny Friedrich-Freksa legt in der FAZ nach, Nina Pauer hat in der ZEIT bereits vorgelegt.

Mir schwebt zur Unterbindung solcher Artikel ja vor, die Urheberinnen für ein paar Jahre in ein Frauenkloster zu sperren. Nach einer Weile ortstypischer Beißerei wäre der feine Sinn für die sozialen Distinktionen im XY-Sektor dann hoffentlich ausgeschwitzt.

Aber ich merke, ich vergesse mich.





+++ Tippfehler in der Überschrift +++
Jetzt bereinigt. Der liebe Nachbar in der Wohnung über meinem Kopf hat die Nacht besinnungslos durchgelärmt. Tippfehlerfreiheit ist da schwer zu erreichen.


+++ Nachtrag 30.01.2012 +++


Mittwoch, 18. Januar 2012

... und Verbraucherschutz


Unter der Todesanzeige für den jüngst bei Gericht getöteten Staatsanwalt zeichnet
„Die Bayerische Staatsministerin der Justiz und für Verbraucherschutz“.
Dem Publikumserfolg der bündnisgrünen Verbraucherschutzministerinnen wollte man womöglich auf Landesebene nacheifern. Hier nimmt es nur Dignität. Die Vermengung von klassischem („der“) und neumodischem („für“) Ministertitel wirkt zumindest in einem Kontext, der an militärische Todesanzeigen („...im Alter von ... in Ausübung des Dienstes verstorben“) erinnert, merkwürdig anachronistisch.

Ohne vollständiges Prädikat, ja ohne vollständige Prädikate (LL.M.). Auch fehlendes Pronomen. Merkwürdig, merkwürdig.

Deutschlandradio, noch ganz bei Trost?

Wie schräg ist denn das?

Im heutigen Kalenderblatt, dem historischen Feuilleton des so hervorragenden Radiosenders, heißt es, ein rumänischer Doktorand habe vor 125 Jahren erstmals Amphetamin synthetisiert - an einer Hochschule namens „Humboldt-Universität“. Dass diese Berliner Hochschule bis 1946 nach dem preußischen König Friedrich Wilhelm benannt war, weiß man eigentlich - oder, Martin Winkelheide? Ergibt ein solcher Anachronismus irgendeinen Sinn, außer dem, dass man die Hörer für komplett verblödet hält?

Den Blutdruck treibt auch noch die Musikauswahl hoch. Seit Beginn des Tagesprogramms bringt man ein Plastikpopstück nach dem anderen. Das hat teilweise WDR-2-Niveau, also beinah unterste Schublade.

Wenn das so weitergeht, findet heute eine jahrelange Liebesgeschichte ihr Ende.


Montag, 16. Januar 2012

Plagiat in juristischer Dissertation aus Erlangen

Dissertation Dr. Nerepka von 1929

Aber keine Sorge, der approbierte Doktor stammt vom 14. Mai 1929, hieß Arthur Nerepka und leitete seine Dissertation unter dem Titel „Die ärztliche Berufstätigkeit im Hinblick auf das Opiumgesetz und seine Ausführungsbestimmungen“ mit den gleichen Worten ein, die auch Dr. Louis Lewin und Dr. Wenzel Goldbaum für ihren Kommentar zum Opiumgesetz (1. Auflage 1928 im Verlag von Georg Stilke, Berlin) fanden.

Kommentar zum Opiumgesetz Dres. Lewin/Goldbaum von 1928

Wer Schwierigkeiten mit der Fraktur hat: „Es gibt nicht wenige Unheile in der Welt, von denen Menschen heimgesucht werden. Zu dem bekannten eisernen Bestande der ...“.

Durchgeprüft, wie weit sich die Überschneidungen durch den Rest der Arbeit ziehen, habe ich sie nicht. Interessant ist immerhin, dass sich die Dreistigkeit, gleich in der Einleitung mit der Fälschung zu beginnen, nicht erst in Guttenberg-Zeiten feststellen lässt. Auch die feinen Änderungen im zweiten Satz sprechen für zeitlose Plagiatstechnik.

Ach, und auch wenn ich das hier nicht weiter prüfe: Erwischt werden sie alle, früher oder später.

Die Doktorarbeit erschien in der Buchdruckerei Karl Döres, Erlangen, Jägerstraße 3, Telefon 521.










Martin Rath




Donnerstag, 12. Januar 2012

Von der Orska bis zum Semler

Berlin muss ein Dorf sein.

Ein später nach Lateinamerika emigrierter jüdischer Rechtsanwalt aus Berlin erwähnt in einem 1930 erschienenen Gesetzeskommentar eine Maria Orska, die sich mit Rauschgift das Leben nahm.

Sie wurde in jungen Jahren von der Berliner Salonlöwin Edith Andreae, der Schwester von Walther Rathenau protegiert, was sich nachzuschlagen anbot, weil der Mülheimer Industriellenfamilie Andreae bei mir um die Ecke eine Straße gewidmet ist.

Im Eintrag zu Frau Andreae findet sich der Name Ursula Herking, eine weitere junge Künstlerin aus ihrem Kreis. Sie wurde in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg u.a. als Kabarettistin bekannt und war zeitweilig mit einem Mitgründer der CSU verheiratet.

Zu den Söhnen, die aus dieser Ehe hervorgingen, zählt Christian Semler, den man zumindest als taz-Autor kannte, als man die taz noch las.

Berlin ist bestimmt ein Dorf.

Mittwoch, 11. Januar 2012

Den König zum Duell fordern?


Fritz-Jochen Kopka spielt hier ein bisschen mit dem Gedanken, der Konflikt Wulff-Dieckmann hätte sich auf klassische Weise - also im Duell - doch reizvoller ausgenommen. So erfreulich die Idee schon aus Gründen der Traditionsstifung ist, allen Beteiligten zudem Lebenszeit und dem Staat Niveau erhalten hätte, als Ersatzmonarch dürfte Christian Wulff nicht um Satisfaktion angegangen werden noch sie fordern (übrigens auch ein gern übersehener Hintergrund der archaisch im Strafgesetz verbliebenen Majestäts- respektive Präsidentenbeleidigung). Das entspräche nicht den Regeln des Duells. Monarchen treten nur untereinander ins Duell, indem sie sich den Krieg erklären. Dass der Bundespräsident erhöhten Ehrenschutz durch die Strafjustiz genießt, bestätigt seine Neutralität in Duellsachen zwischen Untertanen von Stand.

So könnte man wohl mit viel bösem Willen Christian Wulffs altbackene Lateinlehrermetapher vom Rubicon als Kriegserklärung verstehen. Allein, der BILD-Chef ist kein Ersatzmonarch, womit die Äußerung des Bundespräsidenten schlicht fehladressiert war.

Dienstag, 10. Januar 2012

Himmelschein


Juri Himmelscheins „Beiträge zu der Lehre vom Rechtsgeschäft“ aus dem Jahr 1930 dürften heute allenfalls noch für eine professorale Fußnote zu diesem Thema dienen. Ich wollte es nur einmal zur Hand nehmen, um mir vom Abstraktionsgrad seines Diskurses ein Bild machen zu können.

Von der Qualität der Anstreichungen (in ihrer Materialität: teils harte Buntstiftstriche) lässt sich auf ein langes Ruhen im Bibliotheksbestand schließen. Der Gebührenzettel, aus dem Jahr 1982, könnte darauf hindeuten, dass 30 Jahre seit der letzten Ausleihe vergangen sind.

Auch wenn ich mich in den Inhalt nicht einarbeiten werde, es sei denn, er begegnet mir bei einem Studium des angelsächsischen Rechts noch einmal, finde ich es bedauerlich, dass so (prima facie) scharfsinnig-abstrakt eher selten gedacht und geschrieben wird - heutzutage, damals aber wohl auch schon selten.

Juri Himmelschein, einen Artikel über ihn, aus der „Juristischen Schulung“ (Ende der 1990er-Jahre), habe ich nur noch sehr, sehr grob in Erinnerung, war - mit dem Gedächtnisvorbehalt - ursprünglich russischer Untertan, später deutscher Doktor der Rechte (mit philosophischem Fundament) und wurde Anfang der 1940er-Jahre ermordet.

In die Zitierkartelle der späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren fanden dann schon die Überlebenden nicht eben überreiche Aufnahme.


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Mittig mag „Blogger“ nicht, also als Randnotiz:

Martin Rath




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Nicht bestellt, vielleicht zu lesen: Kriminalität im Amtsbezirk Heidelberg


Franz Dochow, bereits mit einem Doktorgrad in - heute würde man sagen - Wirtschaftswissenschaften gesegnet, wurde 1906 zudem durch die juristische Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität promoviert.

Eigentlich hatte ich eine andere Dissertation bestellt, die Universitäts- und Stadtbibibliothek zu Köln gab mir die von Dochow heraus.

Weil heute nichts mehr in der Welt ist, was nicht in den Akten im Internet zu finden ist, zudem der unfruchtbare Zufall in Köln vielleicht anderenorts zu einem nützlichen mutieren kann, stelle ich - für die Sammlung sonst nutzlosen Wissens - den Lebenslauf online, vorsichtig mit dem Handscanner digitalisiert, per ABBYY Finereader erkannt.


Lebenslauf.Im Jahre 1875 zu Halle a. S. als Sohn des weil. o. ö. Professors der Rechte Dr. jur. Adolf Dochow geboren, evangelisch, studierte ich, nach Absolvierung des Gymnasiums, in Halle Rechts- und Staatswissenschaften und erlangte im Jahre 1900 die Doktor­würde der dortigen hohen philosophischen Fakultät mit einer „Untersuchung über die Stellung des Handels in der Volks­wirtschaft“.Am 1. September 1900 trat ich in das Bureau der Handels­kammer in Halle als wissenschaftlicher Hülfsarbeiter ein, vom 1. Januar 1901 bis 31. März 1902 war ich als zweiter Sekretär tätig. Diese Stellung gab ich auf, um als Sekretär dem Staatsninister Freiherrn von Berlepsch vorwiegend bei seinen sozial­politischen Arbeiten zu helfen. Vom 1. Oktober 1904 bis zum 31. März 1905 war ich im Kaiserlichen Statistischen Amt als wissenschaftlicher Hülfsarbeiter tätig, vorher habe ich vorübergehend im Großherzoglich badischen Statistischen Landesamt zu meiner Information gearbeitet.Im Sommer 1905 nahm ich in Heidelberg meine juristischen Studien wieder auf. Meine Lehrer sind hier die Professoren Anschütz, Jellinek und v. Lilienthal.Im September und Oktober 1903 arbeitete ich im Landratsamt zu Weißensee in Thüringen.Ich verfehle nicht, meinen oben genannten Lehrern für alle Anregungen zu danken, desgleichen Herrn Oberregierungrat Dr. Lange in Karlsruhe und Herrn Landrat Dr. v. Lucius für die Bereitwilligkeit, mit der sie mich in die Geschäfte der ihnen unterstellten Ämter eingeführt haben. Franz Dochow
Definition: Dochow, Franz.
Biografie: Dochow, Franz


Schwärzeste Pädagogik in Schwäbisch Gmünd

Studentinnen und Studenten der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd haben sich mit der Frage befasst, ob die Todesstrafe eine abschreckende Wirkung entfaltet. Das ist lobenswert. Der Informationsdienst Wissenschaft hat darüber berichtet.

Mir liegt natürlich die angedeutete Frage auf der Zunge, bösartig wie ein unausgeschlafener Leser am Morgen: Ist es wirklich wieder soweit in Deutschland, dass sich Nachwuchspädagogen mit der Wirksamkeit der Schwarzen Pädagogik befassen? Kaum ist die Rutschky unter der Erde, geht dieser Spaß wieder los? Und dann noch mit der schwärzesten Form der Schwarzen Pädagogik - der nur noch von braven US-Christenmenschen und chinesischen Kommunisten in ihrer Wirksamkeit unangefochten praktizierten, der Todesstrafe?

(Das war ironisch gemeint und wird weder der Haltung noch den Ergebnissen der Studien aus Schwäbisch Gmünd gerecht. Ich weiß. I-r-o-n-i-e. Ich betone das noch einmal. Vielleicht liest hier ja ein Pädagoge mit - und diese Berufsgruppe zeigt oft nicht nur in der Ausbildung Verständnisprobleme, wenn Ironie auftritt.)


Montag, 9. Januar 2012

Schulanekdote in „Vorerst gescheitert“ glaubwürdig?

Coverbild: Herder-Verlag


In Form eines E-Books aus der Stadtbibliothek kam mir das Werk aus dem Hause Guttenberg/di Lorenzo auf den Tisch (respektive Bildschirm). Zufällig erwischte ich beim ersten Durchblättern eine Stelle, die auch SPIEGEL ONLINE in den Blick genommen hatte - offenbar ohne sie weiter zu prüfen.


Auf Befragen von Giovanni di Lorenzo äußert sich Guttenberg in „Vorerst gescheitert“ zu den sozialen Folgen, die von der Familie des jungen Politikers im Zusammenhang mit seiner Plagiatsaffäre zu erdulden waren, mit folgender erschreckender Einlassung - erschreckend, wenn sie wahr ist:
„An ihrer Schule in Berlin wurden sie [die Töchter Guttenbergs, MAR] großartig geschützt, aber natürlich nicht vor den Äußerungen anderer Kinder. Und immer dann, wenn sie die Schule verließen, wurden sie mit der Sache konfrontiert. Der Gipfel war aber eine andere Geschichte: Als meine ältere Tochter für das kommende Jahr auf eine andere Schule wechseln wollte *), bekamen wir einen Brief von der Vorsitzenden eines Elterngremiums, in dem stand, dass das Kind auf der Schule nicht erwünscht sei.“
Auf eine Nachfrage di Lorenzos, ob Guttenberg damit den Tatbestand der „Sippenhaft“ erfüllt sehe, bejaht der Ex-Minister (der diese Nazi-Assoziation im Kopf des Fragenstellers zuvor angeregt hatte). **)


Es dürfte zwar keine ganz einfache Recherche sein, weil sich hier - im Fall, dieser Brief wurde wirklich so geschrieben - die mutmaßliche Sippenhaftverstalterin des Berliner Elternrats in einer höchst verwerflichen Lage befand und noch befindet, aber es fragt sich doch, ob ein Journalist in Berlin die Story geprüft hat.


Ich hätte da zwei Anhaltspunkte, die mich stutzen lassen. Ein erstes Stirnrunzeln löst der Kontext im Buch aus (und ich meine nicht die Geschmacklosigkeit der assoziierten „Sippenhaft“ - Guttenberg sollte da, aus familiärer Erfahrung eigentlich klarer sehen können): Eingehende Post beleidigenden oder mordlüsternen Inhalts sei, so äußert sich Guttenberg unmittelbar nach der hässlichen Schulgeschichte, gelegentlich von Frau Stephanie geöffnet worden. Das stelle ich mir sehr absurd vor - die Gattin des Ministers mit dem Ressort der wohl höchsten Sicherheitsstufe öffnet E-Mails oder Briefpost übelsten Inhalts - persönlich? Wenn das Horst Herold läse, es brächte ihn wohl ins Grab.


Das erste Stirnrunzeln also: die oben zitierte Äußerung, die Guttenberg-Kinder seien von der ortsansässigen Elternschaft in Verschiß genommen worden, bewegt sich unmittelbar vor einer (weiteren) Selbstdramatisierung, die man sich in der Realität eines abgeschirmten Minister(haushalt)s schwer vorstellen mag.


Der zweite Zweifel: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kinder eines fränkischen Multimillionärs (-Erben in spe), eines Bundesministers der Verteidigung und mit (das müsste wohl von der Mutter kommen:) „adelig“-gehobenen Bildungsmaßstäben angängig waren, irgendeine eine linksökoalternativ-faschistoide Berliner Erziehungs-Klitsche Schule zu besuchen. Dort würde ich ein solches Maß geistig-moralischer Verworfenheit, wie sie aus dem Brief der besorgten Mutter gesprochen haben soll, durchaus vermuten. Wenn ich mir aber eine Schule vorstelle, auf die - sagen wir - eine Klientel extrem gut verdienender Manager-, Diplomaten- und Altes-Geld-Inhaber-Eltern ihre Kinder schickt, würde ich doch eher Gruppensolidarität für den öffentlich angegriffenen Ministervater und seinen Nachwuchs vermuten - statt voreiliger Ausschlussbemühungen.


*) Die Aussagequalität dieses „wollte“ finde ich interessant: Steigert die Verworfenheit der Schulfaschistenmutter weiter, dass sie nicht den Wunsch der Eltern abwürgt [bzw. abzuwürgen versucht], sondern den des seinerzeit zehnjährigen Kindes.


**) Ein weniger freundlicher Journalist als Giovanni di Lorenzo hätte vielleicht gefragt, ob Guttenberg diese Folgen seines Handelns nicht hätte bedenken sollen, bevor er sich und seine Universität zum Gespött der Öffentlichkeit machte.




++++ 18.01.2012 +++
Nachtrag, weil hier ja doch mehr Leute vorbeischauen: Schauen Sie sich doch auch einen wirklich gelehrten Blog an. Sogar mit Möpsen.





Freitag, 6. Januar 2012

Christchurch

Um es einmal gar nicht IPA-konform zu umschreiben: Spontan möchte ich die Stadt „kristtchörtsch“ aussprechen, nicht „kraisttschörtsch“. Ich hoffe, dass es irgendwo da draußen irgendeinen hübsch-näselnden Stamm englischer Sprache gibt, der das tatsächlich so hält.

Leider dokumentiert die deutsche Wikipedia für die neuseeländische Ortschaft das ˈkɹaɪsttʃɜːtʃ.

Das Englische ist schon eine lustige Sprache: Kristschen - aber Djiiiißes Kraist. Ich vermute das zweite i in Christian ist dafür verantwortlich, das dem Personennamen die Verkraistung erspart bleibt.

Aber das ist nur eine laienlinguistische Vermutung.


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Mittwoch, 4. Januar 2012

Charts 1971 - Dass Säuglinge keine Rolle rückwärts machen ...

In den sozialen Netzwerken, die ich gelegentlich frequentiere, läuft gerade die Aufforderung herum, sich die Charts seiner Geburtswoche anzutun. Gut, dass man Säuglinge dem nicht aussetzt. Sie würden zurückwollen in eine akustisch gedämpftere Welt.

In der Woche vor meinem Abnabeln lief dieses Stück einer betonfrisurierten Dame:



Was wohl diesem ätzenden Geschrammel den Weg eröffnete, janzjanz wilde Rockmusik. Grauenhaft. Deswegen stehe ich vermutlich so auf die King's Singers & wohlproportionierte Barockmusik:



Wovon die deutschen Hörer aber nach einer Woche schon wieder genug hatten, was sie zurückführte zu:




Was wiederum abgelöst wurde von diesem Prachtstück:






Da fühlt man sich sogar noch dem spanisch übertönten Homer Simpson recht nah:


Dienstag, 3. Januar 2012

Landkarte der Zeit - schnell und nicht voll befriedigt gelesen

Weihnachten war der Anlass, zu Silvester als Geschenk erhalten: Félix J. Palmas „Landkarte der Zeit“. Vorgestern und gestern gelesen, heute nur noch die restlichen 50 Seiten.

Aus dem Tempo der Lektüre lässt sich keine Qualitätsaussage ableiten. Abschnitte, die sich mit Interesse lesen ließen, wechselten sich mit solchen ab, an deren Ende ich froh war, sie hinter mir lassen zu können. Mein Eindruck ist zwiespältig. Anspielungen auf verwandte Stoffe finde ich beispielsweise ja tendenziell gut, vermutlich bin ich dem Wimmelbildalter nie entwachsen. Damit wird man reichlich bedient - und selbst wenn man den früheren Gouvernator von Kalifornien nie in seiner Zeitreiserolle gesehen hat (zähle mich dazu), lassen sich hier Anspielungen interpolieren. Die Horde der Amazon-Rezensenten findet das in Teilen nicht ansprechend, aber dazu gleich noch zwei böse Worte.

Richtig geärgert hat mich eine sprachliche Festlegung des Romans, die vielleicht auch dem Übersetzer (Willi Zurbrüggen) anzukreiden ist - ich hätte das jedenfalls hinfortlektoriert -: Das unsympathische Personal zeigt desöfteren „schleimige“ Gesichtszüge. „Schmierig“ hätte mir da besser gefallen.

Über den Inhalt will ich gar nichts sagen, da mag man bei den wilden Frauen nachschlagen und genügend entspoilerte Anmerkungen finden (1. böses Wort). Ein bisschen klüger wurde ich immerhin jetzt beim Nachschlagen: die „Baedecker“-Problematik hatte ich bisher anders im Kopf als im Roman angelegt - und stelle fest, dass Palma richtig liegt. Beim Lesen hatte ich mich noch geärgert, weil ich dachte, die Baedecker-Flüge seien eine britische Erfindung gewesen (dabei wurden sie nur von ihnen konsequent durchgeführt).

In den Amazon-Rezensionen (2. böse Bemerkung) fehlt einer ganzen Anzahl von Lesern jeder Blick für Erzählkonventionen des 19. Jahrhunderts. Man stört sich z.B. daran, dass der allwissende Autor sich ab und zu mit belehrenden oder interpretierenden Äußerungen in den Fluss seiner Erzählung einschaltet. Großer Literaturverstand ist bei Amazon offenbar nicht zu finden, jedenfalls nicht bei Büchern, die mehr als eine Handvoll (offensichtlich unbestochene) Besprechungen aufweisen.

Das aber dürfte nicht das zentrale Problem dieses Romans sein. Eher vielleicht, dass ich keines fand.

Sonntag, 1. Januar 2012

Erna Penning

Las in einer uralten Ausgabe des SPIEGEL, in einer ziemlich ranzig-obskuren Story über Arthur Nebe, vom ersten Opfer eines bekannten Düsseldorfers, das ihm lebend entkam, Erna Penning. Bizarr, dass eine Namensvetterin in Pretoria heute mit der ziemlich merkwürdigen Kunst der Graphologie befasst ist.