Samstag, 29. Dezember 2012

Sorge dich nicht, lebe!

Der Klassiker von Dale Carnegie hat den Weg durch meine Augen in mein gehetztes Hirn nicht gefunden. Das wird wohl auch so bleiben.

Gestern hörte ich einen Bekannten indes über eine Goldfisch-Metapher in Carnegies Buch spotten: Der Mensch sei (vom doofen Carnegie vielleicht abgesehen) intelligenter als ein Goldfisch. Wenn Goldfische sich über ein Krokodil, das täglich einen der ihren fräße, keine Sorgen machen sollten, müsste das für den Menschen beim Baden im Goldfischgewässer längst noch nicht gelten.

Mir geriet daraufhin der folgende Text aus den Fingern. Nicht ganz gründlich durchdacht. Aber ein wenig neidisch war ich auf den Carnegie-Kritiker doch (wegen des Lächelns, natürlich). Weil sie in Facebook ein wenig verwaist erscheinen, dokumentiere ich meine güldenen Worte hier auch noch einmal:





Gut, Goldfische sind dämlich. Einverstanden. Dass man mit dieser Erkenntnis aber auch mehr oder weniger hübsche Frauen zum Lächeln bringen kann. Unglaublich. Da fällt mir doch mehr ein.

Tiermetaphernanalyse

Dämlich sind Goldfische, klar. Ein langer, dünner Schatten am Beckenteich ist ihnen vermutlich ein Reiher und kommt sie holen. Da Reiher vermutlich keine eben kleine Trefferquote haben, Goldfische bei langen, dünnen Schatten aber meist kollektiv verschwinden, obwohl sie einen Schnabelangriff selbst noch nicht überlebt haben dürften, kommunizieren die Fische wohl untereinander. Ich vermute, das „Schwupp“, mit dem man sie abtauchen sieht, warnt die Goldfischkollegen als Gefahrendiagnose des Schnellsttauchers.

Ein großer, fetter Schatten zeigt freundliche Menschen an, die Goldfischen etwas zum Teichvollkacken ins Wasser werfen. Das freudige Goldfischschwanzwedeln könnte auch eine Form von sozialer Verständigung sein – in Frage kommt hier aber auch eine schlichte Konditionierung, weil hier kein Lernen am fremden Goldfischobjekt erforderlich ist.

Zwischen großen, fetten und langen, dünnen Schatten unterscheiden zu können, ist kein Glanzstück der Intelligenz. Zum Fortpflanzen reicht es bei den Fischen, zu Höherem sind sie nicht berufen. Welche andere Lebensform mit Stoffwechsel das sonst wäre, sei einmal dahingestellt.

Es wäre vermutlich ein gutes Beispiel für einen bösen Demiurg, hätte er Goldfische mit Phantasie ausgestattet, die sie von langen, dünnen oder großen, fetten Schatten tagträumen ließe. 
Eine Satanodizee (Theodizee des Teufels) wäre es nachgerade, würde ihre Phantasie dann auch noch dazu ausreichen, sich ein sicheres Landleben als Frosch vorzustellen – wozu Evolutionsschritte von Jahrmillionen erforderlich sind, ganz egal, ihre Phantasie treibt sie voran: Sie müssten de Äonen doch durch sportliches Training überspringen können (tatsächlich findet man ja immer mal wieder in den Tod gesprungene Goldfische, freilich ganz ohne amphibische Individualqualifikation fürs Landleben). 
Ein besonders perfides Teufelswerk bestünde schließlich darin, Goldfische mit so viel Intelligenz auszustatten, dass sie ihre zeitliche Beschränktheit erkennen könnten („Sport lässt uns nicht die Evolution überspringen, aber man muss doch etwas tun können“) und/oder im Fischhirn architektonische Pläne für Reiherschutzbunker entwerfen ließe.

Sie müssten dann feststellen, dass ihnen die Hände fehlen, Schutzbunker zu bauen.
Ob das ein US-amerikanische Ratgeberautor meinte, als er den Goldfischen Optimismus im Angesicht der Raubtiere empfahl?

Man müsste Günther Anders-Stern fragen können, der die berüchtigte „Marie“ zusammenschrie, als die einem Käfer die Flügel ausriss (und mich zweifeln ließ, wer mir in seiner Fabel [in den „Ketzereien“, diesem schlimmen Klugscheißerbuch denke ich] unsympathischer war). 

Für diese Frage müsste ich aber erstmal raus aus dem Teich.

Sollte mir Dale Carnegie in die Hände fallen, würfe ich sein Buch in den Rhein (Bücherverbrennungen gab es in Köln zuletzt in den 1950er-Jahren und scheinen mir überhaupt etwas unsittlich). Man weiß ja sonst nie, wem das von einem Teichrand aus in die Flossen fiele.

Dienstag, 18. Dezember 2012

Vertrackt

Der Satz
Ray Kurzweil himmelt Computer an.
ist vielleicht ziemlich abgründig. Fragt sich, ob und wann „anhimmeln“ eine Verschiebung vom Emotionalen ins Materielle erfährt.

Samstag, 15. Dezember 2012

Ökotrottel, der - Kurz- und Kürzestdefinition

Ein Ökotrottel ist nach meinem Verständnis

  1. eine Person, die sich einer als umweltfreundlich bezeichneten Mode bedient, dafür selbst moralischen Mehrwert beansprucht, ohne für ihren Lebenswandel insgesamt eine relevante Bilanz ziehen zu wollen;
  2. Charles Battenberg-Windsor.

Donnerstag, 29. November 2012

Mauerschützennachwachsparteinachwuchs

Demokratie ist, wenn alle mitmachen dürfen und sich alle Mitmacher gegenseitig attestieren dumm zu sein.

Ins Piratenkontor hineinblinzeln heißt wohl, die repräsentative Demokratie lieben zu lernen.
Dass die Herrschaften sich nicht über die Unterschiede zwischen Mauerschützennachwachsparteinachwuchs und Mauerschützenparteinachwuchs streiten, ist eigentlich noch alles.




Donnerstag, 22. November 2012

Wie finde ich einen ungnädigen Lektor?


Ob eine Autorität, konvex zum ungnädigen Lektor, einige Etagen höher gefunden wird und ob ein Studium nebst Dissertation im Fach Theologie dazugehört, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das Buch enthält einige kluge Gedanken, wenngleich es sich mir nicht immer erschließt, warum zu einem guten Leben auch noch christliche Theologie gehört, um gute Lebenspraxis zu rechtfertigen. Dass ich z. B. gut und lange warten kann, an Haltestellen oder in Ärztezimmern, ohne ungeduldig zu werden, hat herzlich wenig mit meiner Haltung zur Theodizee zu tun. Wahrscheinlich wird man mit einer solchen Haltung von Martin Spaeth unter die rechtschaffenen Heiden gezählt. Die Stoiker werden ja nicht erst seit gestern sogar von Katholiken nach  mormonischer Rezeptur gewässert und einverleibt.

Aber, was soll's: Dass keine evangelische Priesterin zum Bäcker geht, ohne aus den Brötchen noch eine fromme Weisheit für die nächste Radio-Morgenandacht zu saugen, ist ja wahrlich eine bekannte Tatsache. Schlichtheiten theologisch überfrachtet zu finden, verwundert mich daher nicht. Wunderlich finde ich aber, solche Sätze in einer von verschiedenen Stellen geförderten Dissertation zu finden:

„Time is money.“ - Der berühmte Satz des seinerzeitigen amerikanischen Präsidenten Benjamin Franklin, ausgesprochen im Jahr 1748, formuliert als erstes den Anspruch der Ökonomie, alle menschlichen Lebensbereiche zu durchdringen. Insofern Geld ein Wertaufbewahrungsmittel ist, dient es zur ,Speicherung' von in der Vergangenheit unter Zeiteinsatz hergestellter Werte, speichert also gleichsam Zeit. (S. 283, Hervorhebung a.a.O.)
Als Benjamin Franklin im wahrhaft gesegneten Alter von 84 Jahren starb, war George Washington im 15. Monat Präsident der US of A. 1748 waren die Herren Rebellen noch treue Untertanen seiner Majestät Georg II. Zwischen den allerchristlichsten ersten Betriebswirtschaftslehrern in Gestalt von norditalienischen Beichtvätern über zwinglianische Pfeffersäcke wäre vermutlich auch eine Periode von rund 300 Jahren darauf zu prüfen gewesen, ob Franklin tatsächlich die Priorität des berühmten Satzes zusteht. Ich zweifle da etwas.

Von solchen Petitessen abgesehen ist das insgesamt wohl ein ganz nettes Buch, in das Pastorinnen aller Himmels- und Höllenrichtungen gerne herzhaft beißen dürfen:


Martin Spaeth 
Gewonnene Zeit - verlorenes Heil?
Zum christlich verantworteten Umgang mit der Zeit im Zeitalter der Beschleunigung 
Reihe: Studien zur Traditionstheorie / Studies in tradition theory


Jedenfalls hätte ihm da und dort ein ungnädiger Lektor nicht geschadet, wie zu beweisen war.

Dienstag, 20. November 2012

Kluge Köpfe II

Lieber koelnrio,

wenn Sie auf SPON kommentieren
Ich fände es gut, wenn Redakteure und Journalisten auf die Kommentare eingingen, die zu den Artikeln geschrieben werden. Darin sind oft Anmerkungen und Fragen. Leider passiert damit wenig bis gar nichts. Jedenfalls nichts, was ich mitbekäme. Eine Artikelerweiterung könnte z. B. diese Fragen und Anmerkungen mit aufnehmen.
fragen Sie sich doch bitte erstmal selbst, wie das in der Schnittmenge von Aufmerksamkeits- und schlichter Geldökonomie funktionieren soll. Ein Journalist schreibt zu einem aufmerksamkeitsheischenden Thema, hat daher aber in den nächsten Tagen ausschließlich mit Leserkommentaren zu kämpfen. Seine Text/Entgelt-Ratio sinkt auf den Betrag eines Käseblättchenschreibers.

Das läuft nicht. Ich für mein Teil antworte auf E-Mails oder gelegentliche Schneckenpost gerne. Aber eine Kommentarspaltenbetreuung kann kaum ein Leitmedienautor leisten, selbst wenn es mal nur ein kleines und nicht ganz so furchtbar leitendes ist.

Es ist schlicht ein Irrtum der demokratisch-unprofessionellen Onlineschreiber zu glauben, nur weil in Querschnitt der mehr oder weniger professionellen Medien halbwegs sinnvolle Texte zustande kommen, die Urheber in Glück, Glanz, Reichtum und unendlicher Zeit schwelgten.

P.S.: Und weil ich das ja mit Kluge Köpfe II überschrieb, muss ich noch loswerden, dass es mich nicht stören würde, käme Sascha Lobo vor lauter Kommentarbetüddelung nicht mehr zum Artikelschreiben, denn Konstrukte wie dieses sind ja einfach nur grausam und furchtbar - und hätte Bastian Sick wahre Lektorenehre, schössen Lobo und Sick im frühen Morgentau auf einer dunklen Wiese mit Duellpistolen aufeinander:
die berichtende Darstellung von Ereignissen, Nachrichten werden als Strom inszeniert, die klassische Artikelform wird an dieser Stelle durch ihre eingebaute Momentaufnahmigkeit hinfällig.
„Momentaufnahmigkeit“. Zum Speien.

Kluge Köpfe

Und die Juden wurden nicht aus Hass umgebracht, sondern weil das real existierende deutsche Recht so war.
Leser Fritz T. in den Kommentaren zum Artikel „Bund der Vertriebenen - Viele Funktionäre früher als Nazis aktiv“, der nicht wirkliche Überraschungen hervorgebracht hat.

Scheint so, als ob der Reklameslogan der FAZ, dass hinter ihr stets ein kluger Kopf stecke, modifiziert oder abgemahnt gehört. In der Summe hinterlassen die Leserkommentare nicht nur den Eindruck, dass die FAZ-Kundschaft mitunter Spitzenunfug im Kopf hat, vorliegend überrascht das apologetische Geschwätz, das daherkommt, als würden heutzutage böse Staatsanwälte die Seniorenheime durchstreifen, um morbibunde Insassen ins Zuchthaus zu bringen.

Man wird wohl noch ein paar Jahre warten müssen, bis auch die Anti-Antifaschisten bemerken, dass der Zug abgefahren ist und die Gegenstände ihrer apologetischen Empörungen historische Studien (mit noch nicht einmal mehr geschichtspolitischer Bedeutung) sind.



Sonntag, 18. November 2012

Wer einmal in der Schlange stand

Wen einmal ein ungünstiges Schicksal dazu verdammt hat, in der Schlange zu stehen, die sich im zentralen Postamt zu Köln-Mülheim stets dann bildet, wenn man soeben dazu verflucht wurde, dem Zusteller nicht treppwärts auflauernd begegnet, um ihn beim Einwurf einer Benachrichtigungskarte hinderlich zu sein, kann ermessen, welch geschäftsschädigenden Un- und Dummfug sich der große Allzweckbauchladen mit dem eigenwilligen Versand von nicht „FSK-geprüften“ Medien leistet.

Klar, dass die wohl niemals als deutsche Edition auf den Markt gebrachte Verfilmung der „Wonnen der Aspidistra“ nicht FSK-geprüft ist, handelt es sich doch um eine für den britischen Markt für Menschen ab 12 Jahren zugelassene Fassung.


Wir haben in Europa doch ein mitunter sogar hübsch-irrsinniges Regime der Rechtsvereinheitlichung, doch wenn ein US-Unternehmen die Angehörigen eines europäischen Landes vor den möglicherweise fehlerhaften sexualkundlichen Erkenntnissen der Behörden eines anderen europäischen Landes schützen kann - ja, dann tut es das auch.

Wer den Roman kennt, weiß, dass George Orwell ein ganz erlesener Spießer war. Er musste mit seinen Büchern schließlich etwas Geld verdienen, bis er der Welt einen husten konnte.

Dienstag, 13. November 2012

Gequält lächelnde Völkerrechtler

Die letzten Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs werden geschlagen, aber Lincoln und die Nordstaaten haben schon gewonnen, die Kapitulation der Südstaaten steht unmittelbar bevor.
schreibt Tobias Kniebe in der Süddeutschen Zeitung. Sorry, aber Staaten kapitulieren nicht.

Manchmal bin ich ja ganz froh, dass ich vergleichsweise selten juristische Texte zur Korrektur auf den Tisch bekomme, denn bei akademischen Abschlussarbeiten bewegt man sich beim Wegbeißen von derlei Wurstigkeiten schon in einer Grauzone.


Rinks & Lechts:

Martin Rath





Montag, 5. November 2012

Alo, also Aloys Masloh

Möglicherweise zuletzt ausgeliehen bis zum 3. Juli 1953: Alo/Aloys Masloh, „Die Rechtsnatur der Gründergesellschaft einer Aktiengesellschaft aus dem Gesamtgründungshergang entwickelt“ - ob Herr oder Frau Brommerkamp Bibliotheksmitarbeiter/in oder Studentin/Student war, weiß man beim Blick auf den Fristzettel nicht („Referent: Prof. Dr. Planitz, Korreferent: Prof. Dr. Lehmann, Tag der mündlichen Prüfung: 28. IV. 39.“.

Aloys Masloh, der sich in NS-Zeiten lieber un-katholisch Alo nannte, spielte eine merkwürdige Rolle in der deutsch-französischen Auseinandersetzung um den Status des Saargebiets nach 1945. Zu seiner Arbeit für französische Geheimdienste kamen Kontakte in den Osten. Als Geschäftsführer der Verbraucherzentrale des Saarlands hatte er einen (bis heute wohl nicht ganz untypischen) halb politischen Posten. Er starb am 23. Januar 1998 (Herbert Elzer: „Die Schmeisser-Affäre“).



Hier der Lebenslauf aus der Dissertation:
Lebenslauf:
Ich bin im Jahre 1912 geboren. Vier Jahre Volksschule und neun Jahre humanistisches Gymnasium machten meine Vorbildung aus, als ich mich im Jahre 1933 an der Universität München einschreiben ließ. Ich studierte Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft — aber nicht ohne den anderen Fakultäten die gebührenden Besuche gemacht zu haben.
Anfang des Jahres 1938 legte ich an dem OLG Köln das 1. Staatsexamen mit dem Prädikate „gut" ab. Bereits seit längerer Zeit beschäftigten mich die Probleme der vorliegenden Dissertation, so daß diese Arbeit gleichsam das Produkt der wissenschaftlichen Arbeit meiner Studienzeit ist. Die Promotion schloß mit dem Gesamtprädikat „lobenswert“ ab.
Zu meiner wissenschaftlichen und beruflichen Ausbildung kam die politische Tätigkeit, die ich geradezu als das Kernstück, als die Antriebskraft zu der ersteren Betätigung ansprechen möchte. Schon als jungen Gymnasiasten hatten mich die Probleme der Zeit zu packen begonnen, die für mich als Saarländer notwendig unter den beiden Aspekten des heimatlichen saardeutschen Grenzkampfes und des Ringens des aufsteigenden Nationalsozialismus um die deutsche Seele stehen mußten. Es war somit durchaus folgerichtig, wenn diese Probleme, allmählich zu Aufgaben geworden, den Studenten der Rechte gänzlich auszufüllen begannen. Das trifft insbesondere zu für diejenigen Erscheinungen, die unmittelbar oder mittelbar das wissenschaftliche Leben an Deutschlands hohen Schulen berührten. Da indes alle Probleme des deutschen Lebens grundsätzlich ihre geistige Lösung an dieser Stätte suchen mußten und auch suchen, hatte ich das Glück inmitten des geistigen Geschehens der Zeit zu stehen.
Als Fachschaftsleiter; als Fachgruppenleiter; als Hauptamtsleiter f. Wissenschaft an der U. Köln; als Verbindungsreferent der Außenstelle West der Reichsjugendführung zur. Studentenschaft; als Stellv. Hauptamtsleiter f. Wissenschaft in der Reichsführung der d. Studentenschaft; als Verbindungsleiter zwischen der Reichsführung der Studentenschaft u. der Reichsarbeitsgemeinschaft f. Raumforschung; als Reichsspartenleiter im Reichsleistungskampf u. a. m. habe ich in dieser Zeit meine Pflicht gegenüber meinem Volke und mir selbst getan.
Ich habe auf mittlere Sicht keine Zeit, z.B. einen Wikipedia-Eintrag zu besorgen (von den scheußlichen Umgangsformen bei dieser Veranstaltung ganz zu schweigen). Möglicherweise wäre es von Interesse, auch das lokale Wirken dieses ausgeprägten Windhunds an der Universität zu Köln zu recherchieren. Vielleicht findet sich über diesen Blogeintrag ein Interessent.

Lechts und rinks:

Martin Rath




Montag, 22. Oktober 2012

Füllsel

Professionelle Schreiber zieren ihre journalistischen Texte gerne mit einem Schluss, der von der Redaktion schadlos weggekürzt werden kann. Text, der für eine Mengenvorgabe nötig ist, nicht wirklich wichtige Informationen enthält, aber nicht zu sehr als überflüssig ins Auge springen sollte.

Solches „Füllsel“ am Schluss eines Textes zu platzieren, ist eine große Kunst. Ich beherrsche sie schon nicht in weniger exponierten Teilen eines Artikels. Aus meiner eigenen Inkompetenz schließe ich regelmäßig auf die Gottebenbildlichkeit anderer Schreiber, namentlich der von Gottbegnadeten produzierten Tageszeitung aus Frankfurt, wie man heute gerne hinzufügt: am Main.

Aber man wird auch angenehm widerlegt in der eigenen Salatschneckenrückgratmeditation, ich zitiere:
„Er kocht dann für Familie und Freunde eine hervorragende Pasta mit Zitronensugo.“
Was für ein Schluss.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Zeitfenster, dumme Metapher oder Metapher für Dumme?

Sprachkritik kann so dumm sein.

Hier wird nicht darüber spekuliert oder dazu recherchiert, woher das Zeitfenster kommt, das sich in den vergangenen Jahren immer wieder auftut, jedoch meist, wenn nicht immer schließt.

Als ich von ihm vorhin einmal mehr im Radio hörte, frage ich mich nur kurz: Warum ist es eigentlich keine Türe? Das führte zu dem Gedanken, dass - wenn man nicht ohnehin zum Naserümpfen neigt - das Wort weniger eine dumme Metapher als eine Metapher für Dumme ist.

Zur Frage, warum Zeitbedrängnis immer wieder durchs Fenster kommen muss, statt durch die Türe. Hier mag der Gedanke leicht durch Etymologie falsifiziert werden (die Falsifikation aber wieder von der Etymologiekenntnis der Sprecher): Viel lebensnäher wäre es, müsste ein Entscheider, der wohl definitionsgemäß Zeitbedrängnis erfährt, durch eine Türe treten würde. Das kann, sofern er nicht in der gehobenen Gehaltsklasse eines größeren börsennotierten Unternehmens unterwegs ist, sogar noch der Manager im öffentlichen Nah- und Fernverkehr erleben: Plane gut, also passend, sonst stehst du vor geschlossenen Türen oder schlimmer noch: Du versuchst verzweifelt, dich durch schließende Türen zu drängen. Dann kommt zum verpassten kairos der Entscheidung noch die Peinlichkeit des Auftritts (oder in der politischen Komödie: der Zerfall der Resultate).

Natürlich hakt die einfache Wortkomposition aus Zeit und Tür ein wenig, wer wollte schon dem Kompositium guten Klang zusprechen im Satz: „Wir stehen vor einer schließenden Zeittür.“? Gleichwohl, zur Weihnachtszeit gibt es Kalendertürchen, sogar die körperliche Erfahrung liegt nah und seit dem Prager Fenstersturz oder der Flucht Henris IV. durchs Senliser Fenster ging meines Wissens nach wenig Wichtiges durch jenes Loch im Haus, das in unseren Breiten eigentlich nicht zum wilden Ortswechsel des Menschen gedacht ist.

Türe wäre also besser.

Warum ist das alternativ genutzte Zeitfenster etwas für Dumme? Weil sie außerhalb jedes räumlichen, körperlichen oder sozialen Bezugs- und Erklärungssystems funktioniert. Man muss sich dabei nichts denken. Die Faulheit scheint mir dumm. Denn sogar noch der Zustand des Fensters wird wohl ausschließlich als schließend behandelt. Zumindest würde ich das im Deutschen als zutreffende Beobachtung behaupten. Das ist dann doppelt faul: Die Metapher lädt nicht zum Spielen ein.

Für sich genommen ist das Wort aber nicht dumm. Es leistet, was es tut, aber keinen Lufthauch mehr.

Montag, 15. Oktober 2012

Mußtopf

Den „Mußtopf“, damals noch in alter Orthographie, habe ich doch irgendwann verlassen müssen - oder dürfen.
Als Tippfehler wiederauferstanden im Interview mit Denis Scheck (abgerufen heute gegen 10.00 Uhr).
Deswegen sind Übersetzer für mich auch die heimlichen Helden, die unbesungenen Heroen der Literatur. Ohne sie säßen wir im Mußtopf unserer Nationalliteratur.

Samstag, 6. Oktober 2012

Ob ich US-Ureinwohnerrechte einklagen kann?

Nach einer frei von Eric Hobsbawm entlehnten Methode, der einer Traditionsinnovation, behaupte ich, dass mir in Form eines herbeigeflogenen Nudelsoßenflecks offenbart wurde, einem verschollenen Stamm von Kaschuben anzugehören, die als Kombüsenkartoffelschäler erst von den Wikingern ins Baltikum verschleppt wurden, mehrheitlich aber stets als eingeborene Gruppe in Amerika verblieben.

Durch ein Lawblog kam ich auf dieses Urteil, ohne das mir wohl entgangen wäre, dass auch die Mauren zu den eingeborenen Gruppen der USA zählen. Die deutsche Wikipedia kennt sie noch nicht.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Schlamaseltov

Wenn ein Fonds namens Maseltov beim Praktiker-Baumarkt investiert, trifft er auf Schlamasel. Wirklich praktisch, diese Etymologie.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Offensichtlicher Deppen-Test?

Silvana Koch Mehrin hat (ganz bestimmt zuerst) gesagt: „Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur wach.“

Weil ich es ohne Beleg, wer es ausgesprochen hat, über dem Blog „...Kaffee bei mir?“ lese, schaue ich einmal in der großen weiten Suchmaschine, von wem es stammt, das Zitat:
„Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur wach.“
Die Netzgemeinde schreibt es entweder einem Emanuel Kant zu, der bekanntlich der kleine Bruder von Manuela Kant aus Königsberg war, die ihn als Klassensprecherin der 2c an der dortigen Klippschule zum großen Demokratietheoretiker ausbildete.

Oder aber der Nummer 1 der Zitatschreibungen: Johann Wolfgang von Goethe, dem sein Fürst damals das Adelsprädiakt „von“ für seine Verdienste um die republikanische Staatsordnung in Weimar verliehen hat.

Ich habe mich, von einigen autodidaktischen Ausflügen ins Werk, nie annähernd so intensiv mit Goethen befasst wie frühere Zeiten es wohl von mir verlangt hätten. Weniger schwülstig formuliert: Ich weiß nicht, ob die Goethe-Zuschreibung zutrifft.

Wenn, dann würde er sie aber in einem ganz anderen Sinn verwendet haben, als die noch nicht einmal halbgebildeten Zitatwüstlinge heute:

Kinders, Papa Goethe, der Fürstenfreund, hält nix von Demokratie. Bleibt mal schön bei der ständischen Ordnung nebst geistiger Aristokratie, an der das Bildungsbürgertum, aber bitte nur bei der Hausmusik und im Theater, teilnehmen darf. Wenn fern, im welschen Land, die blutige Kasperei der politischen Demokratie beginnt, endet sie im diktatorischen Blutbad.

Einen soliden Zitatnachweis (diese Sache aus einem Buch mit Autor, Titel, Ort, Jahr und Seite) nehme ich dankend entgegen. Für einen Deppentest eignet sich das Zitat unterdessen aber prächtig.

Bis zum sicheren Beweis des Gegenteils behaupte ich: Die erste Person, die das große Wort gebraucht hat, war Frau Koch-Mehrin. Weil sie ist ja eine freie Demokratin und kommt aus Köln und kennt sich mit Zitaten aus.



Dienstag, 18. September 2012

Zu löschen: „Realitäten“?


In den Kommentaren zu dem ganz herzigen Interview mit der Piraten-Politikerin Marina Weisband lese ich, sie solle die Finger von der Politik lassen, dort herrschten ganz andere „Realitäten“.

Nach der Lektüre vom Schreibtisch aufstehen, ein Buch heraussuchen, das für einen Essay benötigt wird. Wegen eines Fortbildungstermins Gedanken machen, wie lange der Kaffee für seinen Weg durch den Körper braucht, um keine abscheulichen Aborte in öffentlicher Trägerschaft suchen zu müssen.

Vor der Lektüre, die vom Schreibtisch fortbewegt, war da eine Realität. Hinterher war da immer noch eine Realität. Alle Dinge sind dort, wo sie sein sollen oder man sie suchen muss.

Wo leben eigentlich Leute, die in „Realitäten“ zuhause sind?

Weil ich mir das doch sehr anstregend vorstelle, im Plural zu hausen, fände ich es doch recht klug, die „Realitäten“ außerhalb philosophischer Diskurse und theatralischer Praktiken sein zu lassen.

In der Realität, die ich kenne, möchte man nicht der Mann am rechten Rand sein, zumindest nicht so, wie abgebildet.

Samstag, 8. September 2012

Peinlich: Barbra

Was Frau Wulff in ihrem sogenannten Vorleben getrieben hat, ob ihre aktuellen Prozesse der Vermarktung ihres Buches dienen oder mit schwindendem Rechtsschutzbedürfnis zu tun haben, oder - was auch immer.
Es ist mir von Herzen gleichgültig.

Peinlich ist mir allerdings, dass ich - solange ich zurückdenken kann - in den Vornamen der Streisand stets ein zusätzliches „a“ hineingedacht/-gelesen habe: „*Barbara“. Erst als ich jetzt bei Niggemeier las, dass sie sich so schreibt wie sich sich schreibt, fiel es mir auf.

So verschuf der - im Übrigen der bewährten Ignoranz anheimfallende - Artikel zu Barbra Wulff wenigstens einen Erkenntnisgewinn.


Bei Korrekturdienstleistungen prüfe ich Eigennamen übrigens schon aus Prinzip, zumindest stichprobenartig. Frau Streisand war mir bislang aber noch nicht untergekommen, das hält den Schmerz vor der eigenen Partialblindheit noch in Grenzen.

Lechts und rinks:


Martin Rath







Dienstag, 4. September 2012

Auszumerzen: „Begrifflichkeiten“?

Dass das Wort Auszumerzen kein schönes ist, darüber besteht Einigkeit unter allen Schafen. Nach der Korrektur einer ungezählten Menge an betriebswirtschaftlichen, aber auch anderen akademischen Arbeiten, in denen die „Begrifflichkeiten“ endemisch sind, möchte ich gleichwohl dafür plädieren, sie auszumerzen.

Mir leuchtet beispielsweise zwanglos der Unterschied zwischen „Begehren“ und „Begehrlichkeiten“ ein. Wer ein Begehren hat, pflegt ein Interesse an einer öffentlichen Angelegenheit oder eine Lust auf ein mehr oder weniger privates Objekt seiner Begierde.
Wer Begehrlichkeiten zeigt, offenbart ein prima facie unberechtigtes Anliegen, ein Habenwollen, das nicht in gutem Ansehen von dritter Seite, jedenfalls der des Wortverwenders, steht.

Wenn ich das analog anwende, mein spontanes (nur bis zur Höhe dieses Blogeintrags reflektiertes) Sprachgefühl tut dies, auf „Begriffe“ und „Begrifflichkeiten“, komme ich zu einem wenig schönen Ergebnis für die Freunde der „Begrifflichkeiten“.

Ein Begriff, das ist eine Definition, ein abgewogenes, abgegrenztes (ein bisschen tautologisch, wie Klaus Stern derlei nannte), ein klares und im (akademischen) Text sinnvoll gesetztes Wort (das gerne auch aus mehreren Wörtern bestehen kann).

Eine „Begrifflichkeit“ wäre folglich, analog zur „Begehrlichkeit,“ ein Begriff minderer Güte, etwas unklar abgegrenztes, ein heilloses Irgendwie? Dann dürfte man sich in einem seriösen Text der „Begrifflichkeit“ nur bedienen, um z.B. das Wortgeklingel irgendeines postmodernen oder psychoanalytischen Texts abzukanzeln, fremdes Wortberausche und Bildungshubertum ohne clarité.

Mir begegnen sie leider viel zu oft anders, die „Begrifflichkeiten“. Da ist der Autor stolz wie Oskar, dass er jetzt die „Begrifflichkeiten“ seines weiteren Diskurses geklärt habe. Nicht etwa Begriffe, mit denen man etwas anzufangen weiß. Meist, bedauerlicherweise nicht immer, eine falsa demonstratio.

Wenn mir so etwas vor Augen kommt, merze ich aus. Ob mich das sympathisch macht, weiß ich nicht. Aber dafür kommt man ja auch nicht unbedingt auf die Welt.


Rinks & lechts:


Martin Rath





Freitag, 31. August 2012

Den deutschen Staat lieben

Der Staat lernt meine Braut kennen, erklärt sie für persönlich frei und pudert sie in seinen Forschungsstätten. 
schreibt ein österreichischer Künstler. Bedenkt man, welche Bedeutung der Österreicher damit seinem Staat beimisst, darf man sich glücklich schätzen, in Deutschland zu leben.

Das intimste Körperteil, an das der Staat hierzulande will, ist immer noch das Portemonnaie.


Sonntag, 19. August 2012

Neologismus: Alpöhitum

Alpöhitum, das: Lebensform einer tut-so-also-ob-einsiedlerisch nonkonformen Art, die heute gerne auf Parkbänken in Großstädten gepflegt wird, also als Alpöhitum ohne Berge. Ob es auf Almen heute Öhis gibt, konnte bei Redaktionsschluss dieses Blogs nicht ermitteln werden. Jedenfalls kommen in nächtlichen Alpen bittere Greise dieser Sorte vor. Beim A. handelt es sich um eine der zahlreichen Inszenierungen neofranziskanischer Bedürfnislosigkeit; in ihrer gesellschaftsfähigeren Form als Punker mit Hund zu beobachten.  Vergleiche auch: Almöhi.

Mittwoch, 15. August 2012

Neologismus: Mordwalserei

Mordwalserei, die: nach Martin Walser benannter literarischer Vorgang, bei dem ein Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem literarischen Werk das Leben lässt.

Jüngstes Opfer ist offenbar Frank Schirrmacher, nachdem es zuvor Marcel Reich-Ranicki traf.

Als nächstes fällt wohl ein erzkatholischer *Hubertus Fischer antifaschistischen Jagdszenen in Berlin zum Opfer oder Jürgen Kaube fährt zu Bielefeld in den Himmel, um dort in einer schneidenden Frage die Ordnung wiederherzustellen.



Links:


Martin Rath




Montag, 6. August 2012


Heinrich Laubes Roman „Die Krieger“ im Zusammenhang mit der Polenbegeisterung um 1830. Inaugural-Disseration zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen Philosophischen Faktultät der Philipps-Universität Marburg, vorgelegt von Olga Kuthe aus Wiesbaden, Marburg 1925

Wozu eine Dissertation aus dem Jahr 1925 lesen, ohne fachspezifisches Interesse mitzubringen?

Ich habe eher ein wenig geblättert, weil sie für meine kleine Literaturrecherche zum sogenannten Polenprozess, dem großen Terroristenprozess in Berlin, 1847, nicht direkt ergiebig war.

Interessant ist, dass Olga Kuthe eingangs den - für Germanisten vermutlich als Primärreferenz bis heute etwas windigen - Egon Friedell zitiert, um zu begründen, warum sie als Beispiele für die Begeisterung deutscher Literaten, die polnische National- und Freiheitsbewegung der 1830er-Jahre betreffend, auch Dichter zitiert, die ihrerzeit - 1925 - bereits weitgehend in Vergessenheit geraten waren.

Das dürfte inzwischen ein schönes, im besten Sinn interdisziplinäres Master- oder Doktorarbeitsthema sein: Warum Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich rechtfertigen, populäre, sekundäre oder - gemessen am hochliterarischen Kanon - zweitrangige Autoren als Quelle oder Referenz herangezogen zu haben.

Mir ist das sympathisch, weil diese Frage in einem der ersten wissenschaftlich zitierbaren Werke, die in meine Hände gerieten - 1986: Michael Salewskis „Zeitgeist und Zeitmaschine“ - ein wichtiger Punkt bei der Bestimmung der Perspektive war.

Für einen manchmal etwas schmalen Titanen des deutsch-polnischen Verhältnisses der Gegenwart, den Kabarettisten Steffen Möller, wäre das hier eine Fundgrube. Oder für Literaturwissenschaftler, die Stoff für ein Proseminar suchen.

Eine Kämmererstochter aus Biebrich am Rhein, die einen österreichischen Kabarettisten apologetisch zitiert und in der Phase des ekelerregendsten Nationalismus eine solche Dissertation vorlegt, nun, machen wir sie doch ein wenig anschlussfähig in den Zeiten des Internets:

Ich, Olga Kuthe, evg. Konfession, wurde am 12. September 1897 zu Biebrich am Rhein als Tochter des Stadtkämmerers Heinrich Kuthe geboren. Von Ostern 1904 bis Ostern 1914 besuchte ich das Lyzeum meiner Vaterstadt. Dann ging ich zur weiteren Ausbildung in der englischen Sprache nach England. Durch den Ausbruch des Krieges gezwungen, kehrte ich nach Deutschland zurück und trat im Herbst in das Oberlyzeum zu Wiesbaden ein. Dort bestand ich 1917 das wissenschaftliche Examen, und 1918 erhielt ich das Zeugnis der Lehrbefähigung. 1921 legte ich in Kassel eine Lateinprüfung (Latinum) ab. Mit verschiedentlichen Unterbrechungen meines Studiums war ich immatrikuliert bei der philosophischen Fakultät der Universitäten München und Marburg. Meine Fächer sind Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Ich hörte Vorlesungen und nahm teil an den Übungen der Herren Professoren: Borinski, Curtius, Deutschbein, Elster, Glaser, Heiler, Helm, Jaensch, Kutscher, Leonhard, Ludewig, Natorp, de Olea, Schick, Stephani, Strich, Viëtor, Vogt, Wechsler und Wrede.
Hiermit sage ich meinen verehrten Lehrern innigen Dank, zumal Herrn Geheimrat Prof. Dr. Ernst Elster, der mir mit Rat und Tat bei meiner Arbeit zur Seite gestanden hat.


Eigene Anschlüsse:

Martin Rath






Mittwoch, 1. August 2012

Vorschläge für Hautbeschriftung

Nein, wir sind kein Freund der beschrifteten Haut. Auch die floralen Muster, die derzeit äußerst großflächig durch die Fußgängerzonen zu Markte getragen werden, finden unser entschiedenes Missfallen. Da hatte ja selbst unsere letztüberlebende Großmutter mehr Geschmack: Derlei Omma-Muster hätte sie nicht an der Wohnungswand geduldet, geschweige denn in nackte Haut graviert.

Stoisch sein Konservativ sein, heißt immer an der Speerspitze des Fortschritts zu marschieren, hat bekanntlich Majestix in „Asterix und die Trabantenstadt“ gesagt oder war es des Edmund Stoibers Stefan Mappus' großes Vorbild, in ganz anderem Zusammenhang?

Wie dem auch sei. Was man nicht aufhalten kann, dem kann man zumindest entsprechenden Sinn unterlegen.

愚蠢的女人不感到疼痛
Yúchǔn de nǚrén bù gǎndào téngtòng


Man könnte einen dieser dämlichen Übungsfälle für Juristen daraus bauen: Eine ziersüchtige Weibsperson beauftragt ihren Stecher, rund elf chinesische Schriftzeichen in Raum zwischen Hirn und After zu platzieren. Der tut es, wählt aber statt irgendeines gewünschten hirnverbrannt-floralen Mao-Gedichts in fünffacher Verkitschung das oben zitierte Muster.

Wie sieht es mit seiner Strafbarkeit aus?






 

Dienstag, 24. Juli 2012

Biblisch beim ZDF? - Pustekuchen

Beim Lesen der Überschrift tritt das Bild vors geistige Auge: Blinde werfen ihre weißen Stöcke und verletzen, der ungewohnten Sehkraft wegen, versehentlich von jeher augenmächtige  Menschen.
Lahmen gerät der jauchzend geworfene Rollator zum dolusfreien Wurfgeschoss.
Der lügnerischen und bestechlichen Hauptfigur war der Schorf der teuflischen Fratze vom Gesicht gefallen, geheilt und geläutert - ihre greise und an Geist wie Körper geschlagene Zuschauerschaft jubelt darob und verletzt versehentlich mit dem Akt der Freude.

Natürlich geht es viel profaner zu, wenn im ZDF-Fernsehgarten Gewalt geübt wird und der Kölner Stadt-Anzeiger darüber berichtet. Ohne die harte Hand des Karnevalsregiments darf man Geblütskölner offenbar nicht auf die Menschheit loslassen. Die Neuigkeit minderen Gewichts will im Sommerloch berichtet sein.

Warum mir archaische Gedanken mit biblischen Assoziationen kommen? Überdosierte Kinderbibel, damals. Langweilig die Online-Zeitung von heute. Und vor dem ersten Kaffee ist der Gehirnkasten stets für archaischen Budenzauber zu haben.

Dienstag, 17. Juli 2012

Schwurgericht (noch ungelesen)

Konrad Spichartz' Schlußbetrachtung zum Schwurgericht, 1935

Zurzeit arbeite ich zu einem der ersten, wenn nicht dem ersten politischen Schwurgerichtsprozess in Deutschland, 1848/49. „Arbeiten“ ist vielleicht zu viel gesagt, man liest und schreibt im regensatten Sommerloch für Leser im triefenden Nass.

Die nebenläufige Grobrecherche im Bibliothekskatalog warf auch einen Titel aus jenen Jahren aus, in denen man unter Volksjustiz das Gegenteil von Rechtsstaat verstand, eine Dissertation von 1935.

Wie üblich, man schaut dann gerne einmal, was aus den feschen Doktoren jener Jahre geworden ist. Ein Kanzleigründer in der Nachbarschaft, in diesem Fall.

Seine 75 Seiten Dissertation sehe ich mir nun einmal an, mal schauen, ob sie Recht besudelt oder nur mit zeittypischer Garnitur verziert ist.

Sonntag, 8. Juli 2012

Hans Blumenberg „Quellen, Ströme, Eisberge“


Noch habe ich es nicht gelesen, gekauft habe ich es erst gestern, man mag mir die fehlenden Angaben zum Inhalt des Büchleins nachsehen.

Für den Schutzumschlag macht Suhrkamp den berühmten Willy Fleckhaus haftbar, der 1983 starb, also mit dem kurzen Eintrag - zu sehen unten rechts - vermutlich geehrt werden soll.

Angaben zum Verfasser der im Buch gesammelten Notizen, Hans Blumenberg, finden wir hier oben rechts, geboren sei er am 13. Juli 1920 in Lübeck, was den bekannten Tatsachen entspricht. Und er „starb am 28. März in Altenberge“.

Das Jahr von Blumenbergs Tod, 1996, fehlt. Ich hoffe, die Schlamperei durchzieht nicht auch das Buch selbst. Vom Papier her sieht es ja gut aus und über die einigermaßen wertigen Pappumschläge der Bibliothek Suhrkamp regt sich heutzutage ohnehin kaum jemand auf.

Den Schutzumschlag hat Suhrkamp aber wohl von keiner Menschenseele nachsehen lassen.



Der Tag beginnt, was ich für einen Sonntag gar nicht liebe, unnachsichtig:


Martin Rath












Freitag, 6. Juli 2012

Deutsche lieben Merkel (DIE WELT online)



Über eine hier veröffentliche Umfrage setzt die WELT online die Überschrift
Die Deutschen lieben ihre Kanzlerin wie lange nicht
Mit Verlaub, nichts gegen Groupietum, aber wenn ich von Liebe im Zusammenhang mit Berufspolitikern lese,  überkommt mich die Sarkasmusfee.

Schlage vor, Patrick Süskind macht mal was mit Pastor Gauck und Bundeskanzlerin Merkel. Der Bundespräsident wurde ja jüngst wegen ein paar Sponsoring-Absagen bejubelt, als trüge er rotes Cape über blauem Strampelanzug.

Das riecht mir doch alles sehr nach jenem Wässerchen, dass sich Patrick Süskind damals ausgedacht hat.

Montag, 2. Juli 2012

Elsass-Lothringen, 1871 bis 1918/19

Auf der eher vergeblichen Suche nach weiterführenden Hinweisen zu einem Hochverratsfall im deutschen Reichsland Elsass-Lothringen schaute ich auch eine ganze Anzahl von Dissertationen aus den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg durch, die sich mit einem Modethema befassten: der Stellung des Reichsstatthalters und der staatsrechtlichen Stellung dieses Territoriums im Deutschen Reich.

Bevor sich die schmalen Heftchen, die damals zur Konfirmation des Geistes angefertigt wurden, wieder auf den Rückweg in die Bibliothek machen, notiere ich hier nur die bio- und bibliografischen Daten.


Lebenslauf. Ich, Jeremias Michael Levy, bin geboren am 20. Juli 1889 zu Oberseebach als Sohn des Metzgermeisters Salomon Levy und dessen Ehefrau Octavie, geb. Cahen. Ich bin elsaß-lothringischer Staatsbürger jüdischen Glaubens. Mit 12 Jahren trat ich in das Gymnasium zu Weißenburg ein, siedelte 1904 nach dem Gymnasium zu Buchsweiler über, wo ich Michaelis 1909 mein Reifezeugnis erhielt. Nachdem ich 5 Semester die Staatswissenschaften an der Universität Berlin studiert hatte, wurde ich im Sommer 1912 als Nationalökonom an der Universität Erlangen inscribiert, wo ich am 23. Juli 1912 mein Doktorexamen bestand.
Jeremias Levy.
„Das Oktroi in Elsaß-Lothringen“, Diss. Erlangen, gedruckt 1913, Dekan war Geheimrat Professor Dr. Varnhagen, Referent Geheimrat Professor Dr. v. Eheberg.

Die weitere Dissertation mit Nachweisen:

Ich, Max Rosenfeld, wurde als Sohn des Kaufmanns Imanuel Rosenfeld in Grailsheim (Württemberg) am 17. April 1890 geboren. Nach Absolvierung der Oberrealschule zu Schwäb.-Hall im Jahre 1909 und der Ergänzungsprüfung in der lateinischen Sprache am Realgymnasium zu Stuttgart im Jahre 1910 besuchte ich 3 Semester mit dem Abschluß des Zwischenexamens die Erlanger Universität. Vom Sommer-Semester 1911 bis zu dem abschließenden Winter-Semester 1912-13 studierte ich in Berlin.
„Elsaß-Lothringen als Reichsland“, Diss. Greifswald, gedruckt 1916, Referent Professor Dr. Hubrich

Ohne biografische Daten:

Carl Klute: „Die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und des Kaiserlichen Statthalters von Elsass-Lothringen, Diss. Straßburg 1913, gedruckt 1913 in Hagen, Referent Prof. Dr. Laband

Rudolf Weyrich: „Die staatsrechtliche Stellung des Statthalters in Elsass-Lothringen und des Staatssekretärs“ Diss. Straßburg, gedruckt 1911, Referent Prof. Dr. Rehm

Wozu diese Dokumentation?

Vielleicht haben Familienforscher ihre Freude an den biografischen Angaben. Im Übrigen könnte man, wenn man zur Geschichte des akademischen Ab- und Aufschreibwesens arbeitet, diese juristischen Dissertationen, die ein 1918/19, spätestens aber 1945 abgeschlossenes Studiengebiet abdecken, einmal nach allen Regeln der epistemologischen Kunst prüfen.

Das dürfte es dann aber fast schon gewesen sein.

Nun zu den Lebenden:


Martin Rath











Sonntag, 1. Juli 2012

Weisband

Heute bin ich in Tim Weiners CIA-Geschichte über den Namen William Wolf Weisband gestolpert, der für das Scheitern der US-Überwachung des sowjetisch-chinesischen Nachrichtenaustauschs im Koreakrieg verantwortlich gemacht wird - mit fatalen Folgen für die US-Truppen.

Weisband“, das muss nichts heißen. Ich dachte nur für einen Augenblick an einen etwas eitlen Menschen, der mich einmal über die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen dem französischen Kardinal und dem Frankfurter Historiker Lustiger meinte belehren zu müssen - ein häufiger Name, das sei Zufall.




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Donnerstag, 28. Juni 2012

Haustürgeschäfte? Wir doch nicht!


Unseriös, mal anders.

Mutmaßliche RWE-Vertragsverkäufer an meiner Wohnungstür. Fragen, ob sie mal die Verträge einsehen könnten etc. Nach der Aussage, dass ich grundsätzlich keine Haustürgeschäfte abschlösse: „Ne, machen wir auch nicht.“ (Innerer Monolog: 'Schwachsinn, Junge - was tust du denn gerade?'). Gesprächsende von Seiten des Stromverkäufers: „Das wird mir hier zu unseriös.“

Letzteres finde ich amüsant. Ich beobachte das ja immer wieder gerne, wenn die Leute Parolen aus vorausgegangenen Gesprächen aufschnappen (die Unseriosität wird meinem Gegenüber wohl kürzlich jemand vorgehalten haben) und dann unpassend für sich in Gebrauch nehmen. Das  Amüsemang geht dem Ärger über die ziemlich penetrante und betrugsnahe Verkäufermasche vor, bei der quasi hoheitliche Zwänge zum Vertragswechsel vorgegaukelt werden.

Hätte ich nicht noch vom Zahnarzt einen hängenden Mundwinkel, wäre mir vielleicht noch eingefallen:  „Unseriös? Ich!? - Da haben Sie ja mal klar erkannt, wen Sie vor sich haben!
Aber aus dem Alter, mich über einen Mangel an Schlagfertigkeit zu ärgern, bin ich glücklicherweise heraus.

Sonntag, 24. Juni 2012

So, so am Sonntag - Oath of Allegiance

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von heute hinterlässt Volker Krause aus Arnsberg dem qualitätszeitungslesenden Universum die Botschaft, dass „alle Abgeordneten auf das GG geschworen“ haben (Nr. 23, Seite 34).

Herr Krause meint die Abgeordneten des Deutschen Bundestages.

Das ist natürlich Unsinn.Vereidigt werden Bundeskanzler und Bundesminister (Staatssekretäre vermutlich obendrein) sowie der Bundespräsident. Abgeordnete müssen (bzw. dürfen, im Fall des Ersatzmonarchen) dieselben nicht sein.


Hübsch fände ich jedoch, unabhängig von der Klugscheißerei (meinerseits), die Idee, Staats- und Verfassungsschutzämter personell und finanziell auszudünnen und stattdessen den Eintritt in die seriöse Politik tatsächlich mit einem Verfassungseid zu verknüpfen. Im Vereinigten Königreich bleiben gewählte Abgeordnete und Lords ja ausgeschlossen, solange sie ihren Treueeid nicht geschworen haben.

Das scheint mir doch ein ganz sinnvoller Exklusionsmechanismus zu sein, der vor dem Irrsinn extremistischen Bekennertums an der richtigen Stelle schützt, während er die Gesellschaft offener hält, als es der flächendeckende Betrieb von Gesinnungsprüfungsämtern vermuten lässt.

Dienstag, 19. Juni 2012

Dissertationen (halbwegs) frisch aus deutschen Landen

Ein bis zwei Mal im Jahr bin ich bemüht, aktuelle Dissertationen aus den Rechtswissenschaften in zumindest haarsträubend kurzer Form im Sonntagsfeuilleton von Legal Tribune Online vorzustellen. Im Mai geschah das in dieser Form.

Der Vorgang ist eher vom beschämenden Pragmatismus meiner Leseökonomie als von intersubjektiv höherwertigen Regeln gesteuert: Ich schaue, was die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln an aktuellen Doktorarbeiten im Bestand hat. Dazu sehe ich die Neuanschaffungslisten durch, die mir jeden Monat zugeschickt werden. Erfahrungsgemäß lassen sich fünf Arbeiten, für die ich mir jeweils mit der Sanduhr eine Stunde Zeit abmesse, im Lektürerafferverfahren so auswerten, dass ein zumindest grob wegweisender Artikel dabei herausspringt.

Ja, das ist schon rein arbeitstechnisch sehr defizitär. So defizitär, dass ich mir überlege, ob ich es so fortsetzen soll. Angesichts der schieren Masse an Dissertationen, die womöglich sogar in den Fachdiskursen nicht selten der wachen Aufmerksamkeit entgehen, müsste man sich Verfahren ausdenken, mit denen die Defizite fachinterner wie auch - in meinem Fall - fachfremder Aufmerksamkeit kompensiert werden können.

„Man müsste mal.“ - Ein schlimmes Pfui-Wort, das ich zuletzt in einer GRÜNEN-Ratsfraktion hörte und benutzte. Da war ich aber auch noch zwanzig Jahre jünger.

Heute aber ein fünffaches Pfui auf mich selbst. Denn diese fünf Schriften mit gebotener Aufmerksamkeit zu lesen (oder auch nur jener, die mir eine Stunde blauer Sand aus der Uhr zumäße), bekomme ich in meinen Kalender schlichtweg nicht mehr hineingepfercht:

Tobias Britz: Die Erhebung personenbezogener Gesundheitsdaten durch Versicherungsunternehmen bei Dritten gemäß § 213 VVG unter Berücksichtigung des Gendiagnostikgesetzes, Berlin (Logos Verlag) 2011,  Diss. Universität zu Köln (Professores Christian Rolfs & Katzenmeier) [Amazon]

Florian Handke: Die Effizienz der Bekämpfung jugendschutzrelevanter Medieninhalte mittels StGB, JuSchG und JMStV, Hamburg (Verlag Dr. Kovac) 2012, Diss. Universität zu Köln (Professores Peifer & Weigend) [Amazon]

Gregor Schroll: Der Einfluss interner und externer Faktoren auf die Effektivität der Kronzeugenprogramme der EU-Kommission und des Bundeskartellamtes, Frankfurt am Main (Peter Lang) 2012, Diss. Universität zu Köln (Professores Hanns Prütting & Ulrich Ehricke) [Amazon]

Peter Wende: Das Fremdbesitzverbot in den freien Berufen. Eine rechtsvergleichende Untersuchung bei Rechtsanwälten, Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern, Ärzten und Apothekern in Deutschland, England und Frankreich, Bonn (Deutscher Anwaltverlag) 2012, Diss. Universität zu Köln (Professores Martin Henssler & Barbara Dauner-Lieb) [beim Verlag]

Julian Wölfel: Die Sozialplanabfindung. Differenzierungskriterien und Ausgestaltungen, Frankfurt am Main (Peter Lang) 2012, Diss. Universität zu Köln (Professores Ulrich Preis & Barbara Dauner Lieb) [Amazon]

In Klammern sind jeweils Referent und Korreferent bei der „Konfirmation des Geistes“ genannt.

Selbstverständliches versteht sich leider nicht jedem von selbst. Dieser Tage fragte beispielsweise eine Kundin, ob ich als Korrektor ihren Text nur durch  die Korrekturfunktion meiner Textverarbeitung prüfen lassen würde, meine Konkurrenz gehe so vor. Ich durfte ihr mit bestem Gewissen händische Arbeit versichern. Mit guten Gewissen versichere ich daher eine Selbstverständlichkeit: Keine der genannten Arbeiten habe ich in meinem Beruf als freischaffender Lektor/Korrektor gelesen, keine der genannten Personen stand wegen dieser Dienstleistung in Kontakt zu mir. Was wohl nicht ehrenrührig ist, aber ich halte die Tätigkeiten sortenrein.

Meine journalistische Aufmerksamkeit wird auch nicht von Korrekturaufträgen gesteuert. Selbstverständlich, eigentlich.




Statt auf meinen übrigen Kommerz hinzuweisen, hier nur der Link auf eine meiner seltenen Fleißarbeiten beim Bloggen für Lau & Leserliebe:







Montag, 18. Juni 2012

Mit dem Ausriss auf der sicheren Seite

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung verbirgt hinter ihrer Online-Bezahlwand einen Text, den sie in ihrer Ausgabe Nr. 66 vom 19. März 2003 abdruckte.

Ich habe die im überhaupt sehr bedeutenden Jahr 1971 formulierten „Zehn Gebote / 
Anweisungen zum deutlichen Schreiben“ von Hugh Trevor-Roper, eine großartige Zusammenfassung all dessen, was man sich von Angehörigen der schreibenden Zunft wünscht, als klassischen Zeitungsausriss in einem Aktenordner abgelegt.

Sagen wir es einmal so: Mit Interesse sehe ich, von wie vielen (halb-) staatlichen Institutionen und Berufsträgern der Text online verwertet wird. Ob da wohl stets die Verwertungskaufleute der F.A.Z.-Gruppe befriedigt wurden? Oder ob es beim humanistischen Stolz bleibt, diesem guten Text zur Verbreitung im deutschsprachigen Raum verholfen zu haben?

Trevor-Ropers Gebote gehören jedenfalls - neben Robert Gernhardts Verkündigung des elften Gebots (in diesem Buch) - in jeden intellektuellen Haushalt und ich bin, weiß Gott, sparsam mit Pflichtlektürebefehlen (spießig bin ich lieber anderswo). Vielleicht sollte, wer nicht mit einem Ausriss auf der sicheren Seite ist, die F.A.Z. hier einfach einmal mit 2,00 Euro subventionieren.


Personalproduktinteressen:

Martin Rath





Kleiner Wahnexorzismus:

Sonntag, 17. Juni 2012

Erlösung, das muss doch nicht sein


Ich würde ja schon dazu neigen, Menschen, die mir Erlösung versprechen, mit körperlicher Gewalt zu drohen. Dazu müssten die Bibelkundler an meiner Wohnungstür denn aber doch noch ein bisschen schmächtiger sein. Über die körperlichen Qualitäten der Phrasendrescher, die dank Rundfunkstaatsverträgen morgens mein Radio vollschleimen, weiß ich nichts, vermute aber, dass es sich um ältere Menschen mit weiteren Defekten handelt. Die schlägt man ja nicht.

Ach ja, ältere Menschen: Hans Ulrich Gumbrecht bloggt bei der FAZ unter anderem über den Gebrauchswert der Erlösungsphantasie für faschistische Bewegungen. Ein netter kleiner Beitrag.

Eine Frage hätte ich nur noch: Drischt man nicht im Zweifel stets auf jene Seelenaufkäufer, deren semantisches Vermögen angestaubt ist, wie eine alte Reklame? Bei Sonnenlicht (meine schwierigsten Chilisorten brechen gerade frisch durch den Boden, hurra, hurra, hurra), will ich mich dieser Frage aber nicht wirklich stellen: Ihr nachzugehen, das bedeutet wohl, einer kulturpessimistischen Paranoia zu folgen, die in der „Normalität“ der westlichen Zivilisation noch dialektisch böse Verheißungen aufspüren möchte.

Nun, es ist Sonntag.


+ + + + Nachtrag 18. Juni + + + +

So wie es hier Rechtsanwalt Gerd Meister beschreibt, kann man sich natürlich auch um die Erlösung herumdrücken. Aber wer will dafür eigens Jura studieren und sich mit dem „Kindergarten“ (RA G. Strate) der Juristerei, dem Strafrecht, vertrauter machen als es die Prüfungsordnung verlangt?

Samstag, 16. Juni 2012

Musste man den Mann wirklich gelesen haben?


Joachim Lottmann | Auf der Borderline nachts um halb eins. Mein Leben als Deutschlandreporter | Kiepenheuer & Witsch | Köln 2007 | 270 Seiten

Habe ich die Zeit um die Jahrhundertwende gnädig verschlafen? In meinem Mediennutzungsverhalten war das wohl so. Überblättre gerne, was „angesagt“ ist. Schieße ja selbst auf jeden, der mich „kreativ“ nennt und bleibe konservativ in meinen Lektüren.

Den Lottmann muss ich darum stets ignoriert haben. Las nun Beiträge, die mir den Sinn der Honorarverfügungsberechtigten ins Metaphysische entrücken. (Kein Wunder, dass Matthias Matussek dem lieben Gott aufs kahle Hinterhaupt schaute und ihm die Zeitläufte erklärte. Wenn solche Leute Verantwortung haben, beginnt es in preußischen Gräbern flächendeckend zu rotieren.)

Allein nur dieses Stück, in dem der Lottmann die sexuellen Qualitäten der Ariane Sommer vorführt. (Oder bemutmaßt, das muss der sogenannte Borderlinejournalismus sein.) Um sich dann in Andeutungen zu ergießen. Man mag dergleichen vorzeitige Seniorenpornografie nennen. Das wurde gedruckt, gelesen. Es wurde honoriert (welch' Ehre).

Der Rest vom Buch scheint nicht besser zu werden.

Bin nicht neidisch, unter keinem denkbaren Gesichtspunkt, nur verwundert.



Links:

Martin Rath






Donnerstag, 14. Juni 2012

Was stört an diesem Wort?

In einem Kommentarstrang, der keine böse Absicht vermuten lässt, taucht es heute auf, das Wort
Sonderbehandlungsdusche.
Mir scheint, mit etwas historischem Sprachgefühl, schenkt man sich solche Komposita.

Wem dieses Posting bis hierher ein Rätsel bleibt, braucht nur einmal diese drei Wörter zu googlen:
Michal Kula Duschen

Kalauer

Umgangssprachenphrasenvariation.
Butter bei die Fische.
Silikon bei die Haie Hai-Männer.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Sprachgelee

Bundespräsident a.D. Christian Wulff hat sich um den Sprachgelee verdient gemacht.

„Der Islam gehört zu Deutschland.“ - Dieser Satz ist in mindestens drei Dimensionen ein amorpher Quatsch. Der Islam ist im Zweifel amorph, ein Wechselbalg aus Normativität und Sozialität und Ethnizität, Intro- und Extrospektion, was man auch immer an Dimensionen des Amorphen ausmachen will. Deutschland ist amorph, sogar als geografische Entität, wenn man auf die erste Strophe der Nationalhymne (der Bundesrepublik wie jener der Niederlande) hört. Schließlich bleibt, was dem Ganzen den Gipfel aufsetzt, auch die deontologische Qualität des Verbs formlos: Ist es Zustandsbeschreibung oder Imperativ, ein Sollen, das aus dem Sein gegriffen wird?

Wie man den Satz dreht und wendet, er bleibt Quallendeutsch. Es steht zu befüchten, dass dieses Gelee noch oft an die Wand genagelt wird.

Dienstag, 12. Juni 2012

Widerwärtig

Dieter Schenk: „Hans Frank“ Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur, Frankfurt am Main (Fischer) 2008, 486 Seiten

Man erkennt die schmierige Doppelmoral heutiger rechtsextremer Herrschaften wieder. Der Mann war so widerwärtig, dass ihn die Alliierten nicht hätten hinrichten brauchen: Er hätte der deutschen Nachkriegsgesellschaft nicht gefährlich werden können. (Aus der Rückschau der vielleicht am besten vertretbare Grund für die Todesurteile von Nürnberg.)

Das vorliegende Buch ist einer der unkonventionellen Titel der bewährten schwarzen Reihe des Fischer-Verlags. Geschrieben hat es ein dissidenter Kriminalpolizist des Bundeskriminalamts, was an einer Reihe moralischer Wertungen zwischen den Sachdarstellungen zu bemerken ist. Das mag den Leser stören, ich empfand es als grenzwertig.

Gewünscht hätte ich mir mehr Auskunft über die Bemühungen des Münchener Kardinals Faulhaber, den frisch zum Katholizismus konvertierten Frank vor dem Galgen zu bewahren - und über die Aufnahme seines apologetischen Buches in der Nachkriegsgesellschaft (Benediktiner lasen es beim Abendbrot, wer aber war der Richter des Bundesverfassungsgerichts, der es lobte?).






Donnerstag, 7. Juni 2012

Eingeschränkte Überlegenheit des Katholizismus


In meiner Scherzbeziehung zur heiligen, römischen, katholischen und apostolischen Kirche dokumentiere ich hier ja gelegentlich Belege für die unabweisbare Überlegenheit des Katholizismus über alle anderen, also falschen und profanen Lehren auf religiösem Gebiet.

Heute begann meinTag mit dem Radioprogramm von Deutschlandradio Kultur, das von Berlin aus gesendet wird und ein ganz gewöhnliches Wochentagsprogramm ausstrahlte. Dabei ist heute der höchst demonstrativ begangene Feiertag Fronleichnam.

Das erinnert daran, dass sich die zweifellose Überlegenheit in Deutschland nur sehr regional zeigt.

Kein Wunder, dass prominente deutsche Katholiken gelegentlich auswandern:

Donnerstag, 31. Mai 2012

Phrasenalarm: „tragisch“


Wohl wissend, wenn nicht wohlwissend, dass es gefährlich ist, im Rhein zu baden, vermutlich auch ohne zwingende, schicksalhafte Notwendigkeit, ins Wasser zu gehen, ist dieser Tage ein junger Mann im Fluss gestorben. Der Rhein hat seine Leiche von Bonn nach Köln getragen.

Traurig für die Angehörigen, kein Zweifel daran. Vielleicht auch traumatisch für die Auffinder an der Zoobrücke.

Aber warum ist das, der Zeitungsmeldung folgend, „tragisch“? - Es fehlt, wie oben angedeutet, an der dramatischen Fallhöhe. Es gab einmal die Geschichte von einem Mann, der ohne Geld durch Deutschland wanderte, begleitet von seinem Hund, und darüber eine anrührende Geschichte schrieb. Der Hund geriet später in die Emscher, der Mann wollte ihn retten. Der Mann ertrank, den Hund rettete die Feuerwehr. Das bin ich - vielleicht - bereit, tragisch zu nennen.

Jeden Unfall mit dem Adjektiv zu garnieren, das nenne ich kitschig.

Links:

Martin Rath






Mittwoch, 30. Mai 2012

Hückeswagen, Hoffnung und Mahnung zugleich


Uwe Ufer ist Bürgermeister der Stadt Hückeswagen und hat etwas Großartiges beschlossen.

Hückeswagen, das müssen die auswärtigen Leser vielleicht so imaginieren, wie die Berliner sich Brandenburg vorstellen: Das Wort hat den Beiklang einer Weltgegend, in der sich an jedem Wochenende befruchtungswillige Jungbürger mit Hilfe ihrer Gölfe an Straßenbäumen zu schaffen machen, wo den Bauern der Nacken stierig und den Volks-und-Raiffeisen-Chefs die Geschäfte grundsolide geraten (außer beim Betriebsausflug mit der Sekretärin, die ihre Berufsbezeichnung dann zu Recht trägt).

Hückeswagen ist für die großstädtische Arroganz der Düsseldorfer oder Kölner oder Langenfelder nicht ganz allein verantwortlich, denn die Ortschaften dieser hügeligen Gegend tragen so hübsche Namen wie Wermelskirchen oder Radevormwald - oder auch Lüdenscheid, eine Stadt, an der das wohl urbanste der Name Müller ist.

Nun aber hat besagter Uwe Ufer, parteiloser Bürgermeister über die 16.500 Einwohner zählende Stadt (in Baden-Württemberg dürfte er sich bei dieser Größe vermutlich schon Oberbürgermeister nennen),  dem Kölner Stadt-Anzeiger ein Interview gegeben, das Hoffnung weckt, Hückeswagen könnte zum Vorbild für ganz Deutschland werden: Im Jahr 2013 sollte ein sogenannter „NRW-Tag“ in Hückeswagen stattfinden. Uwe Ufer hat die Veranstaltung abgesagt, weil die Sicherheitsstandards für ein Zusammenlaufen von einigen 10.000 Menschen nur zu unverhältnismäßigen monetären und sozialen Kosten einzuhalten gewesen wären.

Kaum scheint über Deutschland die Sonne, wälzen sich durch die Straßen und Gassen mit den ewiggleichen Fress- und Saufgelegenheiten leicht ungesund aussehende Menschen. Man nennt das wohl „Event“.

Möge Hückeswagen zum neuen Standard bürgerlicher Begegnungen bei Sommerwetter werden. Eine Kirmes und ein orgiastisches Schützenfest pro Saison sollten eigentlich reichen.

 Mehr mag man ja nicht sehen, wenn überhaupt so viel.



Rinks und lechts:
Martin Rath






Breschnew, Andropow etc.

Sollte bei der Kölner Sozialdemokratie die alte Regel der sowjetischen Staatsbegräbnisse gelten, dass zum nächsten Führer von Staat und Partei jeweils der Mann gemacht wird, der beim Trauerfall besonders hervorgehoben auftritt, könnte man aus dieser Sammlung von Namen in den Traueranzeigen für den verstorbenen Ex-Oberbürgermeister Dr. h.c. Norbert Burger herauslesen, was man will.

Für die zahllosen Feministinnen, die in dieses Blog schauen: Machtverhältnisse entlang der Frauen-Männer-Front bilden die Anzeigen übrigens auch sehr plastisch ab.

Dienstag, 29. Mai 2012

Noch ein Beweis für die Überlegenheit des Katholizismus

Wenn es auch ein indirekter Beweis ist, der sich in der Wikipedia findet, so darf man doch davon ausgehen, dass die nachfolgende Eidesformel schwer katholisch inspiriert ist:
„Wir schwören zu Gott dem Allmächtigen einen feierlichen Eid, Seiner Apostolischen Majestät, unserem Allerdurchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Franz Joseph dem Ersten, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Böhmen u.s.w. und Apostolischen König von Ungarn treu und gehorsam zu sein, auch Allerhöchst Ihren Generalen, überhaupt allen unseren Vorgesetzten und Höheren zu gehorchen, dieselben zu ehren und zu beschützen, ihren Geboten und Befehlen in allen Diensten Folge zu leisten, gegen jeden Feind, wer immer es sei, und wo immer es Seiner kaiserlichen und königlichen Majestät Wille erfordern mag, zu Wasser und zu Lande, bei Tag und Nacht, in Schlachten, in Stürmen, Gefechten und Unternehmungen jeder Art, mit einem Wort, an jedem Orte, zu jeder Zeit und in allen Gelegenheiten tapfer und mannhaft zu streiten, unsere Truppen, Fahnen Standarten und Geschütze in keinem Falle zu verlassen, uns mit dem Feinde nie in das mindeste Einverständnis einzulassen, uns immer so, wie es den Kriegsgesetzen gemäß ist, und braven Kriegsleuten zusteht, zu verhalten, und auf diese Weise mit Ehre zu leben und zu sterben. So wahr uns Gott helfe. Amen!“
Warum das ein Beleg für Überlegenheit sein soll? Na, glaubt denn jemand, man könnte heutige Rekruten (m/w) noch dazu bringen eine derart byzantinisch umrankte Formel zu beschwören? Rein memotechnisch schon ganz unmöglich?

Nein? Ja? Q.e.d.


Montag, 28. Mai 2012

Ach, Herr Kiesow - Sie haben es gut!


Rainer Maria Kiesow muss in einem seligen Windschatten des öffentlich-rechtlichen Güllesturms leben, denn er schreibt:
Aber es kommt noch besser: Irgendeine Christine Westermann – ich habe keine Lust auszugoogeln, wer das ist – hat geschrieben, so zitiert es Suhrkamp mitten auf der Seite aufgepoppt, CW also meint: „Andrej Longo schreibt beeindruckend, erzählt beinahe poetisch ...“. Die Pünktchen (nochmal Adorno!) sind von Westermann (oder Suhrkamp). 

Links:

Martin Rath