Mittwoch, 7. Dezember 2011

Süperstatistik: Sexualphantasie noch nicht einmal alle sieben Minuten


Eine US-amerikanische Psychologin wird vom SPIEGEL befragt (Nr. 49 vom 5.12.2011), was es mit der Sex-Besessenheit von Männern (im Vergleich zu diesen bizarren, etwas anders gestrickten Menschen) auf sich habe. Terri Fisher von einer hoffentlich hochgradig weltstädtischen Hochschule im brummenden Ohio antwortet dem leider anonym bleibenden Fragesteller vom Hamburger Nachrichtenmagazin, ob es denn richtig sei, dass Männer alle sieben Sekunden von einer sexuell eingefärbten Phantasie verfolgt würden:

Fisher: Alles Quatsch. Der durchschnittliche Mann tut dies noch nicht einmal alle sieben Minuten. Unsere aktuelle Studie mit mehr als 280 weiblichen und männlichen Collegestudenten zwischen 20 und 25 Jahren zeigt, dass Männer im Schnitt 19-mal am Tag sexuelle Phantasien haben, Frauen 10-mal. (aaO S. 149)
 Das ist ja einmal ein Wort. Aber welchen Wert hat es? Menschen in der - jedenfalls biologisch, in westlichen Ländern aber kaum mehr ökonomisch - besten Fortpflanzungsphase ihres Lebens denken doch noch gar so oft an Sex? Zapperlott! Und sind das nicht sogar Leute, die an einem College mit Gleichaltrigen zusammengepfercht sind?
Junge Leute, die in einem Land leben, das eine leicht obesessive Haltung zu den Breitengraden südlich der Gürtellinie pflegt und der Welt darum die umsatzstärkste Porno-Industrie und cineastische Meisterwerke wie „American Pie“geschenkt hat?

Da liegen statistische Schlüsse auf den „durchschnittlichen Mann“ natürlich äußerst nahe. Also auf die rund drei Milliarden XY-Chromosomträger weltweit, die nicht die Muße haben, ein US-College heimzusuchen.

Aber man muss den SPIEGEL-Autor nicht schelten (mutmaße: es ist eine Autorin, Männer kämen gar nicht erst darauf, der bescheuerten urban legend von den 7 sec. zu folgen). Eine angemessene Fragestrategie wäre es vielleicht gewesen, Ms. Fisher mit der - generell schwachen - Aussagekraft von psychologischen Untersuchungen zu konfrontieren, die an US-Bildungseinrichtungen durchgeführt werden.

Deren Ergebnisse stehen nämlich längst schon in der Kritik, sogar soweit es um sozial wenig überlagerte psychologische Fakten geht, etwa um kognitive Basisfähigkeiten (z.B. das Zahlenverständnis, räumliches Denken und ähnliches), die sich schon nicht bei Menschen an anderen Orten des Planeten wiederfinden lassen - wie etwa an einem College in Ohio. Sozialpsychologische Daten aus dem US-Bildungswesen zu verallgemeinern, ist dann erst recht trübe Wissenschaft.

Aber, wie gesagt und zugegeben: Das zu fragen hieße wohl, den lustigen Ansatz gleich totzurecherchieren.

Bild oben: Ein kölsches Pärchen, das gewiss nicht mehr statistisch erfasst wird.


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