Mittwoch, 30. November 2011

Fassungslos: Heldenverehrung in der FAZ von heute

Auf der Leserbriefseite der FAZ findet sich heute eine köstliche Zuschrift von Wolfgang Wurtz, Oldenburg, der sich über die von ihm nur so genannte Berichterstattung von SZ und FAZ beklagt. Die hätten sich über den Fall Guttenberg „böswillig, ungerecht, selbstgerecht, verheuchelt, pharisäerhaft, falsch und somit insgesamt widerlich“ geäußert.

KTG sei ein Politiker „der in den letzten Jahren am meisten bewirkt hat, der unkorrumpierbar und unabhängig ist von Sonderhinteressen der Bauernpartei CSU, und der die aktuellen brennenden Probleme mit mehr Klugheit betrachtet“ und angesprochen habe als der (nahezu vollständige) Rest der lebenden Menschheit.
Zudem lobt Herr Wurtz die hervorragende wissenschaftliche Leistung des KTG, die ihn auszeichneten gegenüber den politischen „Flachpfeifen“ wie Merkel & Co.

Entweder die FAZ übt sich hier in der früher gern vom SPIEGEL gepflegten Praxis, ihre Leser zu verhöhnen, indem sie deren Zuschriften veröffentlicht. Oder die TITANIC hat ein U-Boot in die Redaktion des seriösen Blattes eingeschleust. Anders kann man sich diese Eloge bei gesundem Verstand nicht erklären.

Pharaonenschnodder

Wer einen - selbst für SPIEGEL-Verhältnisse - außergewöhnlich schnoddrig geschriebenen Artikel lesen möchte, greife zu „Götterdämmerung am Nil“ in der Ausgabe von vorgestern (online jetzt hier).

An sich böte die Rekonstruktion des genetischen Stammbaums der pharaonischen Herrscherfamilie Ägyptens eine spannende Geschichte. Aber von „inniger Geschwisterliebe“ zu lesen, wo es womöglich um sakral begründeten, weil tabubrechenden Inzest ging oder von Luxusbetten, die im Kontrast standen zu den Fellen, auf denen der Rest der Menschheit „pennte“ - das ist sprachlich so hingerotzt, dass einem das Interesse vergehen kann.

Besten Dank, Matthias Schulz (oder sarkastischen Dank an die hineinrotzende Redaktion), so kann man sich einen Text wirklich zerstören. Nach dem „pennen“ habe ich das jedenfalls nicht mehr weitergelesen.


Montag, 28. November 2011

fenswert - Hurenkinder & Schusterjungen

fenswert.
Mit dieser Zeichenfolge beginnt eine Kolumne in der FAZ von heute (Seite 28). Sie beendet zugleich den Absatz, was alte Sätzer das ergraute Haar schütteln ließe.

Dem schließlichen Verständnis von Ottfried Höffes „Was kann Kant dafür, dass er kein Soziologe war?“ tut das zwar keinen Abbruch, aber Schusterjungen und Hurenkinder findet man in der FAZ doch nicht oft.

Dienstag, 22. November 2011

Hat Oliver Tolmein die guten Nazis entdeckt?


Bei seiner Deutschlandvisite hielt Joseph Ratzinger vor dem Deutschen Bundestag eine Rede, in der er sich unter anderem zu Fragen von Naturrecht und juristischem Positivismus äußerte. Ob der amtierende Papst die Lehre des bedeutenden Rechtsphilosophen  Hans Kelsen richtig verstanden bzw. richtig auf ihn sich bezogen habe, ist seither Gegenstand einer mehr oder eher weniger erfrischenden Debatte im Feuilleton der FAZ.

Meiner unbescheidenen Auffassung nach müsste man längst zurück zu den Quellen, also Kelsen, Radbruch oder Schmitt. (Nebenbei: Dass die Backlist Schmitts so sehr viel besser gepflegt wird als jene Kelsens, ist keine schöne List der deutschen Verlagsgeschichte.)

In einem Artikel in der FAZ lässt sich heute Oliver Tolmein zum Ratzinger-Kelsen-Dreier-etc.-Disput ein. Mit dem vorgenannten möchte ich das hier gar nicht diskutieren. (Wie erwähnt: Man müsste längst zurück zu den Quellen.)

Doch eine Aussage aus Tolmeins Artikelchen möchte ich zitieren, weil sie mir die Nackenhaare in Bewegung brachte:
In diesem Zusammenhang bemerkenswert ist, dass auch die Nationalsozialisten offensichtlich Grenzen dessen sahen, was als Gesetz verabschiedet werden kann. Es existierte zwar ein Gesetzentwurf , der den als „Euthanasie" propagierten Massenmord an behinderten Menschen legalisieren sollte, beschlossen wurde dieses Gesetz aber nicht – auch wenn taktische und nicht rechtsphilosophische Erwägungen diesem Nichthandeln des Gesetzgebers zugrunde lagen. (cf. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2011, S. 33)
Der Zusammenhang, den Tolmein hier erwähnt, besteht in Folgendem: Die Alliierten des Zweiten Weltkriegs hatten rechtsgutachterlich klären lassen, ob die NS-Verbrechen unter expliziter Aufhebung des strafrechtlichen Rückwirkungsverbots geahndet werden sollten. Kelsen habe darauf geantwortet, dass dies zwar moralisch und politisch zweifelhaft sei, juristisch aber möglich.

Wenn ich Tomeins Aussage unfreundlich interpretiere, besagt sie: Hans Kelsen war so bösartig, sogar das Rückwirkungsverbot als positivrechtlich „machbar“ zu deklarieren, während die Nazis - wenn auch nicht ohne taktische Erwägungen - zu gutartig waren, als dass sie ein „Recht zum Töten Behinderter“ durch ein positiviertes „Euthanasie“-Gesetz legalisiert hätten.

Sollte das gemeint sein, hätten wir heute in der FAZ die Geburt der guten Nazis miterleben dürfen, geboren aus der „Lebensschutz“-Bewegung der 1990er- bis 2010er-Jahre.

Sonntag, 20. November 2011

Think Tank's Obscenity

Pardon my French. Are you, dear Mr John Hamre & Mr Sam Nunn, taken leave of your senses? A convicted fraudster is employed by you as a respected statesman?
That may suit your personnel policies.But so far as Mr Karl-Theodor Guttenberg decorates your event with reactionary statements about democratic politics, it is shameful.
A politician who has fallen on his moral and intellectual presumption applies to you as a witness for correct behavior?
In this case, you are obviously not right minded. 
 
Einige automatisch übersetzte Schnippsel aus der Süddeutschen Zeitung, für die kanadischen und US-amerikanischen Leser & zum höheren Ruhm des Suchmaschinenwesens:
 
 
 



Samstag, 12. November 2011

Kennt man beim Tagesspiegel Verlaine?

Täte mich das ein Tagesspiegel-Kollege gefragt haben

Thea Dorn und Richard Wagner, Sie haben ein Buch mit dem Titel Die deutsche Seele herausgebracht. Der Dramatiker Arthur Schnitzler hat vor 100 Jahren die Seele jedes Menschen ein "weites Land" genannt. Lässt sich denn in Deutschland eine kollektive, nationale Seele finden?


wäre ich ihm mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht gesprungen. Welch Glück, dass Thea Dorn und Richard Wagner entweder höflicher sind - oder ähnlich ahnunglos. Um nur ein bisschen zu picken:
Votre âme est un paysage choisi
 Da werde ich doch etwas unwirsch. Verlaine. Schon ein bisschen früher als der olle Schnitzler.


Martin Rath












Samstag, 5. November 2011

Tachyphagie

Jochen Schmidt definiert in seiner heutigen Schmythologie den Begriff „Tachyphagie“ als (krankhaft) schnelles Essen.

Von Stephen Fry weiß man, dass Hugh Laurie - den die Welt seit „House“ kennt - ein Tachyphag ist. Als wettkampffähiger Ruderer (noch dazu aus einer Rudererfamilie, Laurie sen. trat 1936 und 1948 bei olympischen Spielen an) verzehrt Laurie ein ausführliches Menue in einer Zeit, in der Fry sein Tischgebet nicht würde sprechen können.






 

Hugh Laurie is a tachyphag, tachyphagian, tachyphaist. Pardon, that's Greek. 














Nachtrag 21.02.2012


Ich finde es ja durchaus legitim, wenn ein Künstler nach illegaler Verwertung seiner Bilder fahndet oder fahnden lässt, aber ob man damit fündig wird?



Donnerstag, 3. November 2011

Gerd Roellecke verstorben

Heute las ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Todesanzeige, im Feuilleton dann den Nachruf von Patrick Bahners auf den Mannheimer Professor Gerd Roellecke.
Im Jahr 2001 habe ich ihn persönlich kennenlernen dürfen. Wir unterhielten uns über einen etwas klandestinen Richter am Bundesverfassungsgericht - aus den 1970er-Jahren -, er war - glaube ich - etwas überrascht, dass jemand diesen Blick auf die Karlsruher Anstalt hatte.

Es ist merkwürdig. Ohne vom Tod Roelleckes zu wissen, bestellte ich vorgestern erst in der hiesigen Universitätsbibliothek ein Buch seiner Tochter, das ich für ein juristisches Feuilleton verwenden möchte. Das lag mir schon länger im Hirn, jetzt erst kam der kurze Ruck: Es wird Zeit, es zu ordern.

Herr Roellecke sprach damals auch von einer seiner Töchter. In einem Rechtshistorischen Journal schrieb er einen öffentlichen Brief an eines seiner Enkelkinder. Als ob es ein Gran mehr Verbundenheit brächte, denke ich heute an beides und werde das Andenken bewahren.




Dienstag, 1. November 2011

Zitat des Tages: Googlejäten

Früher bekam ich 50 Pfennig fürs Unkrautjäten, überlege gerade, ob ich mich von Mutter fürs Googlen bezahlen lassen soll.
Gefunden via Anke Gröner bei ellebil