Mittwoch, 12. Oktober 2011

Diskretion ist ja schön und gut

Constanze von Bullion hat für die Süddeutsche vom vergangenen Montag ein Stück über Klaus Wowereit geschrieben, reichlich ad personam, nicht unbedingt mein Geschmack. Mir ist der Mann nicht sonderlich sympathisch, über SPD-Politik in Großstädten im Allgemeinen und in Großberlin im Besonderen ließe sich sicherlich grandios Boshaftes im Stil von Michael Dobbs „House of Cards“-Trilogie schreiben. Klüngel, Kleinkorruption, Machtspiele um des Spiels statt des Inhalts willen. Das findet man überall, wie ich glaube: Verschärft bei der alten Tante SPD. Da liefert Frau von Bullion vermutlich noch einen Beitrag von der überschaubar gehässigen Sorte.

Als Nicht-SZ-Leser wäre mir der Seite-3-Artikel völlig entgangen, wäre heute nicht eine Kritik am Bullion'schen Produkt von „Nice Bastard“ via Bildblog beworben worden. Dorin Popa beanstandet, dass die SZ ausführlich aus dem Abiturzeugnis von Klaus Wowereit zitiert habe. Die Zeugnisnoten werden in der Kritik durch X'' ersetzt.

Im E-Paper der Süddeutschen lese ich nach:
Klaus Wowereit, steht da, darunter ein Panoptikum eher begrenzter Strebsamkeit. Deutsch 2, Politische Weltkunde 3, Englisch 3, Mathe 3, Sozialwissenschaften 1, Sport 4. Na ja, sagt Podlowski, es gab da immer ein gewisses Phlegma. Also, in körperlicher Hinsicht. Chemie und Physik wurden abgelegt, die Facharbeit hat der Schüler über „antagonistisches Verhalten bei Mäusen" verfasst.
Nichts, wofür man sich schämen müsste, nichts besonders rühmenswertes. Die Kritik geht allerdings weiter: Mit der Veröffentlichung werde in den Kernbereich des Persönlichkeitsrechts eingegriffen und würde das Datenschutzrecht verletzt.

Diese Kritik halte ich für fragwürdig. Weil sich die Vertreter politischer Parteien heute kaum noch durch ideologische/programmatische Überzeugungen auszeichnen, sollte es der Öffentlichkeit möglich sein, sich wenigstens ein Bild von soetwas wie biographischer Kohärenz (oder Brüchen im Lebenslauf) machen zu können. Walter Momper wurde seinerzeit dafür benasrümpft, dass er sich öffentlich nonchalant zu seinen Kleindiebstählen zu Jugendzeiten geäußert hatte; wäre damals eine Jugendstrafakte hervorgezerrt worden, hätte ich das nur unter der Bedingung gutgeheißen: Momper hätte sich als strafpolitischer Scharfmacher hervortun müssen. Aber eine alte Strafakte wäre selbst dann noch von einer anderen Qualität gewesen als ein Schulzeugnis.

Ein Abiturzeugnis, nun ja. Sind 18- oder 19-Jährige nicht halbwegs volljährig, halbwegs eigenverantwortlich und zeichnet sich nicht einigermaßen ab, was aus den jungen Leuten mal werden könnte? Oder ist noch alles, zu vieles möglich, als dass man dem albernen schulbürokratischen Schrieb allzu große Bedeutung zumessen sollte?

Ich will das nicht beurteilen. Abiturnoten einer Kernregion des Persönlichkeitsrechts zuzuordnen, finde ich allerdings etwas albern. Und auch gefährlich für die öffentliche Auseinandersetzung, wenn man bedenkt, was sich alles hinter dem Schleier des Datenschutzes verbergen ließe.









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