Dienstag, 30. August 2011

Jochen Buchsteiner: „Antikorruptionsbehörde“

Jochen Buchsteiner nennt in seinem Seite-1-Kommentar der Frankfurter Allgemeinen von heute die private Organisation „Transparency International“ wörtlich eine „Antikorruptionsbehörde“.

Hoffen wir, dass die Korruptionskritiker jetzt keinen Amtsschimmel ansetzen.


Martin Rath


Montag, 29. August 2011

Neologismus: Bleiwüstling

Weil es, dem Suchmaschinenanschein nach, noch niemandem in den Sinn gekommen ist, melde ich hiermit Priorität für das Wort an:

Bleiwüstling
Ein Bleiwüstling, das ist jemand, dem z.B. die Wochenzeitung DIE ZEIT gefiel - so lange sie nur als Bleiwüste erschien, nicht weißräumig wie heute. Als Bleiwüstling kann ich sogar bei Online-Texten den eigenen Schreibfluss nicht halten.

Was soll's. Dem Bleiwüstling ist der Schreibluss lieber als jeder andere Ausfluss.

Martin Rath

Nachtrag 27. September 2011:
Nicht zu meinen Lieblingswörtern zählt, weil man ja mal Bankkaufmann gelernt hat, natürlich: "verantwortungslose Kreditteufel".
Wer sich wegen dieser Wendung hierher verirrt, wird mit dem hübschen Wort Bleiwüstling kontaminiert und verschwendet also keinesfalls seine Zeit.

Freitag, 26. August 2011

Harald Martensteins Idee einer Schlamperparade

Da hat sich Herr Martenstein etwas einfallen lassen.

Ein „Schlamper“ ist laut Wörterbuch der Brüder Grimm das Kleidungsstück einer Schlampe. Harald Martenstein könnte sich also weiterhin gescheit kleiden (auch bei Demos), er müsste nur eine Schlampe finden, die ihm das Fell über die Ohren zieht und es sich um den Hals wickelt, um an einer Schlamperparade teilzunehmen. - Im Übrigen ist mir das Konzept quasi ontologisch fremd, ob im traditionellen oder im übertragenen Sinn. (Solange sie mich in Ruh lassen, sollen die Leut doch treiben, was sie wollen.)

Donnerstag, 25. August 2011

Das große Gripschen von Hen Hermanns

Hen Hermanns: „Das große Gripschen“ Düsseldorf-Krimi, Köln (Emons) 2001. Seinerzeit DM 17,80 bzw. 9,00 € - jetzt für 0,98 € plus Porto zu haben

Hen Hermanns' in Köln spielende Krimis mit ihrer Hauptfigur, dem aus der Werbebranche entlaufenen Privatermittler Max Reinartz, las ich vor Jahren - witzige, intelligente Geschichten. Die Suche nach mehr vom Gleichen blieb in der seither verflossenen Zeit erfolglos.

Zufällig stieß ich am vergangenen Sonntag auf Hermanns Düsseldorf-Krimi. Dass ich mich vor der Bestellung nicht schlau darüber gemacht hatte, hier keinen Reinartz-Plot geliefert zu bekommen, zog keine Enttäuschung nach sich - das Personal ist wirklich herzerwärmend: ein professionell-illegaler Geldeintreiber mit solide soziopathischer Intelligenz, ein trieb- und antriebsschwacher Macht-was-mit-Medienmensch, ein Makler, dessen Verstand vom Kokain über den Jordan getragen wurde, russische Entrepreneurs, ein professioneller Großbetrüger mit Fett- und Drogenproblem etc. etc.


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Am Karl-, Karls- beziehungsweise Carlsplatz lässt sich der Großbetrüger von inferioren Security-Leuten u.a. vor russischen Entrepreneuren beschützen

Verwoben werden in der Geschichte mehrere Schatzsuchen - nach dem Geld des Großbetrügers, nach einem erfolgreichen Drogendeal, nicht zuletzt: nach einem Sexualpartner (m/w). Auf 172 Seiten bekommt das ordentlich Tempo, lustig die Anspielungen auf die Dotcom-Blasenbewohner der Zeit ums Jahr 2000 herum. (Die Darstellung des kokainabhängigen Maklers ist von wahrhaft bösartig-schöner Qualität.)

Einzig der biografische Epilog der Story hat ein, zwei unplausible Aspekte. Was soll etwa die Duisburger Frisöse in Florida? Und der spät als solcher eingeführte Sankt-Martins-Mörder erklärt sich auch nicht wirklich (mea culpa: ein paar Kilometer südlich vom Handlungsort aufgewachsen, kannte ich den Begriff „Gripschen“ nicht).


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Kein Wunder, dass eine Fahrt über die Felder von Düsseldorf nach Duisburg vorkommt

Von den Kleinigkeiten am Schluss abgesehen: Schade, dass Hen Hermanns sein Geld mit Werbung verdienen muss. Man hätte gerne mehr Krimis wie diesen.

Schon, weil man ja nicht alles selber machen kann:

Martin Rath



Dienstag, 23. August 2011

Anfall von Ahnungslosigkeit

Ich muss gestehen, dass ich in einer Frage möglicherweise völlig ahnungslos bin. Erschütternder Zustand, wahrlich. Es geht um die Formel, die das Deckblatt (ja, ja, eigentlich ist es auch nicht unbedingt das Deckblatt) von Doktorarbeiten ziert.

Meist bekomme ich Dissertationsschriften aus den Rechtswissenschaften zu Gesicht. Hier findet sich regelmäßig die Formel „Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer Hohen ... Fakultät ...“.

Nun finde ich auf der Arbeit eines anderen Faches: „Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen ... Fakultät ...“

Meine Hypothese zur Lösung der Frage: An Universitäten, die sich der mittelalterlichen Tradition verschrieben fühlen, wurden - oder werden? - juristische Doktorwürden für weltliches und/oder göttliches Recht verliehen. Weil der gemeine Juristendoktor aber nur weltliches Recht gepaukt hat, segnet ihn nur die eine (von zwei) Fakultäten.

Dort, wo die Einheit der (formalen) Wissenschaft, die gelehrt wurde, als gegeben vorausgesetzt wird (Naturwissenschaften, Medizin, Ökonomie), genügt der bestimmte Artikel.

Es fragt sich aber: Stimmt diese Hypothese oder gibt es eine alternative Erklärung für die unterschiedlichen Artikel? Ich würde mich über hinreichende Erklärungen freuen.


P.S.: In meiner Lästerlichkeit ging mir durch den Kopf, dass die medizinischen Fakultäten auf dem besten Weg sind, ebenfalls zur Distinktionsandeutung übergehen zu müssen. Es gibt Doktoren für echte, evidenzbasierte Medizin. Für Homöopathen, Rudolf-Steiner-Krötenpopo-Küsser oder fernöstlich inspirierte Quacksalber müsste es dann den anderen Titel geben.

Fehl-Lesung: Sinistra-Pose

Gelegentlich gebe ich hier ja zum Besten, wenn beim mehr oder weniger schnellen Lesen das gedruckte oder pedeffierte („pdf-ierte“) Wort einer Zeitung oder eines Magazins im Hirn einen anderen Eindruck hinterließ als vom Schreiber beabsichtigt.

In einem Anfall von Schlaflosigkeit las ich vorhin die elektronische FAZ vom Samstag (PDF-Version), in der Besprechung von Lepsius' & Meyer-Kalkus' Buch „Inszenierung als Beruf“ über den Fall Guttenberg, dieser habe sich in einer
Sinistra-Pose
dargestellt. Dass sich sinistre Menschen in einer Sinistra-Pose ins Pressefotografenbild bewegen, mag vorkommen, wird aber sprachlich wohl eher selten so gefasst - selbst bei den Fremdwortfans aus Frankfurt am Main. Natürlich stand da
Sinatra-Pose.

Sonst bin ich natürlich schon lieber lesefehlerfrei unterwegs:

Martin Rath



Donnerstag, 18. August 2011

Christian Pfeiffer ist Rheingold?

Wenn ich lese, dass der berühmte niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer in der FAZ (von heute, Seite 3) mit einer luziden Aussage zu den Auto-Brandstiftungen von Berlin wiedergegeben wird
Die Polizei schätzt, dass die Hälfte der Brandstiftungen an Autos im weitesten Sinn linksradikal motiviert ist. Doch gesichertes Wissen über die Täter und ihre Motive gibt es nicht; [...] Der Kriminologe Christian Pfeiffer spricht vom „Powergefühl", das der Anblick brennender Autos und der Machtlosigkeit aller anderen bei den Tätern erzeugt.
dann gedenke ich einer Medienmacht, die aus dem einst gern gelesenen sozialwissenschaftlichen Forscher einen Erklärungsherbeihexer von zweifelhaftem Wert gemacht hat.

Ob sich das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, das Christian Pfeiffer dirigiert, vielleicht neben das Kölner Rheingold-Institut einreihen sollte, das ähnlich luzide Erkenntnisse über die Medien streut?

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Nebenbei: Ich stelle bei mir selbst ein aggressives Gefühl von Hilflosigkeit fest, wenn ich morgens vor meiner Haustüre mit einer Person besetzte SUVs in schönstem Zuhälterweiß oder -schwarz vorbreibrausen sehe, weil dem gehobenen Angestellten von Welt die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel innerstädtisch nicht zumutbar ist. Mit dieser Introspektion möchte ich nicht die Spur einer Rechtfertigung für Brandstifterinnen und Brandstifter hinterlassen; ein Jahr Freiheitsentzug sollte tatsächlich das Minium an Konsequenz sein. Aber die Erklärung des Medienprofessors lässt sich offenbar aus der Hüfte heraus auch um 180 Grad drehen. Ob er solide Forschung dazu hat? Scheint mir angesichts eines aktiven Dunkelfelds zweifelhaft.


Martin Rath



Dienstag, 16. August 2011

Hitler-Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion ist 60 Jahre her


Auf ihrer Seite 16 untertitelt die Süddeutsche heute die Überschrift „Der Mythos 'Barbarossa'“ mit der hübschen Aussage „Hitler-Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion ist sechzig Jahre her - die Fehden der Geschichtsforscher halten an“

Meine Mutter, 1941 im Jahr des Grauens geboren, wird es natürlich zu hören freuen, dass sie keine 70 Jahre alt geworden sein soll, sondern noch als 60-jährig junger Hüpfer unterwegs ist.

Mir ist solch ein 10-Jahres-Patzer auch schon passiert (inzwischen versteckt in der Adresszeile), aber für die Überschrift einer meinungsführenden Zeitung, zudem in dero Printausgabe, ist das doch ein bisschen peinlich.

LinkFür Korrekturen gut zu haben:

Martin Rath




Mittwoch, 10. August 2011

Sprachkritik in der FAZ für den Eigenbedarf benötigt?

Die Schmeißfliege, Lucilia sericata, ist die häufigste Quelle für Maden.
Bildunterschrift in einem Artikel zum Madeneinsatz in der Wundbehandlung; Frankfurter Allgemeine von heute, Seite N1. Ich möchte mich nicht allzu weit aus dem Onlinefenster lehnen. Denn da hängt ja schon der Sickbastl. Aber „häufigste Quelle“? Das wurmt mein Sprachgefühl.

In dem Zusammenhang: Die FAZ begann heute eine neue Kolumne zur Sprachkritik.



Miklòs Hernádi, Lektürerapport - und leider schon wieder: dumme Süddeutsche

Miklòs Hernádi: Weiningers Ende. Ein Kriminalroman. Frankfurt am Main (Eichborn) 1993, 372 Seiten (kostete via Amazon 6,97 €)

Oberinspektor Maximilian Barner von der k.u.k. Staatspolizei ermittelt auf eigene Faust im Todesfall Otto Weininger. Er stößt auf Hinweise im zionistischen und bolschewistischen „Umfeld“, die eine Ermordung Weiningers nahelegen. Hernádi entführt den Leser in die schräge Kultur Wiens, kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert.

Mir hat das gut gefallen, historisch nicht Interessierte werden das kulturhistorische Panorama aber vermutlich eher bräsig finden. Ich war nach drei Tagen durch, die lange Lesedauer hing mit diätischer Zeiteinteilung zusammen, zu der das gemächliche Erzähltempo einlud.

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Beim Nachschlagen in den Auswürfen einer großen kalifornischen Suchmaschine, prüfend, ob sich hier noch Weiteres verlinken ließ, stieß ich auf einen Angeberartikel, der einmal mehr davon zeugt, dass sich die sogenannten Qualitätsmedien durch die Einsparung anständiger Endkorrektur- und Dokumentarredaktionen selbst verdummt haben. Es heißt bei den Münchener Meinungsführern:

„Dem ungarischen Autoren Miklós Hernádi wird folgendes Zitat nachgesagt, das nur auf den ersten Blick versöhnlich wirkt:

"Feminismus war nichts anderes als die Fortsetzung des Flirts mit anderen Mitteln."

Mitnichten. Hernádi lässt den Gedanken von seiner Figur Barner äußern. Bei Zitaten darf man gerne korrekt sein oder sie bleiben lassen.

Schlage vor, den Autor dieses Artikels im Kerker des Guttenberg'schen Anwesens unterzubringen und den Herrn Staatsanwalt a.D. Prantl als dämonisch lachenden Wächter herumspuken zu lassen.



Dienstag, 9. August 2011

Gejammer nach vollzogener Perversion

Sind fünf Monate ein kurzer Zeitraum? Stellen wir uns vor, wir gingen fünf Monate lang einer bezahlten Tätigkeit nach - vermutlich für wenig Geld, aber mit der Aussicht, „mal was mit Medien“ im Lebenslauf stehen zu haben.

Fünf Monate, von denen ein mental auch nur halbwegs intakter Mensch schon vorab wissen kann, dass sie mit der Entwürdigung anderer Menschen verbunden sein werden.

Darüber darf man dann, von mir aus, gern hinterher im privaten Kreis jammern. Aber dass die Süddeutsche, namentlich Christin Müller, hier mitjammert, ist etwas lächerlich. Wer bei einem solchen Job nicht spätestens nach einer Woche mit aktivem Brechreiz raus ist, sollte gute Gründe haben. Wenn die nicht mit im Artikel auftauchen, hat die Journalistin ihre Arbeit nicht gemacht - oder es gibt kein Recht zu jammern.

Fünf Monate! Um Gottes Willen! Und immer noch ein Opfer.

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SPIEGEL-Dokumentation im Sommerschlaf?

Da findet sich auf SPIEGEL ONLINE ein an sich höchst lesenswerter Artikel über die Notwendigkeit, den Welthunger durch bessere Verpackungs- und Konservierungstechniken für Lebensmittel einzudämmen. Zum deutschen Konsumverhalten wird jedoch eine Stimme zitiert, über deren Wert man geteilter Ansicht sein kann:
"Viele Verbraucher sehen das Mindesthaltbarkeitsdatum als Trennungsabsolution, obwohl viele Lebensmittel nach Ablauf noch frisch sind", erklärt der Konsumpsychologe Stephan Grünewald vom Markt- und Medienanalyse-Institut Rheingold in Köln.
Aha. Für diese Alltagserkenntnis aus dem Reich der bescheuerten Mitbürgerinnen und -bürger braucht man also einen „Konsumpsychologen“. Mir sind die Publikationen von Herrn Grünewald nicht geheuer. Schmerzhaft schlummert der Gedanke an sein Postulat von der Aldisierung der Gesellschaft im Hinterkopf, wenn ich mich recht entsinne, eine Auftragsarbeit des Rheingold-Instituts, finanziert von etwas besseren Discount-Konkurrenten der Gebrüder Albrecht.

Gucken die SPIEGEL-Dokumentare eigentlich noch darauf, dass Quellen irgendwie von gleichmäßigem Gewicht sind? Ich glaube es nicht.

Fristenzettel Unibibliothek Köln 1931

Kürzlich fand ich ein noch nicht aufgeschnittes Werk von Georg Jellinek, einem der führenden Staatsdenker Deutschlands um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in der Stadt- und Universitätsbibliothek zu Köln. Seit gestern habe ich die Dissertation von Friedrich Berber in der Hand, einem Staatsrechtslehrer, der unter der NSDAP Karriere machen, in Landen der CSU fortsetzen konnte. Der Fristenzettel, der sich noch im Büchlein fand, datiert die Rückgabe auf den 5. September 1931. Sollte er die letzte, der meinen vorausgegangene Ausleihe dokumentieren, kann man den vergangenheitsbewältigenden Forschungsdrang der berühmt-berüchtigten Achtundsechziger wohlgetrost als unfrommes Märchen behandeln.

Über den Inhalt der Dissertation von Berber werde ich mich anderenorts auslassen. Entweder via LTO oder vielleicht als Teil meiner Steampunkpläne. Mit dem Bild von Vorder- und Rückseite des Fristenzettels möchte ich hier zunächst ein Stück gelungenes Layout aus dem Jahr 1931 dokumentieren. Die Zettel heutigen Zuschnitts sind deutlich hässlicher und verbrauchen erheblich mehr Papier.















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Montag, 1. August 2011

Habicht, Sperber, Falke - wer liest das Gefieder?

Dieser Raubvogel saß gestern (31. Juli) in Polch (Eifel, bei Koblenz) auf dem Dach eines Autos vor der Haustüre.

Die Landschaft ist bebaut (EFH zwischen aufgeräumten Feldern) und eher frei von Wald.

Aus den Bestimmungsangaben, die im Netz zu finden sind, werde ich nicht schlau. Ist das hier ein Habicht, Sperber, Falke?

(Warum die Bestimmungsangaben, soweit ich bisher darauf zugreifen mochte, mit Zeichnungen arbeiten statt mit Fotos, ist mir ein zusätzliches Rätsel).

Sollte hier ein ornithologisch Weiser mitlesen, über sachdienliche Hinweise würde ich mich freuen.

(Und man muss nicht Ecos Name der Rose gelesen haben, um die Berechtigung zu erkennen, im Lesen von Zeichen ein Lesen zu finden. ;-)