Donnerstag, 21. Juli 2011

Gehört oder ungehört: Fundamentalistenkuschelecke im Radio



Heute Morgen im sogenannten Wort zum Tage im Deutschlandradio Kultur, übte sich der Morgenandenker Pfarrer Dr. Rainer Stuhlmann im Verständnis für Bundeskanzlerin Merkels Äußerung in Sachen „Tötung von Usama Bin Ladin“.

Mich hat’s aus dem Bett getrieben. Ich frage mich, was – jenseits rundfunkstaatsvertraglicher Kirchenprivilegien – eigentlich solchen Rotz im Radio rechtfertigt. Stuhlmanns Methode: Man unterstelle der kritisierten Position möglichst üble Gefühle, der zu bestärkenden Position möglichst erfreuliche (und rechne sich dann zu allem Überfluss selbst zu einer noch höheren Moral).

Das sah dieses Mal schrittweise ungefähr so aus:

1. Die Empörung von Grünen, Sozialistinnen und Liberalen über die Freudenäußerung von Kanzlerin Merkel anlässlich der Tötung Usama Bin Ladins sei der Versuch, sich zu Moral-„Apostelinnen und Aposteln“ (der Mann sprach gar gendersensibel, Protestant halt) aufzuschwingen.

2. Als bibelkundiger Mensch habe er dazu eine kritische Ansicht von Wert.

Hier erzählt er dann aber ein – apokryphes! – jüdisches Märchen vom Jubel der Engel und den Tränen Gottes nach dem Tod der Ägypter im Roten Meer (Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, man kennt das: Charlton Heston teilt die See etc.). Mit der „Kirchenzucht“ scheint es bei den Protestanten ja nicht weit her zu sein, wenn jetzt schon das Nacherzählen außerbiblischer Geschichten als Ausweis von Bibelkunde herhalten muss. Wir vernachlässigen diesen Teil, weil der Morgenandenker dann fast schon wieder in den rhetorischen Pastorinnen-Weisheit-aus-dem-Alltag-klauben-Modus wechselte („Gestern beim Brötchenkaufen sprach ich mit der Verkäuferin...“) – und hier wird es etwas eklig:

3. Der Morgenandenker erklärt, dass sich doch die Kritik an Merkel ganz anders ausnähme, fühlte man mit den Witwen der von Usama Bin Ladins Leuten ermordeten Männer mit, denen es erlaubt sei, sich über den Tod „vieltausendfachen Mörders“ zu freuen.

4. Diese Freude zu antizipieren, wie es Merkel tat, sei eine gute Sache. (Wenn ich es richtig verstanden habe: Eine Leistung von Morgenandenkers pastoralem Alltag.)

5. Die Freude der Bundeskanzlerin sei insoweit legitim.

6. Der Morgenandenker erklärt sich abschließend zu einem fast noch besseren Menschen, weil er den märchenhaften Tränen Gottes mehr/genau so viel abgewinnen kann wie dem Lachen der Engel.

Was für ein Rotz.

Kein Wort davon, dass „der Bundeskanzler“ (m/w) ein Staatsorgan ist, das in seinen öffentlichen Äußerungen nicht allein Gefühlen Ausdruck verleihen darf, die er/sie privat gerne haben mag. (Wenn man schon die In-fremde-Köpfe-Gucken-Methode anwendet, ließe sich der Merkel'schen Äußerungen übrigens auch ein knallhart machiavellistisches Kalkül unterstellen.)

Kein Wort davon, dass auch Mördern gemeinhin ein ordentlicher Prozess zusteht.

Dann diese unsägliche Anbiederung an die Witwen der Al-Kaida-Opfer. Womöglich haben sie ja gar kein Gefühl der Befriedigung erlebt, sondern einfach nur Trauer darüber, dass auch die Tötung des mutmaßlichen Mörders ihnen ihre Lieben nicht zurückbringen wird. Ich will mich da nicht so heranschmieren, wie es vorhin im Radio zu hören war. Die Alternative zur ‚berechtigten Freude‘ ist hier aber zu formulieren, um aufzuzeigen, wie unverschämt wirklichkeitsabstinent die Herangehensweise ist.

Würde beispielsweise eine radikal feministische Dame wie Nadine Lantzsch eine vergleichbare Mischung aus Mutmaßung und Fundamentalismus im Deutschlandradio Kultur entzapfen, das Senderhaus am Hans-Rosenthal-Platz stünde bald in Flammen. Feldprediger haben dagegen ihre staatsvertraglich abgesichterte Narrenfreiheit.

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