Mittwoch, 11. Mai 2011

Ziemlich gruselige Schmonzette: Das Tibetprojekt von Tom Kahn

Vorgestern kaufte ich eine Reihe von Taschenbüchern, die drastisch preisreduziert zu haben waren, darunter sieben seriöse Bücher historischen/geschichtswissenschaftlichen Inhalts sowie ein Thriller. Seriös ist der, was ich aber betonen muss: auf der erzählerischen Ebene, nicht unbedingt.

Kurz gefasst: Ein Doktor aus Frankfurt, Geisteswissenschaftler mit Faible für schräge Gedanken aufklärerischer Natur (allerdings Freudianer, das ist schon ein Bruch) wird von einer geheimnisvollen chinesischen Agentin angeheuert, um die Verbindungslinien zwischen Nationalsozialismus/SS auf der einen Seite, dem tibetischen Buddhismus/Dalai Lama auf der anderen Seite aufzudecken.

Anknüpfungspunkte historisch-tatsächlicher Art gibt es ja zuhauf. Carl Schmitt, prima facie „Kronjurist“ des NS-Staats, provozierte in der Nachkriegszeit mit der Aussage, Hitler sei eigentlich Buddhist gewesen. Himmler ließ eine Tibet-Expedition - wonach eigentlich? -suchen. Micha Brumlik hat im gnostischen Dualismus fernöstlichen Denkens und der über Arthur Schopenhauer und Richard Wagner in die NS-Diktatur reichenden Verbindungslinie Gemeinsamkeiten ausmachen wollen/können. Kontakte des amtierenden Dalai Lamas zu sinstren Figuren der alten und neuen Rechten gingen gelegentlich durch die Medien.

Ich habe in Köln einmal einen sonst ganz biederen Anhänger des tibetisch-buddhistischen Geisteslebens davon predigen hören, dass ihm das Prinzip karmischer Gerechtigkeit das Gefühl von (christlicher) Nächstenliebe oder auch nur Hilfsbereitschaft verbiete.

Man kann also auf der inhaltlichen Ebene sicher einen ebenso spannenden und seriösen Thriller über das Zusammenspiel zwischen fernöstlichen Heilslehren und NS-Ideologen stricken.

Soweit krankt Tom Kahns Erzählung auch nicht völlig. Aber die Thrillerseite des Thrillers wirkt auf mich haarsträubend. Es ist zu viel des Bösen. Und zu viel der glücklich-unglücklichen Zufälle. Ein dämlich-naiver Nachwuchsbuddhist aus Frankfurt erzählt dem Helden der Geschichte seine Sicht des tibetischen Systems. Hundert Seiten später taucht er in Nepal wieder auf und beobachtet die tantrische Vergewaltigung eines Mädchens durch einen tibetischen Mönch.

Zu viel der Zufälle, auf der Ebene des Plots also. Mossad-Agenten (vier, am Ende tot), ein SS-Sturmbannführer (in Uniform, eingeflogen aus Paraguay, zumindest kleidungstechnischer Schwachsinn), die Tochter des KPCh-Chefs als XX-chromosomale Widergängerin von James Bond. Ein milliardenschweres Geldgeschenk zugunsten des Helden ...

Zu viel, zu viel. Zu viel!

Und für einen an kultur-/religionswissenschaftlichen Themen arbeitenden Gelehrten ist der Held der Geschichte viel zu unbedarft und an Fakten viel zu unterbelichtet.

Einzig der hübsche Einfall, dass am Ende der Bundeskanzler von den GRÜNEN von der chinesischen Regierung erpresst wird, weil seine engsten MitarbeiterInnen völlig jecke Dalai-Lama-Groupies sind, versöhnt ein bisschen. An dem Punkt ist man längst dazu angelangt, den Roman als eine Art Kolportage zu lesen.

Tom Kahn ist nach Verlagsangaben das Pseudonym eines Frankfurter Autors. Die anonyme Verfasserschaft ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass buddhistische Kreise im deutschsprachigen Raum mitunter höchst aggressiv darauf reagieren, wenn die sinistre Seite ihres spirituellen Führers thematisiert wird.

Mir war, wie gesagt, vor allem der Plot-Overkill zu viel. Wesentlich raffinierter (wenn auch die arabische, nicht die tibetische Karte spielend) hat Gisbert Haefs Vergleichbares mit „Das Kichern des Generals“ vorgelegt.

Ich hätte das „Tibetprojekt“ in diese Richtung zu lektorieren versucht.

Tom Kahn: „Das Tibetprojekt“, München [Deutscher Taschenbuchverlag dtv] 2009, 413 Seiten, ISBN 978-3-423-21119-2, 9,95 Euro [habe 1,99 Euro gezahlt].

Links, zwo, drei, vier:
4) Ziemlich gute (i.S.v. treffende Amazon-Kritik).

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