Mittwoch, 14. Dezember 2011

Amundsen saß also ein Jahr fest

Soeben vermeldet der RSS-Feed des Westdeutschen Rundfunks:
WDR 3/WDR 5 ZeitZeichen: 14. Dezember 1912: Roald Amundsen erreicht den Südpol
Arg kalt.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Der talentierte Herr Guttenberg

Nette Überschrift in der FAZ, heute.

Die fleischgewordene Beleidigung des redlichen Wissenschaftsnachwuchses deutscher Sprache soll nun also Neelie Kroes, der sogenannten EU-Kommissarin für die sogenannte „Digitale Agenda“, zuarbeiten. Es handele sich bei dem um seine Plagiate herumschwindelnden, schwer von sich selbst Überzeugten um einen talentieren Mann.

Um es ausnahmsweise drastisch zu formulieren: Werden EU-Bedienstete vor ihrer Einstellung eigentlich auf ihren Gesundheitszustand, namentlich auf ihre Geistesverfassung hin untersucht?

Und ich meine nicht KTG, der sich hier ja vermutlich entweder nur weiter öffentlich unmöglich macht (Variante harmlos) oder den nächsten Schritt auf die Gründung einer populistischen Partei macht - weil dem Narziss immerhin die völlig verblödeten Parallelweltler nacheifern - (Variante schlimm), eine Frage nach ihrer politischen, moralischen - und ja auch - intellektuellen Verfassung wirft hier auf:

Frau Neelie Kroes.

Ein Fall für die Rente mit 67. Denn eigentlich dürfte Frau Kroes mit diesem Schwundkommissariat ja selbst wenig genug zu tun haben.



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Donnerstag, 8. Dezember 2011

Birkenbihl verstorben

Zu den gleichsam ungelesensten Büchern unter manch zumindest quer- oder flüchtig gelesenen Werken zählt eines von Vera F. Birkenbihl. Ich weiß gar nicht, wie es überhaupt ins Regal gekommen ist, die esoterische Anmutung leistete das Übrige zur völligen Ignoranz.

Nun steht in der FAZ von heute eine Todesanzeige: Vera F. Birkenbihl, geboren am 26. April 1946 und am 3. Dezember 2011 verstorben, die Bestattung erfolgt am 9. Dezember in Hambergen. Um Spenden wird gebeten für eine Organisation mit einer esoterisch-militanten Namensgebung, sofern sich das schmalspur-ferndiagnostisch sagen lässt.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Bekommen Plagiats-Decouvierer vermehrt Kinder?



Dieser Tage setzte ich auf einen Amazon-Wunschzettel, genauer gesagt auf diesen


einen Titel von Benjamin Lahusen, genauer gesagt:
„Rechtspositivismus und juristische Methode: Betrachtungen aus dem Alltag einer Vernunftehe“
Lahusen hatte sich vor einigen Jahren dem Werk des Berliner Gelehrten Schwintowski angenommen (PDF), ein hübscher Vorgang, der wohl dermaleinst zur Vorgeschichte der Guttenberg-Affäre gezählt werden wird, was - wenn man die Antiplagiatsarbeit von Kritischer Justiz, Rechtshistorischem Journal, Rechtsgeschichte und myops kennt - nicht ganz fair ist.

Um aber zur Pointe zu kommen: Amazon schlägt mir, weil ich Lahusens „Rechtspositivismus“ auf den Wunschzettel gesetzt habe, den folgenden Titel vor:
was man entweder als Hinweis auf die Familiengründungspraxis redlicher Nachwuchsakademiker werten könnte oder als Beleg dafür, dass die letzteren ganz besonders aufgeweckten Nachwuchs in die Welt setzen.

Bei vergleichsweise exklusiven Werken kann die elektronische Welt verdammt indiskret werden. 


 


Süperstatistik: Sexualphantasie noch nicht einmal alle sieben Minuten


Eine US-amerikanische Psychologin wird vom SPIEGEL befragt (Nr. 49 vom 5.12.2011), was es mit der Sex-Besessenheit von Männern (im Vergleich zu diesen bizarren, etwas anders gestrickten Menschen) auf sich habe. Terri Fisher von einer hoffentlich hochgradig weltstädtischen Hochschule im brummenden Ohio antwortet dem leider anonym bleibenden Fragesteller vom Hamburger Nachrichtenmagazin, ob es denn richtig sei, dass Männer alle sieben Sekunden von einer sexuell eingefärbten Phantasie verfolgt würden:

Fisher: Alles Quatsch. Der durchschnittliche Mann tut dies noch nicht einmal alle sieben Minuten. Unsere aktuelle Studie mit mehr als 280 weiblichen und männlichen Collegestudenten zwischen 20 und 25 Jahren zeigt, dass Männer im Schnitt 19-mal am Tag sexuelle Phantasien haben, Frauen 10-mal. (aaO S. 149)
 Das ist ja einmal ein Wort. Aber welchen Wert hat es? Menschen in der - jedenfalls biologisch, in westlichen Ländern aber kaum mehr ökonomisch - besten Fortpflanzungsphase ihres Lebens denken doch noch gar so oft an Sex? Zapperlott! Und sind das nicht sogar Leute, die an einem College mit Gleichaltrigen zusammengepfercht sind?
Junge Leute, die in einem Land leben, das eine leicht obesessive Haltung zu den Breitengraden südlich der Gürtellinie pflegt und der Welt darum die umsatzstärkste Porno-Industrie und cineastische Meisterwerke wie „American Pie“geschenkt hat?

Da liegen statistische Schlüsse auf den „durchschnittlichen Mann“ natürlich äußerst nahe. Also auf die rund drei Milliarden XY-Chromosomträger weltweit, die nicht die Muße haben, ein US-College heimzusuchen.

Aber man muss den SPIEGEL-Autor nicht schelten (mutmaße: es ist eine Autorin, Männer kämen gar nicht erst darauf, der bescheuerten urban legend von den 7 sec. zu folgen). Eine angemessene Fragestrategie wäre es vielleicht gewesen, Ms. Fisher mit der - generell schwachen - Aussagekraft von psychologischen Untersuchungen zu konfrontieren, die an US-Bildungseinrichtungen durchgeführt werden.

Deren Ergebnisse stehen nämlich längst schon in der Kritik, sogar soweit es um sozial wenig überlagerte psychologische Fakten geht, etwa um kognitive Basisfähigkeiten (z.B. das Zahlenverständnis, räumliches Denken und ähnliches), die sich schon nicht bei Menschen an anderen Orten des Planeten wiederfinden lassen - wie etwa an einem College in Ohio. Sozialpsychologische Daten aus dem US-Bildungswesen zu verallgemeinern, ist dann erst recht trübe Wissenschaft.

Aber, wie gesagt und zugegeben: Das zu fragen hieße wohl, den lustigen Ansatz gleich totzurecherchieren.

Bild oben: Ein kölsches Pärchen, das gewiss nicht mehr statistisch erfasst wird.


Dienstag, 6. Dezember 2011

Gerd Koenen, Traumpfade der Weltrevolution, Köln, 2. Auflage 2008, 602 Seiten.
(Signatur 37A5379 Universitäts- und Stadtbibliothek Köln). Sonntag bis heute gelesen.

Eine Aussage dieses Buches darf ich kurzerhand empirisch widerlegen:
„Kurz und gut, man ist bei Che [Guevara] - der zu dieser Zeit zu den meistfotografierten Männern seiner Zeit gehörte - in der auratischen Sphäre des Starkults und Sexappeals, der zuweilen auf beide Geschlechter gleichermaßen wirkt und dem sich auch der nüchternste Geist oder wütendste Homophobe nicht völlig entziehen kann.“
Dem ist nicht so. Auf mich wirken eschatologische Naherwartungen und ihre Vertreter auf Erden stets abschreckend. Dazu bedarf es keiner Homophobie, Nüchternheit genügt völlig. Eine alberne Verallgemeinerung, dieser Satz auf Seite 546.

Im Übrigen natürlich ein höchst lesenswertes Buch, wie ebenfalls empirisch zu beweisen war.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Existenzrecht

Einer dieser Gedanken, die morgens um 3.00 Uhr auftreten, als Nachwirkung einer Tasse Ingwertee zuviel, abends, zuvor:

„Existenzrecht“ könnte sich als ähnlich heikle Vokabel herausstellen wie „Selbstbestimmungsrecht [der Völker]“.

Einzelne Menschen haben subjektive Rechte, aufaddiert möglicherweise zu kollektiven Rechten: Leben, Freiheit, Eigentum, beispielsweise. Kann es aber ein so existenzielles Recht geben, wie das auf Existenz? Wer da ist, dem werden subjektive Rechte zugerechnet (oder er muss sich um sie kümmern). Wer nicht da ist, hat diese Sorge nicht.

Als Vokabel der politischen Rhetorik wird „Existenzrecht“ ihre Funktion erfüllen. Ob sie aber anschlussfähig ist, was juristische Fragen betrifft, da habe ich erste Zweifel.

Mittwoch, 30. November 2011

Fassungslos: Heldenverehrung in der FAZ von heute

Auf der Leserbriefseite der FAZ findet sich heute eine köstliche Zuschrift von Wolfgang Wurtz, Oldenburg, der sich über die von ihm nur so genannte Berichterstattung von SZ und FAZ beklagt. Die hätten sich über den Fall Guttenberg „böswillig, ungerecht, selbstgerecht, verheuchelt, pharisäerhaft, falsch und somit insgesamt widerlich“ geäußert.

KTG sei ein Politiker „der in den letzten Jahren am meisten bewirkt hat, der unkorrumpierbar und unabhängig ist von Sonderhinteressen der Bauernpartei CSU, und der die aktuellen brennenden Probleme mit mehr Klugheit betrachtet“ und angesprochen habe als der (nahezu vollständige) Rest der lebenden Menschheit.
Zudem lobt Herr Wurtz die hervorragende wissenschaftliche Leistung des KTG, die ihn auszeichneten gegenüber den politischen „Flachpfeifen“ wie Merkel & Co.

Entweder die FAZ übt sich hier in der früher gern vom SPIEGEL gepflegten Praxis, ihre Leser zu verhöhnen, indem sie deren Zuschriften veröffentlicht. Oder die TITANIC hat ein U-Boot in die Redaktion des seriösen Blattes eingeschleust. Anders kann man sich diese Eloge bei gesundem Verstand nicht erklären.

Pharaonenschnodder

Wer einen - selbst für SPIEGEL-Verhältnisse - außergewöhnlich schnoddrig geschriebenen Artikel lesen möchte, greife zu „Götterdämmerung am Nil“ in der Ausgabe von vorgestern (online jetzt hier).

An sich böte die Rekonstruktion des genetischen Stammbaums der pharaonischen Herrscherfamilie Ägyptens eine spannende Geschichte. Aber von „inniger Geschwisterliebe“ zu lesen, wo es womöglich um sakral begründeten, weil tabubrechenden Inzest ging oder von Luxusbetten, die im Kontrast standen zu den Fellen, auf denen der Rest der Menschheit „pennte“ - das ist sprachlich so hingerotzt, dass einem das Interesse vergehen kann.

Besten Dank, Matthias Schulz (oder sarkastischen Dank an die hineinrotzende Redaktion), so kann man sich einen Text wirklich zerstören. Nach dem „pennen“ habe ich das jedenfalls nicht mehr weitergelesen.


Montag, 28. November 2011

fenswert - Hurenkinder & Schusterjungen

fenswert.
Mit dieser Zeichenfolge beginnt eine Kolumne in der FAZ von heute (Seite 28). Sie beendet zugleich den Absatz, was alte Sätzer das ergraute Haar schütteln ließe.

Dem schließlichen Verständnis von Ottfried Höffes „Was kann Kant dafür, dass er kein Soziologe war?“ tut das zwar keinen Abbruch, aber Schusterjungen und Hurenkinder findet man in der FAZ doch nicht oft.

Dienstag, 22. November 2011

Hat Oliver Tolmein die guten Nazis entdeckt?


Bei seiner Deutschlandvisite hielt Joseph Ratzinger vor dem Deutschen Bundestag eine Rede, in der er sich unter anderem zu Fragen von Naturrecht und juristischem Positivismus äußerte. Ob der amtierende Papst die Lehre des bedeutenden Rechtsphilosophen  Hans Kelsen richtig verstanden bzw. richtig auf ihn sich bezogen habe, ist seither Gegenstand einer mehr oder eher weniger erfrischenden Debatte im Feuilleton der FAZ.

Meiner unbescheidenen Auffassung nach müsste man längst zurück zu den Quellen, also Kelsen, Radbruch oder Schmitt. (Nebenbei: Dass die Backlist Schmitts so sehr viel besser gepflegt wird als jene Kelsens, ist keine schöne List der deutschen Verlagsgeschichte.)

In einem Artikel in der FAZ lässt sich heute Oliver Tolmein zum Ratzinger-Kelsen-Dreier-etc.-Disput ein. Mit dem vorgenannten möchte ich das hier gar nicht diskutieren. (Wie erwähnt: Man müsste längst zurück zu den Quellen.)

Doch eine Aussage aus Tolmeins Artikelchen möchte ich zitieren, weil sie mir die Nackenhaare in Bewegung brachte:
In diesem Zusammenhang bemerkenswert ist, dass auch die Nationalsozialisten offensichtlich Grenzen dessen sahen, was als Gesetz verabschiedet werden kann. Es existierte zwar ein Gesetzentwurf , der den als „Euthanasie" propagierten Massenmord an behinderten Menschen legalisieren sollte, beschlossen wurde dieses Gesetz aber nicht – auch wenn taktische und nicht rechtsphilosophische Erwägungen diesem Nichthandeln des Gesetzgebers zugrunde lagen. (cf. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2011, S. 33)
Der Zusammenhang, den Tolmein hier erwähnt, besteht in Folgendem: Die Alliierten des Zweiten Weltkriegs hatten rechtsgutachterlich klären lassen, ob die NS-Verbrechen unter expliziter Aufhebung des strafrechtlichen Rückwirkungsverbots geahndet werden sollten. Kelsen habe darauf geantwortet, dass dies zwar moralisch und politisch zweifelhaft sei, juristisch aber möglich.

Wenn ich Tomeins Aussage unfreundlich interpretiere, besagt sie: Hans Kelsen war so bösartig, sogar das Rückwirkungsverbot als positivrechtlich „machbar“ zu deklarieren, während die Nazis - wenn auch nicht ohne taktische Erwägungen - zu gutartig waren, als dass sie ein „Recht zum Töten Behinderter“ durch ein positiviertes „Euthanasie“-Gesetz legalisiert hätten.

Sollte das gemeint sein, hätten wir heute in der FAZ die Geburt der guten Nazis miterleben dürfen, geboren aus der „Lebensschutz“-Bewegung der 1990er- bis 2010er-Jahre.

Sonntag, 20. November 2011

Think Tank's Obscenity

Pardon my French. Are you, dear Mr John Hamre & Mr Sam Nunn, taken leave of your senses? A convicted fraudster is employed by you as a respected statesman?
That may suit your personnel policies.But so far as Mr Karl-Theodor Guttenberg decorates your event with reactionary statements about democratic politics, it is shameful.
A politician who has fallen on his moral and intellectual presumption applies to you as a witness for correct behavior?
In this case, you are obviously not right minded. 
 
Einige automatisch übersetzte Schnippsel aus der Süddeutschen Zeitung, für die kanadischen und US-amerikanischen Leser & zum höheren Ruhm des Suchmaschinenwesens:
 
 
 



Samstag, 12. November 2011

Kennt man beim Tagesspiegel Verlaine?

Täte mich das ein Tagesspiegel-Kollege gefragt haben

Thea Dorn und Richard Wagner, Sie haben ein Buch mit dem Titel Die deutsche Seele herausgebracht. Der Dramatiker Arthur Schnitzler hat vor 100 Jahren die Seele jedes Menschen ein "weites Land" genannt. Lässt sich denn in Deutschland eine kollektive, nationale Seele finden?


wäre ich ihm mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht gesprungen. Welch Glück, dass Thea Dorn und Richard Wagner entweder höflicher sind - oder ähnlich ahnunglos. Um nur ein bisschen zu picken:
Votre âme est un paysage choisi
 Da werde ich doch etwas unwirsch. Verlaine. Schon ein bisschen früher als der olle Schnitzler.


Martin Rath












Samstag, 5. November 2011

Tachyphagie

Jochen Schmidt definiert in seiner heutigen Schmythologie den Begriff „Tachyphagie“ als (krankhaft) schnelles Essen.

Von Stephen Fry weiß man, dass Hugh Laurie - den die Welt seit „House“ kennt - ein Tachyphag ist. Als wettkampffähiger Ruderer (noch dazu aus einer Rudererfamilie, Laurie sen. trat 1936 und 1948 bei olympischen Spielen an) verzehrt Laurie ein ausführliches Menue in einer Zeit, in der Fry sein Tischgebet nicht würde sprechen können.






 

Hugh Laurie is a tachyphag, tachyphagian, tachyphaist. Pardon, that's Greek. 














Nachtrag 21.02.2012


Ich finde es ja durchaus legitim, wenn ein Künstler nach illegaler Verwertung seiner Bilder fahndet oder fahnden lässt, aber ob man damit fündig wird?



Donnerstag, 3. November 2011

Gerd Roellecke verstorben

Heute las ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Todesanzeige, im Feuilleton dann den Nachruf von Patrick Bahners auf den Mannheimer Professor Gerd Roellecke.
Im Jahr 2001 habe ich ihn persönlich kennenlernen dürfen. Wir unterhielten uns über einen etwas klandestinen Richter am Bundesverfassungsgericht - aus den 1970er-Jahren -, er war - glaube ich - etwas überrascht, dass jemand diesen Blick auf die Karlsruher Anstalt hatte.

Es ist merkwürdig. Ohne vom Tod Roelleckes zu wissen, bestellte ich vorgestern erst in der hiesigen Universitätsbibliothek ein Buch seiner Tochter, das ich für ein juristisches Feuilleton verwenden möchte. Das lag mir schon länger im Hirn, jetzt erst kam der kurze Ruck: Es wird Zeit, es zu ordern.

Herr Roellecke sprach damals auch von einer seiner Töchter. In einem Rechtshistorischen Journal schrieb er einen öffentlichen Brief an eines seiner Enkelkinder. Als ob es ein Gran mehr Verbundenheit brächte, denke ich heute an beides und werde das Andenken bewahren.




Dienstag, 1. November 2011

Zitat des Tages: Googlejäten

Früher bekam ich 50 Pfennig fürs Unkrautjäten, überlege gerade, ob ich mich von Mutter fürs Googlen bezahlen lassen soll.
Gefunden via Anke Gröner bei ellebil

Sonntag, 30. Oktober 2011

„Murmelkreise“ - bedingte Neologismusanmeldung

Offenbar gibt es den Begriff bereits im therapeutischen Bereich, als bewusste Verfremdung des Begriffs „Mummelgreise“ finde ich ihn allerdings nur als unbewusste Sprachdeformate legathener Internetneozoen mit einem volksetymologischen „Murmelgreise“ im Hinterkopf:
Murmelkreise, die: Gruppe politisch verklüngelter Altvorderer, die öffentliche Kommunikation scheuen und sich im engeren Kreis murmelnd (tuschelnd) abstimmen, sodass man in ihnen unschwer auch Mummelgreise vermuten könnte. Also Leute, die sich vermummen.
Wie erwähnt: Der Begriff ist schon auffindbar, darum melde ich hiermit nur bedingt einen Neologismus eigener Urheberschaft an.

Samstag, 22. Oktober 2011

Las-Vegas-Regel gilt nicht im Fall RCDS Mannheim versus Professor NN

Es dürften wohl nicht wenige rätseln, wer in diesem Video so laut wird, weil auch Studentinnen und Studenten des sonst so gesitteten RCDS nicht aus dem Kindergartenalter herauskommen.



Was die Aufnahme in ein Blog mit dem Titel „gelesen & ungelesen“ rechtfertigt? - Auch wenn das Video gerade durch's Netz läuft, hat sich offenbar niemand die Mühe gemacht, in suchmaschinenkompatibler Weise anzumerken, ob hier Professor Dr. Dirk Engelmann oder Professor Dr. Carsten Trenkler die Stimme erhebt.

Für meinen Geschmack hätte man hier gerne die Las-Vegas-Regel anwenden können: Was im Hörsaal (ohne wissenschaftlichen Anspruch) geäußert wird, bleibt im Hörsaal (sonst würde ich ja heute noch z.B. über xenophobe Randbemerkungen des vomalig Köln-Mannheimer Privatdozenten Volker R., heute Professor in München, lästern).

Wenn man aber schon beginnt, die Diskretion zu brechen, sollte man es meines Erachtens mit einem vollständigen Bericht tun.


Nachtrag 24.11.2011: Wenn ich mir anschaue, welche Google-Suchen auf diesen Blogeintrag führten, scheint es einen Verdacht zugunsten (nun ja, zugunsten) eines der beiden Professores zu geben. Wer weiß, welcher Name welchen Kölner Bischofs aufgrund eines tragischen Ereignisses im Rheinland eine gewisse Bedeutung beim Erwerb von Familiennamen hatte, kann sich diese hiermit abzuschließende Andeutung erschließen. Nein, für Betriebswirte ist das keine leichte Übung.




Dienstag, 18. Oktober 2011

Reichsheulsuse

Wer sich dieser Tage in den TV-Kanal Sat1 verirrte, durfte gewiss sein, Werbung für eine U-Boot-Weltkrieg-II-Schmonzette sehen zu dürfen. Dietmar Dath hat über den Film heute in der FAZ eine hübsch-bösartige Abrechung veröffentlicht („Drei Herzchen im Bombenhagel“).

Mir ging im televisionären Strahlgewitter dieser Schmonzettenreklame der böse Gedanke durch den Kopf: „Ach, die Rolle der Reichsheulsuse ist neu besetzt.“ Mit der hübschen Frau C.

Interessant fand ich unterdessen, dass der Begriff „Reichsheulsuse“ von Google Search nur je bei einer Site der NPD und der pi-Nachrichten aufgefunden wurde, jeweils für die wahrhaft göttliche Claudia Roth. Glaube angesichts dieses Befunds nicht, dass im rechtsextremen Lager besondere Metaphernfestigkeit herrscht.

Nach meiner Erinnerung blieb der Begriff in selbiger kleben, als mein Herr Papa einst in irgendeiner ZDF-Ausstrahlung eines 1940er-Jahre-Films irgendeiner UFA-Schauspielerin gewahr wurde, die seinerzeit so genannt wurde.

Überlassen wir den hübschen Begriff Reichsheulsuse nicht den Herrschaften vom rechten Rand und schon gar nicht zur Bezeichnung der gestandenen Frau Roth. Claudia Roth reizt mich zwar auch sehr, aber dank Sat1 gibt es ja nun eine jedenfalls von rechtsextremer Metaphernversuchung bereinigte Alternative.

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Unwilliges Aufgrunzen: Berthold Kohler und das kleinvölkische Reservat

Heute findet sich auf der ersten Seite der staatstragenden Zeitung aus Frankfurt ein Kommentar von Berthold Kohler, der sich mit dem Widerstand der Slowakei gegen den sog. Stabilitätspakt befasst.

Kohler schreibt von der Slowakei als einem „Reservat“, das die Tschechen ihren einstigen Landsleuten errichtet hätten und nennt den Widerstand „kleinvölkisch“.

Ich bin ja nicht kleinlich, wenn es um die sogenannte politische Korrektheit geht, aber derlei Schreiberei entlöckt mir doch ein unwilliges Grunzen.

Worte will man zu dieser Ausdrucksweise ja wirklich nicht verlieren.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Diskretion ist ja schön und gut

Constanze von Bullion hat für die Süddeutsche vom vergangenen Montag ein Stück über Klaus Wowereit geschrieben, reichlich ad personam, nicht unbedingt mein Geschmack. Mir ist der Mann nicht sonderlich sympathisch, über SPD-Politik in Großstädten im Allgemeinen und in Großberlin im Besonderen ließe sich sicherlich grandios Boshaftes im Stil von Michael Dobbs „House of Cards“-Trilogie schreiben. Klüngel, Kleinkorruption, Machtspiele um des Spiels statt des Inhalts willen. Das findet man überall, wie ich glaube: Verschärft bei der alten Tante SPD. Da liefert Frau von Bullion vermutlich noch einen Beitrag von der überschaubar gehässigen Sorte.

Als Nicht-SZ-Leser wäre mir der Seite-3-Artikel völlig entgangen, wäre heute nicht eine Kritik am Bullion'schen Produkt von „Nice Bastard“ via Bildblog beworben worden. Dorin Popa beanstandet, dass die SZ ausführlich aus dem Abiturzeugnis von Klaus Wowereit zitiert habe. Die Zeugnisnoten werden in der Kritik durch X'' ersetzt.

Im E-Paper der Süddeutschen lese ich nach:
Klaus Wowereit, steht da, darunter ein Panoptikum eher begrenzter Strebsamkeit. Deutsch 2, Politische Weltkunde 3, Englisch 3, Mathe 3, Sozialwissenschaften 1, Sport 4. Na ja, sagt Podlowski, es gab da immer ein gewisses Phlegma. Also, in körperlicher Hinsicht. Chemie und Physik wurden abgelegt, die Facharbeit hat der Schüler über „antagonistisches Verhalten bei Mäusen" verfasst.
Nichts, wofür man sich schämen müsste, nichts besonders rühmenswertes. Die Kritik geht allerdings weiter: Mit der Veröffentlichung werde in den Kernbereich des Persönlichkeitsrechts eingegriffen und würde das Datenschutzrecht verletzt.

Diese Kritik halte ich für fragwürdig. Weil sich die Vertreter politischer Parteien heute kaum noch durch ideologische/programmatische Überzeugungen auszeichnen, sollte es der Öffentlichkeit möglich sein, sich wenigstens ein Bild von soetwas wie biographischer Kohärenz (oder Brüchen im Lebenslauf) machen zu können. Walter Momper wurde seinerzeit dafür benasrümpft, dass er sich öffentlich nonchalant zu seinen Kleindiebstählen zu Jugendzeiten geäußert hatte; wäre damals eine Jugendstrafakte hervorgezerrt worden, hätte ich das nur unter der Bedingung gutgeheißen: Momper hätte sich als strafpolitischer Scharfmacher hervortun müssen. Aber eine alte Strafakte wäre selbst dann noch von einer anderen Qualität gewesen als ein Schulzeugnis.

Ein Abiturzeugnis, nun ja. Sind 18- oder 19-Jährige nicht halbwegs volljährig, halbwegs eigenverantwortlich und zeichnet sich nicht einigermaßen ab, was aus den jungen Leuten mal werden könnte? Oder ist noch alles, zu vieles möglich, als dass man dem albernen schulbürokratischen Schrieb allzu große Bedeutung zumessen sollte?

Ich will das nicht beurteilen. Abiturnoten einer Kernregion des Persönlichkeitsrechts zuzuordnen, finde ich allerdings etwas albern. Und auch gefährlich für die öffentliche Auseinandersetzung, wenn man bedenkt, was sich alles hinter dem Schleier des Datenschutzes verbergen ließe.









Dienstag, 4. Oktober 2011

Helmut Schmidt, das Staatsorakel

Prüfte vorhin den Satz: Die Sowjetunion ist ein Obervolta mit Raketen. bzw. Die Sowjetunion ist ein Obervolta mit Atomraketen.
Meine Erinnerung als lesender Schüler (1990er-Jahre) gab her, dass der boshafte Satz von einem US-Botschafter stammte, genaueres Nachschlagen ergab: Vernon Walters.

Wen aber hält man heutzutage in Deutschland bei markanten Sprüchen dieses Formats aber für alleinzuständig: Helmut Schmidt.


Würde mich keine Sekunde wundern, wenn die Zuschreibung von Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. ebenfalls keineswegs von Schmidt stammen.






+++ Nachtrag 30.01.2012 +++
Hier wird zwar die Auffassung vertreten, man könne jedes Zitat Abraham Lincoln oder Johann Wolfgang Goethe in die Schuhe schieben, ich aber sage: Man kann jedes Lincoln- oder Goethezitat Herr Schmidt zuschreiben.

FAZ-Online-Relaunch - Feed-Schlamperei?


Nachdem sich in meinem Outlook-Konto die doppelt, dreifach abgerufenen und zudem jeweils fachfremden Feed-Beiträge der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) tummelten - offenbar Resultat des ebenso neuen wie überraschenden Relaunchs, habe ich meine bestehenden Eingänge archiviert (Adobe Acrobat X Pro), gar nicht so unpraktisch) und die Abonnements gelöscht.

Ich möchte nicht behaupten, dass die vielleicht 50 Klicks, die ich vielleicht am Tag bei der großen Zeitung aus Frankfurt generiert habe, irgendwie auch nur ansatzweise schmerzhaft wären, aber hinter diesem Relaunch scheint nur ein begrenzt kluger Kopf gesteckt zu haben - oder soll man etwa annehmen, alle Nutzer des Feed-Angebots seien netaffiner als ich? (Und ich bin's weiß Gott begrenzt.)

Martin Rath

   


 






Sonntag, 25. September 2011

Langenfeld/Rhld. 1994

Beim Ausmisten alter Dokumente (das meiste ist längst durch den Schornstein oder den Altpapiercontainer gegangen) finden sich noch Rudimente. Auf die Rückseiten von alten Protokollen des GRÜNEN-Ortsverbandes Langenfeld hatte ich Zeitungsausrisse geklebt, die ich auch nicht mehr brauche (bzw. die sich mal eben schnell über den Scanner ziehen lassen, Adobe X ist für flügges OCR ohne großen Qualitätsanspruch keine schlechte Sache).

Obwohl ich ja dabeigewesen bin, bräuchte ich für manches gar lustig gemeinte Zitat inzwischen schon die Energie eines Philologen, der die Unterschichten abgeschabter Dokumente aus den Kanzleien mittelalterlicher Herrscherhäuser zu entdröseln versucht. Bei dem hier zum Beispiel:

TOP 4 Verschiedenes
Bernd erklärt, daß er demnächst in Hilden wohnen wird. Sein Blick zurück im Zorn löst Betroffenheit (Herbert), Gleichgültigkeit und/oder heimliche Freude aus. Die in Zusammenhang mit Bernd immer wieder gern aufgeführte kommunalpolitische Staatsoper »Der Sündenbock und der Tanz der bösen Wichte« kam angesichts der vorgerückten Stunde nicht über die Ouvertüre hinaus.
 
Herbert Schrnidt schloß die Sitzung gegen 23.45 Uhr.
für das Protokoll: Martin Rath


Montag, 12. September 2011

Deutschlandradio Kultur startet völlig bescheuert

Vorhin auf Deutschlandradio Kultur gehört:

„... Jürgen Todenhöfer geißelt die Todesopfer ...“

Zitat aus einem überflüssigen Bericht zur ersten Talkrunde von Günther Jauch im Ersten. Sylvia Ahrens scheint für ihren Beitrag die falschen Drogen genommen zu haben. Aber schön, dass die Woche schon vollkommen bescheuert beginnt. Denn, Hand aufs Herz, muss man sich dabei nicht ein MdB a.D. vorstellten, das Leichen schändet?

Freitag, 9. September 2011

Amazonenwahn

Ich habe bei Amazon ein Quantum Neemöl in der Hoffnung bestellt, damit die vereinzelten Blattläuse auf meinen Chilipflanzen vollends auszurotten.
Die Bestellung hat zu einem bedenklichen Wandel in den Produktvorschlägen geführt. An sich habe ich ja mehrere Wunschzettel voll sinnvollen Zeugs, doch ein Ölquentchen führt zu Dingen, die ich nie kaufen würde (Bbb-minus-Komödien, humoristische Literatur, derlei Quark).

Martin Rath


Mittwoch, 7. September 2011

Klassenkamerad, Twin Towers

Im Magazin der Autoren erzählt Michael Schophaus von seinem Freund und Klassenkameraden „Klaus aus Bottrop“, der am 11. September 2011 beim Anschlag auf das World Trade Center ermordet wurde.

Weil hier eine persönliche Erinnerung erzählt wird, einmal nicht der halb-polite Mist, der gerade durch die Medien schwappt, und das (in Köln etwas verschriene) Städtchen Bottrop immer meine Neugier weckt, habe ich mir via CNN ein Bild von „Klaus“ herausgesucht.

Ich kann Schophaus verstehen.

Montag, 5. September 2011

Wieder einmal: überflügelndes Fehlverständnis

Mit nur einem Auge in die Online-Ausgabe der ZEIT zu schauen, schmuggelt in die Aussage einen „Waschlappen“.

FDP nach der Wahl
Eine Partei sucht ihren Sinn

FDP-Chef Rösler will nach den vielen Wahlschlappen ein Zukunftskonzept für die Partei erarbeiten. Doch seine Ideen dafür sind schwach.
Glaubte ich die esoterische Lehre des Doktor Freud, müsste ich vermuten, mein Unbewusstes mag die FDP nicht. Dabei kommt die Partei in meiner Präferenzfolge gar nicht mal auf dem letzten Platz.


Dienstag, 30. August 2011

Jochen Buchsteiner: „Antikorruptionsbehörde“

Jochen Buchsteiner nennt in seinem Seite-1-Kommentar der Frankfurter Allgemeinen von heute die private Organisation „Transparency International“ wörtlich eine „Antikorruptionsbehörde“.

Hoffen wir, dass die Korruptionskritiker jetzt keinen Amtsschimmel ansetzen.


Martin Rath


Montag, 29. August 2011

Neologismus: Bleiwüstling

Weil es, dem Suchmaschinenanschein nach, noch niemandem in den Sinn gekommen ist, melde ich hiermit Priorität für das Wort an:

Bleiwüstling
Ein Bleiwüstling, das ist jemand, dem z.B. die Wochenzeitung DIE ZEIT gefiel - so lange sie nur als Bleiwüste erschien, nicht weißräumig wie heute. Als Bleiwüstling kann ich sogar bei Online-Texten den eigenen Schreibfluss nicht halten.

Was soll's. Dem Bleiwüstling ist der Schreibluss lieber als jeder andere Ausfluss.

Martin Rath

Nachtrag 27. September 2011:
Nicht zu meinen Lieblingswörtern zählt, weil man ja mal Bankkaufmann gelernt hat, natürlich: "verantwortungslose Kreditteufel".
Wer sich wegen dieser Wendung hierher verirrt, wird mit dem hübschen Wort Bleiwüstling kontaminiert und verschwendet also keinesfalls seine Zeit.

Freitag, 26. August 2011

Harald Martensteins Idee einer Schlamperparade

Da hat sich Herr Martenstein etwas einfallen lassen.

Ein „Schlamper“ ist laut Wörterbuch der Brüder Grimm das Kleidungsstück einer Schlampe. Harald Martenstein könnte sich also weiterhin gescheit kleiden (auch bei Demos), er müsste nur eine Schlampe finden, die ihm das Fell über die Ohren zieht und es sich um den Hals wickelt, um an einer Schlamperparade teilzunehmen. - Im Übrigen ist mir das Konzept quasi ontologisch fremd, ob im traditionellen oder im übertragenen Sinn. (Solange sie mich in Ruh lassen, sollen die Leut doch treiben, was sie wollen.)

Donnerstag, 25. August 2011

Das große Gripschen von Hen Hermanns

Hen Hermanns: „Das große Gripschen“ Düsseldorf-Krimi, Köln (Emons) 2001. Seinerzeit DM 17,80 bzw. 9,00 € - jetzt für 0,98 € plus Porto zu haben

Hen Hermanns' in Köln spielende Krimis mit ihrer Hauptfigur, dem aus der Werbebranche entlaufenen Privatermittler Max Reinartz, las ich vor Jahren - witzige, intelligente Geschichten. Die Suche nach mehr vom Gleichen blieb in der seither verflossenen Zeit erfolglos.

Zufällig stieß ich am vergangenen Sonntag auf Hermanns Düsseldorf-Krimi. Dass ich mich vor der Bestellung nicht schlau darüber gemacht hatte, hier keinen Reinartz-Plot geliefert zu bekommen, zog keine Enttäuschung nach sich - das Personal ist wirklich herzerwärmend: ein professionell-illegaler Geldeintreiber mit solide soziopathischer Intelligenz, ein trieb- und antriebsschwacher Macht-was-mit-Medienmensch, ein Makler, dessen Verstand vom Kokain über den Jordan getragen wurde, russische Entrepreneurs, ein professioneller Großbetrüger mit Fett- und Drogenproblem etc. etc.


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Am Karl-, Karls- beziehungsweise Carlsplatz lässt sich der Großbetrüger von inferioren Security-Leuten u.a. vor russischen Entrepreneuren beschützen

Verwoben werden in der Geschichte mehrere Schatzsuchen - nach dem Geld des Großbetrügers, nach einem erfolgreichen Drogendeal, nicht zuletzt: nach einem Sexualpartner (m/w). Auf 172 Seiten bekommt das ordentlich Tempo, lustig die Anspielungen auf die Dotcom-Blasenbewohner der Zeit ums Jahr 2000 herum. (Die Darstellung des kokainabhängigen Maklers ist von wahrhaft bösartig-schöner Qualität.)

Einzig der biografische Epilog der Story hat ein, zwei unplausible Aspekte. Was soll etwa die Duisburger Frisöse in Florida? Und der spät als solcher eingeführte Sankt-Martins-Mörder erklärt sich auch nicht wirklich (mea culpa: ein paar Kilometer südlich vom Handlungsort aufgewachsen, kannte ich den Begriff „Gripschen“ nicht).


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Kein Wunder, dass eine Fahrt über die Felder von Düsseldorf nach Duisburg vorkommt

Von den Kleinigkeiten am Schluss abgesehen: Schade, dass Hen Hermanns sein Geld mit Werbung verdienen muss. Man hätte gerne mehr Krimis wie diesen.

Schon, weil man ja nicht alles selber machen kann:

Martin Rath



Dienstag, 23. August 2011

Anfall von Ahnungslosigkeit

Ich muss gestehen, dass ich in einer Frage möglicherweise völlig ahnungslos bin. Erschütternder Zustand, wahrlich. Es geht um die Formel, die das Deckblatt (ja, ja, eigentlich ist es auch nicht unbedingt das Deckblatt) von Doktorarbeiten ziert.

Meist bekomme ich Dissertationsschriften aus den Rechtswissenschaften zu Gesicht. Hier findet sich regelmäßig die Formel „Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer Hohen ... Fakultät ...“.

Nun finde ich auf der Arbeit eines anderen Faches: „Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen ... Fakultät ...“

Meine Hypothese zur Lösung der Frage: An Universitäten, die sich der mittelalterlichen Tradition verschrieben fühlen, wurden - oder werden? - juristische Doktorwürden für weltliches und/oder göttliches Recht verliehen. Weil der gemeine Juristendoktor aber nur weltliches Recht gepaukt hat, segnet ihn nur die eine (von zwei) Fakultäten.

Dort, wo die Einheit der (formalen) Wissenschaft, die gelehrt wurde, als gegeben vorausgesetzt wird (Naturwissenschaften, Medizin, Ökonomie), genügt der bestimmte Artikel.

Es fragt sich aber: Stimmt diese Hypothese oder gibt es eine alternative Erklärung für die unterschiedlichen Artikel? Ich würde mich über hinreichende Erklärungen freuen.


P.S.: In meiner Lästerlichkeit ging mir durch den Kopf, dass die medizinischen Fakultäten auf dem besten Weg sind, ebenfalls zur Distinktionsandeutung übergehen zu müssen. Es gibt Doktoren für echte, evidenzbasierte Medizin. Für Homöopathen, Rudolf-Steiner-Krötenpopo-Küsser oder fernöstlich inspirierte Quacksalber müsste es dann den anderen Titel geben.

Fehl-Lesung: Sinistra-Pose

Gelegentlich gebe ich hier ja zum Besten, wenn beim mehr oder weniger schnellen Lesen das gedruckte oder pedeffierte („pdf-ierte“) Wort einer Zeitung oder eines Magazins im Hirn einen anderen Eindruck hinterließ als vom Schreiber beabsichtigt.

In einem Anfall von Schlaflosigkeit las ich vorhin die elektronische FAZ vom Samstag (PDF-Version), in der Besprechung von Lepsius' & Meyer-Kalkus' Buch „Inszenierung als Beruf“ über den Fall Guttenberg, dieser habe sich in einer
Sinistra-Pose
dargestellt. Dass sich sinistre Menschen in einer Sinistra-Pose ins Pressefotografenbild bewegen, mag vorkommen, wird aber sprachlich wohl eher selten so gefasst - selbst bei den Fremdwortfans aus Frankfurt am Main. Natürlich stand da
Sinatra-Pose.

Sonst bin ich natürlich schon lieber lesefehlerfrei unterwegs:

Martin Rath



Donnerstag, 18. August 2011

Christian Pfeiffer ist Rheingold?

Wenn ich lese, dass der berühmte niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer in der FAZ (von heute, Seite 3) mit einer luziden Aussage zu den Auto-Brandstiftungen von Berlin wiedergegeben wird
Die Polizei schätzt, dass die Hälfte der Brandstiftungen an Autos im weitesten Sinn linksradikal motiviert ist. Doch gesichertes Wissen über die Täter und ihre Motive gibt es nicht; [...] Der Kriminologe Christian Pfeiffer spricht vom „Powergefühl", das der Anblick brennender Autos und der Machtlosigkeit aller anderen bei den Tätern erzeugt.
dann gedenke ich einer Medienmacht, die aus dem einst gern gelesenen sozialwissenschaftlichen Forscher einen Erklärungsherbeihexer von zweifelhaftem Wert gemacht hat.

Ob sich das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, das Christian Pfeiffer dirigiert, vielleicht neben das Kölner Rheingold-Institut einreihen sollte, das ähnlich luzide Erkenntnisse über die Medien streut?

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Nebenbei: Ich stelle bei mir selbst ein aggressives Gefühl von Hilflosigkeit fest, wenn ich morgens vor meiner Haustüre mit einer Person besetzte SUVs in schönstem Zuhälterweiß oder -schwarz vorbreibrausen sehe, weil dem gehobenen Angestellten von Welt die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel innerstädtisch nicht zumutbar ist. Mit dieser Introspektion möchte ich nicht die Spur einer Rechtfertigung für Brandstifterinnen und Brandstifter hinterlassen; ein Jahr Freiheitsentzug sollte tatsächlich das Minium an Konsequenz sein. Aber die Erklärung des Medienprofessors lässt sich offenbar aus der Hüfte heraus auch um 180 Grad drehen. Ob er solide Forschung dazu hat? Scheint mir angesichts eines aktiven Dunkelfelds zweifelhaft.


Martin Rath



Dienstag, 16. August 2011

Hitler-Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion ist 60 Jahre her


Auf ihrer Seite 16 untertitelt die Süddeutsche heute die Überschrift „Der Mythos 'Barbarossa'“ mit der hübschen Aussage „Hitler-Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion ist sechzig Jahre her - die Fehden der Geschichtsforscher halten an“

Meine Mutter, 1941 im Jahr des Grauens geboren, wird es natürlich zu hören freuen, dass sie keine 70 Jahre alt geworden sein soll, sondern noch als 60-jährig junger Hüpfer unterwegs ist.

Mir ist solch ein 10-Jahres-Patzer auch schon passiert (inzwischen versteckt in der Adresszeile), aber für die Überschrift einer meinungsführenden Zeitung, zudem in dero Printausgabe, ist das doch ein bisschen peinlich.

LinkFür Korrekturen gut zu haben:

Martin Rath




Mittwoch, 10. August 2011

Sprachkritik in der FAZ für den Eigenbedarf benötigt?

Die Schmeißfliege, Lucilia sericata, ist die häufigste Quelle für Maden.
Bildunterschrift in einem Artikel zum Madeneinsatz in der Wundbehandlung; Frankfurter Allgemeine von heute, Seite N1. Ich möchte mich nicht allzu weit aus dem Onlinefenster lehnen. Denn da hängt ja schon der Sickbastl. Aber „häufigste Quelle“? Das wurmt mein Sprachgefühl.

In dem Zusammenhang: Die FAZ begann heute eine neue Kolumne zur Sprachkritik.



Miklòs Hernádi, Lektürerapport - und leider schon wieder: dumme Süddeutsche

Miklòs Hernádi: Weiningers Ende. Ein Kriminalroman. Frankfurt am Main (Eichborn) 1993, 372 Seiten (kostete via Amazon 6,97 €)

Oberinspektor Maximilian Barner von der k.u.k. Staatspolizei ermittelt auf eigene Faust im Todesfall Otto Weininger. Er stößt auf Hinweise im zionistischen und bolschewistischen „Umfeld“, die eine Ermordung Weiningers nahelegen. Hernádi entführt den Leser in die schräge Kultur Wiens, kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert.

Mir hat das gut gefallen, historisch nicht Interessierte werden das kulturhistorische Panorama aber vermutlich eher bräsig finden. Ich war nach drei Tagen durch, die lange Lesedauer hing mit diätischer Zeiteinteilung zusammen, zu der das gemächliche Erzähltempo einlud.

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Beim Nachschlagen in den Auswürfen einer großen kalifornischen Suchmaschine, prüfend, ob sich hier noch Weiteres verlinken ließ, stieß ich auf einen Angeberartikel, der einmal mehr davon zeugt, dass sich die sogenannten Qualitätsmedien durch die Einsparung anständiger Endkorrektur- und Dokumentarredaktionen selbst verdummt haben. Es heißt bei den Münchener Meinungsführern:

„Dem ungarischen Autoren Miklós Hernádi wird folgendes Zitat nachgesagt, das nur auf den ersten Blick versöhnlich wirkt:

"Feminismus war nichts anderes als die Fortsetzung des Flirts mit anderen Mitteln."

Mitnichten. Hernádi lässt den Gedanken von seiner Figur Barner äußern. Bei Zitaten darf man gerne korrekt sein oder sie bleiben lassen.

Schlage vor, den Autor dieses Artikels im Kerker des Guttenberg'schen Anwesens unterzubringen und den Herrn Staatsanwalt a.D. Prantl als dämonisch lachenden Wächter herumspuken zu lassen.



Dienstag, 9. August 2011

Gejammer nach vollzogener Perversion

Sind fünf Monate ein kurzer Zeitraum? Stellen wir uns vor, wir gingen fünf Monate lang einer bezahlten Tätigkeit nach - vermutlich für wenig Geld, aber mit der Aussicht, „mal was mit Medien“ im Lebenslauf stehen zu haben.

Fünf Monate, von denen ein mental auch nur halbwegs intakter Mensch schon vorab wissen kann, dass sie mit der Entwürdigung anderer Menschen verbunden sein werden.

Darüber darf man dann, von mir aus, gern hinterher im privaten Kreis jammern. Aber dass die Süddeutsche, namentlich Christin Müller, hier mitjammert, ist etwas lächerlich. Wer bei einem solchen Job nicht spätestens nach einer Woche mit aktivem Brechreiz raus ist, sollte gute Gründe haben. Wenn die nicht mit im Artikel auftauchen, hat die Journalistin ihre Arbeit nicht gemacht - oder es gibt kein Recht zu jammern.

Fünf Monate! Um Gottes Willen! Und immer noch ein Opfer.

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SPIEGEL-Dokumentation im Sommerschlaf?

Da findet sich auf SPIEGEL ONLINE ein an sich höchst lesenswerter Artikel über die Notwendigkeit, den Welthunger durch bessere Verpackungs- und Konservierungstechniken für Lebensmittel einzudämmen. Zum deutschen Konsumverhalten wird jedoch eine Stimme zitiert, über deren Wert man geteilter Ansicht sein kann:
"Viele Verbraucher sehen das Mindesthaltbarkeitsdatum als Trennungsabsolution, obwohl viele Lebensmittel nach Ablauf noch frisch sind", erklärt der Konsumpsychologe Stephan Grünewald vom Markt- und Medienanalyse-Institut Rheingold in Köln.
Aha. Für diese Alltagserkenntnis aus dem Reich der bescheuerten Mitbürgerinnen und -bürger braucht man also einen „Konsumpsychologen“. Mir sind die Publikationen von Herrn Grünewald nicht geheuer. Schmerzhaft schlummert der Gedanke an sein Postulat von der Aldisierung der Gesellschaft im Hinterkopf, wenn ich mich recht entsinne, eine Auftragsarbeit des Rheingold-Instituts, finanziert von etwas besseren Discount-Konkurrenten der Gebrüder Albrecht.

Gucken die SPIEGEL-Dokumentare eigentlich noch darauf, dass Quellen irgendwie von gleichmäßigem Gewicht sind? Ich glaube es nicht.

Fristenzettel Unibibliothek Köln 1931

Kürzlich fand ich ein noch nicht aufgeschnittes Werk von Georg Jellinek, einem der führenden Staatsdenker Deutschlands um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in der Stadt- und Universitätsbibliothek zu Köln. Seit gestern habe ich die Dissertation von Friedrich Berber in der Hand, einem Staatsrechtslehrer, der unter der NSDAP Karriere machen, in Landen der CSU fortsetzen konnte. Der Fristenzettel, der sich noch im Büchlein fand, datiert die Rückgabe auf den 5. September 1931. Sollte er die letzte, der meinen vorausgegangene Ausleihe dokumentieren, kann man den vergangenheitsbewältigenden Forschungsdrang der berühmt-berüchtigten Achtundsechziger wohlgetrost als unfrommes Märchen behandeln.

Über den Inhalt der Dissertation von Berber werde ich mich anderenorts auslassen. Entweder via LTO oder vielleicht als Teil meiner Steampunkpläne. Mit dem Bild von Vorder- und Rückseite des Fristenzettels möchte ich hier zunächst ein Stück gelungenes Layout aus dem Jahr 1931 dokumentieren. Die Zettel heutigen Zuschnitts sind deutlich hässlicher und verbrauchen erheblich mehr Papier.















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Montag, 1. August 2011

Habicht, Sperber, Falke - wer liest das Gefieder?

Dieser Raubvogel saß gestern (31. Juli) in Polch (Eifel, bei Koblenz) auf dem Dach eines Autos vor der Haustüre.

Die Landschaft ist bebaut (EFH zwischen aufgeräumten Feldern) und eher frei von Wald.

Aus den Bestimmungsangaben, die im Netz zu finden sind, werde ich nicht schlau. Ist das hier ein Habicht, Sperber, Falke?

(Warum die Bestimmungsangaben, soweit ich bisher darauf zugreifen mochte, mit Zeichnungen arbeiten statt mit Fotos, ist mir ein zusätzliches Rätsel).

Sollte hier ein ornithologisch Weiser mitlesen, über sachdienliche Hinweise würde ich mich freuen.

(Und man muss nicht Ecos Name der Rose gelesen haben, um die Berechtigung zu erkennen, im Lesen von Zeichen ein Lesen zu finden. ;-)

Freitag, 29. Juli 2011

Was ist es, das uns geschmacklos denken lässt, abgeschmackt, geschmäcklerisch?

Zugegeben, die Überschrift dieses Postings ist ein etwas bemühter Versuch, sich an Dantons Grübelei anzulehnen, wie sie Georg Büchner erfunden hat.

Manchmal erwische ich mich aber bei diesen kabarettistischen Gedanken (Gallenstufe Beltz forte), wie heute bei der Lektüre von Seite 1 der SZ vom Mittwoch. Das Titelthema steht unter der Überschrift (zum norwegischen Massenmörder):
Verteidiger hält Breivik für geisteskrank
Im Kasten unter dem Titelhauptthema, in dem die SZ-Redaktion gern allerlei moralische Fragen abhandelt, finden sich folgende Überschriften:
Das Leid der Lokführer
Angehörige eines Selbstmörders sollen Schmerzensgeld zahlen
Was denkt das schwarzgallige Gehirn? Das denkt es fröhlich vor sich hin: Wären Lokführer mental wie Breivik gestrickt, würden die Eisenbahn-Suizide weniger Leid produzieren.

Aber über die soziale Funktion von Psycho- und Soziopathen wird ja insgesamt ungern nachgedacht. Ich vermute, das hängt mit einer Art umgekehrtem Barnum-Effekt zusammen: Einige der negativen Eigenschaften entdeckt auch der freundlichste Gemütsmensch an sich, darum mag er sich mit der ganzen Übelkrähe (Ü.-: keine Anspielung auf ihn, eher schon auf ihn) nicht mehr auseinandersetzen.


Sonntag, 24. Juli 2011

SPIEGEL-Autor bei Winehouse-Nachruf bekifft?

Selbst im Garten des Edelbarden William Shakespeare fanden sich Restspuren von Kokain und Halluzinogenen.
Marc Pitzke schreibt auf SPIEGEL ONLINE über den Tod von Amy Winehouse. Abgesehen vom üblichen Schwachsinn - ach, was hängen doch Kreativität und Suchterkrankung zusammen // wer es glaubt, wird zwar nicht selig, guckt aber öfter glasig - bietet sein Artikel noch dieses hübsche Fundstück, oben zitiert, aus der Rappelkiste des historisch wohl komplett frei Erfundenen.

Schaut man über den SPIEGEL-Jargon, der an die Tage des rührigen Rudi Augstein erinnert („Edelbarde“), freundlich hinweg, bleiben noch genügend adrenalintreibende Befunde in kurzen Worten zu bewundern:

1) Wir wissen sicher, wo der Garten eines Dichters namens William Shakespeare lag.
2) In diesem Garten fanden sich Kokainspuren. (Ob Master William ein Gärtlein in den Anden hatte?)
3) Das Zeug lässt sich nach 400 Jahren nachweisen, obwohl es erstmals vor rund 150 Jahren produziert wurde.

Was für ein Kraut hat wohl dem edlen Pitzke die Finger über die Tastatur schweben lassen?

Nichts gegen dumme Artikel. Aber der Unfug sollte dem Leser bitte nicht mit dem nackten Hintern ins Gesicht springen.

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Samstag, 23. Juli 2011

Standarisierung, Stand-Arisierung

Ich lese gerade eine akademische Arbeit gegen, in der recht häufig der Begriff „Standardisierung“ in der tippfehlerhaften Version „Standarisierung“ vorkommt.

Man fühlt sich, ausreichend finstren Humor vorausgesetzt, aufgerufen zu fragen: Stand-Arisierung? Hatten es die Raubritter des NS-Staats von der Dresdner Bank bis zum guten Herrn Schickedanz nicht gern eine Nummer größer? „Stand“, das klingt so nach dem kleinen Gemüsehändler, bei dem nicht arisiert, sondern gleich zu Klump geschlagen wurde.

Und außerdem: Dass sich jemand Gedanken über die ethnische Herkunft von Gemüsehändlern machte, ist erst aus der allerjüngsten Vergangenheit überliefert. Der entsprungene Bundesbanker lässt grüßen.

Höchstens analog zum Stand-Recht ergibt das Wort Stand-Arisierung also einen Sinn.

Aber nein. Götz Aly muss nicht einen neuen Fall übernehmen. Es ist ja nur ein Tippfehler.

Freitag, 22. Juli 2011

5,537459283387622 Prozent, beschämend


Den Fernseh-Apparat habe ich schon seit einiger Zeit abgeschafft, jetzt kam mir in den Sinn, was sich mit der sonst weggeflimmerten Zeit sinnvoll anfangen ließe: noch mehr lesen.

Dieser Tage fiel mir nämlich eine hübsche Liste in die Hand, auf der 307 literarische Titel verzeichnet sind - Bücher, die zwischen 80 und 150 Seiten Umfang haben. Was mir fehlt, ist schon beschämend, fast 94,5 Prozent der Bücher habe ich noch nicht gelesen, nur 5,537459283387622 Prozent oder in ganzen Zahlen: 17 Stück sind mir schon geläufig.

Einiges Weitere habe ich sogleich bei Amazon bestellt (erstaunlich, wie preisgünstig viele gebrauchte Bücher zu haben sind). Ich schätze, in zwölf bis 24 Monaten sollte ich mit dem Rest durch sein. Wer meinen geistigen Fortschritt fördern möchte wird dort fündig:

Wunschliste: Literatur rund um die 100 Seiten

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Donnerstag, 21. Juli 2011

Fehlerfunde, nachträgliche

Das hier beschriebene Ärgernis kennt jeder, der mit publizierten Texten zu tun hat: vom Erstlings- bis zum Alterswerk. Man kann es reduzieren, nah bei Null ankommen. Und dann schlägt man 20 Jahre später ein Buch auf und findet doch noch etwas.

Die größten Gewissensqualen erleiden dabei, wenn mich meine Beoachtungen nicht täuschen, jene Autoren, die den gerinsten Anlass dazu haben. Womöglich ließe sich das sogar einmal in mathematisch hübschen Kurven abbilden.

Gute Idee, womöglich

Nachzubereiten. Womöglich.

Gehört oder ungehört: Fundamentalistenkuschelecke im Radio



Heute Morgen im sogenannten Wort zum Tage im Deutschlandradio Kultur, übte sich der Morgenandenker Pfarrer Dr. Rainer Stuhlmann im Verständnis für Bundeskanzlerin Merkels Äußerung in Sachen „Tötung von Usama Bin Ladin“.

Mich hat’s aus dem Bett getrieben. Ich frage mich, was – jenseits rundfunkstaatsvertraglicher Kirchenprivilegien – eigentlich solchen Rotz im Radio rechtfertigt. Stuhlmanns Methode: Man unterstelle der kritisierten Position möglichst üble Gefühle, der zu bestärkenden Position möglichst erfreuliche (und rechne sich dann zu allem Überfluss selbst zu einer noch höheren Moral).

Das sah dieses Mal schrittweise ungefähr so aus:

1. Die Empörung von Grünen, Sozialistinnen und Liberalen über die Freudenäußerung von Kanzlerin Merkel anlässlich der Tötung Usama Bin Ladins sei der Versuch, sich zu Moral-„Apostelinnen und Aposteln“ (der Mann sprach gar gendersensibel, Protestant halt) aufzuschwingen.

2. Als bibelkundiger Mensch habe er dazu eine kritische Ansicht von Wert.

Hier erzählt er dann aber ein – apokryphes! – jüdisches Märchen vom Jubel der Engel und den Tränen Gottes nach dem Tod der Ägypter im Roten Meer (Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, man kennt das: Charlton Heston teilt die See etc.). Mit der „Kirchenzucht“ scheint es bei den Protestanten ja nicht weit her zu sein, wenn jetzt schon das Nacherzählen außerbiblischer Geschichten als Ausweis von Bibelkunde herhalten muss. Wir vernachlässigen diesen Teil, weil der Morgenandenker dann fast schon wieder in den rhetorischen Pastorinnen-Weisheit-aus-dem-Alltag-klauben-Modus wechselte („Gestern beim Brötchenkaufen sprach ich mit der Verkäuferin...“) – und hier wird es etwas eklig:

3. Der Morgenandenker erklärt, dass sich doch die Kritik an Merkel ganz anders ausnähme, fühlte man mit den Witwen der von Usama Bin Ladins Leuten ermordeten Männer mit, denen es erlaubt sei, sich über den Tod „vieltausendfachen Mörders“ zu freuen.

4. Diese Freude zu antizipieren, wie es Merkel tat, sei eine gute Sache. (Wenn ich es richtig verstanden habe: Eine Leistung von Morgenandenkers pastoralem Alltag.)

5. Die Freude der Bundeskanzlerin sei insoweit legitim.

6. Der Morgenandenker erklärt sich abschließend zu einem fast noch besseren Menschen, weil er den märchenhaften Tränen Gottes mehr/genau so viel abgewinnen kann wie dem Lachen der Engel.

Was für ein Rotz.

Kein Wort davon, dass „der Bundeskanzler“ (m/w) ein Staatsorgan ist, das in seinen öffentlichen Äußerungen nicht allein Gefühlen Ausdruck verleihen darf, die er/sie privat gerne haben mag. (Wenn man schon die In-fremde-Köpfe-Gucken-Methode anwendet, ließe sich der Merkel'schen Äußerungen übrigens auch ein knallhart machiavellistisches Kalkül unterstellen.)

Kein Wort davon, dass auch Mördern gemeinhin ein ordentlicher Prozess zusteht.

Dann diese unsägliche Anbiederung an die Witwen der Al-Kaida-Opfer. Womöglich haben sie ja gar kein Gefühl der Befriedigung erlebt, sondern einfach nur Trauer darüber, dass auch die Tötung des mutmaßlichen Mörders ihnen ihre Lieben nicht zurückbringen wird. Ich will mich da nicht so heranschmieren, wie es vorhin im Radio zu hören war. Die Alternative zur ‚berechtigten Freude‘ ist hier aber zu formulieren, um aufzuzeigen, wie unverschämt wirklichkeitsabstinent die Herangehensweise ist.

Würde beispielsweise eine radikal feministische Dame wie Nadine Lantzsch eine vergleichbare Mischung aus Mutmaßung und Fundamentalismus im Deutschlandradio Kultur entzapfen, das Senderhaus am Hans-Rosenthal-Platz stünde bald in Flammen. Feldprediger haben dagegen ihre staatsvertraglich abgesichterte Narrenfreiheit.