Montag, 30. August 2010

Warum ich mich mit Herrn S. nicht auseinandersetze

Das Wort „auseinandersetzen“ stammt, wenn ich mich korrekt erinnere, ohne dabeigewesen zu sein, aus der älteren deutschen Rechtssprache (nicht der zotteligen Germanen, eher des Mittelalters). Es hatte wohl die buchstäbliche Bedeutung, dass Tisch und Bett, Bett und Tisch auseinandergesetzt wurden. Ob man das dem Schuld- oder dem Eherecht zuzuordnen hat, dessen kann ich mich nicht entsinnen.

Im übertragenen Sinn bedeutet es, klar zu argumentieren, worin man sich in seiner Position von einem anderen unterscheidet. Dazu bedurfte es im Fall Thilo Sarazins nicht wirklich viel. Zwar halte ich die phrasenhafte Unlust dessen, was nach Helmut Schmidt gern als „politische Klasse“ bezeichnet wird, sich mit ihrem provokationslustigen Bundesbankprodukt Thilo Sarrazin (argumentativ!) auseinanderzusetzen, ziemlich erbärmlich. Mir genügte aber selbst ein argumentativer Schnellschuss. Im Vorabdruck aus Sarrazins Abschaffungsbuch, der den SPIEGEL vergangenen Montag zu finden war, hieß es gleich im ersten Satz:
„Es ist das Recht einer jeden Gesellschaft, selbst zu entscheiden, wen sie aufnehmen will, und jedes Land hat das Recht dabei auf die Wahrung seiner Kultur und seiner Traditionen zu achten.“
Wenn ich mir das so zurechtlege, komme ich auf die Idee, dass es schon unsinnig ist, einer Gesellschaft irgendein Recht zuzuschreiben. Man muss kein Luhmannianer strenger Observanz sein, es fragwürdig zu halten, dass eine Gesellschaft mit Wirkung gegen einen einzelnen Menschen Rechte hat. Ein Staat, ja, natürlich. Aber Sarrazins erster Teilsatz ist schon nach klassischer Staatslehre problematisch.
Kommt dazu, dass „jedes Land“ Exklusionsrechte haben soll. Gut, hier wird im Stil rhetorischer Wortabwechslung Land synonym zu Gesellschaft gesetzt. Gleichwohl steigt in mir das Gefühl auf, dass Sarrazin an einer „konkreten Ordnung“ bastelt (die historisch bekanntlich ja auch nie trennscharf war, was dieses NS-Konzept mit der Sarrazinschen Rhetorik gemein hätte). Da sind dann im Zweifel Blut und Boden die Eigentümergemeinschaft an den Immobiliarwerten „Kultur“ und „Tradition“, was den fabulösen Entitäten „Gesellschaft“ und &#Land“ Abwehrrechte gegen Dritte einräumt.

Man sollte sich eigentlich den Spaß machen, Sarrazins Buch einzuscannen, und im Suchen- und Ersetzen-Modus „BluBo“ einzufügen.


Fazit: Sarrazin werde ich nicht lesen. Will ich das Original zur Kenntnis nehmen, lese ich gleich Carl Schmitt.

Nebenbei: Dass der SPIEGEL-Vorabdruck mit „Was tun?“ überschrieben ist, diese Leninistische Albernheit wurde wohl bislang gar nicht zur Kenntnis genommen.

Dienstag, 17. August 2010

Wikipedia - Losung des Tages

Jeden Tag einen frommen Spruch zu wählen, dem Tag einen Sinn zu geben - das erste Mal habe ich das wohl während des Zivildienstes bei einer älteren Dame beobachtet, die dazu ein Büchlein der Herrnhutter besaß. Sie selbst saß derweil in einer gerontopsychiatrischen Station fest, wegen eines Suizidversuchs, Jahre oder Jahrzehnte vor dem. Kein günstiger erster Eindruck davon, mit frommer Literatur Sinn stiften zu sollen.

Wikipedia bietet nun jeden Tag einen Artikel feil, der zu den besseren dieser Enzyklopädie famoser Halb- bzw. 150-Prozent-Bildung gezählt wird. Heute schien mir die Auwahl ein subkutanes Band der Sympathie zu erwähnter alter Dame zu spinnen. Es schauderte mich zwar noch nicht beim Eintrag zur finnischen Sängerin Tarja Turunen. Gesangskunst im östlichen Baltikum hat sicher neben schönen auch schon üblere Anklänge gehabt.

Beim Hören eines Beitrags besagter Sängerin verklebten sich mir aber spontan die Ohren und es fröstelte nunmehr nicht bloß subkutan:



Kitsch, kitschig, kitschigst. Für die Waldbrüderinnen und -brüder der Gegenwart.