Donnerstag, 4. März 2010

FAZ von heute: Bekennende Kirche & Antisemitismus - nicht direkt Geschichtsklitterung, aber doch etwas fragwürdig

Oh je. FAZ-Leserin Barbara N. leitet aus der Aktivität ihres Vaters in der Bekennenden Kirche ab, dass die These Robert Goldmanns falsch sei: Es habe vor dem Krieg in Deutschland keine Organisationen gegeben, die gegen den Antisemitismus ankämpften.

Die nächtliche Beseitigung von Adoptionspapieren, so sie stattgefunden hat, durch die zahlreiche Kinder jüdischer Herkunft im Gerichtsbezirk Küstrins gerettet worden seien, in allen Ehren - die Bekennende Kirche oder eine andere offizielle oder (mehr oder eher minder) geduldete Organisation für frei von Antisemitismus zu erklären, scheint mir ungeachtet dieser möglichen, tapferen Tat heikel.

Heißt es nicht, ein verdorbener Apfel im Korb genüge, die ganze Ernte zu verderben? Und was, wenn selbst die prächtigsten Früchte nicht ganz ohne Dötschen waren? Ein Zitat als problemweisender Beleg:
Sogar Martin Niemöller, der Leiter des Notbundes, verheimlichte in der NS-Frühzeit nicht, daß er „von Haus aus alles andere als ein Philosemit war“ (Heydenreich). Er erklärte im November 1933, das deutsche Volk habe „unter dem Einfluß des jüdischen Volkes schwer zu tragen gehabt“, und regte an, Pfarrer nichtarischer Abstammung sollten auf „ein Amt im Kirchenregiment oder eine besonders hervortretende Stellung in der Volksmission“ verzichten.

Immerhin verwahrte sich der spätere NS-Verfolgte gemeinsam mit den Pfarrern seines Bundes schon damals dagegen, daß die Nichtarier ihre Kirchenämter durch Gesetz verlieren sollten [...]
Gegen die Entfernung der Juden aus den Staatsstellungen hatten die Kirchenführer nicht öffentlich protestiert. Gegen die Arisierung der Kirchenkanzeln und -kanzleien aber wehrten sich neben dem Niemöller-Bund vor allem auch die Theologen der Universität Marburg. (Der Spiegel Nr. 8/1963)
Eine bekannte Suchmaschine, befragt mithilfe der Stichwörter
Küstrin adoption jüdische kinder
ergibt zwar acht Seiten, aber keinen Treffer, der zu den Angaben des Leserinnenbriefes weiterführen würde. Spannend hingegen folgendes Zitat, wenn auch aus dem Urteil des DDR-Schauprozesses gegen Hans M.Globke geklaubt:
Am 8.Januar 1938 gab das evangelische Pfarramt in Küstrin an den Leiter der Reichsstelle für Sippenforschung einen Bericht, mit dem die Befürchtung ausgesprochen wurde, dass die nichtarische Abstammung von Personen jüdischer Abstammung, deren Vorfahren die christliche Taufe angenommen haben, verschleiert werden könnte, wenn Taufurkunden ohne irgendeinen Zusatz ausgestellt würden. Der mit der Bearbeitung dieses Vorganges beauftragte Angeklagte schrieb daraufhin am 18. Januar 1938 - Id W.3 / 5618 - an den Reichs- und Preussischen Minister für kirchliche Angelegenheiten. In dem Schreiben heisst es wörtlich:
„Ich habe keine Bedenken, wenn in den in dem übermittelten Schriftwechsel erwähnten Fällen auf der Rückseite der pfarramtlichen Urkunde ein Hinweis auf die jüdische Abstammung des Täuflings eingetragen wird. Ich stelle ergebenst anheim, die kirchlichen Stellen hiervon verständigen zu wollen, und bitte, mich an dem Fortgang der Angelegenheit zu beteiligen.
Dr. Globke“ (Fundstelle)
Gegen dieses Zitat habe ich keinen Prima-facie-Einwand, gehörte das Personenstandsrecht doch zum Aufgabenbereich des Ministerialbeamten Globke. Spannend ist das Zitat insofern, als es sich wohl zu untersuchen lohnte, was für ein höllisches Gemengele damals in evangelischen Kirchenkreisen in Küstrin herrschte.

Auf das Zitat aus dem Globke-Schauprozess stieß ich bei der bekannten Suchmaschine mit den Stichwörtern
Küstrin gericht adoptionsakten vernichtet,
das aber nur so nebenbei erwähnt.

Was einen vorbehaltlosen Anti-Antisemitismus betrifft, da hätte ich jedenfalls so meine Bedenken.







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