Dienstag, 5. Januar 2010

Ein neuer Ansatz in der Suchttherapie von Alkoholkranken?

Ursprünglich veröffentlichte ich den nachfolgenden Text im „Stadtmenschen“-Portal des Kölner Stadt-Anzeigers. Erscheinungsdatum war dort der 1. Januar, passend zu den vielfältigen Kater-Tipps, die rund um die Feiertage allenthalben publiziert worden waren. Warum ich den Text hier zusätzlich online stelle, dazu mehr in meinem Köln-Blog.

Berichte von Menschen, denen es gelungen ist, sich aus einer lebensvernichtenden Suchterkrankung herauszuwinden („befreien“ wäre zu pathetisch und wird dem Vorgang ja oft nicht gerecht), haben inzwischen keinen Seltenheitswert mehr. Manch einer dieser Berichte fällt dann missionarisch aus, man will Nachahmer finden, manche Schilderung ist unter dem Eindruck der vorherrschenden Selbsthilfegruppen-Infrastruktur („AA“, „Blaues Kreuz“, „Kreuzbund“) sogar religiös eingefärbt.
Andere Autoren vermitteln auch ohne missionarischen Hintergrund den Eindruck, dass ihr Leidensweg und die Wende in ihrem Leben einzigartig seien. – Es sei ihnen gegönnt, dass sie von sich selbst schwer beeindruckt sind oder überrascht, das Leben nun halbwegs genießen zu können.
Dem Leser muss sich dieses Erweckungsgefühl nicht erschließen. Man fühlt da nicht zwingend mit.

Olivier Ameisens Buch entspricht erfreulicherweise nicht meinen eher negativen Vor-Urteilen von der Selbsterfahrungsliteratur (ehemals) Suchterkrankter. Ameisen (man spreche den Namen in Gedanken französisch oder englisch aus) wurde in vergleichsweise reifem Alter – als praktizierender, ja sogar prominenter und äußerst erfolgreicher Mediziner – alkoholabhängig. Und zwar in der nahezu schwersten denkbaren Form – schleichend am Beginn, mit Knochenbrüchen und fortschreitendem sozialem Verfall gegen Ende.

Er ist gleichwohl ein gutes Beispiel dafür, dass man mit Alkoholismus nicht den sprichwörtlichen „Penner auf der Parkbank“ verbinden darf: Olivier Ameisen erwarb dank hoher Intelligenz als Heranwachsender vorzeitig das französische Abitur, entschied sich nach einem Vorspielen bei Arthur Rubinstein dafür – trotz seiner Begabung – keine Ausbildung zum professionellen Pianisten anzustreben, sondern Mediziner zu werden. Ameisen war in jungen Berufsjahren Leibarzt des französischen Premierministers (ein Restfeudalismus, den wohl nur die französische Republik kennt), machte sich als Kardiologe einen Namen, wurde wissenschaftlich in die USA berufen.

Zum Erbe seiner Eltern, Holocaust-Überlebenden aus Polen, zählt ein starkes Element der Angst in seinem Leben – ohne dass Ameisen seine spätere Suchterkrankung monokausal darauf zurückführen würde.
Den Alkohol wendet Ameisen zunächst über einen längeren Zeitraum als entspannendes, vor allem aber angstlösendes Mittel ein – in Beziehungskonflikten oder bei Auftritten, in denen er seine musikalische Begabung unter Beweis stellt. Ängste, Versagensängste treiben den berühmten Arzt und Wissenschaftler immer tiefer in die Sucht, bis er – dank eines starken Rests an Verantwortungsgefühl – seine berufliche Praxis aufgibt.

Inzwischen in New York lebend macht Ameisen Bekanntschaft sowohl mit der (halb-) staatlichen Ärztebürokratie, mit verordneten und freiwilligen Entziehungskuren oder bloß ambulaten Ausnüchterungs-Schnelldurchläufen. Weder diese (nach den Beschreibungen allenfalls) halbwegs professionellen Maßnahmen noch Psychotherapien unterschiedlichen Zuschnitts oder die einschlägig bekannten Selbsthilfegruppen brechen den Teufelskreis aus Rückfällen, zeitweiliger Nüchternheit, Hilfe und Selbsthilfe, moralischem Restverhalten und Schuldzuschreibungen von Seiten der Freunde, Eltern, Geschwister auf.

Durch den Hinweis einer Freundin stößt Ameisen auf ein Medikament („Baclofen“), das bisher am Menschen nur zur Vermeidung von Muskelkrämpfen eingesetzt wurde und für die Behandlung von Suchterkrankungen weder zugelassen noch am Menschen erprobt ist – ein Medikament mithin, dessen heilende Wirkung bei Suchtphänomenen nur ansatzweise im Tierversuch erprobt wurde.

Olivier Ameisen nimmt das Medikament schließlich im Selbstversuch ein, in dessen Verlauf er skrupulös die notwendige Dosis erhöht. Ein nicht ungefährliches Verfahren, werden im gewöhnlichen Gebrauch von Baclofen bei muskulären Erkrankungen doch deutlich geringere Mengen verabreicht. Man verrät hier kein Geheimnis: Das Medikament wirkt, dem Bericht des „Experimentators“ folgend, offenkundig und es nimmt Ameisen nunmehr seit fünf Jahren das so genannte „Craving“ – zu Deutsch: das unstillbare Verlangen nach dem Suchtmittel Alkohol.
An dieser Stelle könnte Ameisens Buch jenen schalen Geschmack hinterlassen, den reißerische Berichte in der Tageszeitung mit den großen Buchstaben hinterlassen, wenn „Springer“-so genannte-„Journalisten“ wieder einmal ein Wundermittel gegen Krebs oder eine andere unheilbare Krankheit „entdeckt“ haben. Dazu ist Olivier Ameisen aber zu gewissenhaft, sein Bildungs- und Wissenschaftsverständnis zu sehr das der französischen Oberschicht und sein Respekt vor den Einsichten, den ihm etwa lebenskluge Menschen in Selbsthilfegruppen wie den „Anonymen Alkoholikern“ vermittelt haben, zu groß.

Sein Anliegen, das er mit diesem Buch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, ist es, zu verhindern, dass die – immerhin in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift dokumentierten – Ergebnisse seines nunmehr fünf Jahre zurückliegenden Selbstexperiments ungenutzt und für die breite Suchttherapie unbeachtet bleiben. Denn diese Gefahr droht auch heute noch, weil sich der medizinisch-industrielle Komplex augenscheinlich nicht hinreichend für Ameisens Erkenntnisse interessiert.

Ameisen fordert daher nach wie vor breit angelegte, wissenschaftlich gut abgesicherte medizinische Studien zur Wirksamkeit von Baclofen – das im Gegensatz zu anderen Substanzen, die bislang bei Alkoholabhängigen eingesetzt werden, offenbar selbst nicht abhängig macht – und beklagt die weitgehende Untätigkeit von Gesundheitsbehörden, der Ärzteschaft und der Nichtregierungsorganisationen im Gesundheitswesen – trotz des privaten und öffentlichen Elends von Suchterkrankten.

Mein Fazit: Wer nur wenige Kilometer durch eine Großstadt wie Köln spazieren geht, sieht bei wachen Augen mehr als nur eine offene (illegale) Drogenszene im Straßenbild – um „bloß“ augenscheinlich Alkoholabhängige zu sehen, braucht es keines so langen Spaziergangs, in Köln trägt ja der Alkoholkranke von Welt seine Flaschen gerne öffentlich herum. Um aber nicht zum Ende dieser Besprechung noch bösartig zu werden, möchte ich sagen:

Ignoranz von verantwortlichen Stellen gegenüber dem Phänomen „Sucht“ und einem möglicherweise hochpotenten Medikament kann sich keine Gesellschaft leisten. Wer Augen hat zu sehen, sieht das jeden Tag auf der Straße, im Bekannten- oder Freundeskreis, in der Familie.
Olivier Ameisen könnte für (Alkohol-) Suchtkranke werden, was Ignaz Semmelweis für die Wöchnerinnen des 19. Jahrhundert war: Ein Arzt, der ungezählte Leben rettet, sobald es sich seine Kollegen nicht mehr leisten können, neue Erkenntnisse zu ignorieren. Erfrischend, dass Ameisen sich selbst so nicht sieht, jedenfalls nicht so beschreibt in:
„Das Ende meiner Sucht“ von Olivier Ameisen, erschienen im Verlag Antje Kunstmann, München 2009



1 Kommentar:

MR.Baclo hat gesagt…

Ein sehr schöner kommentar zum Buch!
Ich nehme Baclofen nun seit anfang des jahres und das ist vür mich ein kleines wunder,seit 19j die ersten wochen ohne craving und gedanken an alkohol!

Ich veröffendliche mein baclofen tagebuch auf;

http://www.baclofen-forum.com/

für alle interessirten.

LG
Mr.Baclo