Samstag, 30. Januar 2010

Ungefähr 50 Prozent gelesen: Tony-Blair-Travestieroadmovieroman

Sue Townsend | Downing Street No. 10 | München | Heyne | 2007 | 334 Seiten | aus der Stadtbibliothek Köln-Mülheim (Kj ...)

Frau Townsend schickt in diesem Roman einen Doppelgänger Tony Blairs auf eine Reise durch die Elendquartiere der vereinigten Königreiche, was in Dickensian Manier ausgeführt vielleicht ganz reizvoll wäre. Leider muss der PM sich unbedingt als Frau kostümiert durch die Lande schlagen - die Begeisterung des britischen Humors für Männer in Frauenkleidern kann ich mir nur durch einen entschiedenen Mangel an a) dem rheinischen Karneval und b) katholischen Priestern erklären. Witzig finde ich das sehr beschränkt.

Am meisten überrascht hat mich, dass die deutschen Erstausgaben der Townsend-Romane in doch teils recht anspruchsvollen Verlagen erschienen waren, in der Edition Tiamat der vorliegende, andere im Haffmans-Verlag seligen Angedenkens (selig gedenkt natürlich nur, wer nicht zu den armen Hausautoren zählte).

Im Übrigen ließ ich mich zur Lektüre von Townsend-Romanen von einem recht angetanen Rezensenten des Deutschlandradios animieren, soweit es um mein stetes Bedürfnis nach anspruchsloser Einschlafliteratur handelt, fühle ich mich auch hinreichend befriedigt. Insbesondere erinnert mich ihr Erfolgs-Charakter Adrian Mole an meinen früheren Schulkameraden JP, was mich über gewisse Schwächen freundlich hinwegblättern lässt.

Im Fall der PM-Travestie aber leider: zu rund der Hälfte aller Seiten.


Freitag, 29. Januar 2010

Virgil Tibbs, ein „afrikanischer Polizist“

Laut PRISMA-Programmauskunft für heute ist Virgil Tibbs, ein Charakter im ihn im Titel führenden Film, ein afrikanischer Polizist. Ob das der WDR verbrochen hat? Oder war es die Redaktion der Fernsehzeitschrift?

Wie eine Generation von dunkelhäutigen US-Einwohnern, beginnend mit den Kindern der Sklaven, zur nächsten über ihre selbstgewählten (und -erkämpften) Ethnonyme stolpert, ohne dass den jeweiligen Gruppenbezeichnungen das erwünschte Maß an öffentlicher Anerkennung zuteil würde, beschrieb nach meiner Erinnerung schon die Verfilmung von „Roots“.

Es ist natürlich auch eine tolle Lösung, das Problem eines - vermutlichen - Anachronismus zu vermeiden (Virgil Tibbs hätte sich seinerzeit wohl kaum als Afroamerikaner bezeichnet, wie es zwischenzeitlich die political correctness vorsieht), indem man seine ethnische Bezeichnung gleich ganz nach dem Heimatkontinent seiner Vorfahren wählt.

Vermutlich ist dann der rassistische Dorfpolizist Gillespie aus dem Vorgängerfilm ein europäischer Polizeichef.

Sprächmäkelei als Tagesgeschäft oder -laune von:










Mittwoch, 27. Januar 2010

So, so - Eminenzen gab es also vor Managern...?

Der Erzbischof von München & Freising, Dr. Reinhard Marx, wird heute in der Süddeutschen Zeitung mit der Behauptung zitiert, Bischöfe habe es schon lange vor Managern gegeben.

Wenn ich es recht deute, kommt das Wort „Manager“ vom lateinischen „manus“, also „Hand“. Es wäre also keine allzu willkürliche Übersetzung das englischen „Managers“, ihn mit der Berufsgruppe der „Händler“ zu identifizieren.

Man könnte also schon nach flüchtigem Blick in die Bibel, die radikalprotestantischen englischen Diggers (etwas frei) zitierend, fragen: Als Adam pflügte und Eva spann / Wo war da der Kirchenmann? Oder anders formuliert: Wem begegnete Jesus beim Geldwechseln im Tempel?

Natürlich mag man derartige etymologisch-historische Fingerübungen nicht gegen den kapitalismuskritischen Kirchenmann aus Westfalen verwenden, er hat ja schon genug Kreuz damit zu tragen, Fürst der bayerischen Katholikenprovinz zu sein.

Indes könnte man doch dem Gedanken verfallen, dass das, was man an heutigen Managern kritisiert - nämlich zu weit weg von den im Wortsinne materiellen Dingen des Geschäftsverkehrs zu sein (Münzen, Waren, Maschinen, ihren Knechten, Mägden, neudeutsch: Arbeitnehmern) - eher dem traditionellen Berufsbild des Bischofs anverwandt zu sein scheint, als dem des guten alten Händlers, der seinen beruflichen Erfolg nicht Beziehungsgeflechten innerhalb einer halbkorrupten Infrastruktur (ich denke da an den Untergang des Hauses Quelle) oder einer semitheologischen Phrasenliteratur (ich denke da an Gutteile der betriebswirtschaftlichen Modell-Lehren) zu danken hatte.

Bischöfe sind Manager. Und die besten Manager sind mit der Materie vertraute Händler. So löst sich der episkopale Unfug wohl am ehesten auf. Meint:




P.S.: Warum interviewt die liberale SZ eigentlich den - aller Kapitalismuskritik zum Trotz - stockkonservativen Kirchenfürsten? Man hat doch in den eigenen Redaktionsstuben doch pastorale Eiferer genug.

Dienstag, 26. Januar 2010

Ansprengers Auflösung der Kolonialreiche | 4von123

Franz Ansprenger | Auflösung der Kolonialreiche | dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts | München, 4. durchges. & erweiterte Auflage 1984 [1.: 1966] | als Geschenk zum 15. Geburtstag 1986 | 340 Seiten

Der vierte Satz von Seite 123 lautet:
Von 1950 bis 1969 war er als Indris I. König von Libyen.
Er, das ist der 1890 geborene Mohammed Idris, der als Oberhaupt der Senussi-Bruderschaft zum Emir bestimmt wurde - im Zusammenhang mit der italienischen Machterschleich- oder -ergreifung in Nordafrika.

Ganz interessant, hier noch einmal nach über 20 Jahren etwas zur europäischen Kolonialpolitik in Afrika zu lesen. Das sollte zur europäischen Geschichtsbildung eher gehören als das Auswendiglernen von Herrschaftszeiten alteuropäischer (Möchtegern-) Potentaten, deren Nachkommenschaft heutzutage schlimmstenfalls als süddeutsche Großgrundbesitzerei kreucht oder als dermaleinistige Schwiegersohn-/-tochter-Kandidaten für die Familie des Pomadenprinzen Karl-Theodor Bundesverteidigungsministers taugt.

M.R.


idw für heute (14) - Demnächst Tanz der Trolle in der Unrechtsforschung?

Dem Informationsdienst Wissenschaft, idw, entnahm ich heute nur die interessante Meldung, dass Dr. Martin Schwab, Juraprofessor an der Freien Universität Berlin, online zu offensichtlich unrichtigen Zivilrechtsentscheidungen (insbesondere aufgrund Verletzung rechtlichen Gehörs) forschen will.

Nachdem ich zum Jahreswechsel meine ersten Erfahrungen mit einem Troll machte, steckt nun natürlich eine Unke in mir. Frisch geunkt: Ob Professor Schwab viel Freude an seinem Forschungsansatz haben wird?

Unrichtige Zivilrechtsentscheidungen? - Millionen unterlegene Prozessparteien können sich doch in ihren verletzten Gefühlen nicht täuschen? (Vielleicht analog zu den „religiösen Gefühlen“ die ja auch gern und schnell verletzt sind.) Immerhin beschränkt sich http://www.WatchTheCourt.org/ darauf, Juristen aller Berufe einzuladen, unverständliche Entscheidungen einzureichen. Ob aber unter Juristen die Trollquote geringer ist als in anderen Gesellschaftsgruppen?

Man wird noch lästerlich denken dürfen.

Donnerstag, 21. Januar 2010

Roger Willemsens Unverkäufliche Muster oder Die 90er-Jahre sind vorbei

Roger Willemsen | Unverkäufliche Muster | Frankfurt am Main | Fischer | 2005 | rund 500 Seiten | gekauft 18.02.2009, gelesen im Dezember des Jahres

Das Buch enthält bestimmt an die 250 gute witzige Gedanken oder doch wenigstens Wendungen, keine schlechte Größe, über die Seitenzahl gerechnet. Vielleicht 100 Äußerungen, die ein etwas doktrinäres Geschmäckle haben - insgesamt also kein schlechtes Gewicht.

Freilich: Wer die 1990er-Jahre nicht mit politisch und kulturell wachem Blick erlebt hat (zumindest einen größeren Teil derselben), wird vielem nicht ganz folgen können. Und an Eigenwitz sind die Wendungen Willemsens denn doch nicht (verglichen mit Alfred Polgar beispielsweise).

Vermutlich wird es nun einstauben; immerhin fast ganz gelesen. Soll der Willemsen doch lieber intelligentes Fernsehen machen. Ha'm 'wa, verglichen mit klugen Büchern, nüscht jenuch davon.






Sonntag, 17. Januar 2010

Ob sie beim Berlin Verlag bzw. der WamS alle Tassen im Schrank haben?

Die titelgebende Frage stellte ich mir, als ich dieser Tage die oben (farblich veränderte) Anzeige in der Zeitung fand. Über Richard Ford oder Khaled Hosseini möchte ich mich nicht auslassen, aber den so ziemlich in jeder Beziehung widerlichen Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell zu den „liebste(n) Romane(n) des Jahrzehnts“ zu zählen, wie es Elmar Krekeler und Matthias Wulff - ausweislich der Anzeige aus dem Berlin Verlag - getan haben sollen, kann selbst bei jenem flüchtigen Leser dieses Blogs Zweifel an der Geistesverfassung (der solcherart Zitierten oder Zitierenden) wecken, der meinem harschen Urteil über Littells pervers-abstruses Machwerk nicht in meiner vollen Schärfte beipflichten möchte.

Johathan Littells SS-Porno zu den liebsten Romanen zu zählen? Ich bitte Sie. Das kann doch nur der Welt am Sonntag passieren. Aber damit auch noch Reklame machen? Ich bitte Sie, wenn das der Führer Joachim C. Fest selig (um mal den vielleicht nicht historisch aber doch geschmackssicheren Verlagsgründer-Papa rhetorisch anzurufen) wüsste.

Freitag, 15. Januar 2010

Laura de la Motte, Klunkerexpertin beim HANDELSBLATT...?

Mit großem Vergnügen las ich heute, dass beim „Handelsblatt“ eine Dame namens Laura de la Motte über das Geschäft mit Edelsteinen schrieb. Das ist entweder ein genial gewähltes Pseudonym oder aber ein Anlass, sich ausnahmsweise doch scherzhafte Gedanken über den Nachnamen eines Menschen zu machen: eine (nicht ganz koschere) Comtesse de la Motte war immerhin in der berüchtigten Halsbandaffäre tätig, die mit dem Untergang der französischen Monarchie nicht wenig zu tun hatte.

Natürlich habe ich hinterher geguckt, ob es die Dame auch im bürgerlichen Leben gibt. Aber ich werde mir meine Kalauer hier doch nicht von Google totrecherchieren lassen. Wo kämen wir denn da hin!

Dienstag, 12. Januar 2010

Vandalen - Vandalismus im RP-Lokalteil

In Greifswald wird bekanntlich dieser Tage darüber abgestimmt, ob - nach dem jedenfalls juristisch leider unerheblichen Willen der Studenten - die Universtität weiterhin nach dem nationalneurotischen Fremdenhasser Ernst Moritz Arndt benannt werden soll.

Das hat natürlich in den Medien zur blöd verkürzten Frage geführt, ob man Arndt „für die Verbrechen der Nazis“ verantwortlich machen könne, sei der doch bei der Machtübergabe an den üblen Österreicher schon seine 70 Jahre tot gewesen. Gestern war im Radio ein Studenten-Sprecher zu hören, der sich redlich bemühte, den Aspekt zu verschieben: Auf die Frage, ob der Name Arndt nur für heute ein gutes Vorbild sein könne - ohne sich in den Fallstricken historischer Anachronismen bei der Bewertung einer Persönlichkeit verheddern zu wollen.

Das ging mir vorhin durch den Sinn, als ich las, dass ein Lokalredakteur sich frohgemut und ohne Not in einem historischen Anachronismus verstrickte. Sein sprachliches Opfer: Germanen auf Reisen. Ich glaube, den ersten Artikel zur Ehrenrettung der Vandalen, eines wanderfreudigen Stammes zu Zeiten der Völkchenwanderung, las ich vor rund 20 Jahren in der ZEIT: die Mär, dass sie bei ihren Wanderbewegungen veheerend durch die Lande gezogen seien, wurde damals schon ausgeräumt. Das Ding mit dem Vandalismus, das ist eine polemische Äußerung eines französischen Politikers geistlicher Herkunft zu Zeiten der französischen Revolution gewesen, runde anderthalb Jahrtausende also, nachdem die armen Vandalen längt auf dem Index der Gesellschaft für bedrohte Völker hätten landen müssen, ausgestorben wie sie es waren. (Natürlich kümmert sich besagte Gesellschaft eher um diesen albernen Dalai Lama, aber das ist noch weiter vom Thema weg, das hier zusammengerührt wird.)

In jüngster Zeit macht eine Ausstellung in Karlsruhe darauf aufmerksam, dass die armen Vandalen ihren schlechten Ruf welscher Lüge einem französischen Agitprop-Spin-off zu verdanken haben fast möchte man Ernst Moritz Arndt...

Nun lese ich im elektrifizierten Lokaltteil der Rheinischen Post, der sich meiner Herkunftsgemeinde (und der glücklicherweise nicht von Langenfeld okkupierten Nachbarschaft, Monheim) annimmt, dass Vandalen in der Öffentlichkeit Nazi-Schmierereien hinterlassen hätten: Monheim: Einbrecher sprühten Nazi-Symbole auf Pkw (RP ONLINE, 12.01.2010)

Die armen Vandalen. Ihnen wird so schnell keine historiografische Rehabilitationsmaßnahme helfen, solange Lokalredakteure ihren Ruf vandalisieren.




Sonntag, 10. Januar 2010

idw für heute (13) - Terrorismus-Fachdienst, Windows 7 wird nicht besser, Ritualforschung aus Erfurt

Merkposten für heute, gesammelt aus den vier Meldungen der vergangenen drei Tage:
  1. Ob es hierzu auch eine Übersetzung ins Arabische, Urdu oder Farsi gibt? Oder ins Biblebeltenglische? - Von Interesse: eine Studie zum Terrorismus.
  2. Meine EC-Karte funktionierte in den vergangenen Tagen tadellos. Was mich aber nervt ist, dass sich das Hintergrundbild unter Windows 7 nicht mehr verändert. Eingeforeren, ausgerechnet das Winterbild, als ob ich das nicht beim Blick zum Fenster hinaus schon hätte. Zweifel bleiben, ob die Bemühungen, fehlerlose Software zu produzieren je so weit reichen werden.
  3. Käme die Meldung statt aus Erfurt aus Köln, man wüsste, sie wäre einige Wochen später publiziert worden, passen doch wissenschaftliche Bemühungen um Rituale in der frühen Neuzeit doch ganz gut zum kölschen Fasching, der demnächst wieder übers Land hereinbrechen wird.
Das war es schon.

Määäßige Esyaistik

Viktor Jerofejew | Russische Apokalypse | Berlin | Berlin Verlag | 2009 | 255 Seiten | erworben am 31.12.2009

Einigermaßen vollständig gelesen, kann also nicht völlig schlecht sein. Überblättert einige Seiten, die der Unterhaltung des Verfassers mit einem Pferd gewidmet sind. (Anspielung auf Jonathan Swift? - Keine Ahnung!)

Das Buch hinterlässt ein bisschen den Eindruck, dass es sich dank des bekannten Namens verkaufen soll. Ob ich noch Lust habe, einen durcherzählten Text zu lesen, nach der Enttäuschung dieser eher mittelmäßigen Essayistik? Keine Ahnung.

Gut, aber beleibe nicht kräftig genug, um sich im Leserhirn festzuzurren, sind vielleicht Stücke auf Solschenizyn oder Puschkin. Kaum mehr.

Haften bleibt (vorläufig), dass Jerofejew viel Sex im Kopf hat. Aber: Der Mann ist Jahrgang 1947. Wen soll das also wundern.

Übrigens möchte ich mir 2010 keine Bücher zum Eigenverzehr anschaffen, also:







Donnerstag, 7. Januar 2010

FernUni Hagen - ein deutsches Winteramt

Heute von der FernUni Hagen Post bekommen. Das modisch-blöde „...nU...“ hat mich heute nicht gestört. Denn gefreut hat mich, dass eine deutsche Behörde gründlich ihres Amtes waltet: In Gestalt der Poststelle das verfristete Gestempel ausmerzend.
So hat das zu sein!

(Natürlich hat mich weniger gefreut, dass ich die Unterlagen, die hier angefordert wurden, bereits längst abgeliefert hatte. Doch darüber blickt man bei diesem Vor-Bild an Korrektheit gerne hinweg.)

idw für heute (12) - Ob die tollen Bundesagenten auch gemeint sind - Meldung 1

Meldungen, die heute nach Neigung oder Zufall zu lesen waren:

  1. Dass auch für die Weiterbildungsbranche ein gesetzlicher Mindestlohn diskutiert wurde, jedefalls vor dem Regierungswechsel zu den so genannten bürgerlichen Parteien, erfuhr ich erst hieraus. Sollte meine Prima-facie-Vermutung stimmen, dass es sich bei den von der neuen Diskussion (bzw. deren Stop) Betroffenen nicht zuletzt um Staatsgroschen-Empfänger der Bundesagentur für Arbeit handelt, hat das Thema natürlich Symbolcharakter. (Obwohl Falschirmjäger Niebel sich in diesen Gefilden ja nicht austoben darf.)
  2. Mal schau'n, wie lange es dauern wird, bis jemand aus dieser Entscheidung ein antisemitisches Stricklein dreht: Von wegen, dass doch Nicht-Juden wegen der höheren Analphabetenrate und des überhaupt geringeren Bildungsgrads auf Spenderherz und Ausleihniere diskriminieret (dissskrimniiiieheherettt, frei nach Bachs Passion) würden.
  3. Ich kuck aus dem Fenster auf die - angeblich - luftschadstoffbelasteste Straße Kölns und könnte mich wahrhaftig diskriminiert fühlen. Bin aber nicht so. Außerdem habe ich zur Not ja einen Organspendeausweis, würde aber nicht nach Israel wollen. Nicht zum spenden, und auch so nicht.
  4. Mit Sicherheit enthält der hier vermeldete Band über die Diener an Sicherheit und Ordnung Interessantes auch zum Thema Krimen und Diskrimen.

Mittwoch, 6. Januar 2010

100% gelesen: Spinnen & Posner - Klarsichthüllen

Burkhard Spinnen & Eberhard Posner | Klarsichthüllen | Ein Dialog über Sprache in der modernen Wirtschaft | Hanser | München & Wien | 2005 | 201 Seiten

Als einer von der eher kulturpusseligen Sorte Mensch hat man ja durchaus seine Berührungsängste gehabt, bevor einem ein Vertreter dessen, was man bös verengend „die Wirtschaft“ nennt leibhaftig begegnet ist. Dann merkt man, dass nicht nur von General an aufwärts der gemeine Soldat ein brauchbarer Mensch ist, sondern beispielsweise auch mit dem Mitarbeiter eines Consultingunternehmens angenehme Gespräche geführt werden können.

Burkhard Spinnen, promovierter Germanist und schöngeistiger Schriftsteller, hat diese Erfahrung schon vor längerer Zeit gemacht und verziert nun die deutsche Publizistik mit einem ums andere Werk, das sich dem annimmt, was - wie gesagt: meist verkürzt - als die Wirtschaft bezeichnet wird. Seine gesammelten Wirtschaftsprachglossen „Gut aufgestellt“ kann ich denn auch nur wärmstens empfehlen, sein „Der schwarze Grad“ liest sich nur behaglich, wenn man - wie dies bei mir als Sparkassenzögling ja ohne weiteres der Fall ist - eine gewisse Affirmation zum Mittelständischen vorhanden ist.

Im vorliegenden Band geben sich Spinnen und der langjährige Chef der Siemens-Unternehmenskommunikation, Eberhard Posner, gegenseitig das Wort zu verschiedenen Aspekten „der Wirtschaft“, beispielsweise zur Verantwortung des Managements oder der Rolle des Flurfunks. Spannend hätte ich etwa eine sardonische Zwiesprache über die deutsche Wirtschaftspresse gelesen, aber mit der wollten es beide wohl nicht verderben.

Beim Einscannen des Buchdeckels bemerkte ich erst die Bildsprache: Luftballon trifft auf Kaktus. Das hat sich dieses Buch leider nicht verdient - hätte es vielleicht, mit Themen wie dem soeben als ausgespart erwähnten.

So ist es doch recht brav. Mir war es recht behaglich zu lesen, ein Disput zwischen, sagen wir: Niklas Luhmann und Milton Friedman in der Hölle, hätte mich mehr gereizt, als es die braven Ballzuspielereien zwischen ökonomisch interessiertem Schriftsteller und nicht unschöngeistigem Unternehmenskommunikator vermochten, gleichwohl bleibt das gesunde Fazit: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“








P.S.: Falls hier jemand mitliest: Leider habe ich ja zum Jahreswechsel quasi das Gelübde abgelegt, 2010 kein Buch zum Eigenkonsum zu kaufen. Daher wäre es natürlich nett, würde sich jemand durch den Button „Alle Wünsche...“ anregen lassen.

Dienstag, 5. Januar 2010

Ein neuer Ansatz in der Suchttherapie von Alkoholkranken?

Ursprünglich veröffentlichte ich den nachfolgenden Text im „Stadtmenschen“-Portal des Kölner Stadt-Anzeigers. Erscheinungsdatum war dort der 1. Januar, passend zu den vielfältigen Kater-Tipps, die rund um die Feiertage allenthalben publiziert worden waren. Warum ich den Text hier zusätzlich online stelle, dazu mehr in meinem Köln-Blog.

Berichte von Menschen, denen es gelungen ist, sich aus einer lebensvernichtenden Suchterkrankung herauszuwinden („befreien“ wäre zu pathetisch und wird dem Vorgang ja oft nicht gerecht), haben inzwischen keinen Seltenheitswert mehr. Manch einer dieser Berichte fällt dann missionarisch aus, man will Nachahmer finden, manche Schilderung ist unter dem Eindruck der vorherrschenden Selbsthilfegruppen-Infrastruktur („AA“, „Blaues Kreuz“, „Kreuzbund“) sogar religiös eingefärbt.
Andere Autoren vermitteln auch ohne missionarischen Hintergrund den Eindruck, dass ihr Leidensweg und die Wende in ihrem Leben einzigartig seien. – Es sei ihnen gegönnt, dass sie von sich selbst schwer beeindruckt sind oder überrascht, das Leben nun halbwegs genießen zu können.
Dem Leser muss sich dieses Erweckungsgefühl nicht erschließen. Man fühlt da nicht zwingend mit.

Olivier Ameisens Buch entspricht erfreulicherweise nicht meinen eher negativen Vor-Urteilen von der Selbsterfahrungsliteratur (ehemals) Suchterkrankter. Ameisen (man spreche den Namen in Gedanken französisch oder englisch aus) wurde in vergleichsweise reifem Alter – als praktizierender, ja sogar prominenter und äußerst erfolgreicher Mediziner – alkoholabhängig. Und zwar in der nahezu schwersten denkbaren Form – schleichend am Beginn, mit Knochenbrüchen und fortschreitendem sozialem Verfall gegen Ende.

Er ist gleichwohl ein gutes Beispiel dafür, dass man mit Alkoholismus nicht den sprichwörtlichen „Penner auf der Parkbank“ verbinden darf: Olivier Ameisen erwarb dank hoher Intelligenz als Heranwachsender vorzeitig das französische Abitur, entschied sich nach einem Vorspielen bei Arthur Rubinstein dafür – trotz seiner Begabung – keine Ausbildung zum professionellen Pianisten anzustreben, sondern Mediziner zu werden. Ameisen war in jungen Berufsjahren Leibarzt des französischen Premierministers (ein Restfeudalismus, den wohl nur die französische Republik kennt), machte sich als Kardiologe einen Namen, wurde wissenschaftlich in die USA berufen.

Zum Erbe seiner Eltern, Holocaust-Überlebenden aus Polen, zählt ein starkes Element der Angst in seinem Leben – ohne dass Ameisen seine spätere Suchterkrankung monokausal darauf zurückführen würde.
Den Alkohol wendet Ameisen zunächst über einen längeren Zeitraum als entspannendes, vor allem aber angstlösendes Mittel ein – in Beziehungskonflikten oder bei Auftritten, in denen er seine musikalische Begabung unter Beweis stellt. Ängste, Versagensängste treiben den berühmten Arzt und Wissenschaftler immer tiefer in die Sucht, bis er – dank eines starken Rests an Verantwortungsgefühl – seine berufliche Praxis aufgibt.

Inzwischen in New York lebend macht Ameisen Bekanntschaft sowohl mit der (halb-) staatlichen Ärztebürokratie, mit verordneten und freiwilligen Entziehungskuren oder bloß ambulaten Ausnüchterungs-Schnelldurchläufen. Weder diese (nach den Beschreibungen allenfalls) halbwegs professionellen Maßnahmen noch Psychotherapien unterschiedlichen Zuschnitts oder die einschlägig bekannten Selbsthilfegruppen brechen den Teufelskreis aus Rückfällen, zeitweiliger Nüchternheit, Hilfe und Selbsthilfe, moralischem Restverhalten und Schuldzuschreibungen von Seiten der Freunde, Eltern, Geschwister auf.

Durch den Hinweis einer Freundin stößt Ameisen auf ein Medikament („Baclofen“), das bisher am Menschen nur zur Vermeidung von Muskelkrämpfen eingesetzt wurde und für die Behandlung von Suchterkrankungen weder zugelassen noch am Menschen erprobt ist – ein Medikament mithin, dessen heilende Wirkung bei Suchtphänomenen nur ansatzweise im Tierversuch erprobt wurde.

Olivier Ameisen nimmt das Medikament schließlich im Selbstversuch ein, in dessen Verlauf er skrupulös die notwendige Dosis erhöht. Ein nicht ungefährliches Verfahren, werden im gewöhnlichen Gebrauch von Baclofen bei muskulären Erkrankungen doch deutlich geringere Mengen verabreicht. Man verrät hier kein Geheimnis: Das Medikament wirkt, dem Bericht des „Experimentators“ folgend, offenkundig und es nimmt Ameisen nunmehr seit fünf Jahren das so genannte „Craving“ – zu Deutsch: das unstillbare Verlangen nach dem Suchtmittel Alkohol.
An dieser Stelle könnte Ameisens Buch jenen schalen Geschmack hinterlassen, den reißerische Berichte in der Tageszeitung mit den großen Buchstaben hinterlassen, wenn „Springer“-so genannte-„Journalisten“ wieder einmal ein Wundermittel gegen Krebs oder eine andere unheilbare Krankheit „entdeckt“ haben. Dazu ist Olivier Ameisen aber zu gewissenhaft, sein Bildungs- und Wissenschaftsverständnis zu sehr das der französischen Oberschicht und sein Respekt vor den Einsichten, den ihm etwa lebenskluge Menschen in Selbsthilfegruppen wie den „Anonymen Alkoholikern“ vermittelt haben, zu groß.

Sein Anliegen, das er mit diesem Buch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, ist es, zu verhindern, dass die – immerhin in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift dokumentierten – Ergebnisse seines nunmehr fünf Jahre zurückliegenden Selbstexperiments ungenutzt und für die breite Suchttherapie unbeachtet bleiben. Denn diese Gefahr droht auch heute noch, weil sich der medizinisch-industrielle Komplex augenscheinlich nicht hinreichend für Ameisens Erkenntnisse interessiert.

Ameisen fordert daher nach wie vor breit angelegte, wissenschaftlich gut abgesicherte medizinische Studien zur Wirksamkeit von Baclofen – das im Gegensatz zu anderen Substanzen, die bislang bei Alkoholabhängigen eingesetzt werden, offenbar selbst nicht abhängig macht – und beklagt die weitgehende Untätigkeit von Gesundheitsbehörden, der Ärzteschaft und der Nichtregierungsorganisationen im Gesundheitswesen – trotz des privaten und öffentlichen Elends von Suchterkrankten.

Mein Fazit: Wer nur wenige Kilometer durch eine Großstadt wie Köln spazieren geht, sieht bei wachen Augen mehr als nur eine offene (illegale) Drogenszene im Straßenbild – um „bloß“ augenscheinlich Alkoholabhängige zu sehen, braucht es keines so langen Spaziergangs, in Köln trägt ja der Alkoholkranke von Welt seine Flaschen gerne öffentlich herum. Um aber nicht zum Ende dieser Besprechung noch bösartig zu werden, möchte ich sagen:

Ignoranz von verantwortlichen Stellen gegenüber dem Phänomen „Sucht“ und einem möglicherweise hochpotenten Medikament kann sich keine Gesellschaft leisten. Wer Augen hat zu sehen, sieht das jeden Tag auf der Straße, im Bekannten- oder Freundeskreis, in der Familie.
Olivier Ameisen könnte für (Alkohol-) Suchtkranke werden, was Ignaz Semmelweis für die Wöchnerinnen des 19. Jahrhundert war: Ein Arzt, der ungezählte Leben rettet, sobald es sich seine Kollegen nicht mehr leisten können, neue Erkenntnisse zu ignorieren. Erfrischend, dass Ameisen sich selbst so nicht sieht, jedenfalls nicht so beschreibt in:
„Das Ende meiner Sucht“ von Olivier Ameisen, erschienen im Verlag Antje Kunstmann, München 2009