Donnerstag, 16. Dezember 2010

Neuer Adel

In der Onlineausgabe „Süddeutschen Zeitung“ wird ein Artikel „geteasert“ mit den Worten:
Prinz Michael zu Salm-Salm verdient sein Geld mit Wein, Wald und Wandelanleihen. Im Gespräch mit der SZ erzählt er von den Anlagetipps seiner Mutter - und Ohrfeigen im Wald.
Komisch. Nicht die „Ohrfeigen im Wald“, sondern der Name des Citoyens Salm-Salm. Die Reichsverfassung von 1919 hat die Adelsvorrechte abgeschafft, die Titel dürfen als Teil des Namens weitergeführt werden, hier also: „ Michael Prinz zu...“. Die Autorin des Artikels macht das im eigentlichen Text auch richtig. Den Teaser hat aber vermutlich irgend ein bayerisch-monarchistischer Onlinehengst (m/w) geschrieben, dem die neuerdings durch's Land geisternden Barone, Freiherren und Prinzessinnen zu Kopf gestiegen sind.

Scheußlich.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Mittwoch, 10. November 2010

Merkwürdiger Text: Todesanzeige

Wenn ein Mann des Jahrgangs 1913 verstirbt und seine Hinterbliebenen in der „FAZ“ nachrufen
„Ein reiches Leben voller Tapferkeit im bedingungslosen Kampf für das Vaterland, für Familie und Kameraden ging zu Ende.“
ist man natürlich versucht, überrascht zu sein, dass ein erfolgloser Hitler-Attentäter oder emigrierter Anklagevertreter der Nürnberger Prozesse unbekannt überlebt hat und nun hochbetagt verstorben ist.

Eine (ohnehin schon ironisch gebrochene) Überraschung, von der nach einem Blick in die Wikipedia nichts übrig bleibt.

Dienstag, 9. November 2010

Frank Schätzings „Tod und Teufel“

Zwei Dinge interessieren mich gerade noch so eben an diesem Historienkrimi Frank Schätzings:
  1. Gibt es - vom Sprachlichen abgesehen - Anachronismen, bevor das Stinktier auftaucht?
  2. Stammt der Name der teuflischen Hauptfigur aus einer britischen Quelle oder nur aus einer schottischen?

Samstag, 23. Oktober 2010

Heiliger Thomas von Aquin, bete für uns ...

... denn mit diesem thomistischen Satz
„Unsere Strompreise sind fair“,
ihren Gesprächspartner mit ihm zitierend, überschreibt die Süddeutsche Zeitung heute ihr gewiss nicht moraltheologisch fundiertes Interview mit dem Eon-Vorstandsvorsitzenden Johannes Teyssen „über Kundenproteste und Fehler im Energiekonzept“.






Sonntag, 10. Oktober 2010

Eros zum Opa machen?

Von Kölner Bilder ohne Anspruch

Das wird den Ramazottleros sicherlich freuen, dass seine ihm verschiedene Gattin schnellstmöglich die Lektürebedürfnisse deutscher Drecksblätterkäufer bedienen will.

So man der Botschaft glaubt.
Also eher nicht.

Einen tieferen Blick in die so genanten Boulevardmedien (passenderweise aufgenommen an der sehr urban-fußläufigen Luxemburger Straße) als den auf die konkav-verdrehten Abfallbehälter leiste ich mir keinesfalls.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Ein bisschen intellektueller Stolz: Epikur, Buddhismus

Bis ihn mir Hans Blumenberg ein bisschen madig machte (als Verkörperung einer über ein Idol gesteuerten Ethik [am Ende]), nahm ich den griechischen Philosophen Epikur gerne in meine Käsekästchenwelt auf. Halbbildung, aber mit Schmackes.

Ungefähr mit 20 Jahren, ohne Abitur und ähnlichen Weihegraden, schrieb ich einmal einem Menschen, der während des Zivildienstes meine so genannte politische Bildung zu verantworten hatte, einen bösen Brief - weil mir seine buddhistischen Anwandlungen gegen den Strich gingen.

Epikurs philosophische Hinterlassenschaften, so meinte ich ihm mitteilen zu müssen (ach, Mitteilungsbedürfnis der Jugend!), ähnelten doch in vielem dem Buddhismus. Da könne man doch besser in der halbwegs einheimischen Überlieferung Wurzeln schlagen, statt sich im esoterische Bereich ostasiatischer Lehren herumzufrömmeln.

In den rund 20 Jahren dazwischen schnappte ich wohl mal auf, dass ein englischer Historiker in einer Alternativgeschichtserzählung den Gedanken einer Einheit von hellenischer und ostasiatischer Kultur zusammenfabuliert hatte (als Antwort auf die Frage, was geschehen wäre, hätte Alexander von Makedonien nicht frühzeitig das Zeitliche gesegnet).

Doch, dass die Verbindung zwischen Epikur und dem Buddhismus möglicherweise einen ganz realen Hintergrund gehabt haben könnte, das las ich gerade vorhin in der Enzyklopädie moderner Halbbildung. Und das macht mich schon ein bisschen stolz.

Mittwoch, 29. September 2010

Meditation über Stellenausschreibungsblödsinn


Im Job-Newsletter sah die Kurzform dieser Stellenausschreibung der Bertelsmanntochter Arvato wirklich lustig aus. Gesucht werden „m/w“.
Vermutlich sollten die „Professionals“ ja noch mit in die Oberzeile, ob das aber die Verständlichkeit erhöht hätte?
Nebenbei: Kürzlich las ich in ein, zwei Tagen eine 400-seitige Al-Capone-Biografie am Stück und auf Englisch. Können kann ich das also. Ein paar Tage später, ich glaube in der FAZ, fand sich ein Blick auf die Verzweiflung ehemaliger QUELLE-Mitarbeiter, die - weil sie nie Englisch (gut) gelernt hatten - nunmehr noch nichteinmal mehr die verquast-englischen Stellenausschreibungen verstünden.
Mir zieht das gelegentlich echte Zornesfalten über die Stirn. Man ist ja noch fähig, Mitleid zu empfinden.









Mein Status

Dienstag, 14. September 2010

SPIEGEL von gestern: Verteidiger des Glaubens

In der Ausgabe von gestern sumpfte die SPIEGEL-Redaktion vorzüglich im religionshistorischen Abseits: Namens seiner Königin habe noch Tony Blair den Papst zum Besuch in Großbritannien eingeladen, jener Monarchin
Elizabeth II., zu deren Titeln ebenfalls das papstähnliche Amt einer „Verteidigerin des Glaubens“ gehört.
Korrekt wird zuvor schon angemerkt, dass bereits Heinrich VIII. den Titel trug. Hübscher Anfall von Halbbildung, wurde der Titel „Verteidiger des Glaubens“ der englischen Krone doch vom Papst verliehen - übrigens dem später böse abtrünigen Heinrich, als der noch gut-katholisch war: als Auszeichnung für seine - noch - stramm anti-protestantische Haltung.

Mittwoch, 8. September 2010

Erstaunlicher Bewertungswandel beim Online-T-Shirt-Drucker

Vorhin erhielt ich eine E-Mail, in der ich eingeladen werde, mich mit dem Angebot eines Unternehmens anzufreunden, dessen Leistungsversprechen darin besteht, T-Shirts zu bedrucken, die man selbst zuvor online über ein Tool des Unternehmens gestaltet hat.

Im Sommer 2009 habe ich diese Dienstleistung genutzt, jedoch meine per Vorkasse erbrachte Zahlung ohne jede Gegenleistung oder Antwort auf wiederholte Erinnerungen/Mahnungen als verloren in den Wind geschrieben. Die Staatsanwaltschaft habe ich damals nicht bemüht, sie hätte vielleicht den Betrugstatbestand geprüft, aber was soll das bringen...?

Nicht das intelligenteste Verhalten meinerseits, aber da ich das erste Mal in dieser Weise hereingefallen war und der Betrag sich mit rund 20 Euro in Grenzen hielt, konnte ich das als Lehrgeld verbuchen.

Nun also erhielt ich Reklame per E-Mail, was eine kleine Googlesuche nach sich zog, ob sich in der Einschätzung des Unternehmens in der Community inzwischen etwas getan hat, zunächst der Link auf die Erfahrungsberichte, die ich vor meiner Bestellung hätte lesen sollen:

Interessant zu sehen, wie sich bei einem Unternehmen im Lauf der Zeit die Einschätzungen auf einer Bewertungsplattform doch ändern können.

Und nun aber das sehr erfreuliche Resultat neuerer Zeit: Bewertungen heute, 08.09.2010!

Das kann ich mal ganz ohne Ironie schreiben (Ironie kann an dieser Stelle ja leicht justitiabel werden), wenngleich ich mir bei der Lektüre der Bewertungen natürlich meine Gedanken mache.

Dienstag, 7. September 2010

Wiki-Tagesartikel

Über den Artikel des Tages stieß ich auf diesen. Manchmal ist man froh, mit gut katholischem Weihwasser getauft zu sein. Was sich die Protestanten für mörderisches Personal in Ehrenämter berufen haben, geht auf keine Kuhhaut: nach dem Krieg, in freiheitlich-demokratisch geordneten Zeiten.

Montag, 30. August 2010

Warum ich mich mit Herrn S. nicht auseinandersetze

Das Wort „auseinandersetzen“ stammt, wenn ich mich korrekt erinnere, ohne dabeigewesen zu sein, aus der älteren deutschen Rechtssprache (nicht der zotteligen Germanen, eher des Mittelalters). Es hatte wohl die buchstäbliche Bedeutung, dass Tisch und Bett, Bett und Tisch auseinandergesetzt wurden. Ob man das dem Schuld- oder dem Eherecht zuzuordnen hat, dessen kann ich mich nicht entsinnen.

Im übertragenen Sinn bedeutet es, klar zu argumentieren, worin man sich in seiner Position von einem anderen unterscheidet. Dazu bedurfte es im Fall Thilo Sarazins nicht wirklich viel. Zwar halte ich die phrasenhafte Unlust dessen, was nach Helmut Schmidt gern als „politische Klasse“ bezeichnet wird, sich mit ihrem provokationslustigen Bundesbankprodukt Thilo Sarrazin (argumentativ!) auseinanderzusetzen, ziemlich erbärmlich. Mir genügte aber selbst ein argumentativer Schnellschuss. Im Vorabdruck aus Sarrazins Abschaffungsbuch, der den SPIEGEL vergangenen Montag zu finden war, hieß es gleich im ersten Satz:
„Es ist das Recht einer jeden Gesellschaft, selbst zu entscheiden, wen sie aufnehmen will, und jedes Land hat das Recht dabei auf die Wahrung seiner Kultur und seiner Traditionen zu achten.“
Wenn ich mir das so zurechtlege, komme ich auf die Idee, dass es schon unsinnig ist, einer Gesellschaft irgendein Recht zuzuschreiben. Man muss kein Luhmannianer strenger Observanz sein, es fragwürdig zu halten, dass eine Gesellschaft mit Wirkung gegen einen einzelnen Menschen Rechte hat. Ein Staat, ja, natürlich. Aber Sarrazins erster Teilsatz ist schon nach klassischer Staatslehre problematisch.
Kommt dazu, dass „jedes Land“ Exklusionsrechte haben soll. Gut, hier wird im Stil rhetorischer Wortabwechslung Land synonym zu Gesellschaft gesetzt. Gleichwohl steigt in mir das Gefühl auf, dass Sarrazin an einer „konkreten Ordnung“ bastelt (die historisch bekanntlich ja auch nie trennscharf war, was dieses NS-Konzept mit der Sarrazinschen Rhetorik gemein hätte). Da sind dann im Zweifel Blut und Boden die Eigentümergemeinschaft an den Immobiliarwerten „Kultur“ und „Tradition“, was den fabulösen Entitäten „Gesellschaft“ und &#Land“ Abwehrrechte gegen Dritte einräumt.

Man sollte sich eigentlich den Spaß machen, Sarrazins Buch einzuscannen, und im Suchen- und Ersetzen-Modus „BluBo“ einzufügen.


Fazit: Sarrazin werde ich nicht lesen. Will ich das Original zur Kenntnis nehmen, lese ich gleich Carl Schmitt.

Nebenbei: Dass der SPIEGEL-Vorabdruck mit „Was tun?“ überschrieben ist, diese Leninistische Albernheit wurde wohl bislang gar nicht zur Kenntnis genommen.

Dienstag, 17. August 2010

Wikipedia - Losung des Tages

Jeden Tag einen frommen Spruch zu wählen, dem Tag einen Sinn zu geben - das erste Mal habe ich das wohl während des Zivildienstes bei einer älteren Dame beobachtet, die dazu ein Büchlein der Herrnhutter besaß. Sie selbst saß derweil in einer gerontopsychiatrischen Station fest, wegen eines Suizidversuchs, Jahre oder Jahrzehnte vor dem. Kein günstiger erster Eindruck davon, mit frommer Literatur Sinn stiften zu sollen.

Wikipedia bietet nun jeden Tag einen Artikel feil, der zu den besseren dieser Enzyklopädie famoser Halb- bzw. 150-Prozent-Bildung gezählt wird. Heute schien mir die Auwahl ein subkutanes Band der Sympathie zu erwähnter alter Dame zu spinnen. Es schauderte mich zwar noch nicht beim Eintrag zur finnischen Sängerin Tarja Turunen. Gesangskunst im östlichen Baltikum hat sicher neben schönen auch schon üblere Anklänge gehabt.

Beim Hören eines Beitrags besagter Sängerin verklebten sich mir aber spontan die Ohren und es fröstelte nunmehr nicht bloß subkutan:



Kitsch, kitschig, kitschigst. Für die Waldbrüderinnen und -brüder der Gegenwart.

Montag, 19. Juli 2010

Ole von Beusts Alles-hat-seine-Zeit-Zitat

Zugegeben, ich habe nur aufgeschnappt, was sich die Rundfunker zurechtgeschnitten hatten, aus Ole von Beusts Rücktrittserklärung mit Bibelbezug. So oder so ähnlich:
Alles hat seine Zeit, heißt es in der Bibel. Das gilt auch für Politiker.
Obwohl ich mich nicht als besonders bibelfest bezeichnen würde (allenfalls in dem Sinn, in dem Otto Schily das einmal tat), dachte ich sofort: „Kohelet“. Und siehe da, dieses leicht bis mitteschwer depressive Buch der vorchristlichen Bibel ist tatsächlich einschlägig.

Fragt sich nur, was es zu heißen hat, wenn einem zurücktretenden Politiker ein doch recht depressiv gestimmter Bibelabschnitt einfällt - persönlich, aber auch, was ihre Politik angeht. Denn, bei Licht besehen, ist das Ole-von-Beust-Zitat ja fast das Freundlichste, was sich im düstren Bibeltext finden lässt.

Nur gefragt:



Montag, 12. Juli 2010

Ferengis - Rottweiler wissen's nicht

Wie komme ich noch gerade darauf?

Ach, irgendwie stieß ich vorhin auf ein Blog, über dessen Inhalt ich mich gar nicht groß äußern kann. Mangels Kenntnis.

Mir stieß bloß der Name auf, „ANTIFERENGI“. Ob irgendetwas Ausländerfeindliches vielleicht dahintersteckt?

Nein. Klar, dass sich „Ferengi“ mit ziemlicher Sicherheit auf eine Gruppe Außerirdischer in der bei Licht besehen doch eher dämlichen Star-Treck-Mythologie bezieht.

Kaum zu glauben, aber wahr: Unter dem Schlachtruf „ferenghees“ hetzten indische Nationalisten im 19. Jahrhundert gegen die Außerirdischen Ausländer - in Gestalt britischer Imperialisten, deren Sprache - „foreigners“ - sie sich dabei verballhornt bedienten.

Robert Darntons „George Washingtons falsche Zähne oder Noch einmal: Was ist Aufklärung“ gehört zu den weniger oft gelesenen Büchern. Dort findet sich nämlich der Hinweis aufs „f“-Wort.

Diese beiden Rottweiler wussten's vielleicht nicht.

Montag, 28. Juni 2010

SPIEGEL lädt heute dazu ein, den Mund aufzureißen

Jedenfalls fühlte ich mich eingeladen. Es ist eben so ansteckend, das Malcolm Gladwell gleich ein halbes Buch darüber schreiben konnte.

Mittwoch, 2. Juni 2010

NZZ: 20% von 420.000 = 20.000

„Jeder fünfte Biss endet tödlich

Rund 420 000 Menschen wurden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2008 von einer Giftschlange gebissen. Etwa 20 000 Konfrontationen endeten tödlich.“ (abgerufen 02.06.2010, 7.56 Uhr)

Irgendwie rechnet sich das nicht, was die Neue Züricher Zeitung heute zu Giftschlangen publizierte. Meine erste Million werde ich bei solchen Zahlmeistereien vermutlich nicht zwischen den Bergen anlegen.

So weit kann ich meine Giftzähne ja schon mal zeigen.

.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.

Berufsständisch kann ich zusätzlich mein Missfallen über fehlende Tageszeitungskorrektorate und -dokumentationjournalistik äußern:






Montag, 17. Mai 2010

Neonatologie



Oben: Ein Film, der die Bedeutung von Hebammen beschreibt. Natürliche Geburt in künstlichen Farben und Formen.
Hier: Der Link führt zu zwei hochgradig relevanten Büchern zur Geburt eines Frühchens und Wesen und Unwesen der neonatogischen Betreuung.

Im Grundgesetz weht ein Wind vom 4. Laterankonzil her?

„Das in den westlichen Kulturen herausgebildete Verständnis von der bedingungslosen Würde des Menschen beruht nicht nur auf dem philosophisch-theologischen Lehrsatz von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, sondern, in noch höherem Maß, auf der Geschichte von der Selbsterniedrigung des trinitarischen Gottes in Jesus Christus, hin zu denen, die ihre Gottesebenbildlichkeit und Würde schuldhaft verdorben und verspielt haben, also: hin zu denen, die wissen, dass sie alle Bedingungen verfehlt und einen Anspruch auf Würde verdorben haben.“

Diese, um es möglichst neutral zu formulieren, bemerkenswerte These stellt Dr. Rainer Grauf, München, in einem Leserbrief auf, der in der Frankfurter Allgemeinen von heute (Nr. 112, Seite 8) veröffentlicht wurde. Sie führt ihn zu Bedenken, was die Fähigkeit muslimischer Bürger betrifft, zu einer „wesenhafte[n] Übereinstimmung“ im Verständnis der grundgesetzlich verbrieften Menschenwürde zu kommen.

Äußerst bemerkenswerte Haltung. Ich hoffe, die Damen und Herren des Parlamentarischen Rates hatten ihre Kirchenväter gründlich studiert.

Montag, 26. April 2010

Melvin, ein Sympathieträger

einzlkind: „Harold“ | Berlin | Edition Tiamat | 2010

Bin jetzt auf Seite 154 und entdecke in Melvin, der 11-jährigen, verschrobenen, überbordend belesenen kleinen Mistkröte bisher nur alteregoistische Sympathiewerte.

Wer wohl hinter dem rätselhaften Pseudonym „einzlkind“ steht? Ich vermute fast, die Lektorin, Gabriele Monjau, hat den Autor in irgendeinem Irishpub in Düsseldorf aufgegabelt (das Verrräuchertrothaarige des Porträtbildes spräche dafür). Was jedenfalls freundlicher geunkt ist als das Gekröte, das zu diesem Roman im Hessischen Rundfunk gequakt wurde.

Montag, 19. April 2010

Erregte Krebse

Trotzdem hat oft ein ungutes Gefühl, wer sein Essen in der Mikrowelle zubereitet. Einst von Ernährungswissenschaftlern ausgesprochene Warnungen vor Krebs erregender Strahlung, die auch noch die Nährstoffe im Essen zerstört, geistern im Hinterkopf herum. (Quelle)
Ich lese derzeit „Der Schwarm“ von Frank Schätzing, weil ich - als das Buch damals herauskam - anderweitig beschäftigt war. Darum weiß ich jetzt, dass Krustentiere von bösen ozeanischen Strippenzieherkreaturen, den sogenannten Yrr, erregt werden.

Ich kann mir natürlich vorstellen, dass sich Krebse auch von Mikrowellen erregen lassen, so wie komische Menschen vom millieuspezifischen Rotlicht, ich fürchte aber, dass diese Wendung von Jasmin Michels im „Kölner Stadt-Anzeiger“ nicht gemeint war.

Ich persönlich tendiere grundsätzlich dazu, mit Sprache möglichst starke Distinktionsmöglichkeiten zu erzeugen (insbesondere Lyriker und andere Sprachspieler sind ihrer bedürftig), statt halbgare Alternativen als korrekt darzustellen.






Montag, 8. März 2010

100% gelesen: Herfried Münklers Neue Kriege

Herfried Münkler | Die neuen Kriege | Reinbek | 3. Auflage 2007 | 285 Seiten | gekauft 18.01.2008, gelesen Februar 2010

Eine gute Einführung in das, was die (eigentlich ja gar nicht so) neuen asymetrischen Kriege gegenüber den vom Leitbild des eingehegten Kabinettskriegs geprägten älteren auszeichnet.

Münklers Blick auf die Ökonomie des Kriegs ist erfrischend, verglichen mit dem in den Massenmedien vorherrschenden, die wirtschaftliche Seite des Krieges bestenfalls moralisch anprangernden. Man hätte sich aus dieser Perspektive noch mehr, konkretere Analyse gewünscht, Fallbeispiele vielleicht. Mag sein, dass Münkler dazu zu sehr Ideengeschichtler ist.

Es handelt sich um eines jener Bücher, die man gerne als Pflichtlektüre für den Schulunterricht anpreisen würde - wäre die Forderung, Pflichtlektüren einzuführen, nicht von unüberbietbarer Spießigkeit.

Meint:






Donnerstag, 4. März 2010

FAZ von heute: Bekennende Kirche & Antisemitismus - nicht direkt Geschichtsklitterung, aber doch etwas fragwürdig

Oh je. FAZ-Leserin Barbara N. leitet aus der Aktivität ihres Vaters in der Bekennenden Kirche ab, dass die These Robert Goldmanns falsch sei: Es habe vor dem Krieg in Deutschland keine Organisationen gegeben, die gegen den Antisemitismus ankämpften.

Die nächtliche Beseitigung von Adoptionspapieren, so sie stattgefunden hat, durch die zahlreiche Kinder jüdischer Herkunft im Gerichtsbezirk Küstrins gerettet worden seien, in allen Ehren - die Bekennende Kirche oder eine andere offizielle oder (mehr oder eher minder) geduldete Organisation für frei von Antisemitismus zu erklären, scheint mir ungeachtet dieser möglichen, tapferen Tat heikel.

Heißt es nicht, ein verdorbener Apfel im Korb genüge, die ganze Ernte zu verderben? Und was, wenn selbst die prächtigsten Früchte nicht ganz ohne Dötschen waren? Ein Zitat als problemweisender Beleg:
Sogar Martin Niemöller, der Leiter des Notbundes, verheimlichte in der NS-Frühzeit nicht, daß er „von Haus aus alles andere als ein Philosemit war“ (Heydenreich). Er erklärte im November 1933, das deutsche Volk habe „unter dem Einfluß des jüdischen Volkes schwer zu tragen gehabt“, und regte an, Pfarrer nichtarischer Abstammung sollten auf „ein Amt im Kirchenregiment oder eine besonders hervortretende Stellung in der Volksmission“ verzichten.

Immerhin verwahrte sich der spätere NS-Verfolgte gemeinsam mit den Pfarrern seines Bundes schon damals dagegen, daß die Nichtarier ihre Kirchenämter durch Gesetz verlieren sollten [...]
Gegen die Entfernung der Juden aus den Staatsstellungen hatten die Kirchenführer nicht öffentlich protestiert. Gegen die Arisierung der Kirchenkanzeln und -kanzleien aber wehrten sich neben dem Niemöller-Bund vor allem auch die Theologen der Universität Marburg. (Der Spiegel Nr. 8/1963)
Eine bekannte Suchmaschine, befragt mithilfe der Stichwörter
Küstrin adoption jüdische kinder
ergibt zwar acht Seiten, aber keinen Treffer, der zu den Angaben des Leserinnenbriefes weiterführen würde. Spannend hingegen folgendes Zitat, wenn auch aus dem Urteil des DDR-Schauprozesses gegen Hans M.Globke geklaubt:
Am 8.Januar 1938 gab das evangelische Pfarramt in Küstrin an den Leiter der Reichsstelle für Sippenforschung einen Bericht, mit dem die Befürchtung ausgesprochen wurde, dass die nichtarische Abstammung von Personen jüdischer Abstammung, deren Vorfahren die christliche Taufe angenommen haben, verschleiert werden könnte, wenn Taufurkunden ohne irgendeinen Zusatz ausgestellt würden. Der mit der Bearbeitung dieses Vorganges beauftragte Angeklagte schrieb daraufhin am 18. Januar 1938 - Id W.3 / 5618 - an den Reichs- und Preussischen Minister für kirchliche Angelegenheiten. In dem Schreiben heisst es wörtlich:
„Ich habe keine Bedenken, wenn in den in dem übermittelten Schriftwechsel erwähnten Fällen auf der Rückseite der pfarramtlichen Urkunde ein Hinweis auf die jüdische Abstammung des Täuflings eingetragen wird. Ich stelle ergebenst anheim, die kirchlichen Stellen hiervon verständigen zu wollen, und bitte, mich an dem Fortgang der Angelegenheit zu beteiligen.
Dr. Globke“ (Fundstelle)
Gegen dieses Zitat habe ich keinen Prima-facie-Einwand, gehörte das Personenstandsrecht doch zum Aufgabenbereich des Ministerialbeamten Globke. Spannend ist das Zitat insofern, als es sich wohl zu untersuchen lohnte, was für ein höllisches Gemengele damals in evangelischen Kirchenkreisen in Küstrin herrschte.

Auf das Zitat aus dem Globke-Schauprozess stieß ich bei der bekannten Suchmaschine mit den Stichwörtern
Küstrin gericht adoptionsakten vernichtet,
das aber nur so nebenbei erwähnt.

Was einen vorbehaltlosen Anti-Antisemitismus betrifft, da hätte ich jedenfalls so meine Bedenken.







Montag, 15. Februar 2010

Berufskrankheit eines professionellen Korrekturlesers - mit jahreszeitlicher Konzession am Posting-Schluss




Ganz oben finden Sie hier einen Screenshot aus der aktuellen Ausgabe von Bild am Montagdes Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL: Ein „Hohlspiegel“-Eintrag, der die von Claus Koch vor 21 Jahren konstatierte Angestelltenmoral des Magazins bestätigt. Über derlei mag man im Büro lachen.

Was es zu Zeiten von Kochs Diagnose der „Meinungsführer“ (vom „Focus“ abgesehen) noch nicht gab: Ein e-Paper des SPIEGELs. Und das strotzte heute nur so vor Orthografie-und Satzfehlern.

Und über derlei mag ich in meinem Büro nicht lachen:







(Das einzig Lustige an der - wegen der üblichen Frühjahrsausschreitungen *) auf Samstag vordatierten Ausgabe war Feuilletonkatholik Matthias M. im Ministrantenkleidchen. Sein Todsündenartikel blieb dann leider völlig im Rahmen meiner Erwartungen: zum klickenden Überblättern langweilig.)

*) mit den Eingangsworten dieses Frühjahrsausschreitungsliedchens könnte man auch einen durchschnittlichen MM-Artikel orchestrieren („Sehr viele Menschen finden uns monoton...“)



Sonntag, 14. Februar 2010

100% gelesen: Bevers Globke-Reportage

Jürgen Bevers | Der Mann hinter Adenauer | Hans Globkes Aufstieg vom NS-Juristen zur Grauen Eminenz der Bonner Republik | Berlin | Christoph Links Verlag | 2009 | 240 Seiten | Signatur USB Köln 37A5375

Für den Leser, der über die Anfangsjahre der - je nach Zählung zweiten oder dritten - deutschen Republik wenig weiß, also über Entnazifizierung, „Wiederjudmachung“ (Henryk Broder) oder die üblen Züge einer - von nicht kleinen Teilen des Beamtentums - als CDU-Eigentum begriffenen Staatsordnung, kurz: Wer vom „Adenauer-Staat“ diesseits der DDR-Propaganda nichts weiß, wird hier eine nicht ganz uninteressante Studie in Grau-Braun finden.

Ich bin schon ein bisschen über die ersten 15 Jahre der Bundesrepublik Deutschland (und erst recht über die 12 Jahre vor dem) unterrichtet. In Verbindung mit einem Schreibstil, der doch sehr die Materialherkunft aus der Produktion einer TV-Dokumentation durchscheinen lässt, ergab das vorliegende Buch für mich leider keine sehr spannende Lektüre.

Vermutlich wird mir, mangels wirklich packend neuer Informationen, im Gedächtnis bleiben, dass Hans Maria Globke gebürtiger Düsseldorfer war. Was, boshaftes Denken vorausgesetzt, die klassischen Köln-Düsseldorf-Animositäten auf ein neues Niveau bringt.

Ich finde es ein bisschen schade, dass die Figur Globke hier nicht systematisch eingeordnet wird, sei es in einen mehr kulturgeschichtlichen Kontext der „grauen Eminenzen“, von der Möchtegern-Eminenz Niccolo Machiavelli bis hin zu den noch nicht einmal mehr mediokren SMS-Freundeskreiskreaturen der amtierenden Frau Bundeskanzler.
Oder, was dem Zeithistoriker möglich gewesen wäre: Die Einordnung in die Entwicklung der Parteiendemokratie Westdeutschlands.

Oder, mit mehr Spannung zu lesen, wäre hübsch geraten: eine stärkere Zeichnung von Gegenspielern - es gärt einem ja schon sauer im Kopf, dass „linke“ Intellektualität sich heute mit Kurt Beck oder Joseph Maria Fischer begnügt -, wo es doch einen Adolf Arndt gab., der zu ebenjenen zählte und hier vielleicht trefflich ins Gedächtnis hätte gerufen werden können.

Ich würde jederzeit zumindest die hübsch-böse Adenauer-Biografie von Henning Köhler zum Lektürebeiverzehr empfehlen: Nachdem uns das historische Bewusstsein deutscher Vergangenheit vor 1933 mehr oder minder abhanden gekommen ist, böte es sich dringend an, die vergangenen 60 Jahre stärker zu erschließen - schon damit sich gegenwärtige und künftige Politikergenerationen sich auf höherem rhetorischen Niveau zanken als Philipp Missfelder oder Guido Westerwelle.

(Off topic: FBI-Chefqualitäten scheint der böse Globke nicht gehabt zu haben, denn der erste homosexuelle Außenminister der Bundesrepublik hieß bekanntlich nicht Westerwelle. Ein Hoover war Globke wohl denn immerhin nicht.)

ungehört & boykottiert: Deutschlandradio Kultur, die nächsten 14 Tage

Aus meinem Radio lasse ich nur Deutschlandradio Kultur heraus, gelegentlich (während der kropfnotwendigen Kindersendungen) vielleicht noch den Deutschlandfunk. Dafür gehöre ich zu der aussterbenden Gruppe Radiohörer, die gut und gern 3, 4 oder 5 Stunden täglich gutes Programm annehmen - dabei habe ich gar nicht einmal ein Auto, in dem sich den Programmschemaideologen gemäß wohl der durchschnittliche Hörer gefälligst aufzuhalten hat.

Zu meinem Erschrecken hörte ich vorhin, dass Deutschlandradio Kultur seine Nachrichtensendungen mit Extrameldungen zu den Olympischen Winterveranstaltungen garniert. Von diesem Hormonspritzen-, Eigenblutdoping- und überhaupt kropfüberflüssigen Blödsinn möchte ich aber von Herzen keinerlei Kenntnis nehmen müssen.

Und das Schlimmste: Sondermeldungen mögen ja noch kurz wahrgenommen und dann aktiv überhört werden. Aber ausgerechnet die Bildungsfunker vom Deutschlandradio müssen ihre Olympia-Extras auch noch mit einem Jingle einleiten.

Schande, Schande. Dieser Sender kommt mir in den nächsten 14 Tagen nicht an Ohr.

Samstag, 6. Februar 2010

Wenn schon, denn schon ...

Ich weiß natürlich, dass es sich bei diesem Bild keinesfalls um eine Rehabilitation der fälschlich als irgendwie deutsch-nazi-rechts verschrienen Frakturschrift handelt, schon gar nicht in der Anmtung Schnürsenkelweiß auf kackbraunem Hintergrund, aber bei Tillmann Prüfers Klage über den Verlust seiner Pünktchen im des Deutschen unmündigen Ausland - da juckte es mir gerade etwas in den Fingern.


Dienstag, 2. Februar 2010

Gelesen, aber ungesehen weil offline: Video mit „Wir haben ein Idol, Helmut Kohl...“

Tja: Leider ungesehen. Erinnert sich noch jemand daran, wie die kleinen Tröllinnen und Trölle, Hobbittinnen und Hobbits von der Jungen Union vor gerade mal fünf, sechs Jahren bei ihrem so genannten „Deutschlandtag“ sangen
„Wir haben ein Idol, Helmut Kohl, Helmut Kohl“?
Leider findet sich die Szene, die mir damals ein böses Kichern vor dem Fernsehapparat bescherte, in keinem Video-Verschrottungsportal, das sich googeln lässt.

Wenn jemand diesen Irrwitz auf Video hat: Mal bitteschön ins Netz damit! (Und wenn es der junge Kunstgeschichtsstudent ist, der damals nur mit der JU-angehörigen Jurastudentin Kinder machen wollte und dem sein politisch-sexuelles Intermezzo jetzt peinlich ist: Hier ist Deine Chance, Dich lustig zu machen!)

(Hier zum „Vorwärts und ganz vergessen...“)

Irgendwie habe ich vermutlich gerade gendertechnisch irgendwas velwechsert. Kommt im virtuellen Leben vor.






Samstag, 30. Januar 2010

Ungefähr 50 Prozent gelesen: Tony-Blair-Travestieroadmovieroman

Sue Townsend | Downing Street No. 10 | München | Heyne | 2007 | 334 Seiten | aus der Stadtbibliothek Köln-Mülheim (Kj ...)

Frau Townsend schickt in diesem Roman einen Doppelgänger Tony Blairs auf eine Reise durch die Elendquartiere der vereinigten Königreiche, was in Dickensian Manier ausgeführt vielleicht ganz reizvoll wäre. Leider muss der PM sich unbedingt als Frau kostümiert durch die Lande schlagen - die Begeisterung des britischen Humors für Männer in Frauenkleidern kann ich mir nur durch einen entschiedenen Mangel an a) dem rheinischen Karneval und b) katholischen Priestern erklären. Witzig finde ich das sehr beschränkt.

Am meisten überrascht hat mich, dass die deutschen Erstausgaben der Townsend-Romane in doch teils recht anspruchsvollen Verlagen erschienen waren, in der Edition Tiamat der vorliegende, andere im Haffmans-Verlag seligen Angedenkens (selig gedenkt natürlich nur, wer nicht zu den armen Hausautoren zählte).

Im Übrigen ließ ich mich zur Lektüre von Townsend-Romanen von einem recht angetanen Rezensenten des Deutschlandradios animieren, soweit es um mein stetes Bedürfnis nach anspruchsloser Einschlafliteratur handelt, fühle ich mich auch hinreichend befriedigt. Insbesondere erinnert mich ihr Erfolgs-Charakter Adrian Mole an meinen früheren Schulkameraden JP, was mich über gewisse Schwächen freundlich hinwegblättern lässt.

Im Fall der PM-Travestie aber leider: zu rund der Hälfte aller Seiten.


Freitag, 29. Januar 2010

Virgil Tibbs, ein „afrikanischer Polizist“

Laut PRISMA-Programmauskunft für heute ist Virgil Tibbs, ein Charakter im ihn im Titel führenden Film, ein afrikanischer Polizist. Ob das der WDR verbrochen hat? Oder war es die Redaktion der Fernsehzeitschrift?

Wie eine Generation von dunkelhäutigen US-Einwohnern, beginnend mit den Kindern der Sklaven, zur nächsten über ihre selbstgewählten (und -erkämpften) Ethnonyme stolpert, ohne dass den jeweiligen Gruppenbezeichnungen das erwünschte Maß an öffentlicher Anerkennung zuteil würde, beschrieb nach meiner Erinnerung schon die Verfilmung von „Roots“.

Es ist natürlich auch eine tolle Lösung, das Problem eines - vermutlichen - Anachronismus zu vermeiden (Virgil Tibbs hätte sich seinerzeit wohl kaum als Afroamerikaner bezeichnet, wie es zwischenzeitlich die political correctness vorsieht), indem man seine ethnische Bezeichnung gleich ganz nach dem Heimatkontinent seiner Vorfahren wählt.

Vermutlich ist dann der rassistische Dorfpolizist Gillespie aus dem Vorgängerfilm ein europäischer Polizeichef.

Sprächmäkelei als Tagesgeschäft oder -laune von:










Mittwoch, 27. Januar 2010

So, so - Eminenzen gab es also vor Managern...?

Der Erzbischof von München & Freising, Dr. Reinhard Marx, wird heute in der Süddeutschen Zeitung mit der Behauptung zitiert, Bischöfe habe es schon lange vor Managern gegeben.

Wenn ich es recht deute, kommt das Wort „Manager“ vom lateinischen „manus“, also „Hand“. Es wäre also keine allzu willkürliche Übersetzung das englischen „Managers“, ihn mit der Berufsgruppe der „Händler“ zu identifizieren.

Man könnte also schon nach flüchtigem Blick in die Bibel, die radikalprotestantischen englischen Diggers (etwas frei) zitierend, fragen: Als Adam pflügte und Eva spann / Wo war da der Kirchenmann? Oder anders formuliert: Wem begegnete Jesus beim Geldwechseln im Tempel?

Natürlich mag man derartige etymologisch-historische Fingerübungen nicht gegen den kapitalismuskritischen Kirchenmann aus Westfalen verwenden, er hat ja schon genug Kreuz damit zu tragen, Fürst der bayerischen Katholikenprovinz zu sein.

Indes könnte man doch dem Gedanken verfallen, dass das, was man an heutigen Managern kritisiert - nämlich zu weit weg von den im Wortsinne materiellen Dingen des Geschäftsverkehrs zu sein (Münzen, Waren, Maschinen, ihren Knechten, Mägden, neudeutsch: Arbeitnehmern) - eher dem traditionellen Berufsbild des Bischofs anverwandt zu sein scheint, als dem des guten alten Händlers, der seinen beruflichen Erfolg nicht Beziehungsgeflechten innerhalb einer halbkorrupten Infrastruktur (ich denke da an den Untergang des Hauses Quelle) oder einer semitheologischen Phrasenliteratur (ich denke da an Gutteile der betriebswirtschaftlichen Modell-Lehren) zu danken hatte.

Bischöfe sind Manager. Und die besten Manager sind mit der Materie vertraute Händler. So löst sich der episkopale Unfug wohl am ehesten auf. Meint:




P.S.: Warum interviewt die liberale SZ eigentlich den - aller Kapitalismuskritik zum Trotz - stockkonservativen Kirchenfürsten? Man hat doch in den eigenen Redaktionsstuben doch pastorale Eiferer genug.

Dienstag, 26. Januar 2010

Ansprengers Auflösung der Kolonialreiche | 4von123

Franz Ansprenger | Auflösung der Kolonialreiche | dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts | München, 4. durchges. & erweiterte Auflage 1984 [1.: 1966] | als Geschenk zum 15. Geburtstag 1986 | 340 Seiten

Der vierte Satz von Seite 123 lautet:
Von 1950 bis 1969 war er als Indris I. König von Libyen.
Er, das ist der 1890 geborene Mohammed Idris, der als Oberhaupt der Senussi-Bruderschaft zum Emir bestimmt wurde - im Zusammenhang mit der italienischen Machterschleich- oder -ergreifung in Nordafrika.

Ganz interessant, hier noch einmal nach über 20 Jahren etwas zur europäischen Kolonialpolitik in Afrika zu lesen. Das sollte zur europäischen Geschichtsbildung eher gehören als das Auswendiglernen von Herrschaftszeiten alteuropäischer (Möchtegern-) Potentaten, deren Nachkommenschaft heutzutage schlimmstenfalls als süddeutsche Großgrundbesitzerei kreucht oder als dermaleinistige Schwiegersohn-/-tochter-Kandidaten für die Familie des Pomadenprinzen Karl-Theodor Bundesverteidigungsministers taugt.

M.R.


idw für heute (14) - Demnächst Tanz der Trolle in der Unrechtsforschung?

Dem Informationsdienst Wissenschaft, idw, entnahm ich heute nur die interessante Meldung, dass Dr. Martin Schwab, Juraprofessor an der Freien Universität Berlin, online zu offensichtlich unrichtigen Zivilrechtsentscheidungen (insbesondere aufgrund Verletzung rechtlichen Gehörs) forschen will.

Nachdem ich zum Jahreswechsel meine ersten Erfahrungen mit einem Troll machte, steckt nun natürlich eine Unke in mir. Frisch geunkt: Ob Professor Schwab viel Freude an seinem Forschungsansatz haben wird?

Unrichtige Zivilrechtsentscheidungen? - Millionen unterlegene Prozessparteien können sich doch in ihren verletzten Gefühlen nicht täuschen? (Vielleicht analog zu den „religiösen Gefühlen“ die ja auch gern und schnell verletzt sind.) Immerhin beschränkt sich http://www.WatchTheCourt.org/ darauf, Juristen aller Berufe einzuladen, unverständliche Entscheidungen einzureichen. Ob aber unter Juristen die Trollquote geringer ist als in anderen Gesellschaftsgruppen?

Man wird noch lästerlich denken dürfen.

Donnerstag, 21. Januar 2010

Roger Willemsens Unverkäufliche Muster oder Die 90er-Jahre sind vorbei

Roger Willemsen | Unverkäufliche Muster | Frankfurt am Main | Fischer | 2005 | rund 500 Seiten | gekauft 18.02.2009, gelesen im Dezember des Jahres

Das Buch enthält bestimmt an die 250 gute witzige Gedanken oder doch wenigstens Wendungen, keine schlechte Größe, über die Seitenzahl gerechnet. Vielleicht 100 Äußerungen, die ein etwas doktrinäres Geschmäckle haben - insgesamt also kein schlechtes Gewicht.

Freilich: Wer die 1990er-Jahre nicht mit politisch und kulturell wachem Blick erlebt hat (zumindest einen größeren Teil derselben), wird vielem nicht ganz folgen können. Und an Eigenwitz sind die Wendungen Willemsens denn doch nicht (verglichen mit Alfred Polgar beispielsweise).

Vermutlich wird es nun einstauben; immerhin fast ganz gelesen. Soll der Willemsen doch lieber intelligentes Fernsehen machen. Ha'm 'wa, verglichen mit klugen Büchern, nüscht jenuch davon.






Sonntag, 17. Januar 2010

Ob sie beim Berlin Verlag bzw. der WamS alle Tassen im Schrank haben?

Die titelgebende Frage stellte ich mir, als ich dieser Tage die oben (farblich veränderte) Anzeige in der Zeitung fand. Über Richard Ford oder Khaled Hosseini möchte ich mich nicht auslassen, aber den so ziemlich in jeder Beziehung widerlichen Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell zu den „liebste(n) Romane(n) des Jahrzehnts“ zu zählen, wie es Elmar Krekeler und Matthias Wulff - ausweislich der Anzeige aus dem Berlin Verlag - getan haben sollen, kann selbst bei jenem flüchtigen Leser dieses Blogs Zweifel an der Geistesverfassung (der solcherart Zitierten oder Zitierenden) wecken, der meinem harschen Urteil über Littells pervers-abstruses Machwerk nicht in meiner vollen Schärfte beipflichten möchte.

Johathan Littells SS-Porno zu den liebsten Romanen zu zählen? Ich bitte Sie. Das kann doch nur der Welt am Sonntag passieren. Aber damit auch noch Reklame machen? Ich bitte Sie, wenn das der Führer Joachim C. Fest selig (um mal den vielleicht nicht historisch aber doch geschmackssicheren Verlagsgründer-Papa rhetorisch anzurufen) wüsste.

Freitag, 15. Januar 2010

Laura de la Motte, Klunkerexpertin beim HANDELSBLATT...?

Mit großem Vergnügen las ich heute, dass beim „Handelsblatt“ eine Dame namens Laura de la Motte über das Geschäft mit Edelsteinen schrieb. Das ist entweder ein genial gewähltes Pseudonym oder aber ein Anlass, sich ausnahmsweise doch scherzhafte Gedanken über den Nachnamen eines Menschen zu machen: eine (nicht ganz koschere) Comtesse de la Motte war immerhin in der berüchtigten Halsbandaffäre tätig, die mit dem Untergang der französischen Monarchie nicht wenig zu tun hatte.

Natürlich habe ich hinterher geguckt, ob es die Dame auch im bürgerlichen Leben gibt. Aber ich werde mir meine Kalauer hier doch nicht von Google totrecherchieren lassen. Wo kämen wir denn da hin!

Dienstag, 12. Januar 2010

Vandalen - Vandalismus im RP-Lokalteil

In Greifswald wird bekanntlich dieser Tage darüber abgestimmt, ob - nach dem jedenfalls juristisch leider unerheblichen Willen der Studenten - die Universtität weiterhin nach dem nationalneurotischen Fremdenhasser Ernst Moritz Arndt benannt werden soll.

Das hat natürlich in den Medien zur blöd verkürzten Frage geführt, ob man Arndt „für die Verbrechen der Nazis“ verantwortlich machen könne, sei der doch bei der Machtübergabe an den üblen Österreicher schon seine 70 Jahre tot gewesen. Gestern war im Radio ein Studenten-Sprecher zu hören, der sich redlich bemühte, den Aspekt zu verschieben: Auf die Frage, ob der Name Arndt nur für heute ein gutes Vorbild sein könne - ohne sich in den Fallstricken historischer Anachronismen bei der Bewertung einer Persönlichkeit verheddern zu wollen.

Das ging mir vorhin durch den Sinn, als ich las, dass ein Lokalredakteur sich frohgemut und ohne Not in einem historischen Anachronismus verstrickte. Sein sprachliches Opfer: Germanen auf Reisen. Ich glaube, den ersten Artikel zur Ehrenrettung der Vandalen, eines wanderfreudigen Stammes zu Zeiten der Völkchenwanderung, las ich vor rund 20 Jahren in der ZEIT: die Mär, dass sie bei ihren Wanderbewegungen veheerend durch die Lande gezogen seien, wurde damals schon ausgeräumt. Das Ding mit dem Vandalismus, das ist eine polemische Äußerung eines französischen Politikers geistlicher Herkunft zu Zeiten der französischen Revolution gewesen, runde anderthalb Jahrtausende also, nachdem die armen Vandalen längt auf dem Index der Gesellschaft für bedrohte Völker hätten landen müssen, ausgestorben wie sie es waren. (Natürlich kümmert sich besagte Gesellschaft eher um diesen albernen Dalai Lama, aber das ist noch weiter vom Thema weg, das hier zusammengerührt wird.)

In jüngster Zeit macht eine Ausstellung in Karlsruhe darauf aufmerksam, dass die armen Vandalen ihren schlechten Ruf welscher Lüge einem französischen Agitprop-Spin-off zu verdanken haben fast möchte man Ernst Moritz Arndt...

Nun lese ich im elektrifizierten Lokaltteil der Rheinischen Post, der sich meiner Herkunftsgemeinde (und der glücklicherweise nicht von Langenfeld okkupierten Nachbarschaft, Monheim) annimmt, dass Vandalen in der Öffentlichkeit Nazi-Schmierereien hinterlassen hätten: Monheim: Einbrecher sprühten Nazi-Symbole auf Pkw (RP ONLINE, 12.01.2010)

Die armen Vandalen. Ihnen wird so schnell keine historiografische Rehabilitationsmaßnahme helfen, solange Lokalredakteure ihren Ruf vandalisieren.




Sonntag, 10. Januar 2010

idw für heute (13) - Terrorismus-Fachdienst, Windows 7 wird nicht besser, Ritualforschung aus Erfurt

Merkposten für heute, gesammelt aus den vier Meldungen der vergangenen drei Tage:
  1. Ob es hierzu auch eine Übersetzung ins Arabische, Urdu oder Farsi gibt? Oder ins Biblebeltenglische? - Von Interesse: eine Studie zum Terrorismus.
  2. Meine EC-Karte funktionierte in den vergangenen Tagen tadellos. Was mich aber nervt ist, dass sich das Hintergrundbild unter Windows 7 nicht mehr verändert. Eingeforeren, ausgerechnet das Winterbild, als ob ich das nicht beim Blick zum Fenster hinaus schon hätte. Zweifel bleiben, ob die Bemühungen, fehlerlose Software zu produzieren je so weit reichen werden.
  3. Käme die Meldung statt aus Erfurt aus Köln, man wüsste, sie wäre einige Wochen später publiziert worden, passen doch wissenschaftliche Bemühungen um Rituale in der frühen Neuzeit doch ganz gut zum kölschen Fasching, der demnächst wieder übers Land hereinbrechen wird.
Das war es schon.

Määäßige Esyaistik

Viktor Jerofejew | Russische Apokalypse | Berlin | Berlin Verlag | 2009 | 255 Seiten | erworben am 31.12.2009

Einigermaßen vollständig gelesen, kann also nicht völlig schlecht sein. Überblättert einige Seiten, die der Unterhaltung des Verfassers mit einem Pferd gewidmet sind. (Anspielung auf Jonathan Swift? - Keine Ahnung!)

Das Buch hinterlässt ein bisschen den Eindruck, dass es sich dank des bekannten Namens verkaufen soll. Ob ich noch Lust habe, einen durcherzählten Text zu lesen, nach der Enttäuschung dieser eher mittelmäßigen Essayistik? Keine Ahnung.

Gut, aber beleibe nicht kräftig genug, um sich im Leserhirn festzuzurren, sind vielleicht Stücke auf Solschenizyn oder Puschkin. Kaum mehr.

Haften bleibt (vorläufig), dass Jerofejew viel Sex im Kopf hat. Aber: Der Mann ist Jahrgang 1947. Wen soll das also wundern.

Übrigens möchte ich mir 2010 keine Bücher zum Eigenverzehr anschaffen, also:







Donnerstag, 7. Januar 2010

FernUni Hagen - ein deutsches Winteramt

Heute von der FernUni Hagen Post bekommen. Das modisch-blöde „...nU...“ hat mich heute nicht gestört. Denn gefreut hat mich, dass eine deutsche Behörde gründlich ihres Amtes waltet: In Gestalt der Poststelle das verfristete Gestempel ausmerzend.
So hat das zu sein!

(Natürlich hat mich weniger gefreut, dass ich die Unterlagen, die hier angefordert wurden, bereits längst abgeliefert hatte. Doch darüber blickt man bei diesem Vor-Bild an Korrektheit gerne hinweg.)

idw für heute (12) - Ob die tollen Bundesagenten auch gemeint sind - Meldung 1

Meldungen, die heute nach Neigung oder Zufall zu lesen waren:

  1. Dass auch für die Weiterbildungsbranche ein gesetzlicher Mindestlohn diskutiert wurde, jedefalls vor dem Regierungswechsel zu den so genannten bürgerlichen Parteien, erfuhr ich erst hieraus. Sollte meine Prima-facie-Vermutung stimmen, dass es sich bei den von der neuen Diskussion (bzw. deren Stop) Betroffenen nicht zuletzt um Staatsgroschen-Empfänger der Bundesagentur für Arbeit handelt, hat das Thema natürlich Symbolcharakter. (Obwohl Falschirmjäger Niebel sich in diesen Gefilden ja nicht austoben darf.)
  2. Mal schau'n, wie lange es dauern wird, bis jemand aus dieser Entscheidung ein antisemitisches Stricklein dreht: Von wegen, dass doch Nicht-Juden wegen der höheren Analphabetenrate und des überhaupt geringeren Bildungsgrads auf Spenderherz und Ausleihniere diskriminieret (dissskrimniiiieheherettt, frei nach Bachs Passion) würden.
  3. Ich kuck aus dem Fenster auf die - angeblich - luftschadstoffbelasteste Straße Kölns und könnte mich wahrhaftig diskriminiert fühlen. Bin aber nicht so. Außerdem habe ich zur Not ja einen Organspendeausweis, würde aber nicht nach Israel wollen. Nicht zum spenden, und auch so nicht.
  4. Mit Sicherheit enthält der hier vermeldete Band über die Diener an Sicherheit und Ordnung Interessantes auch zum Thema Krimen und Diskrimen.

Mittwoch, 6. Januar 2010

100% gelesen: Spinnen & Posner - Klarsichthüllen

Burkhard Spinnen & Eberhard Posner | Klarsichthüllen | Ein Dialog über Sprache in der modernen Wirtschaft | Hanser | München & Wien | 2005 | 201 Seiten

Als einer von der eher kulturpusseligen Sorte Mensch hat man ja durchaus seine Berührungsängste gehabt, bevor einem ein Vertreter dessen, was man bös verengend „die Wirtschaft“ nennt leibhaftig begegnet ist. Dann merkt man, dass nicht nur von General an aufwärts der gemeine Soldat ein brauchbarer Mensch ist, sondern beispielsweise auch mit dem Mitarbeiter eines Consultingunternehmens angenehme Gespräche geführt werden können.

Burkhard Spinnen, promovierter Germanist und schöngeistiger Schriftsteller, hat diese Erfahrung schon vor längerer Zeit gemacht und verziert nun die deutsche Publizistik mit einem ums andere Werk, das sich dem annimmt, was - wie gesagt: meist verkürzt - als die Wirtschaft bezeichnet wird. Seine gesammelten Wirtschaftsprachglossen „Gut aufgestellt“ kann ich denn auch nur wärmstens empfehlen, sein „Der schwarze Grad“ liest sich nur behaglich, wenn man - wie dies bei mir als Sparkassenzögling ja ohne weiteres der Fall ist - eine gewisse Affirmation zum Mittelständischen vorhanden ist.

Im vorliegenden Band geben sich Spinnen und der langjährige Chef der Siemens-Unternehmenskommunikation, Eberhard Posner, gegenseitig das Wort zu verschiedenen Aspekten „der Wirtschaft“, beispielsweise zur Verantwortung des Managements oder der Rolle des Flurfunks. Spannend hätte ich etwa eine sardonische Zwiesprache über die deutsche Wirtschaftspresse gelesen, aber mit der wollten es beide wohl nicht verderben.

Beim Einscannen des Buchdeckels bemerkte ich erst die Bildsprache: Luftballon trifft auf Kaktus. Das hat sich dieses Buch leider nicht verdient - hätte es vielleicht, mit Themen wie dem soeben als ausgespart erwähnten.

So ist es doch recht brav. Mir war es recht behaglich zu lesen, ein Disput zwischen, sagen wir: Niklas Luhmann und Milton Friedman in der Hölle, hätte mich mehr gereizt, als es die braven Ballzuspielereien zwischen ökonomisch interessiertem Schriftsteller und nicht unschöngeistigem Unternehmenskommunikator vermochten, gleichwohl bleibt das gesunde Fazit: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“








P.S.: Falls hier jemand mitliest: Leider habe ich ja zum Jahreswechsel quasi das Gelübde abgelegt, 2010 kein Buch zum Eigenkonsum zu kaufen. Daher wäre es natürlich nett, würde sich jemand durch den Button „Alle Wünsche...“ anregen lassen.

Dienstag, 5. Januar 2010

Ein neuer Ansatz in der Suchttherapie von Alkoholkranken?

Ursprünglich veröffentlichte ich den nachfolgenden Text im „Stadtmenschen“-Portal des Kölner Stadt-Anzeigers. Erscheinungsdatum war dort der 1. Januar, passend zu den vielfältigen Kater-Tipps, die rund um die Feiertage allenthalben publiziert worden waren. Warum ich den Text hier zusätzlich online stelle, dazu mehr in meinem Köln-Blog.

Berichte von Menschen, denen es gelungen ist, sich aus einer lebensvernichtenden Suchterkrankung herauszuwinden („befreien“ wäre zu pathetisch und wird dem Vorgang ja oft nicht gerecht), haben inzwischen keinen Seltenheitswert mehr. Manch einer dieser Berichte fällt dann missionarisch aus, man will Nachahmer finden, manche Schilderung ist unter dem Eindruck der vorherrschenden Selbsthilfegruppen-Infrastruktur („AA“, „Blaues Kreuz“, „Kreuzbund“) sogar religiös eingefärbt.
Andere Autoren vermitteln auch ohne missionarischen Hintergrund den Eindruck, dass ihr Leidensweg und die Wende in ihrem Leben einzigartig seien. – Es sei ihnen gegönnt, dass sie von sich selbst schwer beeindruckt sind oder überrascht, das Leben nun halbwegs genießen zu können.
Dem Leser muss sich dieses Erweckungsgefühl nicht erschließen. Man fühlt da nicht zwingend mit.

Olivier Ameisens Buch entspricht erfreulicherweise nicht meinen eher negativen Vor-Urteilen von der Selbsterfahrungsliteratur (ehemals) Suchterkrankter. Ameisen (man spreche den Namen in Gedanken französisch oder englisch aus) wurde in vergleichsweise reifem Alter – als praktizierender, ja sogar prominenter und äußerst erfolgreicher Mediziner – alkoholabhängig. Und zwar in der nahezu schwersten denkbaren Form – schleichend am Beginn, mit Knochenbrüchen und fortschreitendem sozialem Verfall gegen Ende.

Er ist gleichwohl ein gutes Beispiel dafür, dass man mit Alkoholismus nicht den sprichwörtlichen „Penner auf der Parkbank“ verbinden darf: Olivier Ameisen erwarb dank hoher Intelligenz als Heranwachsender vorzeitig das französische Abitur, entschied sich nach einem Vorspielen bei Arthur Rubinstein dafür – trotz seiner Begabung – keine Ausbildung zum professionellen Pianisten anzustreben, sondern Mediziner zu werden. Ameisen war in jungen Berufsjahren Leibarzt des französischen Premierministers (ein Restfeudalismus, den wohl nur die französische Republik kennt), machte sich als Kardiologe einen Namen, wurde wissenschaftlich in die USA berufen.

Zum Erbe seiner Eltern, Holocaust-Überlebenden aus Polen, zählt ein starkes Element der Angst in seinem Leben – ohne dass Ameisen seine spätere Suchterkrankung monokausal darauf zurückführen würde.
Den Alkohol wendet Ameisen zunächst über einen längeren Zeitraum als entspannendes, vor allem aber angstlösendes Mittel ein – in Beziehungskonflikten oder bei Auftritten, in denen er seine musikalische Begabung unter Beweis stellt. Ängste, Versagensängste treiben den berühmten Arzt und Wissenschaftler immer tiefer in die Sucht, bis er – dank eines starken Rests an Verantwortungsgefühl – seine berufliche Praxis aufgibt.

Inzwischen in New York lebend macht Ameisen Bekanntschaft sowohl mit der (halb-) staatlichen Ärztebürokratie, mit verordneten und freiwilligen Entziehungskuren oder bloß ambulaten Ausnüchterungs-Schnelldurchläufen. Weder diese (nach den Beschreibungen allenfalls) halbwegs professionellen Maßnahmen noch Psychotherapien unterschiedlichen Zuschnitts oder die einschlägig bekannten Selbsthilfegruppen brechen den Teufelskreis aus Rückfällen, zeitweiliger Nüchternheit, Hilfe und Selbsthilfe, moralischem Restverhalten und Schuldzuschreibungen von Seiten der Freunde, Eltern, Geschwister auf.

Durch den Hinweis einer Freundin stößt Ameisen auf ein Medikament („Baclofen“), das bisher am Menschen nur zur Vermeidung von Muskelkrämpfen eingesetzt wurde und für die Behandlung von Suchterkrankungen weder zugelassen noch am Menschen erprobt ist – ein Medikament mithin, dessen heilende Wirkung bei Suchtphänomenen nur ansatzweise im Tierversuch erprobt wurde.

Olivier Ameisen nimmt das Medikament schließlich im Selbstversuch ein, in dessen Verlauf er skrupulös die notwendige Dosis erhöht. Ein nicht ungefährliches Verfahren, werden im gewöhnlichen Gebrauch von Baclofen bei muskulären Erkrankungen doch deutlich geringere Mengen verabreicht. Man verrät hier kein Geheimnis: Das Medikament wirkt, dem Bericht des „Experimentators“ folgend, offenkundig und es nimmt Ameisen nunmehr seit fünf Jahren das so genannte „Craving“ – zu Deutsch: das unstillbare Verlangen nach dem Suchtmittel Alkohol.
An dieser Stelle könnte Ameisens Buch jenen schalen Geschmack hinterlassen, den reißerische Berichte in der Tageszeitung mit den großen Buchstaben hinterlassen, wenn „Springer“-so genannte-„Journalisten“ wieder einmal ein Wundermittel gegen Krebs oder eine andere unheilbare Krankheit „entdeckt“ haben. Dazu ist Olivier Ameisen aber zu gewissenhaft, sein Bildungs- und Wissenschaftsverständnis zu sehr das der französischen Oberschicht und sein Respekt vor den Einsichten, den ihm etwa lebenskluge Menschen in Selbsthilfegruppen wie den „Anonymen Alkoholikern“ vermittelt haben, zu groß.

Sein Anliegen, das er mit diesem Buch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, ist es, zu verhindern, dass die – immerhin in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift dokumentierten – Ergebnisse seines nunmehr fünf Jahre zurückliegenden Selbstexperiments ungenutzt und für die breite Suchttherapie unbeachtet bleiben. Denn diese Gefahr droht auch heute noch, weil sich der medizinisch-industrielle Komplex augenscheinlich nicht hinreichend für Ameisens Erkenntnisse interessiert.

Ameisen fordert daher nach wie vor breit angelegte, wissenschaftlich gut abgesicherte medizinische Studien zur Wirksamkeit von Baclofen – das im Gegensatz zu anderen Substanzen, die bislang bei Alkoholabhängigen eingesetzt werden, offenbar selbst nicht abhängig macht – und beklagt die weitgehende Untätigkeit von Gesundheitsbehörden, der Ärzteschaft und der Nichtregierungsorganisationen im Gesundheitswesen – trotz des privaten und öffentlichen Elends von Suchterkrankten.

Mein Fazit: Wer nur wenige Kilometer durch eine Großstadt wie Köln spazieren geht, sieht bei wachen Augen mehr als nur eine offene (illegale) Drogenszene im Straßenbild – um „bloß“ augenscheinlich Alkoholabhängige zu sehen, braucht es keines so langen Spaziergangs, in Köln trägt ja der Alkoholkranke von Welt seine Flaschen gerne öffentlich herum. Um aber nicht zum Ende dieser Besprechung noch bösartig zu werden, möchte ich sagen:

Ignoranz von verantwortlichen Stellen gegenüber dem Phänomen „Sucht“ und einem möglicherweise hochpotenten Medikament kann sich keine Gesellschaft leisten. Wer Augen hat zu sehen, sieht das jeden Tag auf der Straße, im Bekannten- oder Freundeskreis, in der Familie.
Olivier Ameisen könnte für (Alkohol-) Suchtkranke werden, was Ignaz Semmelweis für die Wöchnerinnen des 19. Jahrhundert war: Ein Arzt, der ungezählte Leben rettet, sobald es sich seine Kollegen nicht mehr leisten können, neue Erkenntnisse zu ignorieren. Erfrischend, dass Ameisen sich selbst so nicht sieht, jedenfalls nicht so beschreibt in:
„Das Ende meiner Sucht“ von Olivier Ameisen, erschienen im Verlag Antje Kunstmann, München 2009