Freitag, 27. November 2009

idw für heute (3) - Buchwurmelite, Kriegskinder, Frauen, Frauen

Ein Häppchen Aufmerksamkeit erhalten heute folgende Meldungen des Informationsdienstes Wissenschaft:

  1. Es soll Menschen geben, die keine Bibliotheken kennen. Und solche, die sich unter Bibliothekswissenschaft bestenfalls empiriefreie Armchair-Wissenschaft vorstellen können. Ignoraten, allesamt, mehr oder weniger! Damit das kulturelle Gedächtnis nicht dement wird, forschen sogar international so genannte Elitebibliothekswissenschaftler. Potztausend! Was es nicht alles gibt!
  2. Von kriegstraumatisierten Kindern kann ich ein Lied singen. Eines von ihnen wurde Vater - meiner. Von Herzen gegönnt sei die Verleihung eines Preises der Deutschen Nervenheilkundlervereinigung zum Thema mithin Jan Tenhagen und Joachim Schmutz. Mit der weiteren Auszeichnung kann ich weniger verbinden: Flugschauopfer. Naja.
  3. Kaiserin Eudokia war vielleicht ein verrücktes Huhn! Die Gattin von Theodosios II. (gewiss einer dieser sympathischen Politiker Byzanz', die methodisch so viel netter waren als unsere heutigen), schüttelte sich aus Homers Versen eigene Literatur zusammen. Cento hieß das Verfahren. (Die Web.3-Beschwörer träumen von ähnlichen Verfahren der Sinnproduktion, hörte ich.)
  4. Ach, Frauen. Irgendwie wird mir Friedhelm Fahrtmanns Untenrumspruch immer geheurer. Auch deswegen: Frauen im Wissenschaftsbetrieb.
Martin Rath, Köln:






Marseille-Kliniken fusionieren mit Deutscher Gesellschaft für Humanes Sterben?

Die Frage in der Überschrift wäre als satirisch-ironischer Kommentar zu dieser Meldung vom heutigen Tage geeignet. - Immerhin, der neue Aufsichtsrat bringt ja ein Totenglöcklein vom Arcandor- (Karstadt/Quelle-) Konzern mit.
Jedenfalls hätte ich ein wenig gutes Gefühl, würde mir während eines Krankenhausaufenthaltes Thomas Middelhoff am Bett begegnen. (Es sei denn: als Patient im Nachbarbett - das spräche wohl für besonders hohe Versorgungsstandards.)

Donnerstag, 26. November 2009

idw für heute (2) - Heile, heile, Sex & Strom


idw-Meldungen von gestern, die heute ein wenig meiner Aufmerksamkeit beanspruchen:

  1. Unlängst machte der französische Mediziner Olivier Ameisen von sich reden, weil er, nach eigenen Angaben, mit einer Off-label-Selbsmedikation von Baclofen seine Alkoholsucht beendete. Während sich Ameisen damit anschickt, Anwärter eines wohl noch zu erfindenden Ignaz-Semmelweis-Awards für ignorierte Wissenschaftsfortschritte zu werden, taten sich echte deutsche Wissenschaftler immerhin schon zusammen, für den schnelleren Transfer medizinischer Wissenschaft in mögliche Heilverfahren zu sorgen. Immerhin konferierte man schon mal dazu.
  2. Naja, eine Zentralstelle für Leute mit hybrider Selbstvergeiltheit haben wir immerhin schon, doch die Versammlung der Psycho-Berufe mit professionellem Anspruch wird etwas anderes im Sinn haben als das oben abgebildete Hohe Haus.
  3. Nur Oma hätte gerne Enkelchen zum Bespaßen. Sonst heißt es: „Je älter ein Bundesbürger, desto weniger familienfreundlich ist die Politik, die er sich wünscht.“ Wenn ich bedenke, welchen Krach meine lieben Nachbarn heute früh bei ihren womöglichen Fortpflanzungsaktivitäten machten, dürfte ich mich allerdings auch schon mit meinen 38 Lenzen für ziemlich alt halten.
  4. Wenn Google demnächst nicht nur von unseren Privatissimeproblemen weiß, sondern auch noch, wie viel Strom wir dabei verbrauchen, wird dies vielleicht mit Projekten wie diesem hier zu tun haben.

Genug Bettflüchtersarkasmus von mir für heute:






Nun, es würde verdammt viel Arbeit


Wer erinnert sich noch - an Dubai? Nicht, dass man selbst dort gewesen wäre, so reich wie ein Kreuzfahrtrentner oder ein Kapitalmarktkreuzritter ist man ja im Zweifel nicht. - Übrigens auch nicht die Journalisten (selbst kaum die, deren Redaktion überhaupt eine Reisekasse hat).

Aber irgendwie müssen doch recht viele Schreibzünftler in den vergangenen rund zehn Jahren in Dubai gewesen sein, der erste Bericht, an den ich mich grob erinnere, stammt circa aus dem Jahr 2005, als eine Immobilienjournalistin über die gigantomanen Bauprojekte des Emirats berichtete.

Später kamen dann mediokre Magazine wie der STERN dazu, insbesondere die albernen künstlichen Inseln hatten es ja den Medienschaffenden angetan.

Was jeder, der mal selbst ein bisschen mit Finanzdingen mehr als nur zu wurschteln hatte, wohl zu jedem Zeitpunkt hätte unken wollen, kommt jetzt womöglich ans Tageslicht: Man scheint pleite zu sein.

Und ja, es wäre verdammt viel Arbeit, einmal die ganze unkritische Schreiberei der vergangenen Jahre daraufhin zu prüfen, warum eigentlich kaum jemand geunkt hat - dass nämlich der orientalische Märchenzoo vielleicht doch allzu sehr auf Sand gebaut sein könnte.

Ich habe, zugegebenermaßen, auch nur schlussredaktionell geunkt:







Mittwoch, 25. November 2009

idw für heute (1)

Aus den Meldungen des Informationsdienstes Wissenschaft, idw, die gestern in meinem Postfach aufliefen, picke ich einige von besonderem Interesse heraus:

Arbeitswelt, Suizide etc.: Angeregt durch einen Film, der unter anderem auf Arte lief, äußert sich das ISF München - Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. zur psychischen Belastung von Arbeitnehmern in IT-Branchen, die zuletzt wegen der (statistisch vielleicht gar nicht so aus dem Rahmen fallenden) „Suizidserie“ bei der französischen Telekom. Als ausgemachter Belastungsfaktor gilt hier ein „System permanenter Bewährung“. - Wie seriös ich das finde? Ich weiß nicht recht. Standen beispielsweise einst strebsam unter Gottes Bewährungsaufsicht höchstselbst stehende Protestanten (insbesondere die seelisch geknechteten Kalvinisten) stärker unter Suiziddruck als die fröhlichen Katholiken? Meinen Horizont übersteigt das etwas.

In Stein meißeln und Rupert Murdoch auf die Füße fallen lassen sollte man vielleicht diese Stellungnahme der Gesellschaft für Informatik e.V., auch wenn sie nicht direkt mit den aktuellen Googleabschaltplänen in Verbindung steht.

Besonders gerne lese ich, dass die Textilforschung der stinkenden Umwelt menschlicher Natur möglicherweise die Achseln verduften wird. Gegenüber stinkenden Menschen bin ich ja sogar manchmal sehr nachtragend.

Das war mein viertelstündiger Ausflug in die Wissenschaft für heute:








Freitag, 20. November 2009

Doof, doof - rotschopfdoof

Ich lese eben die Kritik von Sascha Lobo an einem Artikel von Kurt Kister in der Süddeutschen, aus dem die Ironie ob der Medienpräsenz von Karl-Theodor Guttenberg nur so heraustropft und denke nur so bei mir: Die SPD ist verloren, wenn sie solche Vordenker hat. Von wegen: Textkompetenz kommt vor Medienkompetenz.

Darauf verwette ich meinen Skalp:



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Nachtrag 07.12.2009

Der Gerechtigkeit wegen darf man nachtragen, dass Sascha Lobo im SPIEGEL von heute bekennt:
Ich bin kein Experte im Erkennen von verborgener Ironie, aber ich könnte mir vorstellen, dass Platon hier [in seiner Beschwerde gegen die kulturbedrohende Erfindung der Schrift, MaR] die Klage über den Fortschritt der Kulturtechnologie ad absurdum führen wollte – vor bald 2400 Jahren.

In einem Essay notiert dies Lobo, in dem er der Kulturkritik von Frank Schirrmacher a.a.O. ganz ordentlich eins entgegenzimmert.
Das finde ich hübsch.

Mittwoch, 18. November 2009

Financial Times Deutschland - einfach nur geklaut

Kein feiner Zug ist es - zumal angesichts allerlei Schmähungen der Online-Publizistik aus den Reihen der papiergebundenen Journalisterei - aus einem Blog zu nehmen - ohne einen Nachweis zu geben. So geschehen heute in der FTD, die in

Fünf Beispiele, die Übersetzer verzweifeln lassen

eindeutig aus dem höchst löblichen „Urban Word of the Day“ englische Ausdrücke neuerer Art hervorkramt, allerdings nicht angibt, dies zu tun.

Sonntag, 15. November 2009

Religionsspötter



Vorgestern fragte mich meine Schwester telefonisch, ob ich einen Ausdruck wüsste, der Menschen bezeichnet, die über alles spotten, was anderen Menschen heilig sei. Es gehe da um solcherarten Zeitgenossen in ihrer Nachbarschaft.

Unerfindlich, warum ich wegen solcher Fragen angerufen werde. Eine Antwort hatte ich nicht parat, mir ist auch kein gebildeter - also aus dem Griechischen oder dem Latein überkommener - Begriff geläufig. Auch beim Googlen von „Religionsspötter“ fand ich keinen. Interessant immerhin, dass der Freiherr Knigge ein erfrischend doppelzüngiges (Non-) Placet zur Religionsspötterei hinterließ. (Erfrischend natürlich nur, wenn es kein Freimaurermoralismus ist, den man bei ihm ja auch unterstellen dürfte.)

Und Jean Paul (Bild oben) ist natürlich witzig, wenngleich ich das Bild nicht ganz verstehe.
Vermutlich ein Fall von Sonntagmorgenblödigkeit.




Mittwoch, 11. November 2009

Monheim am Rhein kann nur noch beten (und singen, bitte!)


Link zum Video

(Mit wenigen Textänderungen sollte dieses Lied doch gut vom Monheimer Stadtrat intoniert werden können!)

Heute schon früh in der Rheinischen Post gelesen. Soll ja gut für den Blutdruck sein. Steigernd jedenfalls. Dann doch herzlich gelacht.

Der jungspundige Bürgermeister von Monheim (das seit einigen Jahren eigens darauf hinweist, dass es am Rhein liegt - vermutlich weil man dort fürchtet, auch in dieser Hinsicht demnächt auf dem Trockenen zu sitzen) streitet wider einen GRÜNEN-Ratsherrn, der wiederum dagegen eintritt, dass die Ratssitzungen der „Gänselieslstadt“ mit einer ökomenischen Gebetsveranstaltung eröffnet werden.

Dazu berichtet die Rheinische Post - hier - in der gewohnt objektiven Form, in der natüüüürlich alle beteiligten Personen fair zu Wort kommen.

Als gebürtiger Langenfelder muss ich darüber natürlich lachen, bleibt dem fast völlig bankrotten Monheim am Rhein doch bei Licht besehen kaum etwas anderes, als zu weltfernen, höheren Mächten zu beten.

(Das oben eingeklinkte Video ist die christliche Botschaft zu den Wochen der Gänsequälerei. Hat natürlich nur bedingt mit Monheim zu tun. Vielleicht singen die Gänselieslstädterinnen und Gänselieslstädter den frommen Text ja bei ihrer Andacht. Das würde mich auch sehr freuen.)

Martin Rath (stürze mich gleich zum Arbeiten in die finstre, finstre Nacht):


Donnerstag, 5. November 2009

70-100 Prozent gelesen Wessen Freund, wessen Helfer?


Mit der NS-Geschichte Kölns habe ich mich bisher kaum, schon gar nicht systematisch befasst. Immerhin hat dies die Polizei getan - leider nicht durch Ermittlungsverfahren zu Zeiten, in denen man Tätern noch hätte habhaft werden können, aber immerhin mit einem historischen Werk, das sich mit der eigenen NS-Verstrickung befasst. „Verstrickung?“ - vielleicht ein schwacher Begriff, denn in vielem war die Polizei Fleisch vom Fleische des NS-Staats.

Wie in anderen Bereichen der deutschen Gesellschaft vor 1933 - man denke etwa an so genannte „eugenische“ Ansätze unter Medizinern, ja sogar katholischen Theologen - wurden auch in der Polizei Ansätze, die bereits vorhanden waren, radikalisiert und auf mörderische Weise umgesetzt, sobald das Placet von Seiten der Staatsführung gekommen war. Für die Polizei waren dies vor allem etwa Möglichkeiten der so genannten (spezial-) präventiven Verbrechensbekämpfung, die auch in Köln hunderte von - überwiegend wohl völlig harmlosen - Menschen als potenzielle (Berufs-) Verbrecher ins KZ brachten. (Vor 1933 polizeilich gewünscht, zwischen 33 und 45 in die mörderische Praxis umgesetzt - nachgeträumt von einer SPD-„Mutter des Grundgesetzes“.)

Die Reproduktion von amtlichen Dokumenten aus der NS-Zeit wecken im vorliegenden Band Erschaudern, man beachte die Wortwahl im oben abgebildeten Ausriss - um so ärgerlicher ist es, wenn dabei (siehe oben Rotmarkierung wegen fehlender Schwärzung) nicht sorgfältig gearbeitet wurde. Arge Typografiefehler sind mir in dem Buch auch ins Auge gesprungen.

Insgesamt aber, trotz mancher handwerklicher Schwächen, ist dies wohl ein tragendes Werk zur gar nicht lieblichen kölschen Heimatgeschichte:
Harald Buhlan & Werner Jung
Wessen Freund und wessen Helfer?
Die Kölner Polizei im Nationalsozialismus
Köln (Emons) 2000
675 Seiten
Stadtbibliothek Sig. Ncm 3 (Mülheim)
--- Martin Rath, Schnellbesprechung ---