Montag, 4. Mai 2009

Rund 90 Prozent gelesen | Jonathan Littells SS-Tim-ohne-Struppi-Roman

(Covers | Littell und Hergé: Hat dieser Pilz, den Tintin bestaunt, nicht etwas von einem missgestalteten männlichen Organ?)

Jonathan Littell |
Die Wohlgesinnten | Berlin | Berlin Verlag | 2008 | 1.381 Seiten | Signatur U Littell, Jonathan (Stadtbibliothek Köln [Mülheim])

Verwundert darüber, dass in der verwunschen mager ausgestatteten Stadtteilbibliothek gleich drei oder vier Exemplare dieses Best-Sellers aus dem Jahr 2008 standen, habe ich vergangene Woche wider besserem Vorsatz einmal zugegriffen. Übers Wochenende war ich dann durch, welche rund 10 Prozent ich bei der Lektüre ausgelassen habe, dazu gleich einige Worte.

Ehrlich gestanden, ich würde es mir gerne ersparen, meinen Eindruck zu äußern, kurz gefasst: die Erzählung des fiktiven SS-Offiziers Max Aue ist vielschichtig obszön. Ein Aspekt dieser Obszönität ist, soweit ich das überblicken kann, bisher noch nicht öffentlich bemerkt worden, Grafik & Überschrift dieses Postings weisen darauf hin.

Die meisten Obszönitäten sind der Geschichte des Völkermordes an den Juden Europas geschuldet. Aue, der Ich-Erzähler, ist am Massenmord teils unmittelbar beteiligt. Plastische Berichte von Erschießungen können nicht anders sein als obszön.

(Die geschilderten Perversionen, mörderischer wie sexueller Art, lassen mich - nebenbei bemerkt - zweifeln, ob die Aufstellung in einer öffentlichen Bibliothek, zehn Meter neben der Kinder- und Jugendliteratur, so glücklich getroffen ist.)

Eine Schicht der Obszönität, wie gesagt: mir scheint sie noch nicht öffentlich behandelt worden zu sein, beruht auf den unzureichenden erzählerischen Mitteln, wie sie mit Kunstgriffen aus dem Creative-Writing-Millieu zutage treten. Vergleichweise harmlos wirkt dabei noch die historische Phantasie, mit der beispielsweise ein sowjetischer Militärkommissar mit Literaturkenntnissen ausgestattet wird, die es ihm erlauben, mit SD-Verhöroffizier Aue im Kessel von Stalingrad ausführliche Diskussionen über abwegige Thesen zu führen. Wer glaubt, ein kommunistischer Kommissar in dieser Zeit hätte Zugriff auf westeuropäische (Semi-) Faschistenliteratur gehabt, dem muss in puncto Geschichtswissenschaft eine Schraube locker sitzen.

(Und ich ärgere mich, nebenbei, an dieser Stelle, dass ich hier argumentieren muss, wie jene alten Kriegsteilnehmer, die sich in haarspalterischen Diskussionen darüber hingeben konnten, ob der Panzer mit dem Kfz-Kennzeichen Y-0815 damals, 1943, nach rechts oder nach links abgebogen ist, nachdem Manstein aufs Klo gegangen war.)

Harmlos sind auch die Lektorats- bzw. Übersetzungsschlampigkeiten, beispielsweise von der Art, dass eine neu gebaute Wohnung, die Max Aue im Berlin des Jahres 1942 bezieht, über vergilbte Tapeten verfügt. Beides wird auf ein und der selben Seite erwähnt.

Nein, eine zusätzliche Obszönität: Ich könnte mir vorstellen, dass Jonathan Littell, einst, nachdem er bei seiner Creative-Writing-Grundausbildung Bergfest feiern durfte, sich überlegt hat, welchen Basis-Plot und welches Grundpersonal er wohl anderenorts abkupfern könnte, um für sein zusammengelesenes geschichtswissenschaftliches Material einen Rahmen zu schaffen.

Dann machte er aus dem (jedenfalls nach seinen [semi-] faschistischen Anfängen) zutiefst humanistisch-weltbürgerlichen „Tintin“ Hergés (dt. „Tim und Struppi“), der als staunender (und nebenbei: asexueller) Beobachter und von günstigen Zufällen gelenkter Reisender in die Comic-Literaturgeschichte einging, seinen oft staunenden, als Macht-Haber bedenklich macht-naiven und für ihn günstigen Zufällen gelenkten (und nebenbei: auf perverse Weise homosexuellen & inzestuösen) Nazi-Intellektuellen Dr. Max Aue.

Ähnlich wie die bescheuerten Polizei-Detektive „Schulze und Schultze“ Titin/Tim in einer Geschichte verfolgten, sind bei Littell zwei Beamte der Mordkommission hinter Aue her, dessen Mutter unter ungeklärten Umständen in der italienisch besetzten Zone Südfrankreichs ermordet wurde. Wie Schulze & Schultze kommen die Kommissare Clemens & Weser geradezu slapstickartig zum Zuge: Sie verfolgen Aue nach Ausschwitz und durch die Kanalisation des von der Roten Armee angegriffenen Berlins bis zum Showdown im Tiergarten. Haarsträubend irreal.

Gerade die Figuren Schulze & Schultze, pardon: Clemens & Weser drängten mir die Affinität zu den Titin-Plots auf. Kurzes Fazit soweit:
DAS IST SO EIN UNSÄGLICHER SCHWACHSINN, gerne hätte ich das Buch in die Ecke geworfen, indes: DAS TUT MAN JA MIT EINEM BUCH IN ÖFFENTLICHEM EIGENTUM NICHT.

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Ungelesen blieben übrigens, neben Gewaltszenen vor allem Passagen, die mich an den grottenschlechtesten unter den insgesamt eher schwer erträglichen Romanen Umberto Ecos erinnerten: „Baudolino“. Diese Schicke-naiven-Jüngling-durch-Höllenwelten-Erzählkunst Umberto Ecos könnte - neben Hergés „Tintin“ - eine weitere Inspirationsquelle des CreaWri-Eleven Littell gewesen sein. Littell meint mit den „Wohlgesinnten“ wohl zwei geheimnisvolle graue (eigentlich: braune) Eminenzen, Leland & Mandelbrod, die er eigentlich nur noch mit Geiergefieder & Teufelsfüßen hätte ausstatten müssen, um mit dem Eco'schen Quatschroman gleichzuziehen.

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P.S. Naja, vielleicht sind die Ähnlichkeiten doch nicht mir allein aufgefallen:
La digression sur la relation que Degrelle entretenait avec le personnage de Tintin, par exemple, et qui donnera lieu à la publication posthume de Tintin mon copain, le dernier livre de l'ex-général SS belge, est particulièrement intéressante pour tout citoyen conscientisé.

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