Dienstag, 14. April 2009

Satz 12 von Seite 3, Spekulation über De-Education vermittels Andersch-Zitat

Alfred Andersch | Ein Liebhaber des Halbschattens | Drei Erzählungen | Zürich | 1969, 1974 | 105 Seiten | e: 22.09.1989

Einerseits: Schlimm ist an ihr weniger, dass die „geistig-moralische Wende“ des Doktor Helmut Kohl, Anfang der 1980er-Jahre, lustige Patrioten wie Professor Stürmer nach oben trieb, schlimm war vielmehr das Privatfernsehen. Wollte man dessen Folgen - derzeit beschwören ja diverse Politiker „die Bildung“ (ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich kaum etwas bessern wird) - hinreichend beschreiben, der Begriff: „De-Education“ fiele mir dafür als passend ein, zu deutsch: staatlich vorangetriebene Volksverblödung.

Andererseits: Ihr ging eine „Re-Education“ made in U.S.A. voraus, die vielleicht nicht so folgenreich war, wie die deutsche Rechte denkt (deren Personalstamm [neudeutsch: Humankapital] ja schon die Nazis selbst, spätestens nach dem 20. Juli 1944 erfolgreich dezimiert hatten) und fürderhin als Gottseibeiuns beschwor, sondern allenfalls von Vorteil für deutsche Schriftsteller wie Alfred Andersch, der seine Brötchen - wohl als Ausfluss des Re-Ed.-Programms - mit Hörspielen im Rundfunk verdienen konnte.

Einerseits: Als ich die Schmalheit des hier vorliegenden Bändchens zur Kenntnis nahm (Satz 4 von Seite 123: hier wird da nix draus), dachte ich: Naja, ein Hörspielautor halt, der Alfred Andersch.

Andererseits: Der als Alternative zu zitierende Satz 3 von Seite 12 sieht so aus, dass man nicht glauben mag, ein vom Rundfunk verdorbener Autor habe ihn zu Papier gebracht. Lassen wir ihn zitieren und damit einmal mehr genug gebloggt:
Mochte es der Krieg sein, das falsche Verhalten eines Soldaten oder einfach nur das Wetter - der ältere Witte, dessen einziges Kind Lothar aus unaufgeklärten Gründen geblieben war, blickte kurz vor seinem Tode auf das, was ihm das Leben gerade vorführen mochte, genau so, wie Lothar in gewissen Augenblicken einen Freund betrachten konnte: mit kaltem, abweisendem Interesse.
Wem der Zusammenhang meiner kruden Dialektik entgangen sein mag: Juhu! Solche Sätze hat man damals, bevor der Doktor Helmut Kohl mittels Privatrundfunk die geistig-moralische Wende herbeiführte, so mancher sogar in Funk und Fernsehen geäußert. Ohne Scheiß!




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