Dienstag, 7. April 2009

Alfred Andersch: Die Kirschen der Freiheit | Satz 4 von Seite 123


Ich verstehe es nicht ganz, wenn behauptet wird, ein öffentliches Denkmal für die ehrenwerten Deserteure des Zweiten Weltkriegs sei bis in die 1990er-Jahre nicht möglich gewesen. Das hier ist eines, 40 Jahre älter. - Aber natürlich: die Schrift ist ja nichts für eine Erinnerungskultur, vergleicht man sie mit behämmerten Symbolsteinblöcken im Straßenbild oder Bronzeplastiken mit Taubenschiss.

Ich greife meiner Erzählung einen Augenblick vor, indem ich berichte, wie ich ihnen ein paar Tage später wieder gehörte, als ich, Teil einer langen Kette Gefangener, auf eines der Lastautos kletterte, die vor dem Lager auf uns warteten.
Diese Szene aus dem Jahr 1944 geht natürlich nicht mehr, als Teil eines literarischen Deserteur-Denkmals. Denn mancher grünalternative Komisskopp heutiger Zeit (ich stelle ihn mir leicht nasal schnatter-seuselnd vor, bis auf den hysterischen Schreckruf, den er ausstößt, sobald sein selten lesendes Auge auf den fünften Satz auf Seite 123 fällt) würde mit denkbarer Gedanken-Freiheit das Buch deswegen in die Ecke kloppen:
Die Fahrer waren Neger.
Alfred Andersch | Die Kirschen der Freiheit | Zürich | Diogenes | 1971 | 130 Seiten | e: 29.08.1989


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