Mittwoch, 15. April 2009

dpa schlunzt halb und dradio macht's nach

Bildquelle: Wikipedia

Seit den frühen Morgenstunden höre ich auf Deutschlandradio Kultur, der mutmaßliche KZ-Mörder Iwan/John Demjanjuk werde aufgrund eines US-Gerichtsbeschlusses vorläufig nicht an die deutsche Justiz „ausgeliefert“, weil er gegen seine „Abschiebung“ geklagt habe.

Es geht aber nur um eine „Abschiebung“ in Folge einer „Ausweisung“ und das hat überhaupt nichts meit einer „Auslieferung“ zu tun. Der Mann hat vor Jahren die US-Staatsangehörigkeit wegen falscher Angaben bei seiner Einbürgerung verloren, ist daher staatenlos. Die deutschen Behörden haben zwar Interesse an seiner Anwesenheit in Deutschland angemeldet, um ein förmliches Auslieferungsverfahren geht es hier aber nicht. Würde D. ein anderes Land zur Ausreise angeben können, ginge das vielleicht auch: die USA wollen D. halt bloß loswerden. Eine förmliche Auslieferung würde erfordern, dass den US-Gerichten die Gründe für den deutschen Strafanspruch gegen D. mehr oder weniger substantiiert dargelegt werden. Das ist bei der Ausschaffung (wie die Schweizer das nennen) eines Staatenlosen eben nicht erforderlich.

Die Nachrichtenagentur gibt den falschen Textbaustein vor, der Rundfunk bewirft seine Hörer mit ihm. Das tut ein bisschen weh, ist die Rechtslage doch vor Wochen schon ausführlich in der Printpresse referiert worden, ein halbwegs wachsamer Redakteur hätte da ja mal etwas ausbessern können.

Dienstag, 14. April 2009

Satz 12 von Seite 3, Spekulation über De-Education vermittels Andersch-Zitat

Alfred Andersch | Ein Liebhaber des Halbschattens | Drei Erzählungen | Zürich | 1969, 1974 | 105 Seiten | e: 22.09.1989

Einerseits: Schlimm ist an ihr weniger, dass die „geistig-moralische Wende“ des Doktor Helmut Kohl, Anfang der 1980er-Jahre, lustige Patrioten wie Professor Stürmer nach oben trieb, schlimm war vielmehr das Privatfernsehen. Wollte man dessen Folgen - derzeit beschwören ja diverse Politiker „die Bildung“ (ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich kaum etwas bessern wird) - hinreichend beschreiben, der Begriff: „De-Education“ fiele mir dafür als passend ein, zu deutsch: staatlich vorangetriebene Volksverblödung.

Andererseits: Ihr ging eine „Re-Education“ made in U.S.A. voraus, die vielleicht nicht so folgenreich war, wie die deutsche Rechte denkt (deren Personalstamm [neudeutsch: Humankapital] ja schon die Nazis selbst, spätestens nach dem 20. Juli 1944 erfolgreich dezimiert hatten) und fürderhin als Gottseibeiuns beschwor, sondern allenfalls von Vorteil für deutsche Schriftsteller wie Alfred Andersch, der seine Brötchen - wohl als Ausfluss des Re-Ed.-Programms - mit Hörspielen im Rundfunk verdienen konnte.

Einerseits: Als ich die Schmalheit des hier vorliegenden Bändchens zur Kenntnis nahm (Satz 4 von Seite 123: hier wird da nix draus), dachte ich: Naja, ein Hörspielautor halt, der Alfred Andersch.

Andererseits: Der als Alternative zu zitierende Satz 3 von Seite 12 sieht so aus, dass man nicht glauben mag, ein vom Rundfunk verdorbener Autor habe ihn zu Papier gebracht. Lassen wir ihn zitieren und damit einmal mehr genug gebloggt:
Mochte es der Krieg sein, das falsche Verhalten eines Soldaten oder einfach nur das Wetter - der ältere Witte, dessen einziges Kind Lothar aus unaufgeklärten Gründen geblieben war, blickte kurz vor seinem Tode auf das, was ihm das Leben gerade vorführen mochte, genau so, wie Lothar in gewissen Augenblicken einen Freund betrachten konnte: mit kaltem, abweisendem Interesse.
Wem der Zusammenhang meiner kruden Dialektik entgangen sein mag: Juhu! Solche Sätze hat man damals, bevor der Doktor Helmut Kohl mittels Privatrundfunk die geistig-moralische Wende herbeiführte, so mancher sogar in Funk und Fernsehen geäußert. Ohne Scheiß!




Freitag, 10. April 2009

Horst Eckerts Königsallee | 100% gelesen

Horst Eckert | Königsallee | Dortmund | Grafit | 2007 | 411 Seiten | Stadtbibliothek Köln-Mülheim | Sig. U Eckert, Horst

Ich bin kein notorischer Krimi-Leser; dass mir seit einigen Wochen viele Romane dieser Gattung unterkommen, hat vor allem mit dem Bedürfnis nach leichter Einschlaflektüre zu tun.

Für eine ausführlichere Auseinandersetzung mit Horst Eckerts „Königsallee“ lesen Sie bitte hier weiter. Das Bild oben habe ich auch von dort herzitiert.

Der verlinkten Kritik kann ich mich weitgehend anschließen. Problematisch an diesem Plot, der im Politik-Gruppensex-Polizei-Millieu der nordrhein-westfälischen Provinzialhauptstadt Düsseldorf angesiedelt ist, schienen mir einige Punkte:
  • Die *Tochter des zum Landesinnenministers auserkorenen Richters Andermatt (?) prostituiert sich in der Drogen-/Disco-Szene der Landeshauptstadt, wovon der juristische Scharfmacher erst infolge eines *Express-Artikels Wind bekommt. Während meiner Schulzeit in Düsseldorf habe ich von der dortigen Drogenszene glücklicherweise nicht mehr mitbekommen als: a) kiffende Kommilitonen und b) das starke Gerücht ihrer Existenz. Vor allem aber war, für mich als 1-A-Landei, immerhin mitzubekommen: Düsseldorf ist klein genug, damit sich ein Skandalon von der gigantischen Größe einer borderline-gestörten, harte Drogen und Gruppensex konsumierenden *Tochter eines realen „Richters Gnadenlos“ schneller herumgesprochen hätte als ein Papstbesuch im Beate-Uhse-Laden am Hauptbahnhof. Dieser Teil des Plots scheint mir nicht plausibel - und es ist ein durchaus tragender Teil.
  • Den von Horst Eckert porträtierten Oberbürgermeister der Provinzialhauptstadt Düsseldorf empfand ich weniger als „holzschnittartig“ gezeichnet, denn schlicht als unglaubwürdig: Dass man sich einen Oberbürgermeister von Düsseldorf als überaus eitles, verlogenes und semi-korruptes Arschloch vorstellen kann, das liegt zwar außerhalb jeder gottgewollten Realität, aber man kann es sich doch immerhin spaßeshalber einmal so ausmalen, wie es Eckert hier getan hat. Meinen Glauben an die politischen Qualitäten seines fiktiven Oberbürgermeisters Dagobert Kroll verlor ich jedoch in einer Szene, in der sich seine (vertraute) Spitzen-Mitarbeiterin Simone Beck (halbwegs intelligent, 180-prozentig scharf, wie eine OB-Kofferträgerin halt sein soll) gegen den Vergewaltigungsversuch durch den Bodygard eines mit Kroll politisch befreundeten russischen Mafiahäuptlings zur Wehr setzt. Kroll weist seine Frau Beck zurecht. Das heißt: Kroll ist gar kein richtiger Politikmafioso, hat weder seinen Machiavelli noch seinen Sunzu gelesen. Als solcher hätte er nämlich sein hyperloyales „Gang-Mitglied“ Simone Beck schützen und wegen des Übergriffs vom Russenmafia-Paten Kompensation verlangen müssen.
  • Die Figuren Dr. Edgar Reuter (Bruder des ermittelnden Kommissär & als Jurist mafia-affin) sowie des Consultants Ulrich Lohmar und auch leider die Showdown-Szene mit brennender Hafen-Hütte, Teil ausdrücklichen Autorenstolzes, waren doch etwas flach.
  • Eine Löstung wäre wohl ein starker Pro-/Antagonismus gewesen: Jewgeni vs. Jan. Springt aber zu viel sonstiges Personal herum.
Aber bei aller Krittelei: Die rund 400 Seiten sind flugs gelesen. Das Buch ist schon spannend und, wenn man den Suspense beim unerwarteten Auftauchen des Wortes „Einstein“ überliest, sogar bis zum Schluss gar nicht vorausberechenbar.

Lese gerade: Der Provinzialhauptstadtsoberbürgermeister scheint in der Realitiät noch politikaverser gewesen zu sein, als es der fiktive ist. Links hier, hier & dort.

Wie gut, dass ich mein bürgerliches Leben hier zubringe, wo Politik von kompetenten Stadtoberhäuptern gemacht wird:






Dienstag, 7. April 2009

Alfred Andersch: Die Kirschen der Freiheit | Satz 4 von Seite 123


Ich verstehe es nicht ganz, wenn behauptet wird, ein öffentliches Denkmal für die ehrenwerten Deserteure des Zweiten Weltkriegs sei bis in die 1990er-Jahre nicht möglich gewesen. Das hier ist eines, 40 Jahre älter. - Aber natürlich: die Schrift ist ja nichts für eine Erinnerungskultur, vergleicht man sie mit behämmerten Symbolsteinblöcken im Straßenbild oder Bronzeplastiken mit Taubenschiss.

Ich greife meiner Erzählung einen Augenblick vor, indem ich berichte, wie ich ihnen ein paar Tage später wieder gehörte, als ich, Teil einer langen Kette Gefangener, auf eines der Lastautos kletterte, die vor dem Lager auf uns warteten.
Diese Szene aus dem Jahr 1944 geht natürlich nicht mehr, als Teil eines literarischen Deserteur-Denkmals. Denn mancher grünalternative Komisskopp heutiger Zeit (ich stelle ihn mir leicht nasal schnatter-seuselnd vor, bis auf den hysterischen Schreckruf, den er ausstößt, sobald sein selten lesendes Auge auf den fünften Satz auf Seite 123 fällt) würde mit denkbarer Gedanken-Freiheit das Buch deswegen in die Ecke kloppen:
Die Fahrer waren Neger.
Alfred Andersch | Die Kirschen der Freiheit | Zürich | Diogenes | 1971 | 130 Seiten | e: 29.08.1989


Montag, 6. April 2009

Habe die Masche raus

Jacques Berndorfs Hauptfigur, den Journalisten im polizeilichen Einsatz (Juristen kennen dafür die hübsche Formel „mit Verwaltungsaufgaben beliehen“) Siggi Baumeister, finde ich nicht übermäßig glaubwürdig: für einen trockenen Alkoholiker hantiert er ziemlich viel mit Obstbränden und Wein herum. Befremdlich.

Nicht mehr befremdlich ist die Erzähltechnik. Am Ende kommt doch stets die - nicht vollständige - Überraschung. Als Einschlaflektüre der vergangenen Wochen dienten:
  • Eifel-Blues
  • Eifel-Gold
  • Eifel-Filz
  • Eifel-Schnee
  • Eifel-Sturm (SB Köln)
  • Eifel-Träume (SB Köln)
  • Eifel-Kreuz (SB Köln)
Die Masche raushaben: für den vorgesehenen Zweck, zum Einschlafen, keine schlechte Qualität.

Sonntag, 5. April 2009

Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders | Satz 4 von Seite 123

Alfred Andersch | Der Vater eines Mörders | Zürich | Diogenes | 1980 | 140 Seiten | e: 15.02.1989

Boshaft könnte man die Vermutung anstellen, dass mit Alfred Anderschs Erzählung zum Vater Heinrich Himmlers, einem Münchner Gymnasiallehrer, die hingemenschelte Trivialisierung des NS-Regimes begann, die später zur berüchtigten Komödie „Der Untergang“ oder zum Ach-was-ist-die-Hauptdarstellerin-eine-schöne-Frau-Film „Der Vorleser“ führte.

Doch die bloß ausrisshafte Kostprobe:
„Außerdem“, sagte Vater, „will der alte Himmler sich mit mir gut stellen, weil er weiß, daß sein Sohn zu meinen Kameraden in der Reichskriegsflagge gehört.“
Womit der Erzählervater irrt, weil Nazizeuger nicht Nazikinder lieben müssen. Selbst wenn's ihre eigenen sind.


Samstag, 4. April 2009

Wer liest mich schon?


„Wer liest mich schon?“, die Standardfrage des lesenden Arbeiters der schreibenden Online-Existenzen wird hier mit griffigen Hypothesen angegangen. Ich tippe auf Antwort 2.

Die Doppelbedeutung von „schon“ verschiebt sich erfahrungsgemäß im Laufe einer Bloggerei von „bereits“ nach „überhaupt jemals“. Womit vermutlich auch ein Gutteil der elektronischen Aggressionen wider die papiernen Medien erklärt ist. (Die ich dem vorliegenden Blog hier aber durchaus nicht zuschreiben will.)

Donnerstag, 2. April 2009

Günther Anders' rabenschwarze Vergnügungen

Günther Anders | Ketzereien | München | Beck | 1991 | 358 Seiten | e: 21.04.1995

Nicht erst aus dem Vergleich mit den systemphilosophischen Arbeiten von Günthers sticht dieses aphoristische Werk von Günther Anders hervor: finstere Gedanken, bissig präsentiert - das bereitet mir recht großes Vergnügen.

Eine Notiz, die mir damals vor 14 Jahren offenbar sehr gut gefallen hat, lautet:

Zoo Schönbrunn
Wir Menschen - die Juden unter den Tieren. Und manche von ihnen werfen uns tatsächlich unverhohlen antisemitische Blicke zu. Namentlich wenn wir miteinander sprechen. Dann hassen sie uns so, wie Analphabeten den Anblick Lesender hassen. (p. 255)
Doch kommen wir zum üblichen Zitat, Satz 4 von Seite 123:
„Du glaubst also nicht, daß die Philosophie an die Stelle der Religion getreten sei?“
Diese mündliche Rede stammt aus einem mehrseitigen Lehr-Dialog; das sind die etwas langatmigeren Seiten des Buches, auf denen sich Günther Anders - sehr, sehr freundlich ausgedrückt: - sehr, sehr naseweis ausbreitet. Aber selbst in diesen schroffen Texten finden sich Zitatperlen:
In den Augen von wirklich Gläubigen ist ein Moralist ohne Gott immer noch besser angeschrieben als ein Amoralist mit Gott.
Da ich von jeher zum konfliktscheuen Gesindel zähle, ist meine Haltung zur Moralistik natürlich agnostisch. Aus dem Buch fiel mir eine Karte entgegen, die mich daran erinnert: Damals lief mir doch tatsächlich einmal bei einer passenden Gelegenheit eine blonde Bestie über den Weg, das letzte Mal in Friedenszeiten:
Unmoralisch ging es damals leider nicht zu. Blicktechnisch bekäme ich von der Dame heute, so darf ich vermuten, gleichwohl einen tierischen Blick, wenn überhaupt.



Mittwoch, 1. April 2009

Der Angeordnete und the Chief Whip - unbeabsichtigte Sprachrealie

Meinen Lieblingstippfehler der letzten Zeit fand ich im „Kölner Stadt-Anzeiger“ von gestern, online stand da zu lesen:
Fraktionschef Helmut Stahl geht zwar auf die Vorgänge in der Kölner CDU ein. Aber nicht direkt auf die Angriffe Schrammas. Stahl zollt ihm Respekt und Anerkennung. Und er empfiehlt den Angeordneten, in Debatten draußen im Land deutlich zu machen, dass im Rat der Stadt Köln Rot-Rot-Grün „Personalpolitik nach Gutsherrenart“ betrieben hätte. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Schramma hatte es schwer.
Hervorhebung von mir (Quelle). Zu meinen Lieblingsideen, die ich aus schlichter Klug- wie auch Faulheit, von Kompetenz nicht zu reden, wohl nie umsetzen werde, gehört ein „Empirischer Realkommentar des deutschen Verfassungsrechts“, der - statt des üblichen verfassungstheologischen Dogmatisierens - eine wahrscheinlich nur ironisch zu ertragende Beschreibung der (un-/halb-) rechtstatsächlichen Verhältnisse und Zustände enthielte. Den Vorschlag, statt von „Abgeordneten“ von „Angeordneten“ zu sprechen, könnte ich mir in diesem Rahmen ziemlich gut vorstellen.

Dass man damit nicht neokonservativ, rechtsextrem oder sonstwie pfuipfui sein müsste, zeigt der ironische Realismus, in dem die angelsächsischen Demokratien das Amt des Fraktionsvorsitzenden bezeichnen.

Satz 4 von Seite 123 | Günther Anders Antiquiertheit


Günther Anders | Die Antiquiertheit des Menschen 2 | Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution | München | Beck | 1992 | e: 25.10.1993

Gelegentlich frage ich mich ja, wer - sagen wir besser: wer ohne akademischen Prüflingsansporn - die ganze „Antiquiertheit“ von Günther Anders ungelogen vollständig gelesen hat.

Um einer Antwort näher zu kommen, lobe ich einen Preis aus: Wer sich diesbezüglich bis zum 1. April 2010 outet, dem schreibe ich ein Gedicht. Passenderweise vielleicht einen Lobeshymnus auf die Erotik des Atomkraftwerks. Oder ähnliches.

Bevor ich mich hier noch zu weiteren kreativen Verrenkungen entblöde, zitiere ich lieber ganz schnell den vierten Satz von Seite 123 und schlage diese Seite des Internets für heute zu:
Die als anvantgardistisch und verhöhnte Formel der Gertrude Stein „A rose is a rose is a rose&#147 - nahm hier [meint: im Zusammenschluss der Welt in einer Riesenmaschine, MaR] plötzlich Sinn an, weil sich nämlich herausstellte, daß sie nicht mehr galt, daß Kühlschränke keine Kühlschränke mehr waren, Untergrundbahnen keine Untergrundbahnen, Glühbirnen keine Glühbirnen mehr.
Dem Günther Anders Schrecken, dem Björn Theis ein Wohlgefallen. Ich halte mich da mit einer eigenen Meinung lieber heraus. Nur vielleicht: ein zugeschlagenes Blog ist ein zugeschlagenes Blog ist ein zugeschlagenes Blog.