Sonntag, 15. März 2009

89% gelesen | Da scheint einer den coolen Doktor nicht zu mögen

Sascha Lehnartz | Global Players | Warum wir nicht mehr erwachsen werden | Frankfurt am Main | Fischer | 3. Auflage 2006 | 285 Seiten | e: 18.02.2009 € 2,95

Ich arbeite seit einigen Tagen oft zu nachtschlafener Zeit - nachtschlafend für alle anderen -, mein Projekt „Zitiere täglich Satz 4 von Seite 123“ habe ich daher schleifen lassen, immerhin lese ich jetzt - neben den beruflich zu lesenden Texten - nun ab und zu eher leichten Stoff wie diesen.

Wer, wie ich, einen leibhaftigen Trendforscher zu seinem Bekanntenkreis zählt, wird hier manch treffende Zeile entdecken. Im Übrigen habe ich das meiste, was diese Lektüre betrifft, gleich nach dem Lesen auch schon wieder vergessen. Ein Effekt, der eintritt, wenn man sich schon bei der geistigen Nahrungsaufnahme denkt: Och, das ist aber leicht verdaulich. Stimmt schon. Huch, diese Zeile ist aber spicy. - Und gut ist es.

Lehnartz handelt von der sozial bedingten (möglicherweise sogar: biologisch angelegten) Unfähigkeit des (post-) modernen Menschen, heutzutage erwachsen zu werden. Cool zu sein, sei zum Imperativ des mit der Mode gehenden Menschen geworden, paradoxerweise sogar gerade dann, wenn er gegen die Mode angeht - Trendforschern, Trendscouts etc. sei dank -, weil der Konsumkapitalismus jede Abweichung von ästhetischen, habituellen und ähnlich weichen Normen sogleich zur potenziell neuen Norm - jedenfalls einer Zielgruppe - erhöbe.

Das ist nichts Neues. Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich solchen Erkenntnissen zwar unbeschwert beipflichten kann, nichtsdestoweniger in einer - im Wortsinne - habituellen Muffeligkeit (bitte hier kein „ü“ hineinlesen) anheimgefallen bin und bleibe.

Um die merkwürdige Titelzeile dieses Postings zu erklären: Obwohl der Großmeister des deutschen Magazinjournalismus, Doktor Ulf Poschardt, ein Buch über das Coolsein vollgeschrieben hat, mit vielen Seiten ohne bunte Bilder, findet „der Doktor“ bei Sascha Lehnartz keine Erwähnung. Und es geht beim Nicht-erwachsen-Werden natürlich viel ums Coolsein. Da können sich offenbar zwei Enddreißiger im deutschen Medienhaifischbecken nicht so gut riechen.

Habe ich Sie mit diesem Posting noch nicht zum Weiterklicken animiert? Dann zitiere ich jetzt noch einen hübschen Satz zu Désirée Nick, den ich deshalb so lustig finde, weil ich mit der Dame mal telefonieren musste. Frau Nick hat sich ja (was mir am Telefon doch eher entging) um die guten Sitten in Deutschland verdient gemacht. Ich zitiere also, was SL dazu im Zusammenhang hält:

[D]ie Zeitschrift Brigitte drillte ihre Leserinnen in einer Knigge-Serie, Brenner's Park Hotel in Baden-Baden bietet seinen Gästen Umgangsformen-Unterricht an, da auch gut betuchte Gäste rätseln, wie sie sich in Grandhotels zu bewegen haben. Anscheinend weiß kein Mensch mehr, wie er sich ordentlich anziehen, vernünftig anziehen, vernünftig zu verhalten und gut benehmen soll. Die Ratlosigkeit ist so groß, daß man Désirée Nick eine Benimm-Show moderieren läßt. Genauso gut könnte man Saddam Hussein anbieten, Demokratieunterricht zu erteilen.
Dem kann ich - im Gegensatz zum Coolsein & Modechick - aus Erfahrung beipflichten.






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