Dienstag, 24. Februar 2009

Carl Amerys Große Deutsche Tour | Seite 123 dort Satz 4

Carl Amery | Die Große Deutsche Tour | München | Heyne | 1986 | 282 Seiten | e: 26.08.92

Das ist schon etwas angestaubt gewesen, als es 1986 neu aufgelegt wurde. Das Original erschien in den 1950er-Jahren. Die Themen, Korruption und politische Macht, sind jedoch zeitlos. Darum schrieb Amery im Nachwort etwas, was mir ganz gut gefällt:
Die Rahmenbedingungen haben sich nur relativ, nicht grundsätzlich verändert. Solche relativen Veränderungen sind etwa:

1. Allen Gehalts-und Preisangaben ist eine zusätzliche Null anzfügen.
2. In religiösen, d.h. großkirchlichen Angelegenheiten war man wesentlich scheinheiliger.
3. In erotischen Dingen war man wesentlich umständlicher.
4. Das öffentliche und halböffentliche Gerede war noch sehr viel mehr von abendländischer Bildung befrachtet.
5. Die Sub- und Gegenkulturen waren wesentlich unauffälliger.

Selbst der arglose Leser wird sofort bemerken, daß es die Tendenz bestimmter Kreise ist, in den Punkten 2 bis 4 zu den [...] geschilderten Zuständen zurückzukehren. Man nennt dies geistig-moralische Erneuerung.
Das ist ganz fein und auch 20 Jahre nach der Neuauflage ganz witzig.
Er hatte die Göttin gefragt, woher sie stamme; sie gab an, aus Hannover zu kommen
lautet Satz 4 von Seite 123, den wir hier pflichtschuldigst zitieren wollen. Ich glaube, das gehört dem Punkt 3 zugeschlagen, der erotischen Umständlichkeit. Mir scheint jedenfalls, dass heutzutage kein Mann mehr auf den Gedanken kommt, eine Frau ernsthaft als Göttin zu bezeichnen. Sei es, weil der Post- und Vulgärfeminismus derlei geflügelte Verehrungsfloskeln unmöglich gemacht hat. Sei es, dass die einschlägige Beinenthaarungsreklame den einst auch im sexuellen Personennahverkehr funktionierenden Ausdruck „Göttin“ enterotisierte.



Ich finde das jedenfalls höchst zweifelhaft. Vielleicht bin ich aber nur Universalagnostiker in allen göttlichen Aspekten.






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