Montag, 16. Februar 2009

Beginn der unfeierlichen Götz-Aly-Tage | Satz 4 von Seite 123

Götz Aly | Hitlers Volksstaat | Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus | Frankfurt am Main | Fischer | 2005 | 480 Seiten

In den nächsten Tagen werden die Bücher, die ich von Neuem aufschlage, um unbedingt ein kurzes Zitat und vielleicht ein kleines Räsonement zu geben, von Götz Aly (mit-) verfasst worden sein.

Seit seinem umstrittenen und von Gerichten vorzensierten „Vordenker der Vernichtung“ aus den 1990er-Jahren (mit Susanne Heim) gehört Aly zu den Historikern, die ich bevorzugt lese. Warum, dass lässt sich anhand der Exegese von Satz 4 auf Seite 123 demonstrieren:
Zu Weihnachten 1942 erweiterte das OKW [Oberkommando der Wehrmacht, MaR] die offiziellen Spielräume abermals aus und richtete zum Zweck des Fischversands eine „Heringweiterleitungsstelle“ ein, um die von den „Urlaubern privat gekauften Heringsfässer“ per plombiertem Eilgüterwagen nach Güstrow zu bringen und von dort weiterzuverschicken.
Kurz erklärt: Die deutschen Soldaten, die zwischen 1939 und 1945 halb Europa besetzt hielten, durften - zu künstlich vergünstigten Devisenkursen - in den besetzten Ländern „shoppen“ gehen. Die auf diese Weise legal zusammengeraubten Nahrungsmittel und Luxusgüter brachten sie dann in die Heimat mit oder verschickten sie über alle erdenklichen Wege. Das Zitat weist auf den drastischen Fall Norwegens hin: das Land, selbst auf Lebensmittelimporte angewiesen, wurde hier mit Hilfe der Wehrmachtsführung um seine Fischproduktion beraubt.

Gelegentlich hört man ja heutzutage von den Kunstraubzügen, die Hermann Göring durch Europa laufen ließ - Rückgabeprobleme tauchen hier immer noch und immer wieder auf. Über die Vielfalt der ökonomischen Ausplünderung der politisch und militärisch Machtlosen im Deutschland und Europa der Jahre 1933 bis 1945 berichtet diese umfangreiche Analyse.

Weil es auch Kontinuitäten aufzeigt, zum Beispiel, welche Wurzeln auch unser heutiges Renten- oder Kinderversorgungswesen im NS-Staat hat, ist Alys Buch eine Provokation schlechthin-

Wer sich jenseits rührender oder ätzender biografischer Zugänge zur NS-Geschichte (von Guido Knopp zu schweigen) historisch weiterbilden möchte, dem sei es von mir anempfohlen.

Das bin ich:






1 Kommentar:

GBS hat gesagt…

George Bernhard Shaw wird heute - für astrologisch Gläubige bestimmt nicht zufällig - nebenan mit den Worten zitiert:

I can forgive Alfred Nobel for having invented dynamite, but only a fiend in human form could have invented the Nobel Prize.

Gerade mit Blick auf die Aussagekonsequenz bin ich mir heute beim Übersetzen sehr unsicher:

Ich kann Alfred Nobel verzeihen, dass er das Dynamit erfunden hat, aber nur ein Teufel in Menschengestalt kann [auch noch] den Nobelpreis erfunden haben.

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