Donnerstag, 8. Januar 2009

Return gleich Gewinn? | Werbung für WDR 5


In jüngster Zeit liegt des Öfteren unter anderem der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ eine vierseitige Werbebroschüre des Westdeutschen Rundfunks bei, die von der Düsseldorfer Agentur „OgilvyAction“ produziert wurde.


Der Grund, dessentwegen ich kaum noch das einheimische Radio höre, weil mir die Sprecherinnen und Sprecher des WDR-Hörfunkprogramms oft kaum erträglich sind, derweil sie ihre dünnen Texte so furchtbar herum- und herunterleiern, ist vielleicht eine ebenso ungerechtfertigte Idiosynkrasie wie jene, aufgrund derer ich das WDR-Fernsehprogramm einfach nicht mehr sehen kann. Zu oft frage ich mich, wer solche Leute vor Mikro und Kamera stellt. Menschen, die auf dem Bildschirm wirken, als sei bei ihnen irgendwas zu kurz gekommen. Nein, ich sage nicht, was da zu kurz gekommen sein könnte. Vergleiche § 185 StGB oder man lese das PS, hier am Ende.


Immerhin stehe ich mit meiner Idiosynkrasie ja vielleicht gar nicht soooo allein, denn anders wäre kaum zu erklären, warum eine Rundfunkanstalt mit den Sendeweiten des WDRs regelmäßig in Tages- oder Wochenzeitungen von vermutlich viel kleinerer Reichweite auch noch Print-Werbung macht - statt einfach nur ihr Programm für seine Qualität sprechen zu lassen.


„WDR 5. Für Vordenker und Nachdenker“
So lautet das Motto der Printkampagne. Es mag meiner unergründlichen Abneigung geschuldet sein, dass mich dieser Satz nicht (positiv) anspricht. Vielleicht, weil ich mir von einem Radioprogramm markante Stimmen wünsche, die sich von Dudelfunk-Sprechern unterscheiden, intelligente Unterhaltung, die nicht immer nur die Köpfe aus dem ewig gleichen öffentlich-rechtlichen Klüngel (Jürgen Becker & tutti quanti) präsentiert. Vielleicht, weil ich nicht verstehe, wie man mit so viel Geld ein so durchschnittliches Programm machen kann - doch, halt: Macht nicht Deutschlandradio Kultur gerade wegen beschnittener Frequenzen und Haushaltsmittel ein so gutes Programm, das ich sogar ganz gern und vergleichweise oft einschalte ...?


Lassen wir das und kommen zum Text der oben verzerrt wiedergegebenen Broschüre:
„Adam Monk, ein kleiner Kapuzineraffe, hat's raus. Mit seinen Börsentipps liegt er regelmäßig über den Vorhersagen der Experten. Monk markiert im Börsenteil der Chicago Sun-Times Aktienkurse. Ergebnis: In drei von vier Jahren erzielte Monk mit seinen Börsentipps mal 36 Prozent Gewinn, mal 37 Prozent. Mehr als jeder seriöse Anlageberater je versprechen würde. Politik, Wirtschaft und mehr. Auf WDR 5.“
Gut, versuchen wir es einmal, wenn schon nicht mit dem Vor-, so doch mit dem Nachdenken. Zunächst einmal darf ich vermuten, dass sich diese Aussage des WDRs und seiner Reklameproduzenten auf den Online-Auftritt der Chicago Sun-Times stützt, in dem ich folgendes fand:
„In the four years since Mr. Monk has chaired and inspired this contest, his stocks have posted annual returns of 37 percent, 36 percent, 3 percent and, in 2006, 36 percent, beating the major indexes every time. It's proof that you don't have to be an insider CEO, an insider hedge-fund manager or a loudmouth on CNBC to make money in the market.“ (Quelle)
Aus dem Vergleich beider Zitate ergeben sich folgende Kritikpunkte:
  • Die „prognostischen“ Erfolge des Äffchens, das für die Wirtschaftsredaktion der Chicago Sun-Times aus dem Kurs-Zettel Börsentipps „auswählt“, werden im WDR-Reklameblättchen verfälscht wiedergegeben: der schlechteste Wert des Affen - magere 3% - wird einfach verschwiegen.
  • Der englische Ausdruck „annual returns“, der nur im besten Fall den realen wirtschaftlichen Erfolg eines Kapitaleinsatzes bezeichnet, wird mit dem handfesten deutschen Wort „Gewinn“ übersetzt, was jedenfalls ich mit mehr als einem bloß abstrakt bleibenden ökonomischen Vergnügen verbinde.
  • An sich ist das Affen-Theater der Chicago Sun-Times schon ein methodischer Schabernack, denn der Affe „wählt“ ja bloß börsennotierte Werte aus, die bereits einer menschlichen Vorauswahl unterzogen wurden, doch immerhin zieht die Redaktion in Chicago aus ihrer Affen-Prognostik nur den vergleichweise bescheidenen Schluss „you don't have to be an insider CEO [or] an insider hedge-fund manager“, um an der Börse Geld zu machen. - Die WDR-Leute nehmen mit ihrer Interpreation, der Affe leiste prognostisch „mehr als jeder seriöse Anlageberater je versprechen würde“, den Mund schon ein bisschen voller.


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Postscriptum: Ich glaube, ich werde mir aus dem Affenhaus des Kölner Zoos auch einmal solch ein Vieh ausleihen, um mich in Fragen meines Mediennutzungsverhaltens beraten zu lassen. Ob ich vorher ein paar Seiten aus der Programmzeitschrift, die ich dem Äffchen vorlegen könnte, herausreißen sollte, damit es mir nicht ausgerechnet den WDR aufs Ohr & Auge drückt?

Muss eigentlich nicht sein, es sei denn, unsere Primatenkollegen wären befangen, weil sie sich ihre beruflichen Chancen beim WDR nicht verderben wollen.





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