Sonntag, 25. Januar 2009

Grünes Buch von Oberst Al Quaddafi | Quark mit Sauce von Seite 123

Bevor mir jetzt irgendwer die Chance auf eine „Green Card“ sperrt, sollte ich erzählen, wie ich zu diesem Buch kam: Man schrieb das Jahr 1986, ich war 15 Jahre alt und hatte keinen Internetzugang. Was man sich vielleicht gar nicht mehr vorstellen kann: Es gab einmal eine Zeit, in der man noch selbst recherchieren musste, um zu mehr oder weniger brisanten Informationen zu kommen.

Nun wäre es etwas übertrieben, diverse Briefe an diverse Botschaften unter dem Stichwort „Recherche“ abzulegen, nur weil sie die Bitte um kostenlose und unverbindliche Zusendung von Informationsmaterial enthielten. Mehr Anstrengung als eine Google-Suche war es immerhin. Die Vertretung Libyens stand damals ebenso auf meiner Liste wie die Botschaften Israels, der Sowjetunion, Großbritanniens, Südafrikas (damals noch schurkenstaatlicher als heute) und der USA. Ich interessierte mich vor allem für Verfassungstexte, eine juristische Neugier, die Herr Rechtsanwalt Jansen bei mir geweckt hatte, für Strafrechtsordnungen und die nationale Folklore (Hymnen, Flaggen, so'n Zeug).

Die diplomatischen Arbeitnehmer von Oberst Al Qaddafi schickten mir „Das Grüne Buch“ ihres Herrn. Um es - unter uns - vorsichtig zu formulieren: Dieses Büchlein atmet schon vom Titel her eine gewisse Vorstellung von der historischen Größe seines Autors, spielt es doch auf das wesentlich bekanntere „Kleine Rote Buch“ eines gewissen ostasiatischen MassenmördersStaatsmannes an.

Ich zitiere mal zur Sicherheit zwei, drei Sätze vor dem hier einschlägigen vierten Satz von Seite 123:
Arbeit, die für einen Mann angemessen ist, muß nicht notwendigerweise für die Frau geeignet sein. Und das Wissen, welches für das Kind angemessen ist, ist nicht dasselbe Wissen, daß für den Erwachsenen geeignet ist.
Bei den Menschenrechten gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, zwischen Minderjährigen und Erwachsenen. Aber bezüglich der Art ihrer Aufgaben besteht die absolute Gleichheit nicht.
Bei Platitüden dieser Art bleibt es durch die Bank. Interessant sind daher vor allem zwei Dinge:

Erstens, die wahrhaft groteske Art, in der die weiß Gott nicht sonderlich tiefschürfenden Ansichten des Oberst Qaddafi als weltbewegende Erkenntnisse angepriesen werden (Rückentext etc.).

Zweitens: Die - auch in oben zu lesenden Zitat zu findende - Methode, sich diktatorische Macht zwischen den Zeilen vorzubehalten. Nach der Masche: Wir garantieren Menschenrechte, aber wir müsssen „unseren Menschen“ erklären, welchen Platz sie in der Gesellschaft einzunehmen haben.

Den Verlagsort finde ich natürlich auch sehr aufsschlussreich, man darf vermuten, dass manch ein US-feindliches Grüppchen in Griechenland seine Wurzeln südlich des Mittelmeers hat(te):

Muammar Al Quaddafi | Das Grüne Buch | Athen |Arabia/Dr. Nabil Amasheh | 1985 | 144 Seiten

Ich für mein Teil bin - trotz der Berührung mit diesem Buch in zartem Alter - heute gerade mal bloß erfolgreicher Frühstücksdiktator in einer Firma mit einem Mitarbeiter:






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