Sonntag, 4. Januar 2009

333% gelesen | Wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten

Robert Harris | Vaterland | München | Heyne | 1994 | 380 Seiten | erworben am 28. März 1994


Schon seit einiger Zeit habe ich nicht von Neuem zu dieser Alternativgeschichte des britischen Historikers und Journalisten Robert Harris gegriffen, die wiederholten Lektüren lassen sich indes auf virtuelle „333 Prozent“ summieren.

Mit der These, die Deutschen hätten den Zweiten Weltkrieg zwar nicht militärisch, wohl aber wirtschaftlich gewonnen - schließlich ging es der alten Bundesrepublik im Vergleich nicht nur zur Sowjetunion, sondern auch zu den westlichen Ökonomien Frankreichs und Großbritanniens lange recht gut - mit dieser These ließ es sich ganz gut leben, auch wenn ich sie mir - als der Generation meines Vaters zuzurechnende Geschichtstheorie für jedermann - nicht selbst auf die Fahnen geschrieben habe.

Seit der Angliederung der vormaligen Deutschen „Demokratischen“ Republik gibt es nun zwar keine realpolitischen, aber mitunter fiese kleine ironisch-kulturelle Zeichen, die in Robert Harris „Fabel“ zu passen scheinen.

Harris erzählt ja detailreich vom Leben und vor allem vom Sterben in einem fiktiven „Großdeutschen Reich“ des Jahres 1964. Der Besuch von US-Präsident Joseph Kennedy (John F.'s Vater) kündigt sich an, vorher soll noch der Haupttäterkreis des Holocausts ein wenig ausgedünnt werden.

Dieser Hauptstrang der Erzählung („Fabel“) wird garniert mit den kleinen Boshaftigkeiten des britischen Autors, die wohl Anfang der 1990er-Jahre dazu beitrugen, dass sein Buch zunächst keinen Verlag in Deutschland fand: das Nazi-beherrschte Europa schimpft sich „Europäische Gemeinschaft“, Beethovens 9. Symphonie ist die Europahymne der Fiktion ebenso, wie sie es im demokratischen Ständestaat Europa ja heute real ist etc.

An diese Boshaftigkeiten fühlte ich mich zunächst gestern oder vorgestern erinnert, als in einem TV-Kanal jemand davon sprach, dass Adolf Hitler Linz zu seiner „Kulturhauptstadt“ habe machen wollen. Ein Satz, den ich - angesichts der historischen Verhältnisse - noch ganz lustig fand.

Gar nicht lustig fand ich es hingegen, dass mich heute Nachmittag - während ich einen ohnehin etwas unergründlichen Erschöpfungsschlaf schlief, sonntags ist das wohl erlaubt - mein Lieblingsradiosender „Deutschlandradio Kultur“ mit einer zweistündigen Sendung von Sequenzen aus Hitlers Lieblingsoperette „Die lustige Witwe“ störte.

Das erinnerte mich, vor allem in der penetranten Wiederholung des ewig Gleichen, an Robert Harris - in „Vaterland“ macht das Radio zu „Führers Geburtstag“ nämlich genau dies: Dauerdudeln von Franz Lehárs „Die lustige Witwe“.



Nein, es ist kein Spaß, aus einer Sonntagnachmittagsschläfrigkeit mit Gedanken an den verdammten 20. April wachgeschreckt zu werden.
Ziemlich ausgeschlafen finden Sie mich übrigens rund 19/24stel meines Lebens hier:










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