Freitag, 5. Dezember 2008

Circa 100% gelesen | Götz Aly (Hg.) Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus

Mit seinem parziell gleichsetzenden Vergleich der sog. „1968er-Bewegung“ mit der „Nationalen Erhebung“ der Jahre nach 1933 hat sich der Historiker Götz Aly noch in diesem Jahr in die Nesseln gesetzt. Ich persönlich habe diese Kritik an Aly nach allen Regeln neostoischen Desinteresses ignoriert, aber Bücher wie das hier kurz zu besprechende zeigen, dass es ein Akt intellektueller Selbstbeschädigung sein könnte, Alys Forschungen grundsätzlich als „ungelesen“ abzulegen.

Ausgangspunkt dieses Buches ist die Tatsache, dass die nationalsozialistische Diktatur zwar durchaus eine gewisse Neugier hatte, wie es um die „Stimmung“ des sog. deutschen Volkes bestellt war - die bis zur physischen Vernichtung poltitisch Andersdenkender reichende Herrschaftspraxis aber natürlich nicht dazu angetan war, Meinungen öffentlich zu äußern.

Selbstverständlich war auch die Bespitzelung der Bevölkerung, beispielsweise durch den sog. „Sicherheitsdienst (SD)“ nicht geeignet, ein auch nur ansatzweise objektives Bild davon zu zeichnen, was in den Köpfen der Menschen unter nationalsozialistischer Herrschaft vorging. - Die moderne Methodik der Meinungsforschung kam denn auch erst mit der Befreiung Westdeutschlands durch die US-Army ins Land.

Die Historiker um Götz Aly bedienen sich einiger Kniffe, um doch so etwas wie ein ansatzweise objektives Bild zu (re-) konstruieren, von der „Stimmung“ der Deutschen im NS-Reich.

Wohl jedem Deutschen meiner Generation (Jahrgang 1971) vertraut ist die Frage nach den Vornamen in der Elterngeneration. Ich hege zum Beispiel schon seit einiger Zeit Zweifel daran, ob meine Großeltern väterlicherseits wirklich so wasserdicht „Anti-Nazi“ waren, wie es die Familien-Mär behauptet. Immerhin sind Vornamen wie Inge, Reinhold, Norbert und Karin zu 75% „nordisch&#147 - Eltern, die ihren Kindern zwischen 1933 und 1945 solche Namen gaben, kann man nur sehr bedingt eine oppositionelle Haltung zuschreiben. Und gab es nicht Stess, als das zweite Enkelkind statt des nordischen „Harald“ (Enkel Nr. 1) den biblisch-semitischen Namen „Susanne“ bekam?

Aber ich schweife ab. Oliver Lorenz untersucht im vorliegenden Band unter der Überschrift „Die Adolf-Kurve“ die Vergabe explizit mit dem NS-Führungspersonal (oder dem Nazi-„Märtyrer“ Horst Wessel) assoziierter Vornamen in den Geburtsjahrgängen 1932 bis 1945. Lorenz kann belegen, dass sich an der relativen Vergabe-Häufigkeit von NS-assoziierter Vornamen ebenso Stimmungsentwicklungen in der deutschen Bevölkerung ablesen lassen, wie es etwa die von Sven Granzow, Bettina Müller-Sidibé und Andrea Simml untersuchten Kirchenaustritte erlauben.

Weitere Rückschlüsse auf die „Stimmung“ werden aus dem Spar-Verhalten, der Urteilspraxis des Volksgerichtshofs und den Formulierungen in den Todesanzeigen im Krieg gestorbener Soldaten gezogen. Der Versuch einer statistischen Gesamtwürdigung sowie klassisch historische Interpretationen runden die analytische Arbeit der Autoren ab.

An diesem Ort, einem eher wenig frequentierten Blog, darf ich meine Gedanken, die sich an die Lektüre des Buches anschlossen, vielleicht in einer eher ungelenken Art dokumentieren:

  1. Den Blick auf Kontinuitäten richten! - Ein Zeitungsbericht über die eingangs erwähnte Aly-Kontroverse entlockte einem meiner Bekannten, „Alt-68er“ eine leicht abfällige Bemerkung zu den historiografischen Qualitäten Götz Alys. Diese idiosynkratische „Kritik“ teile ich nicht. Seit der Lektüre von Aly & Heim „Vordenker der Vernichtung“ ist es überfällig, Kontinuitäten der ökonomischen, intellektuellen, sozialpolitischen etc. Institutionen in Deutschland - und zwar für die vergangenen rund 130 Jahre - ins Auge zu fassen. Man lese eine kritische Geschichte der deutschen Rentenversicherung, man sieht die (politische) Gegenwart mit anderen Augen!
  2. Empirische Geschichtswissenschaft als Paradigma der Neuen Medien? - Die früher so genannte „seriösen Medien&“ stehen, ganz egal, ob man den Niedergang des Print-Journalismus begrüßt oder betrauert, vor einem Umbruch. Ich bin in puncto Begrüßung/Betrauerung ambivalent gestimmt. Gut fände ich es ja, wenn Journalisten auf Straßenreinigung & Krankenpflege umsatteln müssten, die - als Frucht dürrer Recherchekunst - noch nie mehr in den Druck geben konnten, als es eine einfache Google-News-Suche heutzutage für jeden Nichtjournalisten ans Licht bringt. Was aber will ich zu lesen bekommen. Mir gab diese Letüre den Gedanken ein: Diktaturen und Gesellschaftsbereiche von fragwürdiger Transparenz (von der Volksrepublik China bis, sagen wir, der Bundesagentur für Arbeit) gibt es mehr als genug: Wenn ich also in Zukunft meine Tageszeitung aufschlage, für die ich in Bälde wohl 3 oder 4 Euro zu zahlen habe, möchte ich mir Stoff von der Qualität durch die Augen ziehen, wie ihn Götz Aly und seine Mitstreiter hier vorgelegt haben.
Von dieser assoziativen Gardinenpredigt nun aber ganz schnell zum Eingemachten. die bibliografischen Daten: Götz Aly (Hg.) „Volkes Stimme“Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch Verlag) 2006 | 224 Seiten | € 12,95 | meiner Bibliothek einverholfen am 26. November 2008


Bitte entschuldigen Sie etwaige Tippfehler in diesem Posting. Es ist schnell geschrieben & unterliegt leider nur der „Redaktion“ seines womöglich betriebsblinden Verfassers.



Hinweis in eigennütziger Sache: Wenn Sie mich mit der Korrektur Ihrer Abschlussarbeit (Examenshausarbeit, Magisterarbeit, Masterarbeit, Bachelorarbeit, Dissertation, Doktorarbeit) betrauen, egal ob in Geschichtswissenschaften, Rechtswissenschaften, sonstigen Sozialwissenschaften, kostet Sie das wenig. Weitschweifige Bemerkungen haben Sie nicht zu befürchten, wohl aber, dass ich - soweit zulässig - mich meiner Allgemeinbildung bediene. Sachdienliche Hinweise sind verlinkt.



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